Porträt von Dr. Ulrich Kießling
Dr. Ulrich Kießling

Psychedelika in der Psychotherapie: ihre Geschichte und eine Psilocybin-Selbsterfahrung

von Dr. Ulrich Kießling
07.07.2026 | Gesundheitswesen, Forschung | Gastbeiträge, Schwerpunkte Kommentare (0)

Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann entdeckte 1943 die Wirkung von LSD – ungeplant in einem unbeabsichtigten Selbstversuch. 16 Jahre später, 1959, isolierte er Psilocybin und erprobte es – nun beabsichtigt – an sich selbst. In der Folge haben einige noch heute prominente Autoren und Intellektuelle (Aldous Huxley, Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, Ernst Jünger, Allen Ginsberg, Carlos Castaneda) sowie vergleichsweise wenige Psychiater:innen und Psycholog:innen über ihre Erfahrungen mit Psychedelika berichtet.

Wirklich neu waren die Erkenntnisse auch Mitte des 20. Jahrhunderts nicht. Zeugnisse über die Verwendung von halluzinogenen Substanzen indigener Völker zu schamanischen Zwecken geben Auskunft über den kultischen Gebrauch seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden [i] (Übersicht bei Dyck 2024). Rosenbohm (1991) berichtet über den rituellen Gebrauch halluzinogener Substanzen aus Fliegenpilzen durch sibirische Schamanen; dabei werde die Substanz fast unverändert über den Urin ausgeschieden und dann vom Nächsten zu sich genommen.

Hippie- und New-Age-Bewegung 

Erstmals wurde der psychedelische (im Sinn von bewusstseinserweiterndem) Gebrauch von halluzinogenen Drogen (LSD, Meskalin und Psilocybin) in den 60er Jahren durch Timothy Leary im Zuge der Hippie- und New-Age-Bewegung propagiert. Learys exaltierte Auftritte und sein Mangel an wissenschaftlicher Seriosität führten jedoch (nach Ansicht Dollans 2022) zur Verfolgung des Halluzinogen-Gebrauchs durch die amerikanische Drogenpolitik (LSD-Verbot USA 1966); im Anschluss daran erfolgte das de-facto‑Verbot auch in weiteren westlichen Ländern[ii] (BRD 1971). Das ist insofern erklärungsbedürftig, als die genannten Halluzinogene (anders als z.B. Esketamin und MDMA) keine körperlich süchtig machende Wirkung haben und daher die Einstufung als Drogen im Sinn des Betäubungsmittelgesetzes wenig plausibel erscheint.

In den 50er Jahren wird auch die wissenschaftliche Psychiatrie auf psychedelische Substanzen aufmerksam: Psychiater wie Hanscarl Leuner in Marburg und später in Göttingen glaubten, mit halluzinogenen Drogen Modellpsychosen (1962) induzieren und erforschen zu können. Bis zum Beginn der 70er Jahre entwickelte sich zu diesem Themenfeld ein reger Forschungsbetrieb.

Hoffnung für Therapie von Traumata und Süchten

Vielleicht schon ein paar Jahre früher ist der niederländische Psychiater und Psychotherapeut Jan Bastiaans auf die Idee gekommen, mittels psychedelischer Substanzen die komplexen posttraumatischen Störungen von NS-Lager-Überlebenden psychotherapeutisch zugänglich zu machen, später auch von Trauma-Opfern unpolitischer Genese. Sein prominentester Patient ist vermutlich Yehiel Feiner, der seinen Namen später zu Yehiel De-Nur hebräisierte; unter dem Pseudonym Ka-Tzetnik135633 beschreibt er die LSD-assistierte Therapie bei Jan Bastiaans.

Eine dritte psychiatrische Forschungsrichtung ließ auf die Verbesserung der Wirksamkeit von Suchtbehandlungen hoffen. Diese Tradition hielt am längsten an und führte am weitesten in die Nähe von empirischer Evidenz. Ob die Forschungen in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten (vgl. Abramson 1967) und in Kanada den klinischen Alltag erreichten, habe ich nicht ermitteln können. Ende der 70er Jahre fielen diese Entwicklungen jedoch ausnahmslos der repressiven staatlichen Drogenpolitik zu Opfer. In neuen Studien ist es gelungen, die damaligen Ergebnisse zu replizieren (Mangini 2011), und es kann davon ausgegangen werden, dass (stoffgebunden) abhängigkeitserkrankte Personen von einer psychedelischen Therapie erheblich profitieren können.

