Mehrere Personen schieben einzelne Bildkarten zusammen: Darauf zu sehen ist ein Regenschirm

Schutzkonzepte in der Sozialen Arbeit: Gewaltschutz nachhaltig sichern

Das Vorliegen von Schutzkonzepten in Einrichtungen der Sozialen Arbeit ist Pflicht und soll als ein Instrument dazu beitragen, den Schutzauftrag gegenüber den Adressat:innen zu gewährleisten sowie Mitarbeitenden ein sicheres Umfeld zu bieten. Aber was sollte ein Schutzkonzept beinhalten und wie kann Gewaltschutz in sozialen Organisationen nachhaltig und erfolgreich verankert werden?

Die Relevanz von Gewaltschutz in der Sozialen Arbeit rückte in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus. Gesetzliche Vorgaben im Kinder- und Jugendstärkungsgesetz, die den „Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung“ aus dem Jahr 2005 erweitern, aber auch die Ergänzung des SGB IX um eine Gewaltschutzregelung durch das Teilhabestärkungsgesetz setzen das Thema für soziale Organisationen bereits seit einiger Zeit auf die Tagesordnung.

Der Adressat:innenschutz ist außerdem als Querschnittsthema Teil des Qualitätsmanagements und bedarf einer strukturierten, kontinuierlichen Überprüfung und Weiterentwicklung. Wichtig ist, aus Fehlern und schlechten Erfahrungen – die trotz guter Präventionsarbeit passieren können – zu lernen und diese aufzuarbeiten. Gewaltschutz ist ein Prozess, der laufend angepasst werden muss. Denn aufgrund knapper Personalressourcen und einer häufig hohen Mitarbeitendenfluktuation kommen immer wieder neue Mitarbeitende in die Einrichtungen. Ebenso verändert sich die Zusammensetzung der Adressat:innengruppen. Eine Sensibilisierung zum Thema Gewaltschutz ist somit nie ganz abgeschlossen.

Schutzkonzepte und deren Verankerung in sozialen Organisationen

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit und ohne Behinderung sind als besonders vulnerable Gruppe einem erhöhten Gewaltrisiko ausgesetzt. Gewalterfahrungen reichen von Grenzverletzungen über Übergriffe bis hin zu sexuellem Missbrauch und anderen strafrechtlich relevanten Formen der Gewalt. Nicht in allen Fällen handelt es sich um vorsätzliche Grenzüberschreitungen, oft entstehen diese durch affektive Handlungen oder Aussagen – manchmal auch vor dem Hintergrund von Überlastungen seitens der Mitarbeitenden oder aufgrund eines falschen Umgangs mit Methoden der sozialen Arbeit. Der Schutzauftrag umfasst alle Formen von Gewalt und bezieht auch den Schutz persönlicher Daten sowie der persönlichen Autonomie mit ein. Auch Mitarbeitende können durch die Nutzer:innen der sozialen Angebote Übergriffe erfahren und sollten für den Umgang mit sogenanntem herausforderndem Verhalten geschult sein, damit eine Kultur des sicheren Miteinanders in der Einrichtung gelebt wird. Wie sollten also Schutzkonzepte erarbeitet und ausgestaltet werden? Und was sind Gelingensfaktoren für eine erfolgreiche Umsetzung in den verschiedenen Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe?

Ein nachhaltiges Schutzkonzept etablieren

Es gibt zunächst einmal keine genauen Vorgaben dazu, wie ein Schutzkonzept ausgestaltet sein sollte, um als erfolgreiche Maßnahme für eine Kultur der Gewaltfreiheit zu gelten. Viele Einrichtungen machen jedoch gute Erfahrungen mit konkreten und detaillierten Konzepten, da sie eine Umsetzung in der Praxis erleichtern. Ein nachhaltiger Gewaltschutz in der Sozialen Arbeit orientiert sich grundsätzlich an drei Säulen:

Grafik zu Gewaltschutzkonzepten: Information, Prävention, Intervention

Präventive Maßnahmen unterstützen ein offenes und gewaltfreies Miteinander. Ein wichtiger Teil der Prävention ist, Kinder und Jugendliche, Menschen mit Behinderungen sowie Angehörige über das Recht zur Achtung der eigenen Grenzen aufzuklären und sie in ihren Rechten zu stärken. In dem Kontext gibt es verschiedene Methoden, mit denen für Grenzverletzungen sensibilisiert und grenzwahrendes Verhalten bestärkt wird, z. B.:

  • Verhaltenskodex

  • Selbstverpflichtung aller Mitarbeitenden

  • Partizipativ erarbeitete Verhaltensampel

Diese bieten die Grundlage für einen respektvollen Umgang miteinander. Zusätzlich können regelmäßige Schulungen den Mitarbeitenden Basiswissen über unterschiedliche Formen von Gewalt vermitteln und dazu beitragen, dass Anzeichen von Gewalt frühzeitig erkannt werden.

