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Nicht leichtfertig mit "Heimat" umgehen!

Dr. Jos Schnurer

26.11.2018

Collage: Dr. Jos Schnurer
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Es muss aufmerksame, verantwortungsbewusste Zeitgenossinen und Zeitgenossen wundern – und beunruhigen – mit welcher Chuzpe und Leichtfertigkeit unsere demokratischen Politiker mit dem Begriff „Heimat“ umgehen! Wenn ihnen auf die Herausforderungen der rechtsradikalen und populistischen Szene in Deutschland, die den rassistischen Heimatbegriff als Markenzeichen ihres nationalistischen , völkischen und menschenverachtenden  Denkens und Handelns mit Beschlag belegen, nichts anderes einfällt, als das (mögliche) künftige Bundesinnenministerium mit dem Zusatz „Heimat“Ministerium zu versehen und damit die Politik mit einem in vielfacher Hinsicht moralisch, mental und ideologisch fragwürdigen und missbrauchten Begriff zu befrachten. 

Es kann dabei nicht darum gehen, Heimatgefühle von Menschen zu missachten, gering zu schätzen oder abzulehnen; vielmehr muss die Frage gestellt werden, in welchem Namen, aus welchen Motiven und mit welchen Zielen Menschen über „Heimat“ sprechen. Das Theaterpädagogische Zentrum in Hildesheim hat vom Oktober bis Dezember 2017 in einem Workshop mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen Rollenspiele und Spielszenen zu den Themen „Heimat“ und „Fremde“ erarbeitet. Die Ergebnisse wurden in einer öffentlichen Aufführung mit der Antwort vorgeführt: „Heimat ist da, wo man verstanden wird“[1].Überhaupt wird in Heimatliedern, Gedichten, Erzählungen, Heimatfilmen und Sprichwörtern der Heimatgedanke in vielfacher, emotionaler bis kitschiger Weise dargestellt. Die Auseinandersetzungen mit den Einstellungen, Verhaltensweisen, Traditionen und  Ideologien werden nicht selten mit dem moralischen Impetus geführt.  

Das erleichtert auf der einen Seite den Ideologen und Demagogen das Geschäft, auf der anderen Seite lässt sich der wissenschaftliche, analytische Zugang zur ausgreifenden Thematik nur schwer vollziehen. Klar ist so viel: Wer Heimat hat, ist ein Eingesessener; wem Heimat fehlt, ein Flüchtling. Der Heimatbegriff ist angefüllt, belastet und überfrachtet mit Einstellungen und Erwartungshaltungen, Geborgenheits-, Sicherheitsempfindungen und gefahrvoller Existenz, „Heile Welt“ und Hoffnung.

„Heimat ist ein sehnsuchtsvolles Ding“, so äußern es drei „neue Deutsche“, deren Eltern als Ausländer ins Land kamen, und die hier geboren, aufgewachsen sind und sich mit dem Pass als Deutsche ausweisen[2]. Und es zeigt sich die Erfahrung, dass das Heimatgefühl – es sei denn, es wird ideologisch und fanatisch herbeigeredet – erst dann spürbar wird, wenn die Heimat fehlt. Die Frage, was Heimat ist, lässt sich individuell und gesellschaftlich, soziologisch und philosophisch, historisch und traditionell, rational und emotional, mentalitäts- und ideologiebestimmt beantworten.

Was ist Heimat? 

Diese Frage stellt sich in den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt neu; denn „Ich bin zu Hause in der Welt!“ ist die eine mögliche Antwort, „Meine Heimat ist dort, wo meine Wurzeln sind“, eine andere. Nur wer sich nicht verändert, kann sich seiner Heimat sicher sein, so könnte man vermuten. Aber ist der Mensch nicht von Grund auf ein Lebewesen, das sich in der Zeit- und Lebensspanne von der Geburt bis zum Tod bewegt, also Veränderung ein Lebensprinzip ist? Der 1977 in Mecklenburg geborene Journalist und Kunstkritiker Daniel Schreiber beschreibt in seiner Biographie „Zuhause“ (2017) seine Suche nach seiner Bleibe in der Hektik und Ziellosigkeit seiner Aufenthalte in New York, London, Berlin…  und kommt zu der Aussage: „Mein Zuhause ist das Ende einer dahinwindenden Suche“, wobei er gar nicht eindeutig erklären kann, wonach er sucht[3]. Es ist die Frage, was man mit „Heimat“ und „Zuhause“ eigentlich verbindet: Wohlbefinden, Sicherheit, Existenz, Altbewährtes oder Neues. Daniel Schreiber kommt dabei zu dem Ergebnis: „Es kommt sehr viel weniger darauf an, wo man Wurzeln schlägt… Worauf es ankommt ist vielmehr, dass man Wurzeln schlägt“. Udo Lindenberg singt: „Wo ich meinen Hut hinhäng, da bin ich Zuhause“. Diese Auffassung lässt sich so erklären: Es geht um meine Gewohnheiten, mein Selbstverständnis und meine Identität bei der Suche nach meinen Standpunkt und Standort, und um mein Wohlsein bei der Suche nach einem guten, gelingenden Leben. 

