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©hypotekyfidler.cz/97344615/Fotolia.com
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„Wir sind doch keine Cyber!“

Wie kann es gelingen, Lernen und Arbeiten in einer zunehmend digitalen Welt human zu gestalten? Sind wir bedroht, von technisch reduzierten IT-Lösungen überrollt zu werden? Auch in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft wird sich diese Frage in Zukunft verstärkt stellen. Welche Entwicklungen gibt es? Was kommt auf uns zu? Und wie gestaltbar sind die Prozesse? Der Versuch einer Standortbestimmung.

Dr. Mane Huchler hatte nach seinem Studium 1989 begonnen, mit Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe gemeinsam Fernsehen zu gestalten. Zehn Jahre später entschied er sich, elektronische Lern- und Informationsmedien partizipativ zu entwickeln. Seine wegweisenden elektronischen Systeme werden seit zwei Jahren auf der didacta mit dem eLearning AWARD gefeiert. In zwei Wochen wird ihm auf der didacta 2017 nun zum dritten Mal diese Auszeichnung überreicht. Sozial.de sprach mit ihm über eine voranschreitende Digitalisierung von Qualifizierungswelten und deren Bedeutung für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft.

Dr. Huchler, zuweilen stößt digitaler Fortschritt bei Menschen in sozialen und pflegerischen Berufen auf ziemlich zurückhaltende Reaktionen.

Dr. Huchler. Stimmt, die Technikaffinität ist nicht so ausgeprägt wie in anderen wirtschaftlichen Bereichen. Aber auch in den sozialen Arbeitsfeldern spielt Technik, und vor allem die Internettechnologie, mittlerweile eine viel größere Rolle als noch vor 15 Jahren. Die Zeiten, in denen die Überzeugung herrschte: „Brauchen wir nicht“, sind definitiv vorbei. Überlegen Sie nur einmal, welche Rolle das Handy in der Flüchtlingshilfe heute hat. Hätten soziale Fachleute heute keine medientechnischen und -medienpädagogischen Kenntnisse, könnten Sie kaum in Kontakt mit ihren Klienten kommen. Die moderne Kinder- und Jugendhilfe hat heute enorme medienpädagogische Anteile. Der Einsatz von internetgestützter Technik wird die Pflege und die Gesundheitswirtschaft in zunehmendem Maße in den kommenden Jahren revolutionieren. Die Pflege 4.0 kommt und auch die Soziale Arbeit 4.0. Das werden wir nicht mehr ändern.

Zugleich hat sich die Bedienung von Technik heute durch das Internet enorm vereinfacht. Und wir haben ja mittlerweile fast alle mit unserem Handy oder dem einen Hochleistungscomputer in der Tasche. Wir sind heute vertrauter und geübter in der Nutzung von mobiler Internettechnologie. Warum also nutzen wir unsere elektronischen Begleiter im Alltag nicht auch besser, um uns für neue berufliche Herausforderungen fit zu machen?

Man muss aber auch Schritt mit einem doch sehr zügigen Entwicklungstempo digitaler Lernmedien halten können. Erst vor wenigen Jahren fand das E-Learning seinen Weg in die Lernwelten der Pflege und sozialer Arbeitsfelder. Sie selbst arbeiten mit Ihrer Firma bereits an der Generation adaptiver Lern- und Informationssysteme. Sind E-Learning-Systeme bereits überholt?

Dr. Huchler: E-Learning meint erst einmal nichts anderes als elektronisch unterstütztes Lernen, im weitesten Sinne kann man von medienunterstütztem Lernen sprechen. Mit Hilfe von Lernsoftware können Nutzerinnen und Nutzer zu Hause am PC lernen, ohne auf das Wissen eines persönlich anwesenden Lehrers zurückgreifen zu müssen. Das System passt sich im besten Falle an die Lerngeschwindigkeit des Lernenden an, merkt sich Lernlücken und das, was schon gut gelernt wurde. E-Learning verstehen wir als Teil des adaptiven Lernens, das jedoch noch mehr kann, weil es konsequenter nutzerorientiert ist. Klassische E-Learningprogramme lehren jedem am Computer das Gleiche und derjenige der lernt, tut das im stillen Kämmerlein. So wird aber nicht mehr das Lernen unserer Zukunft aussehen.

Die Idee des adaptiven Lernens meint, dass man konkrete Lerninhalte zielgerichtet auf die Nutzerin oder den Nutzer abstimmt. Das ist elektronisch durch das mobile Internet möglich geworden. Mobiles Internet ist nicht nur sozial, schicht- und kulturunabhängig. Es eröffnet uns auch die Möglichkeit, überall da, wo wir sind, zu lernen: allein, zu zweit oder in kleinen und großen Gruppen. Adaptive Lernsysteme berücksichtigen, ob die Lernenden am Handy, Tablet oder Computer sitzen oder ob per Beamer Lerninhalte präsentiert werden. Lerninhalte werden auf Bedürfnisse und Vorkenntnisse zugeschnitten, Lernschritte können individuell hinein- oder herausgenommen werden.

