„Mir fehlt einfach jemand zum Reden“
Altwerden: Betrachtungen zu Altersdiskriminierung und Ageismus in Deutschland
In diesem Beitrag unternehme ich den Versuch, die gesellschaftlichen Dimensionen unserer „älter werdenden Gesellschaft“ - und was darunter verstanden wird - genauer zu betrachten. Altersdiskriminierung: das ist mehr als eine Beleidigung, aber ist eine Beleidigung nicht schon genug?
Viele wissen: Altersdiskrimierung ist gesetzlich verboten. Jede 10. Beratungsanfrage bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Jahr 2020 fand zum Thema Alter statt. Altersdiskriminierung wird in ihren spezifischen Ausprägungen von Robert Butler auch als „ageism" bezeichnet. Dies findet statt, wenn Menschen aufgrund ihres Alters im sozioökonomischen und gesellschaftlichen Leben benachteiligt sind. Aber der Begriff Ageismus („ageism" – von Butler angelehnt u.a. an „racism" (Rassismus)- kann nicht generell für Altersdiskriminierung stehen, sondern bezieht sich auf alltägliche, auch einmalige und gezielte Diskriminierungen von älteren Menschen.
Altersdiskriminierung beim Eintritt ins Rentenalter
Der Alltag ist schon hart genug, aber am stärksten wirkt das Diskriminierungsverbot innerhalb des Arbeitsrechts. Es soll zukünftig in Bezug auf Diskriminierung aufgrund von Alter gesetzlich nachgeschärft werden. Dies im Besonderen beim Thema Personalbesetzung und Stellenausschreibungen.
Bei einer repräsentativen europäischen Studie gab die Mehrheit der Befragten an, dass ihrer Meinung nach ein Mensch am häufigsten wegen seines Aussehens diskriminiert werde. Am zweithäufigsten aufgrund von Ageismus. Es geht hier um die Einschätzung der Leistungsfähigkeit (die Annahme, diese sei geringer als bei jungen Menschen), weniger Fort- und Weiterbildungsangebote und der Marker „Renteneintrittsalter" spielt als berufsbiografische Ziellinie eine Rolle. Es sind nicht nur Begriffe, es sind wirkliche Hemmnisse, die sowohl Betriebe, wie auch ältere Mitarbeitende bremsen, ihre beruflichen Fähigkeiten anzuwenden und sich gesamtgesellschaftlich weiterhin einzubringen. Die Stimmen werden lauter, denn zunehmend mehr Menschen im Rentenalter müssen und wollen weiterhin erwerbstätig sein.
So fehlt auch häufig eine wirkliche Verabschiedungskultur beim Übergang vom Beruf in die Rente und auch das Bewusstsein über die Bedeutung für die betroffenen Personen. Zum Thema Verabschiedung finden sich auch im beruflichen Feld viele Fallstricke und auch diskriminierende Anteile. Nehmen wir die Verabschiedung in den Ruhestand, gern tituliert als „Unruhestand". So können Mitarbeitende vom Vorgesetzten gern mit den Floskeln „nun ist viel Zeit für Haus, Reisen, Garten und die Enkelkinder" in die Rente geschickt werden, was wahrlich auch in den meisten Fällen passend und gar nicht zu kritisieren ist. Man ist froh, nicht mehr arbeiten gehen zu MÜSSEN. Es ist mehr Zeit da, wenn die eigene Gesundheit und die meines engen familiären Umfelds dies erlauben, meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Für diejenigen, die diesen neuen Lebensabschnitt mit beruflicher Neu-Ausrichtung verbinden und gezielt planen, sei es eine Freiberuflichkeit oder Ähnliches, erleben vom Kollegium vielleicht doch eher Kopfschütteln als Verständnis? Was sind die Beweggründe für Senior-Expert:innen und für die Unternehmen? Sie sind gewiss vielfältig und ich wage zu behaupten, dass in MINT-Berufen die Expertise der Älteren weitaus mehr anerkannt wird als in anderen Bereichen. Es geht um ihr Wissen, ihre Vitalität, den Blick von außen (von jemandem, der lange innen war) und nicht zuletzt um Selbstwirksamkeit. Das „lebenslange Lernen" – für viele Mitglieder der Gesellschaft gelebte Realität. Aber längst nicht für alle.
