Farbige Modellfiguren, die als Familie (Eltern und zwei Kinder) aufgestellt sind.
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(Frühe) Kindheit in der aktuellen Zeit – Herausforderungen in Pädagogik, (Psycho)Therapie und Klinik

Das „Forum Frühe Kindheit“ mit seinem Jahresthema 2026 „(Frühe) Kindheit in der aktuellen Zeit – Herausforderungen in Pädagogik, (Psycho)Therapie und Klinik“ (April 2026) ist zwar bereits einige Monate vorbei, dennoch wirken die Inhalte weiter. Mit 800 Teilnehmer:innen verzeichneten die Veranstalter:innen zudem einen enormen Zulauf. Gründe genug, um den Veranstaltungsbericht von Dr. Erika Butzmann etwas zeitverzögert zu veröffentlichen.

 

Von der Bindungstheorie zum Hype um die bedürfnisorientierte Erziehung („Attachment Parenting“). Eine kritische Betrachtung.

Prof. Dr. phil. Fabienne Becker-Stoll (Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz – IFP. Amberg)

In der Einführung zu ihrem Vortrag bezog sich Frau Becker-Stoll auf den Familienbericht von 2021, der schon damals eine unglaubliche Veränderung in den Erziehungsmaximen von Eltern und einen hohen Abstimmungsbedarf bei gleichzeitiger Sorgeverantwortung feststellte. Das spiegelt sich in der Aussage von Eltern wider, besonders von armen Eltern, die Erziehung zu 50 % für schwierig zu halten. Den Grund dafür sieht Becker-Stoll darin, dass sich die wissenschaftlichen Grundlagen der Bindungstheorie in einen alltagspraktischen Erziehungsstil verwandelt haben, der jedoch häufig idealisierte Vorstellungen von Elternschaft transportiert. Gleichzeitig nimmt der Einfluss sozialer Medien so zu, dass Eltern zwischen Intensivierung ihrer Erziehung und einer starken Mediatisierung feststecken.

Eltern mit kleinen Kindern sind mit digitalen Medien am besten ausgestattet. Es gibt unendlich viele Baby-Tracking-Apps, die Nahrung, Schlafverhalten des Babys, Windelwechsel, Gewicht und mehr erfassen. Sie machen Vorschläge zur Optimierung und üben Druck auf Eltern aus, ihr Baby perfekt zu managen. Zusätzlich gibt es unendlich viele Videos auf YouTube, TikTok und Instagram, die diesen Druck erhöhen. Sogenannte „Mom-Influencerinnen“ erklären in wenigen Minuten neue Erziehungstrends. Sie sind Normgeberinnen für Eltern und transportieren ein materiell geprägtes Bild von Familie, in der alles perfekt ist. 

Bedürfnisorientierte Erziehung: vielfach falsch verstanden

Frau Becker-Stoll stellt die Popularisierung fragwürdigen Wissens über die sozialen Medien fest. Sie beleuchtet kritisch die Überbetonung bestimmter Praktiken wie das Langzeitstillen, das häufige Tragen oder das langzeitige Schlafen im Elternbett, das zwar wichtig für die Kinder ist, im Übermaß aber die kindliche Autonomie-Entwicklung einschränkt. Zudem erhöht es die psychische Belastung von Eltern, besonders von Müttern.

Die Referentin führte diese Entwicklung auf eine falsch verstandene bedürfnisorientierte Erziehung zurück und forderte die Rückbesinnung auf das eigentliche Kernprinzip der Bindungstheorie: feinfühlige Bindungspersonen, die sowohl die Bindungs- als auch die Explorationsbedürfnisse des Kindes unterstützen. Dazu erinnerte sie noch einmal an die biologischen Grundlagen von Bindung aufseiten des Kindes mit seinem Bindungsverhaltenssystem und dem Explorationsverhaltenssystem, die das Leben des Babys absichern. Aufseiten der Eltern ist es das Pflegeverhaltenssystem und die Fähigkeit, das Explorationsverhalten des Kindes zu überwachen. Damit hat das Kind den besten Start, für das ganze Leben zu lernen.

