Studie zum Sozialwesen in Deutschland: Rasantes Wachstum und niedrige Löhne

In den vergangenen 25 Jahren ist die Wirtschaftsleistung im Sozialwesen überdurchschnittlich gestiegen: um 140 Prozent. In der gesamten Wirtschaft waren es 40 Prozent. Die Zahl der Beschäftigten hat sich in diesem Bereich seitdem fast verdoppelt, während sie in der gesamten Volkswirtschaft lediglich um elf Prozent stieg. Die Löhne im Sozialwesen erreichen indes nur etwa 60 Prozent des durchschnittlichen Lohnniveaus in Deutschland – und das, obwohl die Nachfrage nach qualifizierten Kräften vor allem im Bereich der Pflege wächst. Seit 2012 spiegelt sich dies nun auch in stärker steigenden Löhnen wider. Das sind die Hauptergebnisse einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) über die Entwicklung des Sozialwesens in Deutschland.

Die DIW-Ökonomen Karl Brenke, Thore Schlaak und Leopold Ringwald haben für ihre Arbeit Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, die Statistik der Arbeitnehmerverdienste sowie die der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zusammengetragen und ausgewertet.

Besonders für die Beschäftigung in Deutschland ist die Bedeutung des Sozialwesens enorm, stellt das Institut fest. Inzwischen zählten knapp sechs Prozent aller Erwerbstätigen zum Sozialwesen, 1991 waren es lediglich etwas mehr als drei Prozent. Das Wachstum habe sich vor allem in den vergangenen Jahren noch mal beschleunigt; dasselbe gilt für die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden. Rund 15 Prozent hat das Sozialwesen zur Ausweitung der geleisteten Arbeitsstunden beigetragen.

Viel Arbeit und wenig Lohn 

Die Arbeitsintensität im Sozialwesen ist in der Regel enorm hoch, das Lohnniveau aber zugleich gering, wird hervorgehoben. In Deutschland sei der Abstand zum gesamtwirtschaftlichen Lohnniveau besonders groß. Nur in fünf anderen europäischen Ländern (Estland, Griechenland, Kroatien, Rumänien sowie Vereinigtes Königreich) liegen demnach die Löhne im Sozialwesen so weit unter dem nationalen Durchschnitt wie in der Bundesrepublik.

Das liege nur zu einem geringen Anteil an der Ausübung einfacher Tätigkeiten, konstatieren die Wissenschaftler, denn auch qualifizierte Tätigkeiten würden immer noch vergleichsweise gering bezahlt werden. 

Kräftiger zugelegt haben laut Studienergebnissen seit 2012 die Stundenentgelte, und das kräftiger als in der Gesamtwirtschaft. Besonders stark bemerke man der Anstieg bei den Löhnen jener Beschäftigten aus, die eine Tätigkeit im mittleren Qualifikationssegment oder in den unteren Leistungsgruppen ausüben. Das bewerten die Wissenschaftler als Ausdruck des schon seit geraumer Zeit bestehenden Mangels an Arbeitskräften sein – insbesondere an qualifizierten.

Teilzeit ist weiblich 

Im Sozialwesen ist Teilzeitarbeit stark verbreitet (50 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse). Das hängt auch damit zusammen, das drei Viertel der Beschäftigten weiblich sind. „Da im Sozialwesen weibliche Beschäftige weit überrepräsentiert sind, drängt sich der Eindruck auf, dass das Lohnniveau immer noch von der unseligen Tradition beeinflusst ist, Arbeit von Frauen nur unterdurchschnittlich zu bezahlen", sagt Studienautor Karl Brenke.

Die Studienautoren nehmen die Politik in die Pflicht. Sie trage zu niedrigen Löhnen bei, wenn sie Beitragssätze in der Pflege niedrig hält, was eine Deckelung der Preise und damit der Löhne im Sozialwesen nach sich ziehe. „Angesichts der demografischen Entwicklung und damit zunehmender Nachfrage nach Pflegekräften muss darüber diskutiert werden, was die Leistungen des Sozialwesens der Gesellschaft heute und in Zukunft wert sein sollen", resümiert Studienautor Brenke. Das gelte umso mehr, als sich abzeichne, dass das Sozialwesen weiter an Bedeutung gewinne. So ist in den skandinavischen Ländern der auf das Sozialwesen entfallende Anteil an der Wirtschaftsleistung mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland; auch in den Niederlanden oder in Frankreich spielt dieser Wirtschaftszweig eine viel größere Rolle als hierzulande.

Die Pläne der neuen großen Koalition, 8.000 neue Stellen im Pflegebereich zu schaffen, gingen zwar in die richtige Richtung, meinen die Ökonomen. Ob aber genug Fachkräfte gefunden würden, bleibe abzuwarten. Realitätsnäher seien die im Koalitionsvertrag vorgesehenen Ziele, die Ausbildung in pflegerischen Berufen finanziell attraktiver zu gestalten, Weiterbildungsmöglichkeiten für die Beschäftigten zu verbessern und den Flächentarifvertrag zu stärken.

Mehr Informationen unter www.diw.de/de/diw_01.c.582391.de/themen_nachrichten/sozialwesen_in_deutschland_niedrige_loehne_in_einem_rasant_wachsenden_wirtschaftszweig.html


Quelle: Presseinformation des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) vom 18. April 2018