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Was war, was ist, was sein wird!

Dr. Jos Schnurer

02.06.2018

Collage: Dr. Jos Schnurer
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Erinnerungen und Visionen sind humane Signale des Lebens. In den Zeiten, in denen die Nebelwände des Lebens der Menschen die Sicht versperren, die Zuversicht und Hoffnung eintrüben, dass es gelingen müsse, allen Menschen auf der Erde ein gutes, gelingendes, friedliches und gerechtes Leben zu ermöglichen, ist der Mensch angehalten, seine Vernunft zu gebrauchen.

Im anthropologischen, philosophischen Denken und Tun wird darauf bereits in der antiken Philosophie verwiesen. Aristoteles zeigt in seiner metaphysischen und logischen Denke auf, dass der anthrôpos ein Lebewesen ist, das durch seine Vernunftbegabung, seine Fähigkeit, Allgemeinurteile zu bilden und zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, eu zên, gut leben kann. Seine Daseinsbewältigung wird bestimmt von seiner intellektuellen Erkenntnistätigkeit des Denkens[1], seiner Erinnerungsfähigkeit und seiner Kompetenz, sich Zukünftiges und Wünschenswertes im Gegenwärtigen, Realen und Wirklichen vorzustellen[2].  

Betrachten wir die Irrungen und Verwirrungen, die in der Entwicklung der Menschheit immer wieder stattgefunden haben und sich weiterhin ereignen – gewaltsame und kriegerische Auseinandersetzungen statt friedlicher, gerechter und humaner Umgang miteinander, Machtmissbrauch statt Gleichberechtigung, Egoismus statt Empathie, Fake News statt Wahrheiten, populistische und rassistische Einstellungen statt demokratische Verhaltensweisen – könnte man eher zu dem Schluss kommen, dass die Menschen unvollkommene, erinnerungsunfähige, aggressive  statt humane Lebewesen sind. Es ist die lokal und global zu beobachtende  mangelnde Aufmerksamkeit und Verantwortlichkeit dafür, dass die Menschheit nur human überleben kann, wenn sie sich der Verwirklichung und Durchsetzung einer „globalen Ethik“ bewusst ist, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 proklamiert wird – „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“[3]. Und es ist  die Sorge, dass der Mensch in seinem Momentanismus sein höchstes, die Humanität, vergisst[4]. Wer mit sich und der Welt nicht zufrieden ist, sollte philosophieren; wem wohl ist, erst recht![5]  

Ein Mittel, nicht in Fatalismus, Aktivlosigkeit und Menschenfeindlichkeit zu verfallen, ist eine aktive, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte, humane und solidarische Haltung zu erwerben und zu leben. Dafür aber braucht es die Erkenntnis, dass es notwendig ist, selbst zu denken und nicht andere (Mächte, Ideologien und Systeme) für sich denken zu lassen[6]. Es gilt, über den eigenen, individuellen und eher eingegrenzten Gartenzaun zu schauen und eine logische Auseinandersetzung mit Traditionen, Denk-, Verhaltensweisen und moralischen Vorstellungen zu führen[7]. Es kommt darauf an, sich darüber bewusst zu werden, wie Meinungen und Identitäten von Menschen entstehen, wer sie beeinflusst und wie sie sich bilden[8]. Es ist notwendig, sich mit dem eigenen Ich, dem „Wer bin ich?“, „Wer sind wir?“[9],  auseinanderzusetzen und sich seiner  human-sozialen Verantwortung bewusst zu sein[10].  Dazu ist Aufmerksamkeit erforderlich[11]. Die Warnungen , dass „die kannibalische Dynamik der Konsumgesellschaft“ zu immer mehr Ungerechtigkeit in der Welt führen, fordern zu einer Gesellschafts- und Systemkritik und zu Anstrengungen  heraus, den „homo oeconomicus“ zu einem „homo empathicus“ umzubauen und den Perspektivenwechsel zu wagen, wie ihn die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ bereits 1995 gefordert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“[12]

Der Blick aus der Gegenwart in die Zukunft hat Menschen immer schon fasziniert. Er drückt sich aus in Utopien und Visionen, die nicht selten abweichen von realistischen (und „machbaren“) Vorstellungen und sich orientieren an Phantasmen, die einen Vollzug hin zur Veränderung gar nicht beanspruchen oder gar möglich machen[13].  Wenn Utopie als „erhoffte Wirklichkeit“ verstanden werden will, braucht es der herausfordernden Anstrengung, Zukunft denken zu lernen[14]. Dazu müssen wir uns nicht in die Irrungen, Verwirrungen und gespielten Unmöglichkeiten begeben, sondern uns daran machen, „Zukunftsgeschichte tiefer in der realen Geschichte zu verwurzeln“[15]. Dabei  begegnen wir uns selbst, in unseren Unzulänglichkeiten, unseren Wunschträumen, unserem Versteckspiel und den Imponderabilien, die uns scheinbar und auch tatsächlich behindern, human zu denken, zu handeln und Gutes zu tun[16]. Und siehe da, wir landen bei der Tugend, die den anthrôpos auf die oberste Stufe der scala naturae stellt: Die Moral als innere Verpflichtung des Menschen und Anforderung zum Gutsein[17].