Aus Feinfühligkeit entsteht der „Kreis der Sicherheit“

Becker-Stoll betonte die Verantwortung, die Bindungspersonen als Erwachsene für das Kind haben: es zu schützen, zu trösten, die kindlichen Bedürfnisse zu regulieren, freundlich zu bleiben, schimpfen zu unterlassen, Wohlergehen zu ermöglichen. Wenn Kinder weinen, sind sie nicht aufnahmefähig. Sie zeigen bei Überforderung Stress, den sie selbst nicht regulieren können. Das zu berücksichtigen, wäre für Eltern erlernbar. Aus dieser Feinfühligkeit entsteht der Kreis der Sicherheit, der zur inneren Sicherheit beim Kind führt, zu Vertrauen in sich selbst und zu Vertrauen in die Welt. – Zur bedürfnisorientierten Erziehungsmethode merkte sie zum Schluss an, dass stets zu unterscheiden sei, ob das Kind ein Grundbedürfnis zeige oder ob es einen Wunsch habe.

 

Kindheit in extrem rechten Familien. Zum Umgang mit demokratie- und menschenfeindlicher Ideologie im Kita-Kontext

Fachstelle „Rechtsextremismus und Familie – RuF“ aus Bremen

Eine Referentin der Fachstelle „Rechtsextremismus und Familie – RuF“ aus Bremen berichtete über die Umsetzung von Kinderrechten für Kinder aus extrem rechten Familien. Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, sind mitunter massiven Einschränkungen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten ausgesetzt. Sie gab mit ihrem Vortrag Einblicke in das Aufwachsen von Kindern in solchen Familien und zeigte auf, wann das Kindeswohl gefährdet sein kann und welche Handlungsansätze helfen können, um extrem rechtem Gedankengut in der Kita zu begegnen. Über die Fachstelle können Interessierte Näheres zu den Programmen erfahren (s. Link unten).

 

Transkulturell kompetentes Handeln – Anregungen für Fachkräfte in den Frühen Hilfen

Mareike Paulus (M.A.), Interkulturelle Kommunikation (Deutsches Jugendinstitut, München)

Die Referentin stellte in ihrem Vortrag das Qualifizierungsmodul „Transkulturell kompetentes Handeln in den Frühen Hilfen“ des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen vor. Es soll Fachkräfte befähigen, offen und empathisch auf Familien zuzugehen, dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie deren Einfluss auf die Begegnung zu reflektieren.

Die Inhalte des Moduls setzen an das Konzept der Transkulturalität an, das den Weg vom Unterschied zur Gemeinsamkeit beschreibt. Denn Vielfalt, so Paulus, ist das prägende Kennzeichen unserer Gesellschaft: 43 % der Kinder zwischen 0 und 5 Jahren haben einen Migrationshintergrund.

Durch verschiedene Kulturen entsteht Neues

Transkulturell bedeutet, dass durch verschiedene Kulturen etwas Neues entsteht. Das ist eine zentrale Herausforderung für die in den Frühen Hilfen Tätigen. Sie müssen offen sein für die Vielfalt der Kulturen. Die Fähigkeit zur narrativen Empathie ist notwendig. Dazu gehört die Offenheit für andere Erfahrungen, Hintergrundwissen zu den Erfahrungen und Selbstreflexion. Damit ist die Beziehungsgestaltung zu den Familien mit Migrationshintergrund ohne Vorurteile möglich. Neugier, Offenheit und das Sich-Einlassen auf das Andere helfen dabei. Wie schwierig es ist, das „ganz andere“ in den Blick zu nehmen, demonstrierte die Referentin mit einem Wahrnehmungsbild. Es veranschaulicht, wie wir unseren Blick auf markante Merkmale fokussieren. So funktioniert auch unsere Wahrnehmung; stets mit der Gefahr, nur eine einzige Geschichte zu erkennen. Ein Merkmal tritt in den Vordergrund. Das ist zwar nicht falsch, aber eine starke Reduktion von Komplexität.

Paulus wies darauf hin, dass bei der Arbeit mit Migrantenfamilien zu beachten sei, dass es in deren Kulturen unterschiedliche Kommunikationsstile gibt. Der direkte Stil bringt die Gefahr, verletzend zu sein. Der indirekte Stil nimmt Umwege, um das Problem nicht direkt anzusprechen, vermittelt aber dennoch, wo die Probleme liegen; er wird u.U. als unehrlich empfunden. Diese Unterschiede sind durchaus ein Problem und erfordern eine Auseinandersetzung mit den verschieden Kommunikationsstilen. Grundsätzlich muss jedoch bei dieser Arbeit eine leichte Sprache angewandt und mit Gesten, Bildern und Piktogrammen unterstützt werden.