Renaissance der Forschung zur Wirkung von Psychedelika

In den letzten Jahren werden aus Frustration über die relative Wirkungslosigkeit von SSRI (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) und SNRI[iii] (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) sowie bestärkt durch das zunehmende Wissen über die Plastizität des ZNS (zentrales Nervensystem) Alternativen zur Behandlung bisher therapieresistenter Depressionen gesucht. Seit 1997 kündigt sich grundsätzlich eine Renaissance der Psychedelischen Forschung an (vergl.Zullino 2022).

An der Johns Hopkins Medical School etablierte sich Anfang des 21. Jahrhunderts ein Forscherteam, das die Wirkung von Psilocybin auf chronisch depressive Menschen erprobt. Psilocybin ist ein natürlich vorkommendes Psychedelikum in bestimmten Pilzen (sog. Magic Mushrooms), das halluzinogene Wirkungen auslöst. Der Wirkstoff fungiert als Prodrug und wird im Körper zu Psilocin umgewandelt. Ein Ergebnis der Forschungen war: Offenbar entfaltet (schon) eine einmalige Gabe von 25 mg synthetisiertem Psilocybin bei vielen der Probanden eine anhaltende antidepressive Wirkung. Gesunde Studienteilnehmende aus den Kontrollgruppen berichten über erstaunlich spirituelle Erfahrungen. Noch erstaunlicher: Bei einer großen Zahl der Beteiligten hält die Wirkung der einmaligen Verabreichung von Psilocybin nicht nur über viele Monate an, sondern führt bei einigen zu dauernden Veränderungen in der Lebensführung.

Hoffnung für chronisch depressive Menschen

Diese Studien sind von Anfang an in einem anspruchsvollen Stichprobendesign als randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt worden. Inzwischen liegt ein Follow-up nach fünf Jahren vor, der bei den erkrankten Personen signifikante und dauerhafte Verbesserungen belegt: Viele Studienteilnehmer:innen hatten seitdem keine depressive Episode mehr. Die FDA (Food and Drug Administration) hat Psilocybin als Wirkstoff schon 2018 im Sinn einer Breakthrough Therapy eingestuft[iv].

Es sind weitere Störungen in die Studien eingeschlossen worden. Dazu gehören Anorexie, Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Depression bei malignen Erkrankungen im Palliativzustand. Auch in Deutschland wurde unter Leitung von Gerhard Gründer eine Studie abgeschlossen (vgl. Mertens et al. 2026). Bei der EPIsoDE genannten Studie erhielten die Teilnehmer:innen ebenfalls 25 mg Psilocybin, jedoch aus methodischen Gründen zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Das Therapiemanual wurde veröffentlicht und ist auf der Homepage des Zentralinstituts für seelische Gesundheit frei zugänglich. Es handelt sich um ein Setting, bei dem stützende Psychotherapie und Musik die Substanzgabe begleiten. Von 2021 bis 2024 wurden 144 chronisch depressive Menschen in einem randomisierten Kontrollgruppensetting behandelt, bei dem aber sichergestellt ist, dass alle Patienten einmal eine therapeutisch wirksame Dosis erhalten (versus geringe Dosis und Placebo).

Meine Entscheidung für einen Selbstversuch mit Psilocybin

Am Anfang meiner Beschäftigung mit psychedelischen Substanzen stand der Film „Aware – Reise ins Bewusstsein“ von Frauke Sandig und Eric Black (englische Originalversion 2020). Der Film zeigt u.a. einen buddhistischen Mönch (Matthieu Ricard), der sein Bewusstsein von innen erkundet, die Wissenschaftlerin Monica Gagliano[v], die die kognitiven Fähigkeiten und das Verhalten von Pflanzen untersucht, den Psychedelika-Forscher Roland Griffiths[vi] sowie den psychedelikaerfahrenen Philosophieprofessor Richard Boothby[vii]; alle reflektieren über ihre speziellen Erfahrungen über die Entstehung des Bewusstseins. Anschließend habe ich alle mir zugänglichen Texte über Psychedelika gelesen und mich schließlich entschieden, einen Selbstversuch zu wagen. Ich stelle im Folgenden die subjektiven Wirkungen meiner Selbsterfahrung mit Psilocybin dar.