Lauert da nicht die Gefahr von Big Data?

Dr. Huchler: Wir brauchen dafür nicht möglichst viele Daten vom Lernenden, also Big Data. Vielmehr geht es beim adaptiven Lernen darum, viel Inhalt und wenig Daten herunter zu brechen auf das, was für Lernende in dem Moment, an dem Ort, wo sie lernen und für die Intension, mit der sie lernen, gerade wichtig ist. In unserer heutigen Informations- und Wissensgesellschaft geht es doch eher um Reduktion von Wissen und darum, es gezielt dort abrufen zu können, wo ich es brauche. Natürlich kann man darüber streiten - philosophisch, pädagogisch, didaktisch - ob wir generalistisch oder spezialisiert lernen wollen. Diese Diskussion wird ja viel geführt.

Wir müssen uns aber auch überlegen, wie es gelingt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell bestimmte Dinge beizubringen. Für veränderte Lernformen brauchen wir eine zielgenaue Anpassung von Lerninhalten auf unterschiedliche elektronische Formate. Responsive nennt man das technisch, adaptiv auf der Ebene der Nutzerinnen und Nutzer.

Adaptive Lernsysteme sind deshalb keine Programme von der Stange. Aufbauend auf einer vorhandenen Open Source Software, dem Gerüst, braucht man für ein konkretes Projekt zunächst die Anpassung an die Branche. Das konkrete Lernangebot entsteht darauf in gemeinsamer Entwicklung zwischen Kunden und Entwicklern.

Wie muss man sich so einen Prozess vorstellen?

Dr. Huchler: Adaptive Lernsysteme müssen insgesamt drei Komponenten berücksichtigen: Was wird gelernt, wer lernt und auf welchem Gerät wird gelernt. Gemeinsam mit den zukünftigen Nutzerinnen und Nutzern geht man dazu in die Modifizierung von vorhandenem Wissen. Vor allem geht es darum, die Lerninhalte stark zu vereinfachen und in der Regel mit Hilfe von Visualisierungen zu veranschaulichen. Entweder greift man auf vorhandene Lernprozesse zurück oder man definiert sie in der Entwicklungszeit gemeinsam. Erklärende Situationen werden fotografiert und Bedienungsanleitungen visualisiert.

Damit das gut gelingt, stellen wir der sozialen oder pflegerischen Fachexpertise die Fachdienstleistung für Inhalt/Didaktik, für die technische Umsetzung und die Usibility, also die nutzerfreundliche grafische Umsetzung, zur Seite. Diese Art Medien zu produzieren, ist heute dank technischer Entwicklungen viel einfacher geworden. Schwieriger ist, den damit verbundenen Chanceprozess in der sozialen Organisation zu führen und sich auf technische Prozesse einlassen zu können.

Als hilfreich erweist sich dabei zunehmend, dass wir nun fast alle das Handy als unseren Companion für den Alltag immer dabei haben. Wir kommunizieren, planen und nutzen heute immer mehr Funktionen und diverse Apps, die uns Alltag erleichtern.

Erhöht es meine Motivation, dass es so einfach wird, zu lernen?

Dr. Huchler: Hmm, es gibt verschiedene Motivationen, zu lernen: Es wird einfacher für mich…, es geht schneller…, ich bekomme mehr Geld… Sie scheinen kein Freund solcher Motivationen zu sein… Letztlich ist das effektivste Lernen das verstehende Lernen. Weil es einen Mehrwert hat: Deutlich wird das, wenn ich mir das Explorative des kindlichen Lernens zurück erinnere. Kinder lernen, weil sie das interessiert. Und sie lernen deshalb schnell. Irgendwann beginnen sie schulisch zu lernen, das, was der Lehrer vorgibt. Dann ändert sich ihr Lernverhalten. Und auch wir Erwachsenen werden in der Welt des lebenslangen Lernens immer wieder aufgefordert, zu lernen.

Und wie kann es dann Ihrer Meinung nach gelingen, mit digitalen Lernangeboten „echten“ persönlichen Mehrwert zu erzeugen?

Dr. Huchler: In der Vergangenheit haben Entwicklerinnen und Entwickler von Lernprogrammen und -systemen stark auf den Spiel- und Spaßfaktor gesetzt. „Ich spiele mal Patient“ zum Beispiel. Von dieser erlebnisorientierten Gamifikation, wie ich sie nenne, hat sich viel überholt. Heute setzt man auf einfache und visualisierte Vermittlung von Inhalten.

Vielleicht müssen wir für den Mehrwert ein wenig wegkommen von dem Begriff „Lernen“, der nicht nur positiv besetzt ist. Vielleicht geht es mehr um gewollte Veränderung, das Behalten einer gewissen Flexibilität und um eigene Weiterentwicklung…..

Klingt einleuchtend…

Dr. Huchler: Aus „Ich lerne Dinge“, wird vielleicht „Ich lerne, mit Dingen kreativer umzugehen“. Voraussetzung dafür ist aber, die Lerninhalte so aufzubereiten, dass Menschen sie gut nachvollziehen können. Die Inhalte müssen schnell und so einfach wie möglich verstanden werden können. Man möchte bestimmte Dinge nicht ewig machen. Wenn es mich interessiert, mache ich es auch zehnmal…

Sind adaptive Lern- und Informationssysteme die ausgereifte Form zukünftigen Lernens?