Hat man sich in die Rente verabschiedet, so können VHS-Kurse, Bildungsreisen und kulturelle Veranstaltungen für viele Menschen zu kostspielig werden. Bevor wir aber zu den Folgen von Altersarmut gehen, lassen Sie mich ein Gedanken-Experiment wagen:
Warum gibt es keine Entlassfeiern für ältere Menschen? Oder doch?
Es spiegeln sich in diesem Konstrukt meine Meinungen wider und ich erhebe keinen allgemeinen Wahrheitsanspruch. Aber, ich wage den Vergleich zum Umgang mit dem Thema Übergänge von älteren Menschen mit den Übergängen, die die Jüngsten in unserer Gesellschaft durchleben. In meinem ersten Beitrag zum Thema „Altwerden" mit dem Titel „Gekommen, um zu bleiben" habe ich die Übergänge von Kindern in die Kindertageseinrichtung dem Einzug in ein Seniorenheim gegenübergestellt. Und einige Parallelen gefunden.
Und hier bei einer Entlassfeier finden sich, wie ich finde, einige Ähnlichkeiten für beide Generationen, aber unterschiedliche Umgänge:
Nehmen wir die Entlassfeier aus der Grundschule als Beispiel und begeben uns zunächst in die Aula:
Die Entlassfeier der Viertklässler stellt ein wichtiges und meist feierliches Ritual dar, es gibt Halt, es lässt Erinnerungen an den Anfang entstehen (wie ich/wir damals Schulkind wurden – und wo stehen wir jetzt) und sie richtet den Blick auf das, was kommt. Neue Kinder, neue Lehrkräfte, neue Räume. Viele Unwägbarkeiten kommen auf die Kinder und die Eltern zu. Eine Art von Storytelling, was hier von statten geht. Die Abschlussfeier bietet auch schließlich den Lehrkräften Gelegenheit, sich gebührend zu verabschieden, viel Bindung ist entstanden, viel hat man gemeinsam geschafft. Die Einhaltung von Ritualen für die Beendigung dieses Lebensabschnittes ist wichtig, darin ist man sich einig.
Aber, was ist mit einem neuen Lebensabschnitt bei Senioren und Seniorinnen? Hier nehmen wir mal ein Beispiel:
Frau Schnell [Name anonymisiert], eine Seniorin, die selbständig 10 Jahre in ihrem Appartement im Servicewohnen gelebt hat, muss in den stationären Pflegebereich innerhalb der Einrichtung wechseln. Ihr Gesundheitszustand hat sich verschlechtert und die Pflegebedürftigkeit ist schnell angestiegen. Ihre Sachen werden gepackt, ein professioneller Entrümpler unterstützt bei der Entsorgung der Möbel, sie kann nur eine Kommode und einen Sessel und einige persönliche Gegenstände mit holen. Es dauert zwei Tage und die Dame befindet sich im Wohnbereich auf ihrem Zimmer. In vollkommen neuer Umgebung. Es war nötig, dass es so schnell ging, schließlich muss das frei gewordene Zimmer im stationären Bereich schnell belegt sein. Sie hatte noch einigen Mitbewohnenden in den anderen Apartments „Auf-Wiedersehen" gesagt, aber die Ansprechperson für das Assistenzwohnen ist im Urlaub und hat den Abschied nicht begleiten können. Die Enkelin als einzige Angehörige von Frau Schnell hatte keine Zeit, ihre Großmutter zu unterstützen.
In diesem Fall wird es sicherlich keine Abschiedsfeier geben. Es ist Bindung entstanden, ein Wohnen Tür an Tür mit vertrauten Gesichtern und auch Personal, dass ausschließlich im Bereich des Servicewohnen arbeitet. Was Frau Schnell im stationären Pflegebereich nicht wieder begegnet, die Größe der Einrichtung führt Distanz und getrennten Arbeitsfeldern. Es ist keiner da, der in diesem Fall den Abschied etwas leichter machen kann und sich auch selbst nicht angemessen von ihr verabschieden kann.
