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Diskutierende Kinder im Kreis mit ihrer Lehrerin und einer Weltkugel in der Mitte
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„Jeder Mensch trägt tagtäglich die Verantwortung für Menschlichkeit mit sich."

Wie können Menschen von klein auf für das soziale Miteinander begeistert werden? Was treibt an, sich für Eine Welt einzumischen? Und was fördert soziale Bildung in diesem Sinne? Sozial.de fragte Dr. Jos Schnurer nach seinen persönlichen Erfahrungen. Der leidenschaftliche Schreiber geht für unser Fachportal seit zehn Jahren den Dingen des Lebens auf den Grund. Regelmäßig und mit einer ganz persönlichen Note setzt er (Fach-)Literatur in das Licht aktueller Fragen des Menschseins. 

Dr. Schnurer, die Liste Ihrer beruflichen Betätigungen ist lang und liest sich überaus spannend: Sie waren unter anderem Tischler, Bundesgrenzschutzpolizist, Beamter des Auswärtigen Amtes und in dieser Funktion vier Jahre an der deutschenBotschaft in der westafrikanischen Republik Niger tätig, Student, Lehrer, Didaktischer Leiter einer erfolgreichen Gesamtschule, Lehrerfortbildner am Niedersächsischen Landesinstitut, Lehrbeauftragter der Universität Hildesheim, Radiomoderator, Autor und Rezensent und bis heute ein leidenschaftlicher Schreiber. Von außen ist es nicht ganz leicht, einen roten Faden in Ihrer beruflichen Entwicklung zu erkennen. Wie würden Sie ihn beschreiben wollen?

Dr. Jos Schnurer: Naja, es kommt darauf an: Wenn man den roten Faden als stringente, vorgezeichnete Linie betrachten will, dann wäre mir der „rote Faden" keine angenehme und erstrebenswerte Leitlinie für mein Leben.
Biografisches und Nachdenkliches in der persönlichen Collagetechnik, die Dr. Jos Schnurer auszeichnet Ich habe mich immer bemüht, kritisch und eigensinnig in die Welt zu schauen. Ich bin in einer Kleinstadt im Oberpfälzer Stiftland geboren und im Krieg aufgewachsen, streng katholisch erzogen, habe acht Klassen Volksschule absolviert und bin dann in die Welt hinausgegangen: Wenn man solch eine angestammte Heimat verlässt, dann merkt man, dass die Welt nicht so ist, wie man sie sich vorgestellt oder sie vorgestellt bekommen hat. Mein roter Lebensfaden hat mit der Zeit ziemlich viele Windungen, Einknüpfungen und Verwebungen erhalten. So bin ich in meinem Leben ganz gut zurechtgekommen.

Sie haben, bevor Sie in die Bildungsarbeit kamen, schon eine Menge an Lebens- und Berufserfahrungen gesammelt. Würden Sie das als Vorteil für die Arbeit mit jungen Menschen bezeichnen?

Schnurer: Den Beruf des Lehrers hatte ich eigentlich schon immer im Blick, mein achtklassiger Volksschulabschluss ließ mir aber zunächst keine Möglichkeit, zu studieren. Ich lernte mit 14 Jahren den Beruf des Tischlers. Fehlende Möglichkeiten vor Ort sich beruflich weiterzuentwickeln, trieben mich dann weiter. Geprägt für den späteren Lehrerberuf hat mich dann besonders die vierjährige Tätigkeit an der Deutschen Botschaft 1962 bis 1966 im westafrikanischem Niger. Als Afrikareisender habe ich auch mehrfach die Sahara durchquert. In dieser wunderschönen Zeit entstand mein Interesse an interkulturellem Lernen und der Einen Welt. Ich habe zu diesen Themen später auch promoviert. Mein Thema hieß „Für eine Welt in Einer Welt" mit dem Untertitel: Überlebensfragen bei der Weiterentwicklung von Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Schule. Ich bin bis heute fest davon überzeugt, Bildung wird nicht nur an der Tafel und in Klassen, sondern vor allem im Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden gestaltet. Wer von der Schule in die Schule geht, hat diese Erfahrungen nicht. Das ist schon ein Handicap. Man muss sich dann im Laufe der Zeit erst mühsam und manchmal auch frustrierend aneignen, wie man mit Heranwachsenden umgehen sollte. Deshalb habe ich mich gewerkschaftlich dafür eingesetzt, dass die Lehrerausbildung ein zweijähriges Praktikum oder eine Tätigkeit in einem anderen Beruf vorsieht. Durchgesetzt hat sich so eine Idee leider nicht. Ebenso wenig wie die Schule für alle bis heute nicht realisiert ist. Damals, als wir die Gesamtschulen in Niedersachsen aufbauten in den 1970-er Jahren, folgten wir der Einsicht, dass unser dreigliedriges Schulsystem nicht die Erfindung des Jahrhunderts sein kann. Trotzdem kommen wir bis heute nicht los davon. Im Gegenteil: Heute befürchte ich sogar, dass die Entwicklungen wieder stärker in Richtung gesellschaftliche Benachteiligung und Klassenbildung gehen und nicht inklusiver werden.

