Junge Studierende Person arbeitet draußen am Tablet
AdobeStock/ SRH Fernhochschule

Remote in der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit

Chancen und Herausforderungen für digitale Beziehungsgestaltung und digitale Zusammenarbeit

von Prof. Dr. Daniela Voigt, Prof. Dr. Angela Teichert & Christopher Ott
25.11.2025 | Advertorial (Werbung) | Soziale Arbeit, Studium | Gastbeiträge

Die zunehmende Digitalisierung in der Sozialen Arbeit bringt viele Herausforderungen mit, aber auch Chancen, die Fachkräfte mit digitaler Dialogfähigkeit nutzen können.

Digitale Formen der Zusammenarbeit verändern den Alltag Sozialer Arbeit tiefgreifend. Teams, die früher gemeinsam im Büro oder in Einrichtungen arbeiteten, treffen sich heute über Bildschirme, koordinieren Fälle, planen Hilfen und reflektieren Belastungen auf Distanz (Voigt 2022, S. 7). Der direkte Austausch, das spontane Gespräch zwischen Tür und Angel, das gemeinsame Spüren von Atmosphäre und Stimmung fehlen häufig. Auch für Adressat:innen verändert sich das Beziehungsgefühl: Unterstützung wird abstrakter, Vertrauen entsteht langsamer, Missverständnisse bleiben leichter unbemerkt. Für Fachkräfte kann dies ein Verlust an gemeinsamer Resonanz und kollegialem Miteinander bedeuten – Aspekte, die für Reflexion, Selbstfürsorge und Qualitätssicherung zentral sind. Beziehung, als Kern lebensweltorientierter professioneller Hilfe, droht technisiert zu werden. Gleichzeitig entstehen neue Risiken: Entfremdung, Überforderung durch Dauererreichbarkeit und eine Entgrenzung zwischen Arbeits- und Privatleben. Gerade darin liegen oft auch Chancen: Mehr Flexibilität, niedrigere Zugangsschwellen, individuellere Unterstützung und neue Wege, auch schwer erreichbare Menschen zu begleiten (Voigt 2022, S. 31).

Lebensweltorientierte Soziale Arbeit hat das Ziel, Lebensverhältnisse zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen und zu einem gelingenderen Alltag beizutragen (Thiersch, 2020, S. 30). Der Gestaltung von dialogorientierten professionellen sozialen Beziehungen im digitalen Raum kommt einer besonderen Bedeutung zu. Eine virtuelle dialogische Beziehung muss sich stets an den Lebenslagen und Bewältigungsmustern der Adressat:innen orientieren und „darf sich nicht auf ein empathisches Verhalten zum Zweck einer distanzierten Verarbeitung des Verhaltens der Adressat:innen ausrichten“ (Stüwe, Ermel, 2019, 81). Stüwe und Ermel (2019, S. 76) unterscheiden Sozialarbeitende, die die Fallsituationen digitalbasiert mit wissenschaftlichem Wissen und technischem Know-How bearbeiten und Sozialarbeitenden, „die fallangemessene Deutungsangebote machen“. Zielt demnach die Technokratisierung darauf ab, Adressat:innen in ihrem Lebensalltag Entscheidungen abzunehmen und Regelwissen nur instrumentell anzuwenden, entspricht dies einer reduzierten Professionalität (Stüwe, Ermel, 2019, S. 77).

