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Unabhängige Kommission zieht Zwischenbilanz: Wer etwas sieht, muss handeln!

Vor drei Jahren startete die Arbeit der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Seitdem haben sich fast 1700 Betroffene an die Kommission gewandt. Eine Erkenntnis ist besonders erschreckend: Das nahe Umfeld weiß oft über die Vorfälle Bescheid - und schweigt.

Im Mai 2016 begann die erste Laufzeit der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Gestern erschien sodann der erste Zwischenbericht, der aus zwei separaten Bänden besteht, die im Zusammenwirken ein äußerst beklemmendes Bild ergeben. Denn während sich der erste Band auf strukturelle Daten konzentriert, kommen im zweiten Band die Betroffenen zu Wort.

Täter*innen kommen am häufigsten aus dem familiären Umfeld

Zunächst zu den Zahlen: 1690 Menschen meldeten sich insgesamt bei den entsprechenden Stellen. Das Interesse war so groß, dass bereits ein Jahr nach dem Start der Kommission eine Warteliste eingerichtet werden musste. Neben mündlichen Anhörungen durch die Kommission selbst oder ein von ihr eingesetztes Team konnten auch schriftliche Berichte eingereicht werden, was ca. 300 Betroffene nutzten. 87% der meldenden Personen waren weiblichen, 13% männlichen Geschlechts. 56% der Melder*innen war zum Zeitpunkt der Meldung zwischen 41 und 60 Jahre alt. Selbstkrititisch merkt die Kommission in diesem Zusammenhang an, dass männliche Betroffene und Menschen unter 30 Jahren unterrepräsentiert seien und offenbar nur unzureichend angesprochen werden konnten. Mit Blick auf die Inhalte der Erzählungen und Berichte bestätigt sich, was international schon seit längerem Forschungsstand ist: Am häufigsten findet sexueller Kindesmissbrauch in der eigenen Familie statt. 56% der Vorfälle, die der Kommission gemeldet wurden, spielten sich im familiären Umfeld ab. Täter*innen waren somit am häufigsten die eigenen Eltern, Geschwister, Onkel oder auch entferntere Verwandte. Ein weiteres erschreckendes Detail: 48% der Betroffenen, also fast die Hälfte, gaben an, beim ersten Übergriff 6 Jahre oder jünger gewesen zu sein.

Machtlosigkeit ist bis weit ins Erwachsenenalter spürbar

Die Erfahrungsberichte der Betroffenen zeigen im zweiten Band des Berichts eindrücklich, wie hilf- und machtlos sich viele bis heute fühlen. Besonders bedrückt sie die Tatsache, dass Dritte Kenntnis von den Übergriffen hatten, aber nichts passierte, weil man sich über die Taten ausschwieg. Ein wiederkehrendes Muster: Menschen, die über das Leid sprachen oder sich öffnen wollten, wurden zum "schwarzen Schaf" erklärt, das den heilen Familienfrieden zerstört. 

Betroffene berichten darüber, dass Mütter weiter mit den missbrauchenden Vätern zusammenblieben, obwohl sie über den Missbrauch Bescheid wussten. Darüber, dass Eltern vor Jugendamtsmitarbeitern fürsorglich und pflichtbewusst auftraten, zuhause ihren Kindern jedoch die Hölle auf Erden bereiteten. Darüber, dass niemand zugegen gewesen sei, mit dem man hätte sprechen können. Eine Betroffene bringt es bewegend auf den Punkt: „Das vorherrschende Gefühl in meiner Kindheit war das einer grenzenlosen, sehr schmerzhaften Einsamkeit.“ 

Prof. Sabine Andresen: Umfeld und Gesellschaft haben versagt

 

Der Aufarbeitungskommission steht Prof. Sabine Andresen (3. v. re.) vor.  Foto: Anja Müller 

                                                                                                      © Anja Müller

Die Vorsitzende der Kommission, Prof. Sabine Andresen (3. v. re.), sieht ein dramatisches gesellschaftliches Versagen: „Aus den Berichten der Betroffenen geht vor allem hervor, wie häufig das nahe Umfeld und die gesamte Gesellschaft versagt haben, und Kinder nicht geschützt wurden. Dafür muss Verantwortung übernommen werden." Das Schweigen der Anderen habe dazu beigetragen, dass der Missbrauch oft kein Ende fand und eine Aufarbeitung, geschweige denn strafrechtliche Verfolgung, unmöglich gemacht wurde. Nur wenige Betroffene berichten von Menschen, die ihnen verlässlich und dauerhaft in ihrer Notlage beigestanden haben.

Was kann Soziale Arbeit besser machen?

Kaum eine andere Profession tritt so nah an Familien heran wie die Soziale Arbeit. Gerade in der Kinder- und Jugendhilfe stehen sozialpädagogische Familienhilfen, ambulante Familientherapeut*innen und andere aufsuchende Fachkräfte in sehr engem, oft auch vertrautem, Kontakt zu den Eltern - meist Müttern. Dabei wird vielleicht manchmal versäumt, genauer auf die Kinder zu schauen. Entsteht zu ihnen überhaupt eine Beziehung, in der ein "sich öffnen" für das Kind möglich würde? Wieviel Zeit wird im Rahmen der Hilfen mit den Eltern, wieviel mit den Kindern verbracht? Verliert man sich manchmal in Alltagsfragen und den Blick für das Wesentliche? Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe sollten sich also nicht nur mit Blick auf die Vorkommnisse in stationären Einrichtungen hinterfragen, sondern auch mit Blick auf ambulante Hilfen. Das allein wird sicher nicht dafür sorgen, dass es künftig keine sexuellen Übergriffe auf Kinder mehr geben wird, doch alle - auch die Praxis der Sozialen Arbeit - sind dazu aufgerufen sich Gedanken darüber machen, was in Zukunft besser gemacht werden muss.

Die beiden Bände finden Sie auf der Internetseite der Aufarbeitungskommission. Betroffene können sich weiterhin melden und über ihre eigenen Erfahrungen berichten. Alle Informationen dazu finden Sie hier.

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