Flaggen von verschiedenen Nationen
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Stürmische Zeiten

01.10.2026

In den letzten Wochen stürmte es einige Male so heftig, dass ich vom Rad abstieg, weil ich nicht mehr gegenhalten konnte. Und wenn die Böen nicht von der Seite kamen, hatte ich immer Gegenwind, niemals Rückenwind.
An einem Abend war es so stürmisch, dass ich das Rad in den Keller stellte und meine Verabredung absagte. Zuerst stand ich planlos in meiner Wohnung und schaute aus dem Fenster, dann widmete ich mich dem Aufräumen. Alle meine Ordner nahm ich mir vor, mit dem Ziel, einen Ordner weniger im Regal zu haben. Dafür brauchte ich dann ungefähr eine Woche. Und es ist mir nicht nur gelungen, ich habe mein Ziel sogar übertroffen. Drei dicke graue Ordner sind jetzt weg. Mit den Jahren hatten sich so viele Ausbildungs-, Fortbildungs- und Weiterbildungsunterlagen angesammelt, wunderbare Methoden und Aufsätze, die ich mir schon lange nicht mehr angeschaut habe, und die ich auch nicht mehr brauche. Zu schade für die Tonne und zu schade, um als Schmierpapier einen letzten sinnvollen Zweck zu erfüllen. Ich habe sie verschenkt. Die meisten Unterlagen sind zeitlos. Und nun freut sich eine junge Mutter über Erziehungsratgeber, ein angehender Sozialarbeiter über Systemische Theorien, Anwendungsfelder und Methoden zum mehrgenerationalen Arbeiten – und ich bin erleichtert.
Auch einen riesigen Spiegel konnte ich abgeben. Drei kräftige Personen brauchte es, um ihn durchs Treppenhaus und auf den Anhänger zu packen, und eine yogabegeisterte Teenagerin hat mir ein Dankeschön-Foto vom neuen Zuhause meines Spiegels geschickt. Es fühlt sich ein wenig so an wie vor sieben Jahren, als ich mich auf einen Umzug vorbereitete. So viel wie möglich abgeben und so wenig wie nötig mitnehmen. Damals wollte ich meinen Wohnraum verkleinern; ich tauschte schließlich mit einer jungen Familie, die mehr Platz brauchte – und nun möchte ich immer öfter raus aus der Stadt. Es ist laut hier und stinkt, die Autos werden immer größer und breiter, Radfahrende weichen auf Gehwege aus, und zu Fuß Gehende, insbesondere alte Menschen, fühlen sich jetzt von den Fahrrädern bedrängt. 
Andererseits hat die Stadt auch einiges zu bieten. Die Draußentanzsaison ist zwar inzwischen vorbei, aber immerhin: Es gab sie. Jeden Abend konnte ich wählen, zu welcher Musik ich mich bewegen möchte und ob ich das lieber am Wasser, im Park oder im Hinterhof tun möchte. Im ländlichen Raum habe ich diese Möglichkeit nicht. Was mir auch fehlen würde, wären die vielen unterschiedlichen Sprachen, die ich höre, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Ohne diese Sprachmelodien wäre es einsam. Ich erinnere mich an einen Kurzurlaub in einem Dorf, in dem ich drei Tage lang nur eine einzige Sprache hörte, es war die, mit der ich aufgewachsen bin, ich verstand jedes Wort, doch ich fühlte mich fremd. Als ich die Heimreise antrat und morgens um 8 zwei junge Männer zur Bushaltestelle kamen und sich miteinander unterhielten, hörte ich einen wunderbaren Singsang. Ich verstand kein Wort, doch ich fühlte mich gleich wohler und irgendwie heimisch.
Emotional aufgewühlt haben mich natürlich auch die Wahlen und die Zeiten davor und danach und dazwischen. Unerträglich finde ich die gegenseitigen Beschuldigungen und Beschimpfungen, dieses kriegerische und vernichtende Gegeneinander, das durch die Berichterstattung in den Medien wiedergegeben wird. Was da in den sozialen Netzwerken los ist, mag ich mir gar nicht vorstellen. Gut tat es mir, dass ich auch die anderen, die friedfertigen Stimmen, wahrnehmen konnte. Die Stimmen der Menschen, die uns an die Friedensfähigkeit als etwas Erstrebenswertes erinnern. Da fühle ich mich gleich wieder „richtig“.
In meinen Beratungen und in der Familientherapie geht es ja auch um gewaltfreie Lösungen von Konflikten. Wenn ein Elternpaar den Kampf beiseitelegen kann und gemeinsam nach Lösungen sucht, können Erwachsene und Kinder endlich aufatmen. Und ich denke hier an eine ganz bestimmte Familie, bei der dies gelingt. Nachdem die getrenntlebenden Eltern aus dem Kampfmodus ausgestiegen sind, geht das Kind wieder in die Schule. – Was für ein Wunder!

Mein Name ist Ulrike Will, und ich teile Geschichten, die mich berühren.