Bei den Kakophonien, wie sie sich als Machtgebärden, Ethnozentrismen, Nationalismen, Rassismen und Populismen  in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit darstellen, wird im Gegendiskurs immer wieder danach gefragt, welche Weltordnung notwendig und hilfreich ist, um für alle Menschen ein humanes Dasein zu ermöglichen. Es ist der Spagat zwischen Skepsis und Hoffnung, der den  Ungewissheiten, Irrwegen und scheinbaren  Unbedingtheiten die  ordnende Frage gegenüber stellt: „Wer wird die Erde erben?“[18].  Dabei ist der Verweis auf zwei grundlegende Bedingungen notwendig: Zum einen auf die individuelle und persönliche  Verantwortung, die jeder Mensch tagtäglich für eine menschenwürdige Existenz der Menschheit mit sich trägt[19]; und zum anderen auf eine institutionalisierte, demokratische Struktur „auf die Prinzipien, die das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten dauerhaft regeln“ und eine „gute Regierung“ ermöglichen soll[20].  Wir landen dabei zwangsläufig bei der Frage, wie es gelingen könne, dass die Menschen sich dort, wo sie leben, wohl fühlen, Zugehörigkeit erfahren und heimatlich werden[21].

 

Fazit

Mit diesen kurzen Hinweisen auf den subjektiv ausgewählten wissenschaftlichen, öffentlichen Diskurs über die humanen, menschenwürdigen und demokratischen Herausforderungen zur Bewältigung der vergangenheitsbestimmten, gegenwartsbezogenen und zukunftsweisenden Aspekte  des Daseins der Menschheit verbindet sich die Hoffnung, dass es (endlich!) gelingen möge, die Eine Welt zu denken und zu gestalten. 

 

Kontakt

Dr. Jos Schnurer
Immelmannstr. 40
31137 Hildesheim 
Tel. 05121 59124
jos2@schnurer.de



[1]Hans-Peter Waldhoff, Eros und Thanatos. Psychoanalytische und erkenntniskritische Perspektiven, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23350.php

[2]Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S.

[3]Deutsche UNESCO-Kommission, Menschenrechte. Internationale Dokumente, Bonn 1981, S. 48

[4]Karl Heinz Bohrer, Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/22496.php

[5]Ekkehard Martens, Stechfliege Sokrates. Warum gute Philosophie wehtun muss, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/20342.php; sowie: Claus Baumann, u.a., Hrsg., Philosophie der Praxis und die Praxis der Philosophie, 2014, http://www.socialnet.de/rezensionen/16849.php  

[6]Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, http://www.socialnet.de/rezensionen/12903.php

[7]Hans Lenk  / Gregor Paul, Transkulturelle Logik. Universalität in der Vielfalt, 2014, http://www.socialnet.de/rezensionen/22702.php

[8]Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/22651.php  

[9]Siegfried Schumann, Individuelles Verhalten. Möglichkeiten der Erforschung durch Einstellungen, Werte und Persönlichkeit, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/12920.php

[10]Hans Lenk, Human-soziale Verantwortung. Zur Sozialphilosophie der Verantwortlichkeiten, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/....php

[11]Jörn Müller, u.a., Hrsg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21112.php

[12]Wolfgang Schmidtbauer, Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23224.php

[13]Andreas Hartmann / Oliwia Murawska, Hg., Representing the Future. Zur kulturellen Logik der Zukunft, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/18883.php

[14]Marcel Baumann, u.a., Hrsg., Friedensforschung und Friedenspraxis. Ermutigung zur Arbeit an der Utopie, 2009, http://www.socialnet.de/rezensionen/8195.php

[15]Joachim Radkau, Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/22444.php

[16]Evi Hartmann, Wie viele Sklaven halten Sie? Über Globalisierung und Moral, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21952.php  

[17]Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21987.php

[18]Michael Stürmer, Welt ohne Weltordnung. Wer wird die Erde erben?, 2006, http://www.socialnet.de/rezensionen/4094.php

[19]Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21228.php

[20]Pierre Rosanvallon, Die gute Regierung, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/20955.php

[21]Edoardo Costadura / Klaus Ries, Hg., Heimat gestern und heute. Interdisziplinäre Perspektiven, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21311.php

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Arne von Boetticher: Das neue Teilhaberecht. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 230 Seiten. ISBN 978-3-8487-3356-9.
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