Diese Deutung ist nicht unproblematisch, denn sie kann suggerieren, dass ich mich nur dort zu Hause fühlen kann, wo ich ein konfliktfreies und unkompliziertes Leben führe. Aus dieser Wunschvorstellung nämlich können sich leicht Einstellungen entwickeln, die sich artikulieren in Auffassungen wie "Das haben wir schon immer so gemacht!", "Das haben wir noch nie so gemacht!" oder "Da könnt‘ ja jeder kommen!" Damit aber wird Heimat nicht zu einem Stabilisator, sondern zu einem Zementblock! Leben aber, so heißt es ganz lapidar in einem Spruch, ist eines der Schwierigsten! 

Heimat braucht Traditionen

Da sind wir schon wieder bei einem schillernden Begriff, der zwischen den Polen "Tradition und Traditionalismus" schargiert. Es sind die unterschiedlichen, individuellen und kollektiven Wahrnehmungen, die jeweilige Situation, der Anlass, Bewusstes und Unbewusstes, die den Traditionsbegriff in die Nähe des Heimatgedankens rücken, ihn aber gleichzeitig konterkarieren und verfälschen können. Es ist die viel besprochene, ge- und verwünschte Entwicklung, die sich als „Wiedererwachen der Tradition“ ausdrückt. Es ist zumindest bemerkenswert, dass in den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt, in der sich kulturelle und zivilisatorische Trends angleichen, und in der konsumtive Tendenzen der Jeansisierung, der MacDonaldisierung und Cocacolisierung globale und scheinbar unaufhaltbare Ausmaße angenommen haben, dass Traditionen, gepaart mit Individualismen (und Egoismen), eine zunehmende Bedeutung und Aufmerksamkeit erlangen. Es braucht nicht der etwas platten, fingerzeigartigen Einschätzung, dass man sich nur darauf verlassen solle, bewährtes Vergangenes auch in der Gegenwart und Zukunft zu denken und zu tun – „Das haben wir schon immer so gemacht!“; vielmehr bedarf es des Nachdenkens darüber, wie sich traditionelles Denken und Handeln in der jeweiligen kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Situation der Menschen darstellt und als Identität wirksam ist.

Weil Traditionen sich in vielfältigen Formen zeigen und kontextuell auftreten, sind die wissenschaftlichen Zugänge zur Frage, was Traditionen sind und sich als Traditionalismen verdeutlichen, interdisziplinär zu betrachten, wobei die anthropologischen und ethnologischen Aspekte gewissermaßen Leitfunktionen haben können. Die Selbst- (und durchaus auch die Fremd-)identifikationen bei der Beschreibung und Zuordnung zu einer Tradition, etwa einer Volksgruppe oder Nation, hat sowohl identitätsstiftende, als auch ab- und ausgrenzende Bedeutung: „Ethnische Identität (ist) immer das Produkt externer und interner Definition“[4].  

„patria naturae“ und „patria civitatis“

Während die eine, aus dem römischen Staatsrecht abgeleitete Bezeichnung als („natürliches Vaterland“ übersetzt werden kann, geht es bei der zweiten um das „staatsbürgerliche Vaterland“. Es soll hier nicht thematisiert werden, warum es „Vaterland“ und nicht „Mutterland“ heißt; vielmehr soll deutlich gemacht werden, dass das Gefühl, eine Heimat zu haben, nicht auf einem traditionell gewordenen und selbstverständlichen Anspruch zurückgeführt werden kann, sondern Heimat immer auch Wandlung und Veränderung ist. Es sind die Glücksgefühle, die Tragiken und es ist der „Hpye um Heimat“, die es lohnend erscheinen lassen, sich nicht nur mit der Frage auseinander zu setzen: „Wie viel Heimat braucht der Mensch“ (Jean Amery), sondern auch Aspekte wie Sicherheit, Mobilität, Mentalität, Emotionalität, Gleichgewicht und Störungen dabei wissenschaftlich und interdisziplinär zu erkunden.  Da ist erst einmal die erstaunliche Entdeckung, dass der semantische Begriff „Heimat“ in anderen Sprachen und Mentalitäten nicht die gleiche Bedeutung wie im Deutschen hat, nämlich die Bezeichnung für „eine klar definierte und begrenzte Lebensumwelt“. So ist es durchaus sinnvoll, den historischen Entwicklungen auf die Spur zu kommen, die in der deutschen Kultur und Geschichte in der neueren Zeit bestimmend für den „typisch deutschen“ Heimatbegriff waren und weiterhin sind[5]. Heimatgewissheit und -ungewissheit bestimmt nicht erst im „Jahrhundert der Flüchtlinge“ den öffentlichen, lokalen und globalen Diskurs. Bei der 15. Architekturbienale vom Mai bis November 2016 wurde unter dem Generalthema „Reporting from the Front“ auch in Projekten und Beispielen dargestellt, wie auf die Situation reagiert werden kann, dass Menschen, die ihre Heimat verlassen (müssen) anderswo Heimat suchen und bleiben wollen. 