Nun, jemand muss ins Pflegeheim, das bedeutet für die meisten: Es ist nun einfach so weit, die Person muss 24 Stunden betreut werden, das ist der Lauf des Alters. Wofür ein Ritual? Schon in den ersten Tagen wird die Dame im obigen Fallbeispiel sich mit ca. 10 neuen Personen -was nur das Personal betrifft- vertraut machen müssen, viel gesagt bekommen und sich räumlich komplett neu orientieren. Es ist ein neuer Lebensabschnitt, der ebenso wichtig ist, wie es für die Kinder ist. Für die Angehörigen, Freunde und nicht zu vergessen für die Care-Arbeitenden, die Profis und auch Ehrenamtlichen. Gehe ich zu weit mit dem Gedankenexperiment?
Altersarmut und ihre möglichen Folgen
Gehen wir nochmal in eine Senioreneinrichtung hinein: Warum besuchen Firmen mit überteuerten Kleidungsstücken Seniorenheime? Es wird sozialer Druck ausgeübt, auf diejenigen, die hier nicht mehr mithalten können und auch untereinander? Wie lange kann ich mir Fußpflege und Friseur noch leisten? Oder das Stück Torte im Café? Die Altersarmut ist sehr leise, sie findet als sozialer Rückzug statt und geht einher mit abnehmender Mobilität, denn selbst diese - die Mobilität in Form von Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und technische Mobilitätshilfen werden immer teurer.
Zur Altersarmut gehört auch die Mütterrente, die derzeit heftig diskutiert wird. Was kann (sich) der Staat leisten? Care-Arbeit war und ist Arbeit, die nicht bezahlt wird und die sich im Alter als wirkliche Armutsfalle offenbart. Die viele Frauen trifft und die Empfängerinnen von Mütterrente. Das Steuerrecht, insbesondere das Ehegattensplitting, Mitversicherungsmöglichkeiten von Ehepartnern und auch die Minijobs, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden, stehen vor Reformen. Das Rentensystem ohnehin. Wir müssen uns wappnen für den großen Schwarm der rüstigen Babyboomer, die bald in Rente gehen. Zahlen zeigen, dass viele länger arbeiten möchten und müssen, als prophezeit wird. Aber es macht etwas mit den Betroffenen, es entsteht Scham, der an dieser Stelle nichts zu suchen hat.
Es bleibt zu hoffen, dass die heutige Generation der älteren Menschen einen Wandel bewirkt, nicht zuletzt, weil sie es tun muss. Wer kann besser gegen die strukturelle Altersdiskriminierung vorgehen, als diejenigen, die bald in Rente gehen? Die doch zu einem großen Teil noch bessere Renten erhalten, als die Menschen in der Mitte ihres beruflichen Tuns, sagen wir mal die Altersgruppe der Mittdreißiger bis Mittvierzieger?
Hinzu kommt: Care-Berufe (Pflege, Rehabilitation, Erziehung, Eingliederungshilfe, Soziale Arbeit) gelten als Zukunftsberufe.
Noch immer arbeiten mehr Männer bezahlt als Frauen es tun. Der Anteil von Frauen, die unbezahlt arbeiten bewirkt die gesellschaftliche Schieflage, in der wir leben und arbeiten.
Schließlich wird der Erhalt von Gesundheit und die Stärkung von Prävention -insbesondere im Alter- immer wichtiger. Gleichwohl darf Prävention nicht zu spät ansetzen und muss alle Altersstufen im Blick behalten. Und eine erste Maßnahme sollte sein, dass alle den Auftrag in sich sehen, gegen Vereinsamung etwas zu tun und sich einzusetzen (Nachbarschaft). Denn die Vereinsamung betrifft auch viele jüngere Menschen, auch gut Verdienende - nicht nur altersarme, kranke und behinderte Mitglieder der Gesellschaft.
