Ein orangefarbenes Buch mit weißen Ornamenten und mit einer Schleife zugebunden
Photo privat

Tagebuchtage

01.07.2026

Am 12. Juni war der Ehrentag des Tagebuchs. Das hat mir Jenni erzählt. Sie ist selbst Tagebuchschreiberin. Sie hat mir auch erzählt, dass dieser Feiertag auf den 12. Juni 1942 zurückgeht. An diesem Tag schenkte ein Vater seiner Tochter zu ihrem 13. Geburtstag ein Notizbuch. Die Tochter war Anne Frank, und sie nutzte das – eigentlich als Poesiealbum gedachte – rot karierte Buch als Tagebuch. Deshalb finden am 12. Juni nicht nur Veranstaltungen zur Erinnerung an Anne Frank statt, es ist auch der internationale Tag des Tagebuchs.

Wie wir heute wissen, sind Anne Franks Aufzeichnungen weltweit bekannt geworden und wurden inzwischen in einer Graphic-Novel-Version veröffentlicht. Auch Astrid Lindgren schrieb Tagebuch. Ihre Aufzeichnungen aus der Zeit von 1939 bis 1945 wurden ebenfalls veröffentlicht und im letzten Jahr sogar verfilmt.

Ich liebe Tagebücher. Einmal war ich bei einem Diary Slam. 30-Jährige lasen Einträge aus ihrer Jugendzeit vor und sprachen darüber, was aus den Sorgen, Träumen und Schwärmereien von früher geworden ist. Ich habe meine Tagebücher aus der Jugendzeit noch in der Jugendzeit vernichtet, aus Sorge, dass jemand – genauer gesagt meine Eltern oder meine neugierige Cousine – darin liest. Schade eigentlich, denn heute würde ich gerne mal nachschauen, was ich so mit 12, 13 oder 14 gedacht habe.

Ich glaube, ich war ein sehr kluges Mädchen, würde beim Nachlesen allerdings nur wenige Informationen über meine damaligen philosophischen Theorien finden, dafür viele Liebeskummerseiten. Ich meine mich zu erinnern, dass ich nur schrieb, wenn es mir schlecht ging. Wenn es mir gut ging, hatte ich keinen Grund, mich zu entlasten und beim Tagebuchschreiben auszuweinen. Auf einem Büchertisch fand ich einmal die Anregung für ein Freudentagebuch, als Vorsorge sozusagen, damit wir die angenehmen Erinnerungen nicht vergessen.

Meine Freundin Herta schreibt täglich ihre Morgenseiten, Charly schreibt Reisetagebücher, und Hanne hat in ihrer Reha ein Genesungstagebuch angelegt. Frau Haferkorn soll ein Ernährungstagebuch führen, um den diffusen Bauchschmerzen ihres 5-jährigen Sohnes auf die Spur zu kommen, und ich hatte einmal die Idee, das „Tagebuch einer Familienhelferin“ zu schreiben und es auch zu veröffentlichen. Zu dieser Zeit war ich mit einem Kollegen in der sozialpädagogischen Familienhilfe bei den Bergers aktiv – eine Tagebuchfamilie, wie sich gleich beim Kennenlernen herausstellte. Die Großmutter war an Darmkrebs erkrankt und hatte ein „Krebstagebuch“ geführt, die Mutter schrieb über die Trennung vom Partner und die Sehnsucht nach einer neuen Beziehung, und die Tochter schrieb einfach über alles, was ihr durch den Kopf ging.

Ich griff diese Gemeinsamkeit auf und überarbeitete meine Protokolle, in dem ich sie in eine Form brachte, die zur Veröffentlichung geeignet war, und mein Kollege war sehr beeindruckt. Ich erzählte dann der Familie davon, und auch hier waren alle begeistert. Mutter, Sohn und beide Töchter wollten sich am Tagebuchprojekt beteiligen. Um die Anonymität zu sichern, wählten sie für sich andere Namen aus, und ich überarbeitete eifrig meine Protokolle. Bei jedem Termin wollte die Familie nun wissen, was die Familienhelferin denn in ihr Buch geschrieben hatte und natürlich auch, was sie über die Familie denkt. Da gab es viel Wertschätzendes, auch Lustiges und Fragen, die dann im Termin diskutiert wurden. Auch der Sohn, der kein Tagebuch schrieb und anfangs durchaus mal eine Verabredung vergessen hatte, erschien jedes Mal pünktlich, denn er war neugierig. Oft hatte er mit meinem Kollegen gemeinsam einen kleinen Imbiss für uns vorbereitet.

Ich dachte übrigens, dass ich hier eine ganz besondere und einzigartige Methode erfunden hatte, und als ich dann recherchierte, stellte ich fest, dass diese Form auch von einigen Psychotherapeut:innen genutzt wird. Da fühlte ich mich gleich in guter Gesellschaft und wollte das „Familienhilfetagebuch nach Katja Änderlich“ weiterentwickeln. Doch dann fehlte die Zeit, und es passt ja auch nicht zu jeder Familie.

Also bleibt die Erinnerung an einen außergewöhnlichen Hilfeprozess und an viele Tagebuchtage. Zum Abschied habe ich die Seiten ausgedruckt und zu zwei Büchern gebunden, eins für die Familie und eins für meinen Kollegen.

Ihre Katja Änderlich