Identität und Rassismus

Die Frage, wie wir geworden sind, was und wie wir sind, ist ja erst einmal eine existenzielle und philosophische Herausforderung. Sie setzt sich auseinander mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und es gilt das Bemühen, nach den Wahrheiten zu suchen und nach einem guten, gelingenden Leben für alle Menschen auf der Erde zu streben. Wenn aber Heimat zu einem Besitzstand und zu einer unreflektierten, natürlichen Tatsache wird, kommen leicht Höherwertigkeitsvorstellungen und rassistische Einstellungen ins Spiel. Der (em.) Soziologe von der Universität Hamburg, Wulf D. Hund, geht mit seinem Buch „Wie die Deutschen weiß wurden“ an die Wurzeln des bis heute nicht überwundenen, ja vielleicht sogar wachsenden ethnischen und rassistischen Bewusstseins, gegenüber den Barbaren, Fremden und Bösen die Guten, Besseren, Tüchtigeren, Bevorzugten… zu sein. Es sind natürlich nicht „die“ Deutschen, die in den Rassisten-Topf geworfen werden, sondern eher die gesellschaftlichen und politischen Außenseiter, die sich in Deutschland bei Pegida, der NPD, den Neonazis, den Reichsbürgern und der AfD versammeln und mit ihrer Geschichtsverklitterung und ihrem Hass auf alles Fremde den öffentlichen Eindruck vermitteln, dass „der Schoß fruchtbar noch ist“. Das Definitions-, Klassifizierungs- und Wertungsmerkmal, dass es bei den Menschen Rassen gäbe und dies auch durch unterschiedliche, wertvolle und schädliche Eigenschaften nachweisbar sei, etwa durch die Hautfarbe und andere körperliche Unterschiede, die bald auch in das Zu- und Absprechen von geistigen Merkmalen mündeten, ist zwar ein uraltes Phänomen; aber die ideologische, höherwertigkeitsbestimmte Begrifflichkeit, dass die „weiße Rasse“ intellektuell und existentiell den anderen (minderwertigeren) Rassen überlegen sei, ist ein Ergebnis der hegemonialen, machtpolitischen und hierarchischen Politik der Weißen, wie sie sich im Faschismus und Nationalismus entwickelt hat[6]. Interessant dabei ist, dass der Autor im Untertitel des Buches den Begriff „Heimat“ zwar in Klammern setzt, ihn aber in den Rassismusdiskurs einbezieht. Die historisch aufbereitete und mit zahlreichen Beispielen von bewussten, unbewussten und gewordenen Rassismen belegte Erzählung, wie die Deutschen weiß wurden, zeigt auf, dass „Heimat ( ) … einen historischen Ort (bezeichnet), an dem der Rassismus länger heimisch war als die Deutschen“[7]

Fazit

Es braucht Verantwortung, Geschichtsbewusstsein und Humanität, wenn im Alltags- und lokal- und globalgesellschaftlichen Leben der Heimatbegriff ins Spiel kommt. Es ist leichtfertig und inhuman, mit dem Heimatgefühl der Menschen ideologisch und demagogisch umzugehen. Dagegen helfen nur Bildung und Aufklärung!

Kontakt

Dr. Jos Schnurer
Immelmannstr. 40
31137 Hildesheim 
Tel. 05121 59124
jos2@schnurer.de



[1]Kehrwieder am Sonntag, Hildesheim, 17. / 18. 2. 2018

[2]Alice Bota / Khuê Pham / Özlem Topçu, Wir neuen Deutschen. Was wir sind, was wir wollen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/17972.php 

[3]Fritz Habekuss, Wozu sind Wurzeln gut?, in: DIE ZEIT, Nr. 11 vom 9.3.2017, S. 40

[4]Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/12770.php

[5]Edoardo Costadura / Klaus Ries, Hrsg., Heimat gestern und heute. Interdisziplinäre Perspektiven, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21311.php

[6]Susan Arndt, Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/14286.php

[7]Wulf D. Hund, Wie die Deutschen weiß wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus, 2017, … 

Aktuelle Rezension

Buchcover

Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 128 Seiten. ISBN 978-3-8497-0182-6.
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