Ein weiterer Unterschied in den Kulturen bezieht sich auf den Umgang mit Babys und Kleinkindern. Deutsche Eltern suchen engen Kontakt mit ihren Kindern und fördern die kognitive und sprachliche Entwicklung. In Kamerun dagegen werden z. B. die Kinder viel getragen und die motorischen Fähigkeiten gefördert. Strategien, mit diesen Unterschieden umzugehen, reichen von der Anpassung über das Festhalten an alten Gewohnheiten bis zur Aushandlung. Für die Fachkräfte der Frühen Hilfen bedeutet das: erfragen und verstehen der anderen Erfahrungen, anschaulich erklären, wie es hier in Deutschland üblich ist; reflektieren, was sind die Vorteile und was die Nachteile.

 

Risiko und Gefährdungseinschätzungen im Kontext von Inobhutnahme: Auswirkungen auf die Kinder.

Anne Gottwald aus Paderborn vom Kinderschutzbund hat Prof. Heike Wiemert vertreten, die kurzfristig absagen musste.

Die Referentin berichtete über den Anstieg von Kindeswohlgefährdungen und Inobhutnahmen seit 2019. Gottwald stellte fest, dass es bei den Fachkräften eine große Unsicherheit im Hinblick auf die Einschätzung von Gefahrenlagen gibt. Es ist ein sehr schwieriges Thema für die Fachkräfte, weil einerseits die Folgen sehr vielfältig sind und anderseits die Komplexität kaum zu überschauen ist. Sie müssen die Erziehungsfähigkeit von Eltern einschätzen und eine akute Gefahrenlage oder eine latente erkennen können. Oft sei es nur ein Unbehagen, ein komisches Bauchgefühl, was nicht zu deuten ist. Fachkräfte können sich einen Überblick über diesen Themenbereich beim Kinderschutzbund beschaffen. Häufig haben auch die Kommunen Handreichungen dazu.

 

„Von Leuchttürmen und Seefahrerkindern“ – Begleitung von Kindern und Bezugspersonen im Spannungsfeld zwischen Trauer und Trauma

Tina Kern, M.Sc. Psychotraumatologie, und Simon Finkeldei (AETAS Kinderstiftung KinderKrisenIntervention, München)

Beide Referierenden haben ein Konzept für die Krisenintervention im Rettungsdienst entwickelt, das sie in Auszügen während des Vortrags darstellten. Der plötzliche Verlust eines geliebten Menschen, die Konfrontation mit dem Thema Suizid oder das Erleben anderer extremer Situationen sind für Kinder und Eltern Herausforderungen, die Grenzen berühren. Im Spannungsfeld zwischen Trauma und Trauer können verlorene Sicherheit, das Infragestellen des Verständnisses der eigenen Welt, sich aufdrängende Bilder und schwierige Fragen die ganze Familie in ungewohnte und ängstigende Situationen bringen. Dabei befinden sich Kinder in einer grundlegend anderen Position als Erwachsene. Das hat Auswirkungen für die konkrete Begleitung von Kindern und Bezugspersonen in einer extremen Situation.

Kinder haben etwas, aus dem Heilung entstehen kann

Bei einem traumatischen Verlust durch Tod zieht sich eine Krisenintervention bis zu einem Jahr hin. Zuerst geht es um die Stabilisierung der betroffenen Personen. Kinder sind dabei abhängig von den Bezugspersonen, die ihnen helfen müssen, die überwältigenden Gefühle zu regulieren, indem sie darüber sprechen, was passiert ist. Nach Aussagen der Referierenden hätten Kinder immer etwas, was sie herausholt aus dem Drama; etwas, und von dem Heilung ausgehen kann. Die Bindungssicherheit ist dafür wesentlich, ebenso die Kompetenz der Bezugsperson, bei der Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen den Kindern zu helfen. Sie müssen Leuchtturm sein und in Führung gehen, was häufig nicht gelingt, wenn sie selbst traumatisiert sind. Hier wurde Charly Chaplin zitiert mit dem Satz: „An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser!“

