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Sind wir alle Influencer?

07.10.2019

Menschen haben schon immer versucht, die eigenen Meinungen und Interessen an andere weiter zu geben, dialogisch und manipulativ, partnerschaftlich und gewaltsam. So gab es „Influencer“ bereits lange bevor der Begriff durch die Erfindung des Internets eingeführt wurde.

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Menschen zu beeinflussen gehört zu den wichtigen, unverzichtbaren Bildungs- und Erziehungsaufgaben in der Familie, in der Schule, im Beruf  und in der Freizeit. Kein Mensch kann isoliert von anderen Menschen und den Umwelteinflüssen aufwachsen, wie z. B. die verschiedenen Versuche  der Ausgrenzung zeigen, etwa die berüchtigte und bis heute nicht eindeutig geklärte Caspar-Hauser-Geschichte im  19. Jahrhundert in Nürnberg. Im psychologischen und anthropologischen Diskurs wird der Einfluss, den Menschen auf Menschen ausüben, in ganz unterschiedlicher Weise thematisiert. Da ist einerseits die Erkenntnis, dass das Individuum ein Homo dialogicus ist, angewiesen und aufgefordert, in eine menschenwürdige, gleichberechtigte, humane Verbindung mit anderen Menschen zu treten. Andererseits kann Einflussnahme auch negative Wirkungen und Situationen schaffen, etwa, wenn Meinung manipuliert, indoktriniert und besitzergreifend veranlasst wird[i].  

Der Begriff „Influenz“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Einfluss“, „Einwirkung“ und wurde ursprünglich physikalisch verwendet. In der Internet-Kommunikation wird ein „Influencer“ als ein Beeinflusser bezeichnet. Wikipedia unterscheidet dabei drei Formen und Aktivitäten: Ein „Key-Influencer“ ist ein Blogger und Werber, der im www Produkte vorstellt; ein „Social-Influencer“ ist jemand, der Konsumenten anregt, die vorgeführten Produkte zu kaufen; und ein „Peer-Influencer“  steht bei einer Firma oder einem Konzern unter Vertrag.

Da gibt es die Geschichte von Lil Miquela. Sie hat ein Leben, um das sie viele Menschen beneiden. Sie wird bei Veranstaltungen auf dem roten Teppich fotografiert und bewundert; sie ist jung und schön, kann alles und das sofort! Sie hat auf Instagram, YouTube, Facebook und Snapchat mehr als 1,6 Millionen Follower, denen sie die verschiedensten Produkte aus der Lebens-(mittel)Industrie empfiehlt. Nur:  Miquela ist kein Mensch, sondern ein („lebensechter“) Roboter, der von den Konstrukteuren erfunden und gebaut wurde, um als Influencerin für sie Geld zu verdienen[ii].

Follower

Influencer gibt es natürlich auch als Menschen. Sie haben meist phantasievolle Namen wie: bibisbeautypalace, julienca, shirindavid, julienbam, felixlanden…. Sie versammeln weltweit Millionen von Followern um sich und verdienen mit ihren Posts Geld[iii]. Weil in den Zeiten des www der „gläserne Mensch“ Modell und Menetekel ist, kommt es besonders darauf an, auf das Menschenrecht „Schutz der Privatsphäre“ zu achten. Die Janusköpfigkeit des Internets macht deutlich, dass die virtuellen Möglichkeiten sowohl das individuelle und kollektive Leben der Menschen in einer offenen, demokratischen Gesellschaft  befördern, als auch Abhängigkeiten, Hierarchien und Ideologien in einer geschlossenen Gesellschaft bewirken können. Es sind die dringenden und drängenden Fragen, wie der anthrôpos, der mit Vernunft ausgestattete, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigte und zwischen Gut und Böse unterscheidungsfähige Mensch, die Conditio Humana von Freiheit und Ordnung, Frieden und Gerechtigkeit in Einklang zu bringen vermag.  Der sächsische Ökonom, Psychiater und Anthropologe Stefan Brunnhuber entwickelt, angelehnt an die Kontroversen zu Poppers Modell einer offenen Gesellschaft, Vorschläge, wie eine offene Gesellschaft Hier, Heute und Morgen – aussehen könnte. „Es geht in der Offenen Gesellschaft, welche immer unfertig und unvollkommen ist, … um das richtige Verhältnis von Kritik, Freiheit und Ordnung“.  Eine Reflexion darüber, wie es gelingen kann, dass alle Menschen offen, frei und menschenwürdig leben können, braucht den Intellekt und die Hoffnung, dass der Mensch im „Anthropozän“ sich seiner humanen und kosmischen Verantwortung bewusst wird. Die ökonomischen Grenzüberschreitungen, der Machtmissbrauch von Gewinnern und die Ohnmacht der Verlierer gehören auf das gesellschaftliche Kritikfeld, das Karl Popper charakterisiert, wenn er feststellt, dass man „Vernunft am besten als Offenheit für Kritik interpretieren kann, als Bereitschaft, sich kritisieren zu lassen, und als den Wunsch, sich selbst zu kritisieren“[iv]. Weil Ordnungen und –Vorstellungen sichtbar und erkennbar, aber auch unsichtbar und verborgen sein können, und weil „Ordnungen in Kultur und Alltag ( ) in Diskursen und Praktiken fortwährend hergestellt (werden)“, und zwar sowohl gewollte, geplante und reflektierte, als auch unerkannte, auf Zufälligkeiten, chaotischen, risikobehafteten oder subversiven Ereignissen beruhenden Ordnungsstrukturen, kommt es darauf an, sie als konstituiertes und konstituierendes Element von Gesellschaft zu verstehen[v].

