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LVR ließ Rolle des ersten Landesdirektors seit der NS-Zeit untersuchen

Inwieweit war das Handeln des ersten Direktors des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), Udo Klausa, nach 1945 von seinen Erlebnissen im Nationalsozialismus geprägt? Wie sehr war er von seinem beruflichen Vorleben als Landrat im polnischen Bedzinie, knapp 40 Kilometer von Auschwitz entfernt, geleitet? Und hat dies konkrete Auswirkungen auf sein Verwaltungshandeln gehabt? Als Verwaltungschef des damals jungen LVR trug er unter anderem auch Verantwortung für Menschen mit Behinderungen.

Antworten auf diese und viele andere Fragen gibt jetzt die 630 Seiten starke Studie „Verwaltungsdienst, Gesellschaftspolitik und Vergangenheitsbewältigung nach 1945.“. Der LVR hatte sie 2012 in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse stellte der Verband gerade in Köln öffentlich vor. Prof. Dr. Michael Dreyer, Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Jena, und die beiden Autoren der Studie, die Historiker Dr. Uwe Kaminsky, Ruhr-Universität Bochum, und Dr. Thomas Roth, NS-Dokumentationszentrum Köln, informierten über die Ergebnisse: 

Die Studie handelt von dem Übergang eines ehemaligen Landrats aus der NS-Zeit in die Bundesrepublik, seinem beruflichen Aufstieg zum Chef des LVR (1954 bis 1975), seinem dienstlichen Handeln in sich ändernden Kontexten und der Bedeutung seiner Person für den Landschaftsverband. Sie beleuchtet die Karriere Udo Klausas im Rahmen des Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit. Sie zeigt sein berufliches Selbstverständnis als politischer Verwaltungsbeamter und geht zentralen Handlungsfeldern in Personalpolitik, Jugendhilfe, Psychiatrie und Kulturpflege nach. Besonderes Augenmerk richten die Verfasser auf Klausas apologetischen Umgang mit seiner NS-Vergangenheit. Er steht dabei exemplarisch für das Agieren von Verwaltungsjuristen aus der NS-Zeit in der Bundesrepublik.

In der sich anschließenden Gesprächsrunde, die vom Kölner Journalist Martin Stankowski moderiert wurde, ging es nicht nur um die Studie, sondern vor allem um die Bedeutung für die Gegenwart. Dr. Ralf Seidel, langjähriger ärztlicher Direktor der LVR-Klinik Mönchengladbach, erinnerte vor allem an die Veränderungen in der Psychiatrie seit den 1970-er Jahren. Er verdeutlichte, wie nachhaltig negativ die Behandlung von psychisch kranken Menschen durch die Nazi-Zeit geprägt war. Prof. Dr. Jürgen Rolle, Vorsitzender des Kulturausschusses, berichtete, dass vor allem durch einen politischen Beschluss im Jahre 2009 die umfängliche Aufarbeitung der Vergangenheit begann, die heute unter der Überschrift „Der LVR stellt sich seiner Geschichte“ gefasst wird. Weiter zurück, nämlich bis ins Jahr 1983, reichen zahlreiche einzelne Aktivitäten in den vielen Dienststellen des LVR – von Gedenkveranstaltungen über Ausstellungen, Studien und Publikationen bis hin zu Eröffnungen von Psychiatriemuseen in Bedburg-Hau, Düren sowie Bonn.

„Wenn wir uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen, dann auch deswegen, damit wir als Verwaltung die Gegenwart und Zukunft unseres Verbandes mit Respekt vor den Menschen, für die wir arbeiten, gestalten können“, betonte LVR-Direktorin Lubek. Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Klausa kennengelernt hatten, meldeten die große Bedeutung der Ergebnisse für sie persönlich zurück. „Das Thema wird uns noch lange beschäftigen. Und wir müssen uns bei allem, was wir tun, immer selbstkritisch nach dem ‚Warum‘ fragen und prüfen, ob dies ‚Qualität für Menschen‘ – also unserem Leitziel – entspricht“, war man sich einig.

Mit dem Schluss-Satz der Publikation beendete Stankowski die Präsentation: „Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des LVR ist die Beschäftigung mit der Person Udo Klausas unbedingt notwendig, aber nicht hinreichend.“

Weitere Infos unter www.lvr.de/de/nav_main/derlvr/presse_1/pressemeldungen/press_report_78528.jsp


Quelle: Presseinformation des Landschaftsverbandes Rheinland vom 31. Oktober 2016

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Heribert Prantl: Was ein Einzelner vermag. Süddeutsche Zeitung Edition (München) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-86497-352-9.
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