Seelisch gesund sein – was heißt das?
Im Oktober war wieder die Woche der seelischen Gesundheit. Ich hatte nur wenige Beratungs- und Therapietermine und schaute jeden Morgen im Veranstaltungsprogramm nach, ob etwas Interessantes für mich dabei ist. Viele Veranstaltungen waren online, und ich konnte mich kurzfristig anmelden. Interessant fand ich, dass es viele Vorträge zum Thema Bindungstrauma gab und eine, anscheinend neue, Therapiemethode vorgestellt wurde, die auf das Zusammenwirken von Psyche und Körper ausgerichtet ist. In der Theorie dazu werden toxische Schuld und Scham als Ursache für übermäßige Selbstkritik, Selbstablehnung und Selbsthass beschrieben; es wird erklärt, wie das mit diesem neuen Therapieansatz aufgelöst werden kann.
Das Bindungs-, Beziehungs- oder Komplextrauma begegnet uns auch oft in der Familientherapie, und zwar sowohl bei Kindern als auch bei den Eltern, die ja erwachsene Kinder sind. In der Genogrammarbeit können traumatische Erfahrungen auch in früheren Generationen erkennbar werden, sozusagen als emotionale Erbschaft.
Ich denke, dass ich als Kriegsenkelin einer bindungstraumatisierten Generation angehöre. Unsere Eltern waren Kinder im Zweiten Weltkrieg, viele waren schon früh auf sich gestellt, und die Erziehung war auf Abhärtung ausgerichtet und nicht auf Wahrnehmung und Ausdruck von Gefühlen. Selbst emotional unterversorgt, war es den Vätern und Müttern kaum möglich, uns – also ihre Kinder – emotional ausreichend zu nähren. Viele Angehörige der Generation Kriegsenkel haben oder hatten psychische Probleme; sie suchten und suchen Heilung auf ganz unterschiedlichen Wegen.
Bei den Vorträgen saß ich also mit beruflichem und auch mit persönlichem Interesse am Bildschirm. Neugierig war ich auch deshalb, weil unser Familientherapieteam eine Fortbildung zu dieser neuen Therapiemethode plant. Zur Vorbereitung liegt auf meinem Schreibtisch ein dickes Fachbuch. Bei diesem ärgere ich mich allerdings darüber, dass kein einziger Satz gegendert ist. Frauen und andere Identitäten kommen nicht vor. Irgendwo gibt es natürlich eine Fußnote mit dem Hinweis, dass wegen der Lesbarkeit nur die männliche Form verwendet wird. Ich persönlich werde dieses Argument jedoch erst dann akzeptieren, wenn genauso viele Bücher in der weiblichen Form geschrieben und veröffentlicht werden, wie sie in der männlichen Form vorliegen.
Genauso geärgert habe ich mich darüber, dass dort, wo es um das Thema Bindung geht, wie so häufig nur von den Müttern als erste Bindungsverantwortliche die Rede ist. Und ja, auch hier kommt irgendwann der Hinweis, dass es eigentlich um verlässliche Bezugspersonen geht und dass dies nicht unbedingt immer die Mutter sein muss. Ich frage mich deshalb: Warum kann man das so nicht einfach auch im Text schreiben? Sprache schafft Wirklichkeit. Und Sprache setzt Zeichen der Wertschätzung oder eben Nicht-Wertschätzung.
Wenn beispielsweise eine Frau oder eine non-binäre Person, die lernte, sie sei „falsch“ oder „nichts wert“ (und die manchmal immer noch ein bisschen daran glaubt) ein Buch liest, in dem nur die männliche Form vorkommt, nimmt sie wahr, dass sie zu einer Personengruppe gehört, die es nicht wert ist, benannt zu werden. Oder: Wenn eine Mutter, die Schuldgefühle hat, weil sie ihr Kind schon im ersten Lebensjahr auch von anderen Personen betreuen ließ, in diesem Fachbuch liest, dass die Mütter als erste Bindungspersonen viel Schaden anrichten können, dürfte das wohl kaum zur Befreiung von Schuld und Scham beitragen. Meiner seelischen Gesundheit tut diese Missachtung jedenfalls gar nicht gut.
Zu unserer Teamfortbildung möchte ich nun eine Referentin einladen, die mit dieser neuen Therapiemethode arbeitet und uns aus der Praxis berichten kann. Ihr Vortrag in der Woche der seelischen Gesundheit hat mich erreicht, weil ihre Haltung von Respekt und Wertschätzung auch durch die Worte ihres Vortrages transportiert wurde. Worte wirken!
Sehr genossen habe ich auch drei Präsenzveranstaltungen, in denen mein Körper in Bewegung kam. Yoga, Tanztherapie und Theaterworkshop trugen sehr zu meinem körperlichen und seelischen Wohlbefinden bei. Beim Theaterworkshop gab es viel Raum zum Austausch über das, was jede teilnehmende Person für sich als seelisch gesund beschreibt, was Gesellschaft dazu beiträgt und wie Politik gestalten kann. Das Fazit einer Teilnehmerin lautete, dass die Beschreibung von seelischer Gesundheit offensichtlich eine sehr komplexe und individuelle Angelegenheit ist und dass es keine Kriterienliste gibt, bei der man einfach nur die Punkte abhaken kann.
Mein Name ist Ulrike Will und ich denke, seelische Gesundheit braucht tägliche Pflege.