Neben der Gewaltprävention geht es darum, im Schutzkonzept Interventionen festzulegen. Dafür werden Prozesse und Verhaltensweisen für Verdachtsfälle gesammelt und aufbereitet. Im Idealfall existieren dazu Checklisten mit Verhaltenstipps für je unterschiedliche Szenarien. Zum Beispiel für den Fall eines Missbrauchsverdachts gegenüber Kolleg:innen oder bei dem Verdacht einer Kindeswohlgefährdung in der (Herkunfts-)Familie. Um im Verdachtsfall handeln zu können, braucht es weiterhin Meldeketten, die entsprechend eingehalten werden.

Grafik zur Risikoanalyse

Bei der Aufgabe, Voraussetzungen für ein erfolgreiches Schutzkonzept und ein gewaltfreies Miteinander zu schaffen, kann die individuelle Risikoanalyse unterstützen. Diese analysiert verschiedene Ebenen im Hinblick auf Gewaltschutzmaßnahmen, z. B.:

  • Strukturelle Risikofaktoren fragen nach vorhandenen Strukturen und ob diese für eine Gewaltprävention nützlich oder hinderlich sind.

  • Personelle Risikofaktoren umfassen z. B. die Auswirkungen von personeller Ausstattung oder Qualifizierung der Mitarbeitenden auf den Schutzauftrag.

  • Räumliche Risikofaktoren fragen u. a. nach Rückzugsmöglichkeiten in Einrichtungen.

Die Konzeptentwicklung nachhaltig gestalten

Damit ein Schutzkonzept in Einrichtungen gelebt wird, ist es wichtig, dass sich Mitarbeitende sowie Adressat:innen mit Gewaltfreiheit als Wert identifizieren, ihre Selbstreflektion unterstützt wird und die Einhaltung des Schutzkonzeptes verpflichtend ist. Aus diesem Grund sollte bereits die Konzeptentwicklung partizipativ erfolgen. Zudem empfiehlt es sich, vor der Erarbeitung von Präventionsmaßnahmen und Interventionen eine IST-Analyse durchzuführen. Darauf aufbauend kann ein Konzept entstehen, das den bestmöglichen Schutz in der Einrichtung gewährleistet. Dieses enthält als präventive Maßnahme systematisierte Beteiligungsformen, Beschwerdeverfahren und Prozesse, die den Adressat:innen ihre Rechte transparent macht. Ein Schutzkonzept stellt einen wichtigen Baustein auf dem Weg zu einem offenen, gewaltfreien Miteinander dar. Gewalterfahrungen können aber auch mit einem guten Schutzkonzept und einer gelebten Präventionskultur nie gänzlich ausgeschlossen, das Risiko jedoch erheblich minimiert werden.

Gewaltschutz in sozialen Organisationen ist Führungsaufgabe

Ein gewaltfreies Miteinander für Adressat:innen und Mitarbeitende zu schaffen ist Führungsaufgabe. Eine Organisationskultur, in der sich alle gleichermaßen geschützt fühlen, braucht grenzwahrende Regeln in der Kommunikation sowie eine offene Fehlerkultur. Die Etablierung eines Schutzkonzeptes ist deshalb auch eine organisationale Herausforderung. Wir empfehlen eine Analyse der bestehenden Risikofaktoren, auf deren Grundlage Schutzmaßnahmen entwickelt und etabliert werden können. Gewaltschutz muss institutionell und kulturell in der Organisation verankert werden – das ist Aufgabe der Führungskräfte.


Birgitta Neumann

Marktfeldleiterin für die Eingliederungshilfe und die Kinder- und Jugendhilfe sowie Mitglied der Geschäftsleitung bei der contec GmbH – die Unternehmens- und Personalberatung der Gesundheits- und Sozialwirtschaft.

Birgitta Neumann ist spezialisiert auf die Neuausrichtung sozialer Einrichtungen. Sie begleitet Organisationen der Eingliederungshilfe und der Kinder- und Jugendhilfe bei der Umsetzung der Vorgaben aus dem BTHG sowie dem KJSG, ist im Bereich der Management- und Strategieberatung tätig und trägt damit zu einer zukunftsfähigen Ausrichtung bei.

Mail: b.neumann@contec.de