24. Mai 2026, 10:40 Uhr: Start des Selbstversuchs

Protokoll Psilocybinselbsterfahrung (mit Begleitung),  24.5.26, 10:40,  Einnahme von 30 g frischen Pilzen Euphorimol™: 11:03 Mein Blick ist auf ein Bücherregal gerichtet, plötzlich bewegt sich ein Buch mitten im Regal wellenförmig (‚Alan und Romy‘). Kurze Zeit später: Bücher tanzen, das eine Regal bewegt sich in sich, die Farben pseudopolarisieren, meine Stimmung ist erwartungsvoll positiv. Mein körperlicher Zustand ist gut. 11:10 Im Musikzimmerregal tanzen Möbel. 11.15 Andy-Warhol-Farbeffekt. Dein  [viii]Gesicht, Pseudopolarisierung (im Garten).  Ein Busch draußen wirkt magisch, farblich verändert, irgendwie strahlend; daraus entsteht die Assoziation: Vielleicht ist es Absicht des Künstlers, dass der Betrachter das Kunstwerk in sich weiterentwickelt [erstes Erlebnis besonderer Evidenz].

Auch die Pferde auf einem Gemälde von Franz Marc tanzen; das sieht stark aus und zugleich weiß ich, dass es sich nur um einen optischen Effekt handelt. Eine Zigarettenschachtel aus Israel (ein Reiseandenken mit hebräischer und arabischer Gefahrenwarnung) tanzt neben dem Buch ‚Archiflops‘; dazu eine neue Assoziation zu Achiflops: Das verlassene Nationalmuseum des Kommunismus in Bulgarien im Gebirge, müsste eigentlich in Sofia stehen, dann könnte es benutzt werden als Kulturhaus oder Theater.

Weitere Assoziation: Ägypter haben ja auch in Assuan Tempel versetzt, um den Nil stauen zu können. Jetzt stauen Äthiopier den Nil und Ägypter finden das Mist [diese Gedanken sind auch ein Effekt assoziativer Lockerung]. 11:25 zusätzlich: die Fähigkeit, Bücher in kubistischer Gestaltung zu sehen; zugleich kann ich zurückgehen und zwischen den Wahrnehmungen hin und her switchen. Ich habe ohne Brille gleichen Effekt, daraus entsteht die Phantasie, dass meine Augen geheilt wären, weitere Phantasie: Meine Augen sind geheilt und ich kann dann durch die Brille nicht mehr sehen.

11:30 Buchrücken fließen von oben nach unten und auch von unten nach oben; bisher noch nicht vorgestellt, das würde verschiedene Probleme sehr erleichtern – wenn ein Fluss nach oben fließen könnte. (Ich komme auf ein Buch, das ich kürzlich gelesen habe) In dem Buch wird beschrieben, dass sich die festen Kausalitäten auflösen. Im depressiven Zustand begreift eine Person, das, was sie sieht, spontan als eine Welt, die sie als positiv annehmen kann.

Auch ich spüre einen solchen besonderen Effekt: Was ich sehe, ist verzaubert und die Gegenwart fühlbar schön. Neuropsychiater:innen vermuten, dass die negative (neuronale) Gedankenspirale gelöscht wird bzw. sich Türen öffnen und neue Verknüpfungen entstehen – vielleicht analog der mentalisation based therapy, bei der du durch das Prinzip des nicht-Wissens einen leichteren Zugang erlebst zur Inneren Welt Deines Gegenübers.

Einsichten: Die Gegenwart kann ungeheuer interessant sein. Ich komme zurück zum Motiv: Depression ist Scheiße, und ich beginne nun fast monologisch und mit starkem Evidenzerleben, fast einem Erleuchtungsgefühl, sehr guter Laune und einem Gefühl des Befreitseins, über verschiedene Themen zu assoziieren / „philosophieren“: verwunderlich, dass die Evolution den depressiven (Abwehr-) Modus nicht ausgemerzt hat. Allmacht des Konzepts „Tod“ über alle anderen existentiellen Denkmöglichkeiten: Der Tod schlägt alle konkurrierenden Möglichkeiten, paranoide-, rationalisierende-, depressive-, süchtige-, suizidale Konzepte der Gegenwartsbewältigung. Der Tod ist machtvoller als alle anderen Optionen. Überlegenheit des Biologischen über das Geistige, der Tod hat die höchste Evidenz …