Ist das Schreiben die Fortsetzung Ihres Engagements?

Schnurer: Ja, unbedingt. Unter Freunden bezeichnet man mich als Triebschreiber. Die schriftliche Auseinandersetzung hilft mir, zunächst zu verstehen. Die Mitarbeit beim socialnet Rezensionsdienst ist deshalb auch sehr wichtig und spannend, weil ich viel selbst dabei lerne. Ein Fachbuch, was nicht ganz auf den erworbenen Erkenntnissen und Erfahrungen beruht, fordert natürlich auch die eigene Auseinandersetzung in besonderer Weise heraus. Das bringt mir für meinen Alltag und mein Wohlbefinden unheimlich viel. 

Und Sie lassen andere an Ihrer Lust, dahinter zu schauen und zu hinterfragen, teilhaben ...

Schnurer: ... ja, ich bekomme viele Rückmeldungen dazu, manchmal auch Kritik, aber auch solche, die ermutigen weiterzumachen ...

Haben Sie Lieblingsthemen?

Gelegentlich mache ich den Versuch, über die Dinge zu schreiben, von denen ich keine Ahnung habe. Aber das sind Ausreißer. Mich interessiert, wie Bildung und Erziehung und kulturelle Identität zustande kommen und welche Möglichkeiten und Gefahren es in den Bereichen gibt. Dafür möchte ich Überblick über Praxis und theoretisches Verständnis einbringen. Als Fachrezensent wähle ich fachbezogene Literatur, von der ich denke, dass ich dazu etwas sagen kann. Nicht ohne eigene Meinung. Manche sehen das kritisch. Ich denke, dass es eine Möglichkeit ist, in den Dialog mit dem Autor zu gehen.

Sie schreiben zum Beispiel über das Alter, die Feigheit, Big Data oder Macht, Terror und das Ringen um Wahrheit. Für Sozial.de stellen Sie dafür Rezensionen in einen neuen thematischen Zusammenhang. 

Schnurer: Ja, derzeit beschäftigen mich zum Beispiel Fragen wie: Gibt es das Paradies auf Erden? Wie sollte es aussehen? Und meine Antwort darauf: Das Paradies auf Erden wäre, wenn alle Menschen auf der Erde ein friedliches, gerechtes und menschenwürdiges Leben führen könnten. Damit dies möglich wird, ist jeder Mensch aufgefordert, das seine Mögliche zu tun. Mich erinnert diese Herausforderung an die Erkenntnis, dass jeder Mensch tagtäglich die Verantwortung für Menschlichkeit mit sich trägt. Ähnlich wie im Hildesheimer Bürgerradio, mit dem ich in wöchentlich einer zehnminütigen Sendung bis 2017 „Themen, die auf der Straße liegen", beleuchtet habe. Der Untertitel hieß „Kulturpolitische Zwischenrufe". Diese Titel beschreiben auch ganz gut, was ich bei Sozial.de schreibend mache.

Was bewegt Sie, sich immer wieder zu Wort zu melden? Warum mischen Sie sich öffentlich ein?

Schnurer: Mich beschäftigt die Frage: Wie kann man Menschen davon überzeugen, dass sie aufgeklärt sein wollen. Das geht ja weder mit dem Knüppel noch mit dem Zeigefinger. Pädagogik ist ein stetes Bohren durch ganz dicke Bohlen. Dabei sollte man nicht nachlassen, und nicht resignieren, selbst dann nicht, wenn man nicht ernst genommen und als Phantast angesehen wird, ist es wichtig, die Themen, von denen man überzeugt ist, auch zu vertreten... Pädagogische Arbeit ist aber immer auch gefährdet durch Einstellung wie: Ich weiß etwas, was ich den anderen Menschen beibringen soll/kann. Das ist eine ganz gefährliche Einstellung, weil man da sich leicht auf das Podest stellt. Pädagogik darf sich wie die Sozialarbeit nicht auf das Katheter stellen.

Und was hilft anstelle dessen, in einer immer komplizierter werdenden Welt eigene, aber auch gesellschaftliche Bildung und Aufklärung zu betreiben?