Die Eltern werden bei der Begleitung der Kinder durch die Rettungspersonen unterstützt. Das Würdigen der Situation sowie Zuversicht und Hoffnung vermitteln, hilft den Betroffenen. Die Fragen der Kinder müssen immer beantwortet werde. Ablenkung wäre verstörend, denn Kinder spüren, was die Erwachsenen umtreibt. Die Angst der Kinder, bei Verlust eines Elternteils auch den anderen noch zu verlieren, ist in solchen Situationen immens. Beruhigung, Regeln und Strukturen helfen den Kindern bei der Verarbeitung solcher Ängste.

Trauer kommt und geht wie Ebbe und Flut

Den Prozess der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen veranschaulichten Kern und Finkeldei mit einigen Comic-Videos. In einem war ein kleiner Junge allein in einem Boot auf stürmischer See. Es kamen ständig neue Gefahren und das Kind versuchte, mit allen umzugehen. Das war als Beispiel für die Möglichkeit der Selbstregulation gedacht, anstatt in die Vermeidung zu gehen.

Die Trauerphase nach Abklingen der Traumatisierung wurde als Schleusen-, Janus-, Labyrinth- und Regenbogenzeiten beschrieben, die wie Ebbe und Flut kommen und gehen. Eltern müssen damit rechnen, dass Trigger auftreten – bei ihnen selbst und bei den Kindern. Nach einiger Zeit ist es den Betroffenen möglich, über die Wiederaufnahme der gewohnten Dinge und Handlungen die Trauer in das tägliche Leben zu integrieren.

 

Untypische Entwicklungen bei angeborenen oder erworbenen neurologischen Erkrankungen

Prof. apl. Dr. med. Ute Thyen (Lübeck)

Ute Thyen berichtete von untypischen Entwicklungsverläufen bei angeborenen oder erworbenen neurologischen Erkrankungen. Diese gelten als seltene Erkrankungen (2:1.000), wobei durch die große Zahl der verschiedenen Erkrankungen insgesamt nicht wenige Kinder betroffen sind. Fast immer handelt es sich um Entwicklungsstörungen, die sowohl neurologische als auch psychische Symptome zeigen.

Nachdem die Referentin einige entwicklungsneurologische Grundlagen beschrieben hat, zeigte sie am Beispiel des William-Beuren-Syndroms die komplexen Auswirkungen dieser genetischen Entwicklungsstörung. Äußerlich sei dies kaum zu erkennen, denn diese Kinder sind zwar häufig kleinwüchsig, haben aber besondere Gesichtszüge, fangen früh an zu Lesen, zeigen sprachliche Eloquenz und sind häufig musikalisch begabt. Anderseits fällt die langsame motorische Entwicklung auf, eine Intelligenzminderung, die Geräuschempfindlichkeit und eine Ess- und Trinkschwäche sowie eine Distanzlosigkeit gegenüber Fremden. Der Calciumstoffwechsel ist bei diesen Kindern gestört.

Unklare Entwicklungsdefizite durch Schütteltraumata

Als mögliche Ursachen für angeborene Entwicklungsstörungen nannte die Referentin Alkoholkonsum in der Schwangerschaft, der zu Störungen in den neuronalen Funktionen führen kann. Dazu gehören weiterhin pränatale Infektionen wie Herpes und Röteln, Medikamente, Umweltgifte.

Darüber hinaus gibt es transgenerationale Aspekte in der Regulation der neuronalen, endokrinen und immunologischen Entwicklung. Thyen wies darauf hin, dass Schütteltrauma traumatische Verletzungen des Säuglings hervorrufen, die zur langsameren Entwicklung und zu unklaren Entwicklungsdefiziten führen können. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Kinder aus Familien kommen, die weitere Probleme bei der Regulation des Säuglings haben.

Des Weiteren berichtete Thyen über erworbene entzündliche Erkrankungen wie Herpes, Masern oder Zeckenbisse sowie die postvirale chronische Müdigkeit nach Covid. Bei einer limbischen Enzephalitis, einer Autoimmunerkrankung, kommt es zu Bewegungsstörungen, Verhaltensstörungen und Gedächtnisstörungen, die jedoch gut behandelt werden können.