Die Gesellschaft und das Älterwerden
Das Bewusstsein für die spezifischen Bedürfnisse älterer Menschen, aber auch die Bekämpfung von Ableismus und anderer Formen von Diskriminierungen wächst. Sie steigt an, während politische, ideologische und wirtschaftliche Umwälzungen immer wieder für Spaltung sorgen.
Unsere älter werdende Gesellschaft ist und bleibt eine soziale und medizinische Herausforderung, dies kann nicht beschönigt werden. Sie gerät aber immer stärker in das Blickfeld von Forschung und Wissenschaft und damit auch der Politik.
Es mag sein, dass Vieles beschleunigt werden könnte und Erkenntnisse schneller umgesetzt werden sollten. Insbesondere in der geriatrischen Versorgungslandschaft, in der Teilhabe für Menschen mit Behinderungen, in der palliativen und psychiatrischen Behandlung und Begleitung.
Alter ist kein Mangel, sondern eine eigenständige und den anderen Altersstufen gegenüber gleichberechtigte Lebensphase, die ihre spezifischen Bedürfnisse hat.
Das Verbundprojekt „Zukunft.Alter-Verbundmaster Angewandte Gerontologie" hat von 2026-2020 mit Hilfe von Fördermitteln des Landes Baden-Württemberg und des Europäischen Sozialfonds bedeutende Ergebnisse erzielt, die eine Professionalisierung in der Gerontologie erzielen und somit auch gegen Diskriminierung im Alter wirken können.
Eine Aussage des Projekts halte ich für besonders wichtig und diesen gebe ich gern in die Diskussion:
"Ein wesentliche Kennzeichen von Gerontologie ist die Offenheit für Interdisziplinarität."
Altersinklusive Kulturen – dies fordern Wissenschaftler wie Dr. Laura Naegele. Ein vielleicht steiniger Weg, eine ideologische Neuausrichtung, der vor unserer älter werdenden Gesellschaft und vor uns allen liegt. Viel weniger prägt der Begriff „Leistungsgesellschaft" noch das Narrativum, stärkeres Gewicht erhalten nun Diversität und Diversity Management, sowohl Chance als auch Notwendigkeit in unserer sich rasch verändernden Gesellschaft, die zunehmend um ihre demokratische Freiheit kämpfen muss. Im pädagogischen Sektor, in der Bildung, nimmt man hier gern die Zuschreibung „generationenübergreifend" zur Hand. Öffentliches Engagement zeigt auch das zivilgesellschaftliche Engagement, wie der Verein Demographie Netzwerk e.V. oder Silbernetz, eine Initiative, die mit Menschen ab 60 gegen ihre Einsamkeit mit zielgerichteten Angeboten (u.a. Hotline) arbeitet.
Nun auch, im vierten Teil der Reihe „Altwerden" zieht es sich wie ein roter Faden durch meine Beiträge: Wer oder was sind denn die Lobby für ältere Menschen, wie sieht sie aus, was bewirkt sie? Oder, warum ist sie nicht laut genug? Ein langer Atem scheint hier nötig zu sein. Die Bemühungen für eine internationale Konvention für die Rechte älterer Menschen, die im Rahmen des Menschenrechtsrats (MRR) der UN auf den Weg gebracht werden sollen, brauchen deutliche Stimmen der Unterstützung.
Und nicht zuletzt ist es auch eine kulturelle Herausforderung, für das Wohl der Menschen im Alter einzustehen, denn die Verbesserung von Lebensqualität und Zusammenhalt gilt für alle in der Gesellschaft und für alle Generationen. Wenn wir einander mehr verstehen wollen, braucht es Kultur und Begegnung. Um Diskriminierung zu bekämpfen und nicht zuletzt die Herausforderungen in der Gegenwart und der Zukunft zu bewältigen.
Wer weiß, womöglich findet sich der Stein der Weisen nur mit sehr weitem Blick...