Wandel und Veränderung

Die landläufigen, traditionellen Einstellungen, dass Veränderungen im persönlichen und kollektiven Leben schlecht und abzulehnen sind und mit Reaktionen begegnet werden , wie etwa: „Das haben wir schon immer so gemacht!“ – „Das haben wir noch nie so gemacht!“ – „Da könnte ja jeder kommen!“ sind meist Merkmale dafür, dass der Mensch nicht oder falsch informiert und nicht aufgeklärt ist. Dadurch entstehen Irritationen, die sich auf die allgemeine Stimmung in einer Gesellschaft auswirken: „Politik ist ein schlechtes Geschäft!“ – „Die da oben…!“ – „Ohne mich!“ – „Lügenpresse“.  Weil Wandel aber An- und Herausforderung ist, stellt sich die Frage, wie es den Menschen gelingen kann, sich in den Zeiten von Unsicherheiten und Unbeständigkeiten  festhalten und orientieren zu können. Der Münchner Kommunikations- und Medienwissenschaftler Manuel Menke  zeigt einen erst einmal als irritierend erscheinenden Weg auf. Er plädiert für „nostalgisches Denken und Handeln“; jedoch nicht, indem er behauptet, „dass „früher immer alles besser war“, sondern mit der Aufforderung zur Medienkritik, und damit gegen die (euphorische oder resignative) Auffassung, dass die „Neuen Medien“ unabdingbares und unaufhaltsames Schicksal seien. „Ab wann signalisiert kollektive Nostalgie eine derart bedenkliche Überforderung mancher Bevölkerungsgruppen, dass eine Gesellschaft aktiv werden muss und beginnt, Wandel als Problem zu diskutieren?“ und: „Was ist ein gutes Maß an Nostalgie, um Wandel gesund zu verarbeiten[vi]. Man könnte den Begriff „Nostalgie“ in diesem Zusammenhang auch ersetzen durch die Werte „Gelassenheit“ oder „Innehalten“. 

 Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Diese Adorno‘sche Diktion wird vielfach verwendet, wenn in der lokalen und globalen gesellschaftlichen Kommunikation Aussagen, Meinungen, Behauptungen und Paradigmen verneint oder in Frage gestellt werden. Die Argumente und Gegenargumente stützen sich dabei, formal und / oder informal, meist auf den gedachten oder tatsächlichen Wahrheitsanspruch. Im aktuellen, faktischen, postfaktischen und ideologischen Diskurs wird der denk- und sprachphilosophische Begriff der „Negation“ aussagelogisch benutzt, was bedeutet, dass eine Äußerung oder Darstellung bejaht oder verneint werden kann. Mit dem aus dem Lateinischen abgeleiteten Begriff „negare“ wird eine im Kommunikationsprozess diskutierte, moralische oder konventionelle Aussage verneint und durch eine Gegenmeinung ersetzt. Dabei werden Aussagen, Aktivitäten und Abbildungen auf den Wahrheits- und Nonsenssinn hin befragt. An der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg fand vom 4. – 6. April 2018 ein wissenschaftliches Symposium zum Thema „Bild und Negation“ statt. In interdisziplinären Auseinandersetzungen entsteht ein  Querschnitt von verschiedenen, logischen, semiotischen, phänomenologischen, dialektischen, psychoanalytischen und medientechnischen Negationsbegriffen, die nicht als l’art pour l’art diskutiert werden, sondern in konkreten, alltagsgeschichtlichen und lokal und global realgeschichtlichen Phänomenen wirksam werden[vii].

Digitalisierung der Lebenswelten – Krise und Chance!