Wichtig: interdisziplinäre Kooperation auf vielen fachlichen Ebenen

Zu beachten ist die Wechselwirkung von körperlichen, mentalen und sozialen Determinanten. Kinder mit körperlichen Erkrankungen zeigen z.B. eher Verhaltensstörungen. Insgesamt muss die Komplexität des Zusammenwirkens beachtet werden, weil eine Reduktion zu Fehleinschätzungen führt. Um eine Diagnose zu erstellen, müssen körperliche und psychische Befunde erhoben werden, ebenso eine Sozial- und Familienanamnese sowie pränatale Erfahrungen.

Das gemeinsame Auftreten von körperlichen, geistigen und psychischen Entwicklungsstörungen verlangt nach einer guten interdisziplinären Kooperation zwischen konservativer und operativer Kinder- und Jugendmedizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie interprofessioneller Zusammenarbeit verschiedener therapeutischer und sozialer Fachkräfte. Hilfen bekommen Eltern in Sozialpädiatrischen Zentren.

 

Fetale Alkoholspektrumstörungen (Diagnose, Verlauf, Intervention)

Heike Wolter, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (Charité Berlin)

Die Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD)ist die häufigste Ursache für neurologische Störungen, organische Fehlbildungen und Wachstumsstörungen. Alkohol während der Schwangerschaft führt zu solchen toxischen Hirnstörungen. FASD stellt eine der häufigsten vermeidbaren Ursachen für eine neurologische Störung dar und wird nach Aussagen der Referentin häufig nicht oder fehldiagnostiziert.

Die betroffenen Kinder müssen viel Energie und Anstrengung aufbringen, um Aufgaben zu bewältigen. Die Einschränkungen in der Lebensbewältigung sind für diese Kinder vielfältig. Durch ihre massiven Verhaltensauffälligkeiten haben sie ein hohes Risiko für Misshandlungen, durch ihr mangelndes Gefahrenbewusstsein erleben sie häufig Unfälle. Die Selbstständigkeitsentwicklung ist unter diesen Voraussetzungen nicht möglich, sodass später eine institutionelle Betreuung notwendig werden kann.

Ausführliche Anamnese, viel Erfahrung

Es gibt keine neuropsychologischen Profile für diese Erkrankung, die bei der Diagnose hilfreich wären. Expert:innen müssen vielmehr eine sehr ausführliche Anamnese vornehmen. Dafür ist ein hohes Maß an Erfahrungen der behandelnden Mediziner:innen notwendig. Erschwerend kommt hinzu, dass die Mütter kaum genaue Angaben über das Ausmaß ihres Alkoholkonsums während der Schwangerschaft machen können oder wollen. Häufig müssen Fremdangaben hinzugezogen werden. Wenn alle Verhaltensbereiche maximal auffällig sind, kann die Diagnose für das Vollbild der Fetalen Alkoholspektrumsstörung gestellt werden.

Wolter schilderte im Einzelnen die umfassenden Einschränkungen von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Sie beschrieb die vielfältigen Therapiemöglichkeiten für Säuglinge, Kleinkinder, Schulkinder und Jugendliche. Wichtig wäre, Überforderungen zu erkennen und zu vermeiden, weil das die Verhaltensauffälligkeiten verstärke. Die Ablehnung, die diese Kinder immer wieder durch ihre Umwelt erfahren, verschlimmert deren Situationen.

Zum Abschluss wurde betont, dass die Hilfsmöglichkeiten für diese Kinder heute bedeutend besser seien als vor Jahren, auch deshalb, weil die Diagnose früher gestellt werden kann, so dass Therapiemöglichkeiten von Beginn an greifen.

 

Zwangserkrankungen und Tic-Störungen im Vorschulalter

Dr. med. univ. Veronika Mailänder-Zelger (Zentrum für Kinderpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich)

Zwangserkrankungen und Tic-Störungen können bereits im Vorschulalter auftreten und beeinträchtigen nicht nur die betroffenen Kinder, sondern auch deren Familien. In der frühen Entwicklungsphase sind die Kinder besonders vulnerabel und nicht in der Lage, ihre inneren Erlebnisse sprachlich differenziert auszudrücken. Sie äußern ihr Unbehagen durch ritualisiertes Verhalten und Tics. Häufig sind diese Störungen verbunden mit weiteren Erkrankungen wie ADHS oder Angststörungen.