Es geht in der Sozialen Arbeit darum, die Bereitschaft zum Dialog und das dialogische Prinzip mit Adressat:innen in der digitalisierten Welt zu fördern, um der „stellvertretenden Deutung“ (Oevermann) gerecht zu werden. Programme, die digitalbasiert sind, benötigen eine Ausrichtung an professioneller Dialogfähigkeit von Sozialarbeitenden und Adressat:innen der Sozialen Arbeit, um Handlungsfähigkeit, Selbstbestimmung und Autonomie zu fördern (Stüwe, Ermel, 2019, S. 80). Die Dialogbereitschaft muss sich auch auf die Offenheit von remotearbeitenden Teammitglieder beziehen. Eine zu versachlichte oder distanzierte Kommunikation kann zu Missverständnissen führen und negative Auswirkungen auf die Teamdynamik haben. Im Sinne der digitalen qualitativen Fallreflexionen ist es umso wichtiger, diese Dynamiken zu erkennen und digitale Strategien zu entwickeln, um den fachlichen, menschlichen und kollegialen Kontakt zu stärken. In der digitalen Arbeitswelt sind virtuelle Teamaktivitäten (z.B. Peer Review Sessions für konstruktives Feedback und Feedforward) von zentraler Bedeutung, um Kommunikation und soziale Interaktionen zu fördern. Diese stärken das Vertrauen und ermöglichen den Austausch wertvoller Erfahrungen.

In der Sozialen Arbeit bleibt auch die Beziehungsarbeit ein wesentliches Merkmal der Sozialen Arbeit (Hancken, 2023, S. 72) und ist entscheidend für den Erfolg von alltäglichen Bewältigungsprozessen. Fachkräfte der Sozialen Arbeit müssen in der digitalen Kommunikation professionell und verantwortungsbewusst agieren. Ihre digitale Kompetenz (Vuorikari/Kluzer/Punie, 2022, S. 7) umfasst daher auch die Fähigkeit, eine Balance zwischen Distanz und Nähe in der Kommunikation mit ihren Adressat:innen zu wahren. Aufgabe ist es, die alltägliche Lebenswelt der Adressat:innen fachlich zu analysieren und die Risiken einer Nutzung digitaler Medien angemessen einzuschätzen, als auch zu reflektieren (Stüwe & Ermel, 2023, S. 84). Jeder digitale Beitrag sollte sorgfältig hinsichtlich seiner Wirkung auf die Adressat:innen betrachtet werden (Stüwe & Ermel, 2019, S. 97). Regelmäßige virtuelle Treffen sind notwendig, um eine vertrauensvolle Beziehungsgestaltung mit den Adressat:innen zu fördern. Durch Remote-Tools (z.B. die Nutzung eines gemeinsamen datenschutzkonformen interaktiven Whiteboards) kann eine aktive Beteiligung der Adressat:innen am Prozess ermöglicht werden, was den Austausch von Ideen und Informationen zwischen Adressat:innen und Fachkraft fördert. Zudem ist eine regelmäßige Rückmeldung von Adressat:innen entscheidend, um die Qualität des Unterstützungsprozesses kontinuierlich einschätzen und verbessern zu können.

In Anbetracht der Herausforderungen und Chancen, die die Digitalisierung für die Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit mit sich bringt, ist es notwendig, dass Fachkräfte und Teams ihre digitale Dialogfähigkeit und Zusammenarbeit kontinuierlich weiterentwickeln.


Quellen:

Eßer, Florian/Schröer, Wolfgang (2020): “Agency” und Lebensbewältigung. In: Stecklina, Gerd & Wienforth, Jan (Hrsg.): Soziale Arbeit und Lebensbewältigung. Grundlagen, Praxis, Kontroversen. Weinheim: Beltz Juventa Verlag. S. 362-370.

Hancken, Sabrina Amanda (2023): Beziehungsgestaltung in der Sozialen Arbeit. (2. Aufl.). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Stüwe, Gerd & Ermel, Nicole. (2019). Lehrbuch Soziale Arbeit und Digitalisierung. Weinheim/Basel: Beltz Juventa.

Thiersch, Hans. (2020). Lebensweltorientierte Soziale Arbeit – revisited. Weinheim Basel: Beltz Juventa

Voigt, Daniela (2022): Digitalisierung im Sozial- und Gesundheitswesen: Zukunftsnavigator für Sozial- und Gesundheitswesen. Berlin: Springer Essentials

Vuorikari, Riina & /Kluzer, Stefano & Punie, Yves. (2022). DigComp 2.2: The Digital Competence Framework for Citizens - With new examples of knowledge, skills and attitudes. Verfügbar unter: https://publications.jrc.ec.europa.eu/repository/handle/JRC128415 (Letzter Zugriff: 17.11.2025)