Photo by Mike Tinnion on Unsplash
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Tanzen, Singen, Schwitzen

Im Juni hatte ich zwei Wochen Urlaub, war ein paar Tage am Meer, habe, wie im letzten Jahr, meine „ich-muss-gar-nichts-Tante“ besucht und war bei der Fete de la Musique. Es war sehr heiß an diesem Tag, und ich war froh, dass einige Konzerte in die Innenräume verlegt worden waren. Die Musiker*innen waren auch froh darüber. Wir haben alle geschwitzt.

Ich habe mich auch in diesem Jahr wieder in eine Brassband verliebt. Es waren 15 Menschen im Alter von 7 bis 65, darunter auch ein Vater (Trompete) mit seinen beiden Töchtern (Trompete und kleine Trommel) und eine Mutter (Saxofon) mit ihrem Sohn (Schlagzeug). Ein paar Straßen weiter, in der Kleingartenanlage, war auch eine Bühne aufgebaut, und hier traf ich meinen Frisör. Er singt ja im Kiezchor, und das Publikum war zum Mitsingen eingeladen. Danach war ich noch Tanzen. Zum ersten Mal in diesem Jahr beim Draußen tanzen. Das werde ich jetzt noch öfter machen, wenn das Wetter mitspielt.

In meiner Nachbarschaft wollen einige Mieter*innen die grünen Innenhöfe und den Schulhof für Kultur im Sozialraum nutzen. Das macht mir Mut, angesichts der zunehmenden Vereinzelung und der finanziellen Kürzungen in den Bereichen Soziales, Bildung und Kultur. Es ist schon verrückt. Da werden im Stadtteilzentrum die ersten Projekte gestrichen, eine Kollegin und ein Kollege werden in den nächsten Monaten arbeitslos sein, und dann gibt es Menschen, die ungeahnte Kräfte mobilisieren und es schaffen, woanders Begegnungen zu organisieren.

Und es gibt, bei all der Überforderung in den Jugendämtern, immer wieder Mitarbeitende, denen es wichtig ist, die Familien, für die sie zuständig sind, auch persönlich kennenzulernen. Bei Anna K gab es einen Zuständigkeitswechsel, ich hatte das Arbeitskonzept eingereicht, die Kostenübernahme war schon geklärt, und ich war sehr überrascht, als uns der neue Kollege zur Hilfekonferenz einlud. Er war auch wirklich sehr interessiert, es gelang ihm mühelos mit Anna ein gutes Gespräch zu führen. Manchmal richtete er auch an mich oder den Vater oder die Mutter eine Frage, Hauptperson war jedoch die 15-jährige Anna. Und er sprach über die Ziele und die Entwicklung, die bereits stattgefunden hatte, ohne die Punkte nacheinander abzuarbeiten. Alles war in einem geschmeidigen Gespräch aufgenommen, und das vermittelte irgendwie auch, dass es möglich ist, die gewünschte Veränderung herbeizuführen.
Er war beeindruckt von Anna, die sehr reflektiert über ihre Essstörung und die Familiendynamik erzählte, und als die Mutter einwarf, dass die Tochter zuhause auch ganz anders sein könne, meinte der Sozialarbeiter: „Ja, das glaube ich Ihnen, Anna trägt ihre Krankheit nicht vor sich her, und Anna ist mehr als ihre Krankheit. Dass sie hier so sicher auftreten kann, hat bestimmt auch etwas damit zu tun, dass Sie, als Eltern, ihr Sicherheit gaben und geben.

Ein Ziel im Hilfeplan war, dass die Lebensfreude zurückkehrt, und ich weiß, dass die Eltern dabei an die Lebensfreude der Tochter gedacht haben. Der Kollege fragte aber auch, wie es um die Lebensfreude der Eltern bestellt ist. Und da leuchteten alle sechs Augen. Die Familie erzählte von ihren Urlaubsplänen. Sie werden sechs Wochen gemeinsam verreisen. Annas  Sommerferien sind zeitgleich mit der Theaterpause des Vaters. Herr K wird also höchstwahrscheinlich seine Mutter enttäuschen, die ihren erwachsenen Sohn lieber bei sich gesehen hätte. An dieser Stelle griff er die Idee meiner Familientherapeutin-Kollegin auf, ein paar Mehrgenerationengespräche zu führen. Er meinte, in einem halben Jahr würden wir uns wiedersehen, und wenn die Eltern dann einen zusätzlichen Bedarf äußern, könne er die Leistung anpassen. Bis dahin solle ich erstmal mit Anna weiterarbeiten,

Ihre Katja Änderlich*


*Pseudonym der Autorin