Zu den Zwangshandlungen gehören Waschzwänge, Kontrollzwänge und der Drang, bestimmte Handlungen auszuführen, bis etwas richtig ist. Die Eltern werden von den Kindern nachdrücklich eingebunden, so dass sie die Zwänge unfreiwillig unterstützen. Es kann zu stundenlangem Schreien kommen, wenn Eltern die Unterstützung verweigern. Deshalb sind Therapiesitzungen mit den Eltern nötig, die durch Selbsthilfegruppen unterstützt werden.

Tics haben für das Kind keinen Zweck

Die Ursachen können genetisch bedingt sein, häufig leiden auch die Eltern unter Zwangserkrankungen. Darüber hinaus führt Stress zu Zwangshandlungen. Mailänder-Zelger erklärte die einzelnen Symptome und die Therapiemöglichkeiten und stellte das Modell von Eli Lebovic für die Arbeit mit Eltern und für die Gruppentherapie vor. Für Kinder gibt es Programme zur kognitiven Umstrukturierung durch Spiele, wie z. B. jenes, in dem der Zwang ein ungebetener Gast ist. Die Referentin empfahl ein Buch für betroffene Kinder ab 6 Jahre mit dem Titel „Kaya kompliziert“ von Noemi Sacher (Text) und Tanja Stephani (Zeichnungen), Kwasi Verlag, Luzern 2021.

Tic-Störungen haben – im Gegensatz zu den Zwangserkrankungen – für das betroffene Kind keinen Zweck. Tics beginnen zwischen 4 und 5 Jahren, häufig ist Stress der Auslöser. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Es gibt einfache und komplexe Tics, die einen sind vorübergehend, die anderen entwickeln sich chronisch; dazu gehört das Tourette-Syndrom. Tics belasten im Vorschulalter vor allem die Familie, später auch die Kinder selbst.  

 

The „troubel Two“ – Ärger und Aggression als Störung

PD Dr. med. Franziska Schlensog-Schuster (Universitäre Psychiatrische Dienste, Bern)

Das Ausmaß der Störung Ärger und Aggression hat sowohl eine genetische Komponente als auch eine hormonelle, hinzu kommt die Umgebungskomponente. Wenn die Gefühlsregulation mit tausenden Interaktionen im Babyalter nicht gelingt, wird es immer schwieriger, negative Gefühle in den Griff zu bekommen – für die Eltern und für das Kind. Psychiatrische Erkrankungen der Mutter erhöhen das Risiko des Misslingens.

Mit zwei Jahren sind diese Gefühlsäußerungen auf dem Höhepunkt, dann nimmt das Verhalten ab. 75 % eines Jahrgangs zeigen Wutanfälle, 25 % nicht. Das Verhalten muss verlernt werden. 6 % der Kinder bleiben aggressiv, sie sind weniger ängstlich. Aggression und Gewalt als Störung des Sozialverhaltens verursacht hohe Gesundheitskosten, mehr als bei ADHS und Autismus. Hauptsächlich zeigen Jungen und Männer diese Störung.

Als Ursachen für Fehlverläufe in der Gefühlsregulation nannte die Referentin anhaltende Missachtung der kindlichen emotionalen Bedürfnisse, emotionaler Missbrauch wie Herabwürdigungen, Erleben von häuslicher Gewalt, Vernachlässigungen (kein Trost, im Stich gelassen werden, allein gelassen werden), Vernachlässigung durch Medienkonsum, mangelnde Versorgung. Misshandelnde Interaktionen mit Bezugspersonen zerstören die Psyche.

Die Referentin schilderte ausführlich die Theoriekonzepte zu den Ursachen aggressiven Verhaltens und beschrieb die Notwendigkeit weiterer Forschungen.

 

Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Vorschulalter: Diagnostische Herausforderungen, Entwicklungsaspekte und evidenzbasierte Behandlungsansätze

Dr. Lea Teresa Kohl (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Universitätsklinikum Köln)

ADHS zeigt sich an einer ausgeprägten Aufmerksamkeitsstörung, an Hyperaktivitäten und Impulsivität. Diese Auffälligkeiten sind stärker als bei Gleichaltrigen, nicht anders erklärbar und situationsübergreifend vorhanden.