Ich habe dabei das sehr angenehme und magische (vielleicht hypomane) Gefühl, alles Entscheidende erkennen zu können. Das überlegene Prinzip ist die Bejahung des Augenblicks (gegenüber z.B. einer ängstlich-depressiven Vermeidung; Muttis Ratschläge zur Lebensführung sind abzulehnen). Zunehmend versteife ich mich auf die Überlegung, dass der Tod die höchste Evidenz beanspruchen kann, was mich aber durchaus heiter stimmt (ich kann die Tatsache der Existenz des Todes plötzlich annehmen). Sucht assoziiere ich mit Rausch und magischer Bewältigung.

Ich sehe  ganz deutlich, wie süchtiges Verhalten das Leben beeinträchtigt – aber auch, wie die Freuden des Rausches schwer aufzugeben sind. Ich vermute, auch noch während meiner Reise, dass magische Momente wohl ohne Rausch nur schwer möglich sind – was ich aber annehmen kann. Ich habe weiterhin visuelle Wahrnehmungen, vor allem Farberscheinungen, die Objekten und Pflanzen im Garten eine magische Aura verleihen, ich kann aber zurück zur üblichen Wahrnehmung switchen. Wenn du schlecht gelaunt aufwachst, ...mit negativer Prognose in den Tag gehst. Das Prinzip Glück: Dass du das Misslingen deines Ansinnens nicht von vornherein einprogrammiert hast; du hältst es für möglich, dass du positive oder interessante Erfahrungen machst. Den Augenblick als interessant betrachten; das Zielgerichtete in der Ferne dagegen wird bedeutungslos. Das tatsächlich in diesem Moment vorhandene ist so bedeutungsvoll, dass es lohnt, sich damit zu befassen, es zu betrachten, über den nachzudenken.

(Der Rausch hält ziemlich genau 6 Stunden an. Um 17 Uhr machen meine Begleiterin und ich einen längeren Spaziergang. Ich fühle mich erfrischt und gut gelaunt, ohne Hunger, obwohl ich fast nichts gegessen habe.)

Reflexion des Selbstversuchs und psychodynamische Ideen

Das Protokoll gibt sicher nur in etwa wieder, welche Wirkung Psilocybin in mir entfaltet hat. Mein körperliches Empfinden war über die ganz Zeit gut. Meine belebte Gesichtsfarbe ließ meine Begleiterin einen erhöhten Blutdruck befürchten, was sich als unbegründet herausstellte. Ich möchte mich auf einige – noch sehr vorläufige – psychodynamische Ideen konzentrieren:

1. Die Anmutung des Magischen. Der Rausch geht mit optischen Pseudo-Halluzinationen einher, die sich zu dem Bild verdichten, eine magische Erfahrung gemacht zu haben. Daraus lässt sich die Erfahrung ableiten, man sei aus seinem gewöhnlichen Lebensvollzug herausgetreten, habe den Alltag verlassen und sei in einen Zustand eingetreten, der neue spirituelle Erfahrungen ermöglicht. Eine Weltsicht buchstäblich in anderem Licht ist möglich geworden - ich war mir jederzeit bewusst, dass die neue Erfahrung auf meine geronnenen emotionalen Erfahrungen trifft.

Mit einer Veränderung der Bewertung meiner Lebenserfahrungen habe ich nicht gerechnet, doch während etwa ein Alkoholrausch mit der Verringerung meiner kognitiven Stringenz einher geht, hatte ich nun das Gefühl, dass das Evidenzerleben im kognitiven Wahrnehmungsraum seine Bedeutung behält: Ich weiß, dass meine neuen Einsichten im Zustand der Bewusstseinserweiterung eine besondere Gültigkeit beanspruchen können. Ich bewahre sie auf, denke über sie nach und bin froh, diese Einsichten gewonnen zu haben. Auch drei Wochen nach dem Versuch fühlen sie sich an wie privilegierte, eben magische, Erfahrungen.

