Zwischen Helfen und Überforderung: Angehörige unter Druck
Vier Reaktionen, die eine Messie-Situation unbeabsichtigt verschärfen
Wenn Angehörige mich anrufen, fällt fast immer derselbe Satz: „Ich weiß nicht mehr weiter." Meist liegen Jahre hinter diesen Menschen. Sie haben geredet, geräumt, gedroht und wieder geräumt. Die Wohnung sieht danach für ein paar Wochen anders aus. Dann füllt sie sich erneut.
Als Aufräumcoach begleite ich Betroffene und ihre Familien in solchen Situationen. Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit, der Altenhilfe und der rechtlichen Betreuung treffen auf dieselben Familien. Vorwiegend geschieht das an dem Punkt, an dem alle Beteiligten erschöpft sind. Wer die typischen Reaktionsmuster kennt, kann Angehörige früh entlasten.
Warum gute Argumente ins Leere laufen
Pathologisches Horten gilt in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) als eigenständige, zwangsverwandte Störung. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen ist etwa jeder 22. Mensch in Deutschland betroffen. Bei älteren Menschen liegt der Anteil mit 6,2 Prozent deutlich höher als bei jüngeren mit 2,3 Prozent. Etwa die Hälfte der Betroffenen hat zugleich eine depressive Erkrankung.
Für Angehörige zählt ein Detail der Diagnose besonders: Die ICD-11 unterscheidet zwischen Horten mit guter und mit geringer Einsicht. Bei geringer Einsicht halten Betroffene ihre Sicht auf die Gegenstände durchgehend für richtig. Andere Erklärungen prallen ab.
Genau daran scheitern die meisten Familiengespräche. Dazu kommt die Scham. Ein Satz wie „So kann man doch nicht leben“ genügt, damit sich jemand weiter zurückzieht. Angehörige meinen solche Sätze selten verletzend. Bei Betroffenen kommen sie hingegen als Beweis an, versagt zu haben.
Vier Reaktionen sollten Angehörige besser vermeiden
Erste Reaktion: Fristen setzen
„Bis Ostern ist das hier leer.“ Solche Sätze höre ich in fast jeder Familie. Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar. Wer jahrelang vertröstet wurde, will endlich ein Datum. Für Betroffene bedeutet eine Frist Kontrollverlust. Sie sollen in wenigen Wochen Hunderte Entscheidungen treffen, für die ihnen die Kraft fehlt. Die häufigste Antwort darauf ist Schweigen. Die Folge: Der Termin verstreicht, und die Familie hat einen Konflikt mehr. Besser wirkt die umgekehrte Reihenfolge: erst ein winziger gemeinsamer Schritt, dann der nächste Termin. Eine Schublade gemeinsam aufzuräumen schafft mehr Vertrauen als ein leeres Zimmer.
Zweite Reaktion: heimlich räumen
Viele Angehörige nutzen einen Krankenhausaufenthalt oder eine Kur des Betroffenen, um dessen Wohnung leerzuräumen. Aus ihrer Sicht ist es ein Geschenk. Die Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen bewertet solche Aktionen deutlich strenger: Umfangreiche Aufräum- und Entsorgungsaktionen ohne Absprache seien zwar gut gemeint, würden von Betroffenen wegen der engen Bindung an ihre Gegenstände aber meist als massiv belastend oder sogar traumatisch erlebt. Nicht selten sähen die Wohnungen deshalb kurze Zeit später wieder aus wie zuvor.
Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Nach solchen Aktionen bricht das Vertrauen zur Familie ab, oft für Jahre. Die Wohnung füllt sich jetzt sogar schneller als vorher, weil das Sammeln nun zusätzlich Sicherheit zurückholen soll. Wo eine Entrümpelung unvermeidlich ist, braucht die betroffene Person die Kontrolle über den Ablauf und das Recht, Anweisungen zu geben.