Das Erscheinungsbild von ADHS ist gemischt. Bei 30 bis 50 % ist das Sozialverhalten gestört, bei 20 bis 30 % das Lernverhalten, bei 20 % liegen Angststörungen vor, bei 15 % Depressionen, und 10 bis 20 % haben Tic-Störungen. Zu den Funktionsbeeinträchtigungen gehören Konflikte in der Familie und mit Gleichaltrigen, ein geringes Selbstwertgefühl, geringe schulische Leistungen; die Kinder bleiben häufig hinter ihrem IQ zurück.

Diagnose: nicht vor dem dritten Lebensjahr

Die Diagnose einer ADHS-Störung sollte nicht vor dem dritten Lebensjahr erfolgen, denn die Auffälligkeiten lassen sich nur schwer von entwicklungsbedingten Normvarianten abgrenzen. Bei Schulbeginn werden die meisten Diagnosen gestellt. Zwischen drei und sechs Jahren kann eine Diagnose nur beim Vollbild der Erkrankung gestellt werden.

Die Diagnosestellung umfasst eine strukturierte Exploration des Kindes und der Eltern, es werden aktuelle und frühe Rahmenbedingungen und Verhaltensbeobachtungen erfragt sowie körperliche und neurologische Untersuchungen vorgenommen.

Nach Aussagen von Teresa Kohl liegt die Prävalenz für ADHS weltweit bei 5;3 %, es sind mehr Jungen als Mädchen betroffen und es gibt keine Anzeichen für eine Zunahme der Fälle. Die Genetik, also Vererbbarkeit von ADHS, liegt bei 70 bis 80 %. Als Therapie ist eine umfassende Psychoedukation nötig und Medikamentengabe, wenn das Vollbild von ADHS vorliegt. Vor dem vierten Geburtstag werden keine Medikamente verschrieben. Als Behandlungsansätze verwies die Referentin auf eine notwendige interdisziplinäre Versorgung.

 

Therapeutisches Vorgehen bei jungen Kindern mit einer ADHS-Diagnose

Dr. rer. medic. Dipl. Psych. Stephanie Schürmann (Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Universitätsklinikum Köln)

Bei Vorschulkindern mit ADHS sind verhaltenstherapeutische Elterntrainings sinnvoll, da Eltern die besten Möglichkeiten haben, das negative Verhalten der Kinder zu regulieren. Für betroffene Eltern und Kinder gibt es eine Reihe von Therapieformen, die von der Referentin vorgestellt wurden.

Die elternzentrierte Intervention umfasst Psychoedukation, die Stärkung der Beziehung zu den Kindern, Regeln und Struktur ermöglichen, effektive Aufforderungen an die Kinder stellen, positive und negative Konsequenzen durchführen und Verstärkerpläne (Belohnungen) erstellen.

Die vorgestellten kindzentrierten Interventionen sind erst zwischen fünf/sechs und neun Jahren sinnvoll, da vorher das Regelverstehen der Kinder noch unzulänglich ist. Die Referentin empfahl, mit den Kindern über deren Probleme zu reden. Die Kinder können danach gefragt werden, welche ihrer Verhaltensweisen den anderen Schwierigkeiten machen. Auch die Fragen, was das Kind besonders gut kann und was die anderen auch gut finden, sind hilfreich. Zusammen sollte überlegt werden, was zu tun ist, damit das Kind mit den anderen Personen besser klarkommt. Solche Gespräche sollen helfen, das Selbstbild des Kindes zu stärken.

Ärgerlisten, Ziellisten und Pläne

Stephanie Schürmannstellte ihr Vorgehen als Therapeutin vor: Zu Beginn einer Stunde stellt sie die Frage nach den Tops und Flops der Woche, um mit dem Kind ins Gespräch zu kommen. Dann folgen eine Arbeitsphase, eine freie Spielphase und Belohnungsphase. Sie arbeitet mit Ärgerlisten: Was hat mich an Papas, Verhalten geärgert? Solche Fragen betreffen auch die Geschwister, die Mutter und die Gleichaltrigen.