2. Die Prägnanz ontologischer Einsichten. Die beeindruckendste Erfahrung war das Gespräch, teilweise auch ein Monolog, an/mit meiner Begleiterin. Ohne zuvor mit der Absicht, diese Selbsterfahrung konkret angestrebt zu haben, gab es einen beherrschenden Impuls, faule Kompromisse in mir aufzudecken, vielleicht Lebenslügen zu widerlegen. Der Tod ist eine Realität und lässt sich nicht austricksen. Zugleich hatte ich die – durchaus heitere Gewissheit – den Tod annehmen zu können. Das Leben möchte nicht berauscht ertragen werden, sondern kann im Hier und Jetzt einer manchmal sogar schönen Gegenwart angenommen werden. Depressive-, paranoide-, süchtige-, suizidale Strategien der Gegenwartsbewältigung oder entsprechende Ideologien sind weniger wirkmächtig, weil die Wirklichkeit nicht mehr geleugnet werden muss[ix]. Diese Antworten auf latente ontologische Fragen mit absoluter subjektiver Evidenz zu erleben, öffnet einen Möglichkeitsraum des spirituellen Eingeweiht-Seins, vielleicht vergleichbar mit der Erfahrung einer erleuchteten Einsicht im Buddhismus. Obwohl mir zu keinem Zeitpunkt im Rausch verloren gegangen ist, dass es sich um eine drogeninduzierte Wahrnehmungserweiterung handelte, ist mein Evidenzgefühl anhaltend und konsistent.

„Keine Bedrohung, sondern andauernde Bereicherung“

Psychodynamisch lässt sich eine Erfahrung hinter der Barriere der Abwehrmechanismen assoziieren, innerhalb derer das Ich so gestärkt ist, dass die Erfahrungen keine Bedrohungen des Selbst oder der Identität darstellen, sondern in gewisser Weise eine andauernde Bereicherung. Von Bewusstseinserweiterung zu sprechen ist insofern keine Floskel, sondern reale Erfahrung.

Der entsprechende Titel des Werks des Schweizer Psychiater Gregor Hasler „Higher Self“ geht über das Metaphorische hinaus. Hasler argumentiert vielmehr, das herkömmliche Psychopharmaka Hirnfunktionen hemmen oder gar blockieren, während Psychedelika zu einer Verbesserung oder Erweiterung neurobiologischer Funktionen führen würden (S. 307).

Psychodynamische Konsequenzen

Mögliche psychodynamische Konsequenzen sind bisher noch nicht vollständig zu überschauen. Mir scheint folgendes essentiell:

  • Menschen mit neurotischen Ängsten kann die Destruktivität ihrer passiv vermeidenden Bewältigungsstrategien emotional erkennbar werden; sie können über ihr Bedrohungserleben hinauswachsen und entscheiden, dass diese ihr Handeln nicht länger bestimmen sollten. Die Erfahrung, dass ich die Realität aushalten kann, bleibt auch nach dem Rausch erhalten; warum sollte ich dann Aspekte der Realität leugnen, wenn ich sie ohne Gefahren für mein Selbstwertgefühl ertragen, manche sogar genießen kann?
  • Depressiv verarbeitende Menschen erleben traumatische Erfahrungen erneut, sind ihnen jedoch nicht mehr hilflos ausgesetzt, sondern können sie im Rausch erneut durchleben und ihnen zugleich neue Perspektiven abgewinnen. Eine Patientin Haslers: „Ich erlebe keinen speziellen Sinn. In diesem Zustand macht mein Leben Sinn, so dass eine Sinnsuche nicht mehr notwendig ist. Vorher war Sinn für mich eine abstrakte Sache. Ich stellte mir vor, dass andere irgendeinmal ihren Sinn gefunden haben. Nun sehe ich: Sinn ist eher ein Geschenk, das man erhält und das alle Sinnfragen auf einmal beantwortet (S.  146)“.
  • Ich habe nach vielen Jahren erstmals an einer Party teilgenommen, ohne Alkohol zu mir zu nehmen und habe diese Erfahrung bereichernd erlebt. Mein subjektiver Eindruck, die Gegenwart mit größerer Offenheit und mit mehr Interesse wahrzunehmen, hält an, wie auch die kognitiven Einsichten, die ich in diesem Experiment erworben habe.