Für mich gibt es ein Zauberwort, das Geduld heißt. In der Zeit, in der man das Gefühl hat, die Welt ist direkt bei uns, oder bricht über uns zusammen, hat man leicht das Bedürfnis, da müsste einer doch mal sagen, wo es langgeht, einer, der auf den Tisch haut, mit politischen Mitteln wieder Ordnung in die Welt bringt. Im Negativbeispiel erleben wir das mit der Trumpschen Politik. Das ist es nicht. Dort, wo die Menschenrechte missachtet oder gar abgeschafft werden und Fake News die neuen Kommunikations- und Machtmittel sind, geht die Menschenwürde verloren. Naja, Leben ist ein schwieriges Unterfangen. Es gibt sicherlich Begleiter, Freunde oder Partner, die einem dabei helfen können, aber letztlich muss man das Leben selber bestehen. Das geht nur, wenn man sich selber Gedanken macht. In den vergangenen Jahren konzentriere ich mich deshalb auf die Praxis des stetigen Nachfragens. Sie wissen, was ich meine; Kritisch sein, nicht alles für bare Münze nehmen, nicht alles zu glauben, was einem entgegenschwirrt ... Die philosophische Anstrengung der Suche nach der Wahrheit treibt mich immer mehr um...

Wie kann man kritisches Positionieren lehren?

Schnurer: Durch die wissenschaftliche Aufforderung, Philosophie in die Erziehung zu bringen. Es ist die einzige Möglichkeit, denken zu lernen. Da gibt es spannende Beispiele. Philosophieren mit Kindern oder auch mit uns Alten zu den wesentlichen Fragen des Lebens: Weil das Leben eines der schwersten ist, aber auch eines der schönsten.

Haben Sie eigentlich das Paradies auf Erden in Ihren Auseinandersetzungen gefunden?

Schnurer: Nein. Das Paradies auf Erden ist nur dann ein Paradies, wenn das Leben für alle gerecht friedlich und human ist.

Welche Rolle hat die Sozialarbeit dafür Ihrer Meinung nach?

Schnurer: In der familialen Bildung, in der Schule, aber auch der Erwachsenenbildung. Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen oder Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind dann gefragt, wenn es gilt zu überzeugen, aufgeklärt und gebildet sein zu wollen. Es muss einige Menschen geben, die vorangehen, im Zusammenleben in der Gesellschaft. Die Herausforderungen, die im Alltag auf den Menschen zukommen, werden drängender: Ich bin aufgewachsen, in einer Zeit, wo man sagen konnte, das haben wir immer schon so gemacht. Wir waren zufrieden, weil wir es nicht anders kannten. In medialer, gesellschaftlicher und freizeitlicher Hinsicht braucht es heute und in Zukunft Menschen, die sich zumindest ansatzweise bemühen, sie selbst zu sein und den Fragen nach der eigenen Identität, nachgehen. Und versuchen, darüber nachzudenken, wie denn eine friedliche Welt entstehen kann.

In Hildesheim organisieren wir alle zwei Jahren die Hildesheimer Eine-Welt-Woche, seit nunmehr zehn Jahren. Unser Motto heißt: Die gerechte Eine Welt ist möglich – solidarisch handeln. Es ist auch eine Antwort aufTeilnehmende des Projektes "Tinga Tinga-Malerei" mit dem tansanischen Künstler John Kilaka, Hildesheimer Eine Welt Woche 2017, Foto: Gerhard Granzow  Verunsicherung: Wenn es uns nicht gelingt, die Tendenzen der Vereinzelung, des Ego- und Ethnozentrismus, des Rassismus und der Menschenfeindlichkeit zu stoppen und zu einem Gemeinschaftsgefühl zu kommen, dann weiß ich nicht mehr, wohin die Gesellschaft gehen wird. Wir brauchen einerseits Geduld, und anderseits dürfen wir nicht verzagen. Ich halte es mit dem Wort von Konfuzius: Fehler machen ist der beste Weg hin zum Erfolg. Immer geht es auch darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, ein gutes, gelingendes und menschenwürdiges Leben zu führen, die eigenen Wünsche, Vorstellungen und Hoffnungen in Einklang zu bringen mit dem, was die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften, Elinor Ostrom mit der Überzeugung ausdrückt: Was mehr wird, wenn wir teilen!

Sind Sie in diesem Sinne mit sich zufrieden?

Schnurer: Ja, sehr. Voll und ganz. Ich merke das natürlich auch, weil ich in Familie und Freundeskreis gut aufgehoben bin und das Triebmoment des Schreibens habe. Dadurch wird mir vieles klar.

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr dazu lesen im aktuellen Schnurer-Beitrag
"Solidarität - ein Beitrag für Bildung und Aufklärung"

Alle Schnurer-Beiträge 

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Ihre Fragen beantwortet dazu Ines Nowack, redaktion@sozial.de

 

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