Daran anschließend wird eine Zielliste erstellt: Was kann ich machen, damit es besser wird? Solche Pläne können auch die Eltern mit ihren Kindern gemeinsam schreiben und zeichnen. Etwa so: Die Räume im Haus zeichnen, da hineinschreiben und zeichnen, was wann gemacht wird, z. B. Aufstehen, Betten machen, Frühstücken, in den Kindergarten gehen, Mittagessen, Nachmittagsprogramm, Abendessen, ins Bett gehen. Für jede Tätigkeit soll ein Raum auf der Zeichnung vorgesehen und diesen mit dem Kind nach und nach gestaltet werden. Ein großer Papierbogen wäre dafür hilfreich. Auch zum Geschwisterstreit und wie es zu schaffen ist, nicht zu „hauen“, können Pläne gemacht werden.

Beziehungs-Zeit mit Eltern und ständiges Training

Solche Pläne sind auch für das Mithelfen im Haushalt der Kinder geeignet. Die Eltern können die Kinder anleiten und mit ihnen aufschreiben oder auch zeichnen. Es sollte jedoch immer nur ein Vorhaben bearbeitet werden. Damit ist die Aufmerksamkeit des Kindes auf eine Sache gelenkt, was gleichzeitig als Konzentrationstraining wirkt.

Dieses Vorgehen führt zu einer Beziehungs-Zeit mit den Eltern. Es ist ein ständiges Training zum Konzentrieren, ist lösungsorientiert und verhindert Stress. Solche Pläne können vom Kind immer wieder angeschaut oder verändert werden, das Kind kann Stolz auf das Werk entwickeln; es verringert den grundsätzlichen Frust, mit dem diese Kinder zu kämpfen haben. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind verbessert sich, weil das Verständnis füreinander wächst. Darüber hinaus sollte den Kindern häufig vorgelesen werden, weil auch das die Konzentration der Kinder fördert. Es verbessert zudem die Beziehung, weil gemeinsam etwas passiert.

Was empfindet das Kind als fair?

Stephanie Schürmannzeigte Videos zum Ausstieg aus einem Teufelskreis und zur Beziehungsverbesserung. Dazu gehört, die selbstverständlichen Sachen, die Kinder machen, deutlich wahrzunehmen; ohne großes Lob, nur mit einem freundlichen Lächeln oder einer Berührung, z. B. kurz über den Arm oder den Kopf des Kindes streicheln.

Aufforderungen müssen klar und deutlich sein, möglicherweise Konsequenzen dazu ankündigen. Sie regt an, mit dem Kind darüber zu sprechen, was als Konsequenz akzeptabel, also nachvollziehbar sein könnte. Dazu sollte die Frage gestellt werden, was das Kind als fair empfinden würde. Wichtig sei, nicht zu schimpfen und ruhig die Folgen zu benennen, die aus dem Fehlverhalten des Kindes resultieren. Klare Regeln müssten vorher besprochen werden. Sie sollten für das Kind nachvollziehbar sein, damit es hinterher weniger Diskussionen gebe. Ein solches Gespräch kann nur in ruhigen Minuten geführt werden und nicht während des Konfliktfalls.

Negative Konsequenzen können folgende sein: Wiedergutmachung, Ausschluss aus der Situation, Privilegien entziehen. Wenn das Kind dann die Konsequenz ausführt, sollte positiv darauf reagiert werden.

Punkte und eine angemessene Belohnung

Darüber hinaus empfahl die Referentin, einen Punkte-Plan zu erstellen. Dazu könnte wieder gemeinsam eine Tabelle gezeichnet werden. Punkte werden vergeben für das Sitzenbleiben beim Essen, für das nicht Reinquatschen, für das Zu-Bett-Gehen (Ausziehen, Zähneputzen und Waschen, Einschlafen, Durchschlafen). Eine angemessene Belohnung für die Punkte kann mit dem Kind besprochen werden.

Es gibt gute Bücher für Kinder mit ADHS, auch für die Jüngeren. ‚Phil der Frosch‘ zeigt, wie Pläne gemacht werden können, um die eigenen Probleme in den Griff zu bekommen. Ein ADHS-Elterntrainer ist im Internet frei zugänglich. Neben den eltern- und kindzentrierten Interventionen werden auch Fachkräfte der Kitas dazu beraten, welche Situationsveränderungen und Abläufe sinnvoll sind, um Kinder mit ADHS zu unterstützen.

(Erstveröffentlichung auf www.fuer-kinder.org)

 



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