Prof. Dr. Julia Steinfort-Diedenhofen
Prof. Dr. Julia Steinfort-Diedenhofen, Foto: privat

Sozialgeragogik: Junges Berufsfeld in alternder Gesellschaft im Kommen?

01.08.2016 | Altenhilfe, Studium | Nachrichten

Hat die Gesellschaft ausreichend qualifiziertes Personal, um auf den demografischen Wandel gut vorbereitet zu sein? Die Katholische Hochschule NRW sieht Lücken und startet im kommenden Semester eine bundesweit bisher einzigartige Weiterbildung zur Sozialgeragogin bzw. zum Sozialgeragogen. Die Entwicklung eines neuen Berufsfeldes sei damit erst am Anfang, sagt eine der maßgeblichen Initiatorinnen, Prof. Dr. Julia Steinfort-Diedenhofen aus Köln. Die Redaktion Sozial.de sprach mit ihr.

Frau Prof. Steinfort-Diedenhofen, googelt man das Wort „Sozialgeragoge", stößt man ausschließlich auf die neue Sozialgeragogik-Weiterbildung. Auch Wikipedia hat noch keinen Eintrag. Haben Sie nicht nur eine neue Weiterbildung, sondern auch einen neuen Begriff kreiert?

Steinfort-Diedenhofen: Nein, geprägt hat das Wort „Sozialgeragoge“ ein inzwischen emeritierter Professor der Universität Dortmund, Prof. Dr. Ludger Veelken, erstmals in den 1990-er Jahren. Allerdings ist die Geragogik als wissenschaftliche Disziplin insgesamt noch sehr jung und hat sich erst in den vergangenen vierzig Jahren etabliert. In der Geragogik sehen wir das Altern im Zusammenhang mit Lernanlässen für Menschen, aber auch für Beziehungen und Gesellschaft. Mit der neuen Weiterbildung „Sozialgeragogik“ werden nun die Themen von Bildung und Lernen im Prozess des Alterns insbesondere mit der Perspektive der ebenfalls ja eher jungen Wissenschaft der Sozialen Arbeit zusammengebracht.

Wie kam es zur „Geburt" der neuen Weiterbildung?

Steinfort-Diedenhofen: Mich selbst haben schon zu Ende meines Studiums, also mit Mitte zwanzig, vor allem die Themen älterer Menschen besonders interessiert. Der Frage, welche persönlichen biografischen Lernaufgaben sich auch dann noch stellen, wenn man über siebzig Jahre alt ist, bin ich in meiner Promotion zum Thema „Identität und Engagement im Alter“ (Steinfort 2010) nachgegangen. Seit drei Jahren habe ich eine Professur an der Katholischen Hochschule NRW und lehre dort mit großer Freude und Engagement schwerpunktmäßig in der Sozialen Arbeit. Als immer wieder Studierende nach Veranstaltungen rückmeldeten, dass sie die Geragogik zuvor gar nicht kannten und nun beeindruckt sind, wie vielfältig die damit verbundenen Themen wie Generationendialog, Neue Medien, Sinn und Spiritualität, Freiwilliges Engagement und vieles andere mehr sind, haben wir als Hochschule beschlossen, eine neue Weiterbildung zu konzipieren.

Die Idee ist, damit sowohl Menschen anzusprechen, die bereits jetzt in Feldern der Altenbildung arbeiten und sich weiter qualifizieren möchten, aber auch denjenigen  etwas anzubieten, die die Geragogik gerade erst als Thema Sozialer Arbeit neu entdecken und darin weiter beruflich Fuß fassen möchten. Ich wünsche mir, dass Menschen, die an der Weiterbildung teilnehmen, selbst aktiv an der Weiterentwicklung der Geragogik mitwirken, da hier noch viele Wege und Zugänge offen stehen. Es gilt, Neuland zu entdecken und den demografischen Wandel durch Lernen und Bildung zu gestalten!

Welches Know-how genau kann eine Sozialgeragogin oder ein Sozialgeragoge dabei einbringen? 

Steinfort-Diedenhofen: In der Weiterbildung ist es uns ein Anliegen, die Entwicklung von Qualität zu einem zentralen Thema zu machen. Da die geragogischen Handlungsfelder schon heute sehr vielfältig sind, erscheint es notwendig, neue Wissensbestände über Lernen und Bildung im Alter in bestehende soziale Arbeitsfelder einzubringen. So bietet die Geragogik zum Beispiel neue didaktische Perspektiven zur Konzeption von Lernarrangements. Eine ganz besondere Rolle spielt hier das Wissen um professionelle Begleitung selbstbestimmter Lernprozesse, da es eine der großen Zukunftsaufgaben Sozialer Arbeit sein wird, die Bedürfnisse der unterschiedlichen Akteure und Adressaten noch stärker als bisher zu berücksichtigen. Das Know-how der Sozialgeragogik kann weiter sein, in Organisationen differenzierte und diversitätsbewusste Altersbilder, didaktisches und methodischen Wissen zur Durchführung von Altersbildung, aber auch Transfermöglichkeiten einzubringen.

Welchen Transfer haben Sie beispielsweise im Blick?

Steinfort-Diedenhofen: Ich denke an neue Formen von freiwilligem Engagement oder auch die Förderung von Selbstorganisation…

Wo überall in der Sozialen Arbeit kann Ihrer Meinung nach in Zukunft eine sozialgeragogische Unterstützung gebraucht werden? 

Steinfort-Diedenhofen: Die Bandbreite sozialgeragogischer Einsatzfelder ist beachtlich. Zu unterscheiden sind dabei eher traditionelle Bildungsorte, wie kirchliche Bildungshäuser, bei denen der Lernende zu einer Institution geht und dort ein Programm absolviert, von informellen Lernorten. Im Alltag, in der Familie, in der alltäglichen Lebenswelt liegen vielfältige Lernorte, die oft erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind. Die Bildungssettings jenseits der traditionellen Bildungsanbieter werden in Zukunft immer wichtiger. Auch in der Altenhilfe. So wirken Sozialgeragoginnen und Sozialgeragogen aktiv dabei mit, neue Lernorte und Formen niederschwelliger oder auch zugehender Bildungsarbeit zu entwickeln. Orte dafür sind zum Beispiel Begegnungsstätten, Bürgerzentren oder Mehrgenn erationenhäuser. Da das Leben im Alter zunehmend von gesellschaftlichen Veränderungen geprägt ist, wird das Altern immer mehr zu einem Prozess ständiger Bemühungen um eine Balance und Neuorientierung. Alter ist Chance und Risiko zugleich, Lernaufgaben sind individuell: in Beziehungen und in der Gesellschaft. Sozialgeragogen werden gebraucht, damit eine Gesellschaft des langen Lebens Gestalt annehmen kann. 

Herzlichen Dank für das Gespräch. Die Fragen stellte Ines Nowack, Chefredakteurin Sozial.de Mehr Informationen zur neuen Weiterbildung auf den Internetseiten der Hochschule unter www.katho-nrw.de

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