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https://www.youtube.com/watch?v=UTfzX03z4r4

Kampagne 'Ehrenpflegas' sorgt für Empörung

Junge Menschen für etwas zu begeistern, das auf den ersten Blick nicht ganz so jugendlich wirkt, ist bekanntermaßen nicht einfach. Das Bundesjugendministerium hat mit der Kampagne 'Ehrenpflegas' einen neuerlichen Versuch gestartet, junge Menschen für Pflegeberufe zu interessieren - doch die Art und Weise stößt auf heftige Kritik professioneller Pflegekräfte.

Ein schüchtern und dümmlich dargestellter junger Mann betritt ein Schulgebäude und weiß eigentlich nicht so recht, was ihn dorthin verschlagen hat. Im Eingangsbereich trifft er auf seine künftige Lehrerin, für die er sich schnell begeistert - weil sie ein cooles Handy hat. Später im Klassenraum trifft er dann auch noch einen Schwarm aus früheren Tagen und der erste Tag an der Pflegeschule ist perfekt, Sexismus-Alarm inklusive. Inhalt? Egal.

Vielmehr bietet es nicht, das erste Video der Kampagne 'Ehrenpflegas', das das Bundesjugendministerium vorgestern veröffentlicht hat. Es ist der erste Teil einer Serie, die dazu beitragen soll, dass sich mehr junge Menschen für einen Job in der Pflege begeistern. Während das zuständige Ministerium die Kampagne als "unterhaltsam und unkonventionell" bezeichnet, Ministerin Giffey möchte "die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt abholen", sorgt die tatsächlich ziemlich inhaltsleere und in Teilen sexistische Darstellung bei Gewerkschaften und Pflegeverbänden für Empörung. So äußerte sich zum Beispiel die Gewerkschaft ver.di mit einer sehr deutlichen Stellungnahme. Die Kampagne werte Pflegeberufe ab und erwecke den Eindruck, die verantwortungsvollen Tätigkeiten in Altenpflegeeinrichtungen und Krankenhäusern seien ein "Auffangbecken für alle, die sonst keine Perspektive sehen und ohne ernsthaftes Bemühen in irgendeinen Beruf einsteigen wollen." Auch die hohen Kosten der Kampagne, in Rede stehen ca. 700.000 EUR für fünf etwa fünfminütige Spots, sorgen angesichts der peinlich zähen Gespräche über Corona-Zuschläge für Pflegende für Ärger. Nicht zuletzt sorgt der offensichtliche Sexismus in den Videos - aus Sicht des BMFSFJ offensichtlich akzeptabler Teil der jugendlichen Lebenswelt - nicht nur bei ver.di für Ärger.

Denn auch der Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) bringt kein Verständnis für die fragwürdigen Videos auf. "Selbstverständnis, Ethos und Pflegefachlichkeit der Berufsgruppe" würden durch die plumpe Darstellung verletzt, heißt es in einer Stellungnahme, was auch der nachträglich produzierte 'Reality Check' nicht kaschieren könne. Der  Berufsverband moniert zudem, dass, entgegen der Darstellung des Ministeriums, relevante Fachverbände nicht in die inhaltliche Planung der Videos eingebunden worden seien. Die dargestellen Einstellungen zum Pflegeberuf seien einzig Spiegelbild der Vorurteile der Macher*innen und hätten nichts mit der realen Pflegeausbildung zu tun.

Und auch in den sozialen Medien ernten Ministerin Giffey und ihr Ministerium fast ausschließlich negatives Feedback. So bringen zahlreiche Pfleger*innen z.B. auf der Facebookseite des Ministeriums ihr Entsetzen über die transportierten Botschaften zum Ausdruck, bis hin zur Forderung, die Videos wieder aus dem Netz zu nehmen.

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Buchcover

Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau, Reinhild Schäfer (Hrsg.): Frauen und Armut - feministische Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 474 Seiten. ISBN 978-3-8474-2203-7.
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