Dr. Huchler: (lacht) Nun ja, die nächste Generation elektronisch unterstützten Lernens ist bereits in Sicht. Mit dem Internet der Dinge. Damit sollen die Dinge, die uns umgeben, intelligent werden: die Brille, das Auto. Zugegeben, eine höchst widersprüchliche Entwicklung. Spielzeuge, die global im Internet vernetzt sind, Pflegeroboter, die zum Freund der Pflegebedürftigen werden sollen - Ich bin sehr ambivalent, was diese Entwicklungen angeht. Vieles beginnt erst langsam vorstellbar zu werden, wie das digitale Patientenbett oder die Telemedizin. Manches wird wieder verschwinden, aber manches wird die Arbeits- und Lebenswelt der Menschen tatsächlich optimieren.

Die Dinge nicht global, aber lokal miteinander zu vernetzen, das hat aus meiner Sicht viele Potenziale. Auch Lernpotenziale. Eines muss uns klar sein: Die digitale Durchdringung der Lebens- und damit auch der Lernwelt wird weitergehen. Wer die Bedeutung erkennt, kann sie heute mitgestalten, bevor ökonomisch, politisch oder digital die Standards gesetzt sind.

Und der Mensch? Welche Rolle wird er bekommen?

Dr. Huchler: Die digitale und die analoge Welt werden beide immer nebeneinander Bestand haben, auch, wenn die digitale mittlerweile eine entscheidende Rolle eingenommen hat. Nun wissen wir ja, dass es in der digitalen Welt immer schneller zugeht. Ein Roboter kann Tag und Nacht immer höher getaktet werden, ein Mensch nicht. Das hält er nicht durch, auch wenn wir heute bereits vieles schneller machen können als unsere Vorfahren: Wahrnehmen zum Beispiel.

Aber, wie sieht es denn unser Alltag aus? Sind wir nicht gezwungen, in einem immer engeren Takt zu funktionieren? Hat nicht auch die digitale Welt zum Beispiel mit der IT-Dokumentation zeitraubend in pflegerische und soziale Arbeitsfelder eingegriffen? Umso wichtiger ist es meiner Ansicht nach, den Menschen konsequent in den Mittelpunkt zukünftiger digitaler Entwicklungen zu stellen. Wir müssen weg von der Industrialisierung von Pflege & Co und den Einschränkungen der IT von heute.

Schauen Sie: Ein Krankenhaus können Sie austauschen, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht. Bleiben wir auf dem bisherigen IT-Weg, ist die Gefahr groß, dass uns in Zukunft viel analoge Kompetenz verloren geht. Wenn Menschen weggehen, nicht mehr da sind, oder neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen, dann kann es klug und weise sein, frühzeitig in eine flexible companiongeleitete Welt zu investieren, also in eine Welt, in der IT den Menschen nach seinen Bedürfnissen in seiner Entwicklung begleitet.

Was verstehen Sie genau unter companiongeleiteter Welt?

Dr. Huchler: Companions sind quasi digitale Kumpel, die im (Berufs-)Alltag unterstützen, und gezielt individuelles Lernen und Arbeit erleichtern. So ein digitaler Kumpel bietet uns die Chance, unser Leben wieder verlangsamen zu können. Er trägt zum Wohlbefinden bei, weil er Arbeit abnimmt und wir uns mehr um Frau, Kinder, Familie, Freunde, Hobbys, Ehrenamt…. kümmern können und weil er mehr Begegnung und Kommunikation ermöglichen kann. Sie meinen, dass durch digitale Vernetzung eine Zurückbesinnung möglich ist? Ich plädiere dafür, das schnelle Leben den Computern zu überlassen und Muße zurückzugewinnen.

Die Ambivalenz des schnellen Lebens, in der wir uns heute bewegen, wird doch gerade im sozialen, pflegerischen oder Gesundheitsbereich deutlich. Deshalb sollten wir uns nicht scheuen, dort, wo soziale Arbeit geleistet wird, digitale Mittel dafür einzusetzen. Die IT-Welt ist und bleibt sehr eingeschränkt. Aber wir können und sollten jetzt gemeinsam beginnen, daran zu arbeiten, das Internet der Dinge intelligent humaner zu gestalten. Wir sind doch keine Cyber, wir sind Menschen…

Wohin die digitale Reise führt, bleibt also offen, aber auch (noch) gestaltbar. Und klar ist wohl auch: Sie wird uns alle weiter beschäftigen. Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Ines Nowack, Chefredakteurin Sozial.de 

Dr. Mane Huchler ist Geschäftsführer der Visart GmbH in Bielefeld. Mit seinem Unternehmen beschäftigt er sich seit über 20 Jahren mit individuellen Lernkonzepten und digitalem Lernen. Mehr Informationen unter www.visart.de

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