In den Zeiten des Momentanismus, in denen das „Sichtbare“, das „Jetzt“ und das „Alles-und-Sofort“ zum scheinbar einzigen, bewältigbaren Phänomen übersteigert wird, kommt es darauf an, sich auf die philosophischen und anthropologischen Grundlagen des phänomenologischen Denkens und Tuns der Menschen zu besinnen. Bereits in der Antike wurde das „Erscheinende“, „Einleuchtende“ als Gegensatz zum „wahren Sein“ (Platon) definiert, von Immanuel Kantals „Unterscheidung von Wesen und Erscheinung“ erkannt, von Georg Wilhelm Friedrich Hegel als „Erscheinungsform des Geistes“ ausgewiesen, und von Edmund Husserl als „Erkenntnisgewinn“ benannt. Mit der „Phänomenologie“ wird beansprucht, dass sich wissenschaftliches Denken und Handeln nur an logischen, klaren und eindeutigen Phänomenen orientieren solle, die dem unmittelbaren Bewusstseinserleben zugrunde liegen. Anthropologisches Bewusstsein ist demnach immer eine Wahrnehmung „von etwas“. Husserl und seine Anhänger knüpfen dabei an die aristotelische Erkenntnis von der „noêsis“, dem Denken des Denkens an: „Sie bewegt alles, ist aber selbst unbewegt“[viii]. Die Veränderungs- und Wandlungsprozesse, wie sie sich durch die Neuen Technologien ergeben, werden meist unter fachspezifischen Aspekten diskutiert: „Ingenieure, Ökonomen, Techniker, Geistes- und Sozialwissenschaftler behandeln die Digitalisierung jeweils als monodisziplinäres Problem“. Die Fragen, Problemstellungen und Ergebnisse sind deshalb selten als Phänomene ausgewiesen, wie sie Husserl als „Lebenswelt … bezeichnet, in der sich unser ganzes Leben praktisch abspielt, von der alle Sinnbildungen ausgehen und auf die alle Sinnbildungen wiederum abzielen“. An der Universität Witten/Herdecke haben sich am 15.11.2018 Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und AutorInnen zusammen gefunden, um beim Lehrstuhl für Sozialphilosophie und Ethik die Interdisziplinarität des Phänomens „Digitalisierung der Lebenswelt“ zu diskutieren: Wie und als was ist die Digitalisierung zu definieren, und was bedeutet sie für Autonomie und Selbstbestimmung? - Welche Zumutungen an die Selbstsorge und Beziehungen zu anderen wachsen daraus? - Reicht Datenschutz als ethische Prävention aus? - Ist eine gerechte Digitalisierung, die niemanden abhängt, möglich? - Was bedeutet sie für gesellschaftliche Strukturen und Institutionen? -  Welche Zumutung bedeutet sie für die Lebenswelt selbst?[ix]

Fazit

Unsere Frage, ob wir Influencer, Beeinflusser in den individuellen und kollektiven Lebens- und Kommunikationsprozessen sind, muss mit Ja und Nein beantwortet werden: Ja, wenn es darum geht, einen verantwortungsbewussten, legitimen und humanen Einfluss auf Mitmenschen auszuüben; und Nein, wenn Einflussnahme zu Manipulation und Machtmissbrauch wird. Drücken Worte Wahrheiten aus, oder sind sie Hülsen und Fake News? Sind Bilder Abbilder der Wirklichkeit?[x]. Das Wort, das Bild, die Geste, die Haltung, die Einstellung, das Denken und Tun, und der Blick[xi], das sind die Merkmale, die Menschen an Menschen richten, und damit positive oder negative Signale aussenden. „Ich bin ein Influencer“ -  diese Aussage hat nur dann humane Wirkungskraft, wenn sie uneigennützig und ehrlich geäußert wird!



[i] Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Was unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir der kollektiven Dummheit entkommen können, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php

[ii] Elisabeth Kagermeier, Ist die echt? In: ZEITleo, DIE ZEIT, Nr. 39 vom 19.9.2019, S. 52

[iii] https://www.gruenderszene.de/allgemein/influencer-geld-post

[iv] Stefan Brunnhuber, Die offene Gesellschaft. Ein Plädoyer für Freiheit und Ordnung im 21. Jahrhundert, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25426.php

[v] Stefan Groth, u.a., Ordnung im Alltag und Gesellschaft. Empirisch kulturwissenschaftliche Perspektiven, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25405.php

[vi] Manuel Menke, Mediennostalgie in digitalen Öffentlichkeiten. Zum kollektiven Umgang mit Medien- und Gesellschaftswandel, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25273.php

[vii] Lars Nowak, Hrsg., Bild und Negativität, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25406.php

[viii] Otfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 374

[ix] Martin W. Schnell / Christine Dunger, Hrsg., Digitalisierung der Lebenswelt. Studien zur Krisis nach Husserl, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25358.php

[x] Clemens Schwender, u.a., Hrsg., Zeigen – Andeuten – Verstecken. Bilder zwischen Verantwortung und Provokation, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25684.php

[xi] Bettina Stangneth, Hässliches Sehen, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25303.php Sin

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Jana Simon: Unter Druck. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2019. 335 Seiten. ISBN 978-3-10-397389-1.
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