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Sterbehilfe: Kirchliche Verbände kritisieren Urteil des Bundesverfassungsgerichts

Das Urteil des Bundesverfassungsgericht zur Sterbehilfe in der vergangenen Woche hat sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Diakonie und Caritas sehen in dem Urteil große Gefahren für das gesellschaftliche Zusammenleben. Sie befürchten, dass allein die Möglichkeit einer begleiteten Selbsttötung Druck auf schwer erkrankte Menschen macht.

Das Bundesverfassungsgericht hat vergangene Woche über die sogenannte geschäftsmäßige Sterbehilfe entschieden. Diese zu verbieten, so das Gericht, sei ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Zu dieser zähle nämlich, dass man über sein eigenes Sterben selbst entscheiden dürfen müsse. Geklagt hatten u.a. schwer erkrankte Menschen, aber auch Ärzt*innen und Sterbehilfevereine. Da das Urteil unmittelbare Wirkung hat, gilt ab sofort, dass die geschäftsmäßige Sterbehilfe nicht mehr unter Strafe steht.

Neher: „Sterbehilfe verstößt gegen das christliche Menschenbild“

Die Kirchen sprechen sich seit langem gegen die Möglichkeit einer organisierten Selbsttötung aus. Entsprechend überrascht es nicht, dass Caritas und Diakonie über das Karlsruher Urteil enttäuscht sind. So meldete sich Caritas-Präsident Neher zu Wort: „Wir bedauern das heutige Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur aktiven Sterbehilfe. Sterbenskranke Menschen brauchen eine Begleitung, die ihre Ängste und Nöte und die ihrer Angehörigen ernst nimmt. Sie müssen alle mögliche Unterstützung erfahren, um würdevoll sterben zu können. Wir werden uns weiterhin unermüdlich für eine gute Hospiz- und Palliativversorgung einsetzen. Sterbehilfe verstößt gegen die Menschwürde und gegen das christliche Menschenbild.“ Vor allem müsse man dafür sorgen, dass sterbenskranken Menschen die Schmerzen genommen werden, so dass ein würdevolles Sterben möglich sei. Zudem bestehe die Gefahr, dass ein Druck auf diese Menschen aufgebaut werde, die Möglichkeit der assistierten Selbsttötung in Anspruch zu nehmen. 

Ähnliches äußert sich Ulrich Lilie, Präsident des Diakonie Bundesverbands. „Ich befürchte, dass diese Entscheidung nun eine Dynamik mit möglichen Konsequenzen nach sich zieht, deren Folgen nicht abschätzbar sind. In einer immer älter werdenden Gesellschaft steigt der finanzielle Druck auf den Gesundheitssektor ebenso wie der soziale Druck auf die kranken Menschen. Sie dürfen angesichts ihres Leidens keinesfalls als Last für die Gesellschaft abgestempelt und gedrängt werden, auf medizinische Maßnahmen zu verzichten, weil sie denken, dass ihre Behandlung zu teuer für die Angehörigen wird oder sie selber in höchster Not keinen Ausweg mehr wissen.“ Sterbehilfe dürfe keinesfalls ein  „furchtbares Instrument der Marktgesellschaft“ werden, so Lilie. Auch er verweist auf die mittlerweile fortgeschrittenen Möglichkeiten der Palliativmedizin. 

In seinem Blog schreibt Lilie überdies: „Meine Sorge ist, dass es schleichend legitimer wird, zur Diskussion zu stellen, welches Leben noch lebenswert ist und also ein Recht auf Ressourcen hat. Ein Recht auf aktive Sterbehilfe kann dazu beitragen, diesen Weg zu ebnen. In einer solchen Gesellschaft wird es auf eine noch beängstigendere Art lebensbedrohlich, alt oder sterbenskrank zu werden."

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Schlagworte des aktuellen Beitrags

Sterbehilfe, Menschenwürde

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Buchcover

Peter Hammerschmidt, Juliane Sagebiel, Gerd Stecklina (Hrsg.): Männer und Männlichkeiten in der Sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 180 Seiten. ISBN 978-3-7799-6085-0.
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