Katze liegt mit geschlossenen Augen auf einer Coach

Stiftübergabe

Im August 2026 lernte ich bei einem Online-Workshop zum biografischen Schreiben Katja Änderlich kennen. Beide waren wir hocherfreut, dass die Veranstaltung über eine Plattform angeboten wurde, die mit den europäischen Datenschutzrichtlinien konform geht und nicht über dieses datenhungrige Unternehmen, das sich seit Corona in den privaten und geschäftlichen virtuellen Kommunikationsräumen breitmacht und sich unersetzlich hilfreich gibt.
Zum Austausch über unsere erste Schreibaufgabe waren Katja und ich demselben Breakoutroom zugeteilt worden. Eigentlich sollten wir die Texte über unsere Vorbilder miteinander besprechen, doch dazu sind wir gar nicht gekommen, denn unsere wichtigsten Themen waren der Klimawandel und Katjas aktuelle berufliche Situation.
Sie machte sich Gedanken darüber, welche Auswirkungen die geplante Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe auf die Ausgestaltung der ambulanten Hilfen zur Erziehung haben wird und ob die Entwicklungsberichte bald nur noch mit KI geschrieben werden und die persönliche und individuelle Sprache der Fachkräfte langsam aber sicher verkümmern wird. Gleichzeitig ärgerte sie sich darüber, dass ihre Gedanken um die Arbeit kreisten, denn eigentlich wollte sie ja aus diesem Beruf aussteigen. Sie befand sich in einer Krise, bei der sich das Berufliche und das Privat-Persönliche nicht mehr trennen ließen – und sie war auch sehr nah an einer Depression. Vielleicht steckte sie auch schon mittendrin, und die Arbeit hatte ihr gerade noch so viel Struktur gegeben, dass sie jeden Tag einen Grund hatte, aufzustehen.
„Wir beide sind erfahrene Krisenmanagerinnen“, stellte ich fest und lenkte die Aufmerksamkeit auf Dinge, die uns gut gelungen sind, und auf das, was uns dabei geholfen hat. Bei mir sind das oft bestimmte Sätze, und ich zeigte Katja eine meiner Lieblingspostkarten: eine Katze, die mit geschlossenen Augen und dennoch hellwach, auf einer Couch liegt. Darunter stand der Satz: „Ich kann gelassen bleiben und Dinge hinnehmen, die ich nicht ändern kann, ich habe den Mut die Dinge zu verändern, die in meiner Macht sind, und ich übe mich täglich darin, das eine vom anderen zu unterscheiden“. Natürlich kannte Katja diesen Spruch. Zumindest so ähnlich, aber in Kombination mit der Katze – das war neu. Und schon waren wir beim Austausch über Veränderungen, die wir herbeigeführt hatten, über das Loslassen und das Bewahren.
Katja wollte ihren Job loslassen und damit auch das Schreiben darüber. Von Oktober 2020 bis August 2026 hatte sie in der Rubrik „Alltägliches Bemerkenswert“ über ihren Alltag als Familienhelferin berichtet. Und das Beste – oder das Bemerkenswerteste – ist, wie ich finde, dass sie diesen Schreibplatz aus einer Krise herausgefunden hatte. 2020 hatte die Coronapandemie zu reichlich Verunsicherung, zum Teil zu zweifelhaften Schutzvorkehrungen und sinnlosen Anweisungen geführt. Menschen in helfenden Berufen wurden ungefragt als „Alltagsheld:innen“ tituliert; und genau das führte bei Katja Änderlich dazu, dass sie sich ärgerte und ärgerte und ärgerte. Ihr Ventil war das Schreiben, und als ein Redakteur sie hörte und ihr diesen Schreibplatz anbot, konnte sie wieder durchatmen. Und: Sie konnte ihrer geliebten Arbeit in der sozialpädagogischen Familienhilfe Sichtbarkeit und Wertschätzung geben.
Und nun – wieder in einer Krise – wollte sie loslassen und gleichzeitig bewahren. Das kenne ich auch von mir. Ich kann Ideen teilen, Aufgaben und Projekte abgeben und Dinge, die ich mag, verschenken. Zum Beispiel kann ich Bücher oder Pflanzen oder Möbel gut weitergeben. Wegwerfen, was noch brauchbar ist, das kann ich nicht und will ich nicht.
Unsere Zeit im Breakoutroom war viel zu kurz. Wir verabredeten uns für ein  Telefonat, und als Katja mich fragte, ob ich ihre Kolumnenseite übernehmen möchte, nahm ich gern an. Ob Katja Änderlich inzwischen wieder arbeitsfähig ist, ob sie gekündigt hat und für eine NGO arbeitet oder ob sie sich für eine stationäre psychosomatische Reha entschieden hat, weiß ich nicht. Wir werden uns bestimmt wiedersehen und dann kann ich berichten.

Übrigens: Meine Name ist Ulrike Will, ich bin ein Mensch und schreibe mit Kopf und Herz und Hand.