Bei klinischem Setting: Alternative zu konventioneller Medikation

Für die Berliner Psilocybinstudie wurde eine längere tagesklinische Einbindung gewählt[x]. Inzwischen wird Augmentation mittels Psychedelika in Psychotherapien in Deutschland auch außerhalb eines Studiensettings angeboten; allerdings werden enorme Summen auf Selbstzahlerbasis aufgerufen, da es keine Kostenübernahme durch die GKV gibt. In der Schweiz und in den Niederlanden sind solche Angebote schon stärker in die Regelversorgung integriert. In den Niederlanden werden deutschsprachig begleitete Psilocybin-Selbsterfahrungen auch in Retreats angeboten und psychotrope Substanzen aus kontrolliertem Anbau vertrieben, die auch online erworben werden können. Gegenüber konventionellen antidepressiven Medikationen, die in der Regel mindestens über Monate, häufig über Jahre verabreicht werden, ist eine solche Therapie deutlich preiswerter.

Die Risiken liegen vor allem im Missbrauchspotential durch Adoleszente, die die Dynamik von (Mind-) Set und Setting nicht ausreichend beachten. Die Substanz trifft auf eine innere Verfassung und Bedeutungslandschaft, die die Wirkung stark beeinflusst. Zugleich bewirkt auch der (sichere oder unsichere) äußere Rahmen, wie die Substanz wirkt. Die Einnahme in einem Club mit hämmernden Beats bewirkt andere Reaktionen als die Einnahme in einer beschützen Umgebung in Begleitung einer zuverlässigen Begleitperson. Ärztliche Hilfe sollte jederzeit verfügbar sein. Die psychedelische Wirkung lässt sich mit Benzodiazepinen sicher beherrschen. In einem klinischen Setting ist das sichergestellt.

Über den Autor: Dr. phil. Ulrich Kießling, Jg. 1962, Dipl.-Sozialarbeiter/Soziale Therapie, Analytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Familientherapeut und Gruppenanalytiker. Langjährige psychotherapeutische Arbeit an der Schnittstelle von Psychiatrie, Psychotherapie und Jugendhilfe, Supervision im klinischen und im Jugendhilfebereich, zurzeit als Psychotherapeut in Berlin. Kontakt: ulrich-kiessling@t-online.de. Er sagt: „Ich hätte nicht gedacht, dass eine einmalige Psilocybineinnahme in mir so nachhaltige innere Prozesse anstößt, die mich weiterhin inspirieren, neue Wege zu gehen.“


[i]Dyck zeigt ein altägyptisches Fries, auf dem eine zeremonielle Übergabe von Psilocybin-Pilzen dargestellt wird (S. 19).

[ii]Sein Buch: ‚Politik der Ekstase‘ war 25 Jahre von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert.

[iii]Neue und bessere Behandlungsansätze gegen Depressionen werden dringend benötigt. Die Ergebnisse einer aktuellen Studie zeigen, dass der in bestimmten Pilzen vorkommende Wirkstoff Psilocybin eine bedeutsame antidepressive Wirkung haben kann. Wichtig für Erfolg und Sicherheit der Behandlung ist die Einbettung in eine psychotherapeutische Vor- und Nachbereitung. Lauer (Pressemitteilung des ZI).

[iv]   FDA. gov. Office of the Commissioner, 4. Januar 2018.

[v]Professorin für Evolutionsökologie an der Southern Cross University in Lismore, Australien. Leiterin des Labors für Biologische Intelligenz.

[vi]Professorin für Evolutionsökologie an der Southern Cross University in Lismore, Australien. Leiterin des Labors für Biologische Intelligenz.

[vii]Professor an der Layola-Unversität Maryland.

[viii]Ich werde von meiner Ehefrau begleitet.

[ix]Das Thema weltweiter Genozide war mir im Rausch nicht bewusst und ist aus den Reflexionen die Psilocybinwirkung  ausdrücklich ausgenommen, wie auch die Realität der Klimakrise.

[x]Die Ovid Klinik in Berlin Friedrichshein bietet Aufenthaltsdauer von 4-12 Wochen für Privatversicherte und Selbstzahler.

