Gelbe Blüte in Nahaufnahme
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Rollentanz und Jahrestage

Manchmal weiß ich gar nicht in welcher Rolle ich gerade unterwegs bin. Und ich frage mich: Wer spricht denn da? Ist es mein ganz persönliches, mein kleines Perfektinchen, dass sich aus dem Urlaub zurückmeldet und eine Sache ganz besonders gut und schön und rund und glatt haben möchte? Ist es die Kollegin, die einfach nur den Austausch sucht? Oder die Co-Fachkraft, die sich mit der anderen Co-Fachkraft zu einer ganz bestimmten Frage, die den gemeinsamen Fall betrifft, absprechen und einigen möchte? Oder ist es die Koordinatorin, die sich verantwortlich fühlt für die Außenwirkung des Trägers und unseres Arbeitsbereiches und auch für das Wohlbefinden der Kolleg:innen? Und in welcher Rolle werde ich gerade von meinem Gegenüber gehört und gesehen?

Als ich mir Gedanken darüber machte, wie es einer Kollegin, die ernsthaft erkrankt war, inzwischen wohl geht und ob sie bald wieder gesund ist, waren es neben den beruflichen Rollen – ich hatte eine Vertretung übernommen und andere Kolleg:innen auch - zusätzlich ein privates Interesse. Wir haben ein gemeinsames Hobby, und ich wollte wissen, ob sie zu einer Veranstaltung mitkommen wird, zu der wir uns bereits vor ihrer Erkrankung verabredet hatten. Ich sprach sie über den privaten Kanal an, sie antwortete über die Dienstmail. Sie scheint sich da gar keine Gedanken zu machen über dieses Rollenthema, und vielleicht mache ich mir das auch komplizierter als es ist. Vor zehn Jahren war ich noch der Meinung, es sei unprofessionell, wenn eine Person, die als Fachkraft und Teammitglied gleichzeitig auch Leitungsfunktion ausübt. Jetzt denke ich, es geht, und es erfordert eine hohe Rollensensibilität.

Die Väter und Mütter, mit denen wir arbeiten, erinnern wir ja auch daran, dass sie nicht die Kumpels oder Freundinnen ihrer Kinder sind, sondern dass sie als Eltern, in dieser Rolle, auch eine Verantwortung haben.

In der Teamsitzung berichtete ein Kollege von einem 15-Jährigen, der ihm ganz freimütig erzählt hatte, dass er mit seinem Vater immer mal ein Feierabendbierchen trinkt. Er schien bereits einige Trinkerfahrungen gemacht und verschiedene Biersorten getestet zu haben, und konnte sagen welche Sorte ihm schmeckt und welche er gar nicht mag. Der Kollege hatte den Vater darauf angesprochen und der meinte, betreutes Trinken sei doch besser als wenn der Sohn das Draußen macht. Interessant, dass sich kurz vor Ablauf des Bewilligungszeitraums ein neues Arbeitsthema auftut. Nun soll aus der Betreuungshilfe eine Familienhilfe werden, die Eltern leben getrennt, und die Mutter und das Geschwisterkind sollen mit einbezogen werden. Es soll eine zweite weibliche Fachkraft mit einsteigen, und ich denke darüber nach, ob ich das übernehmen sollte.

Ich überlege auch, ob es einen Tag der Rollenvielfalt geben sollte. Im Februar hatten wir ja eine ganze Menge dieser Motto- und Gedenktage. Da war der Tag der Muttersprache, die Aktionswoche für Kinder aus suchtbelasteten Familien, der Valentinstag, der One Billion Rising Tag, der Weltglückstag, der Jahrestag des Angriffskrieges auf die Ukraine und der Geburtstag meiner Freundin, und bestimmt noch viel mehr. Im März steht der internationale Frauentag an, und es gibt einen Aufruf zum Frauenstreiktag. Wie dieser umgesetzt werden kann, weiß ich noch nicht. Da ist Kreativität gefragt. Im Moment mache ich es so, dass ich bei den Terminvereinbarungen, wenn ich in meinem Kalender blättere, immer sage: Ach so, 9. März, Frauenstreiktag. Einfach nur, um es zu benennen.

Ihre Katja Änderlich*


*Pseudonym der Autorin