Dritte Reaktion: alles selbst übernehmen
Die Tochter sortiert die Post, der Sohn zahlt die Rechnungen. Eine Schwester fährt jedes zweite Wochenende zum Aufräumen hin. Kurzfristig funktioniert das. Langfristig übernimmt die Familie die Verantwortung für einen Alltag, den die betroffene Person dadurch nie wieder selbst zu führen lernt. Angehörige geraten in eine Rolle, aus der sie kaum herauskommen, ohne dass sofort alles zusammenbricht. Viele beschreiben mir genau diesen Punkt als ihre eigentliche Erschöpfung. Ein Ausweg beginnt klein: zunächst eine einzige Aufgabe zurückgeben, etwa das Öffnen der Post, gemeinsam an einem festen Termin in der Woche.
Vierte Reaktion: Rückzug
Wenn nichts mehr hilft, brechen manche Angehörige den Kontakt ab. Der Schutz der eigenen Kräfte hat seine Berechtigung. Für Betroffene fällt damit jedoch die letzte Verbindung nach außen weg. Nach dem Erklärungsmodell von Steketee und Frost stehen am Anfang der Erkrankung oft Verluste und fehlende emotionale Zuwendung. Gegenstände treten dann an die Stelle von Kontakten. Ein Rückzug der Angehörigen verstärkt genau diesen Mechanismus.
Tragfähiger bleibt Kontakt ohne Wohnungsthema, etwa ein Telefonat pro Woche oder ein Kaffee außer Haus. So bleibt die Beziehung erhalten und der Streit pausiert.
Was Fachkräfte konkret anbieten können
Angehörige brauchen als ersten Schritt eine Einordnung. Die Information, dass hinter der überfüllten Wohnung ein anerkanntes Störungsbild steht, nimmt Schuld aus dem Familiensystem und macht Beratung überhaupt erst möglich. Steht zudem der Verdacht auf eine Depression im Raum, sollte der Hausarzt früh hinzugezogen werden.
Beim zweiten Schritt entscheidet die Auswahl der praktischen Hilfe über den Erfolg. Eine reine Entrümpelung leert Räume und lässt die Ursache unberührt. Familien brauchen eine Begleitung, die aussortiert statt zu räumen; die im Tempo der Betroffenen arbeitet und die Entscheidung über jeden Gegenstand bei ihnen belässt. Drei Fragen klären das vorab:
- Wird aussortiert oder nur geräumt?
- Wer entscheidet am Ende, was bleibt?
- Wie wird Diskretion gegenüber Nachbarn und Vermietern gesichert?
Der erste Schritt kostet nichts
Außerdem gehört eine ehrliche Erwartungssteuerung dazu. Veränderung dauert Monate. Diese Information gehört an den Anfang der Beratung, sonst folgt der nächste gescheiterte Kraftakt. Angehörige selbst dürfen dabei eigene Unterstützung annehmen, etwa in einer Selbsthilfegruppe. Eigene Entlastung macht das nächste Gespräch ruhiger.
Angehörige, die zu mir kommen, erwarten meist einen Plan für die Wohnung. Ich frage sie zuerst nach dem letzten Gespräch, in dem Ordnung keine Rolle spielte. Viele überlegen lange. Genau dort liegt der Anfang. Wer den Menschen wieder erreicht, erreicht später auch die Wohnung.
Über den Autor: Abdullah Polat ist Aufräumcoach und Gründer von Messie Austria und Messie-Bayern. Er begleitet seit Jahren Menschen in schwierigen Wohn- und Lebenslagen. Sein Schwerpunkt liegt auf der Verbindung von praktischem Aufräumservice und persönlicher Begleitung. Gemeinsam mit seinem Team schafft er neue Strukturen und hilft Betroffenen wie Angehörigen, den Alltag langfristig zu verändern. Er sagt: „Was mir am Herzen liegt: Angehörige scheitern nicht daran, dass sie zu wenig helfen. Sie helfen in der falschen Reihenfolge. Wer zuerst die Beziehung rettet, erreicht später auch die Wohnung.“
Kontakt für Rückfragen: info@messieaustria.at
Quellen
Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V.: Pathologisches Horten. Autorin: Dr. Anne Katrin Külz, Freiburg. zwaenge.de/spektrum/pathologisches-horten
ICD-11 der WHO, Kategorie 6B24, Unterscheidung 6B24.0 gute Einsicht und 6B24.1 geringe Einsicht.
Külz, A. K. / Voderholzer, U.: Pathologisches Horten. Hogrefe, Göttingen 2018.