 

Literatur

Harold A. Abramson (Ed., 1967): The Use of LSD in Psychotherapy and Alcoholism, Indianapolis: Bobbs Marrill

Bastiaans J (2000) The use of hallucinogenic Drugs in Psychosomatic Therapy. In: Schlichting, M. (Hg.). Welten des Bewusstsein Pränatale Psychologie und psycholytische Therapie, Bd 10, Berlin: Verlag Wissenschaft und Bildung

Robin L Carhart-Harris, Leor Roseman, Mark Bolstridge, Lysia Demetriou, J Nienke Pannekoek: Psilocybin for treatment-resistant depression: fMRI-measured brain mechanisms. In: Scientific Reports. Band 7 Nr. 1 2017

Alan K. Davis, Meghan A. Della Crosse et al. (2025):  Fife-year outcomes of psilocybin- assisted therapy for Major Depressiv Disorder in:  Journal of Psychedelic Studies, 9. Jahrg., Heft 4, S. 320-329 https://doi.org/10.1556/2054.2025.00461

Erika Dyck: Rausch. Eine Kulturgeschichte der Psychedelika, Bern: Haupt

Guy M.Goodwin, Scott T.  Aaronson, Oskar Alvarez, P. C. Arden, Aron Baker, James C. Bennett, ... Ekaterina Malievskaia (2022): Single-dose psilocybin for a treatment-resistant episode of major depression . New England Journal of Medicine, 387(18), 1637 – 1648

Roland R. Griffiths, William A. Richards, Una D. McCann, Robert Jesse: Psilocybin can occasion mystical-type experiences having substantial and sustained personal meaning and spiritual significance, Psychopharmacology, 2006, Band 187, Ausgabe 3, S. 268–283.

Stanislav Grof (dt. 1978): Topographie des Unbewußten. LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. (Erstverö. 1975), mit Joan Halifax, Stuttgart Klett-Cotta   original:

Carhart-Harris, R., Giribaldi, B., Watts, R., Baker-Jones, M., Murphy-Beiner, A., Murphy, R., … Nutt, D. J. (2021). Trial of psilocybin versus escitalopram for depression. New England Journal of Medicine, 384(15), 1402–1411

Georg Hasler (2022): Higher Self: Psychedelika in der Psychotherapie, Stuttgart: Klett Cotta

Aldous Huxley  (1954, dt. 1954): Die Pforten der Wahrnehmung. org. The Doors of Perception

Albert Hofmann (1979): LSD – Mein Sorgenkind. Die Entdeckung einer "Wunderdroge" , Stuttgart: Klett Cotta

Ernst Jünger (2008): Annäherungen Drogen und Rausch, Stuttgart: Klett Cotta

Ka-Tzetnik135633 (1994): Ich bin der SS-Mann. Eine Vision, München: Piper

Torsten Lauer (ZI Referat Kommunikation und Medien 2026): Psilocybin mit Psychotherapie zeigt bedeutsame Wirkung bei behandlungsresistenten Depressionen  https://idw-online.de/de/news867877

Hanscarl Leuner (1962): Die experimentelle Psychose. Ihre Psychopharmakologie, Phänomenologie und Dynamik in Beziehung zur Person. Berlin: Springer

Timothy Leary (1970): Politik der Ekstase. Hamburg: Wegener 

Mariavittoria Mangini: Treatment of alcoholism using psychedelic drugs: a review of the program of research. In: Journal of Psychoactive Drugs. Band 30, Nr. 4, 2011, S. 381–418, https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/02791072.1998.10399714

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Alexandra Rosenbohm (1991):Halluzinogene Drogen im Schamanismus. Mythos und Ritual im kulturellen Vergleich, Berlin: Dietrich Reimer

Ahmad Hammo, Stephen Wisser & Joseph Cichon (2025): Single-dose psilocybin rapidly and sustainably relieves allodynia and anxiodepressive-like behaviors in mouse models of chronic pain, in: Nature Neuroscience, volume 28, pages 2285–2295 (2025) https://www.nature.com/articles/s41593-025-02068-0

Daniele Zullino (2022):Vom rituellen Gebrauch zum pharmakologischen Einsatz: Die psychedelische Renaissance https://www.universimed.com/ch/article/psychiatrie/die-renaissance-176374

Frauke Sandig und Eric Black (2020):„Aware – Reise in das Bewusstsein“ (2020), Dokumentarfilm


Quelle: Ein Gastbeitrag von Dr. Ulrich Kießling



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