Sozial.de - Das Nachrichtenportal
KAL Visuals / Unsplash

Resturlaub

01.10.2020

„Mit Kraft durch die Krise“ lautet das Motto der diesjährigen „Woche der seelischen Gesundheit“ mit Veranstaltungen in ganz Deutschland. Früher habe ich auch mitgemacht. Erfolgsgeschichten aus der Familienhilfe habe ich vorgestellt. In diesem Jahr bin ich selbst auf der Suche nach neuen Kraftquellen.

Corona hat mich ganz schön mitgenommen. Wobei – es war nicht Corona. Es war das ganze Drumherum, das mich an die Grenze meiner Anpassungskapazitäten gebracht hat. Die Flut von Informationen, Schutzvorschriften und Arbeitsanweisungen, die auf mich einströmten, konnte ich gar nicht alle verarbeiten. Dass die Gesellschaft geteilt wurde und es plötzlich Systemrelevante und andere gab, das fand ich daneben und es war verlogen. Nichts gegen den Applaus vom Balkon aber ich hätte lieber für bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung gejubelt.

Als Fachkraft in den ambulanten Hilfen zur Erziehung genoss ich makabre Privilegien und ich durfte mich zur Ausübung meines Berufes einem erhöhten Infektionsrisiko aussetzen. Privat war Kontaktvermeidung angesagt so wie bei den anderen. Dort wo im März noch die Kulturveranstaltungen angekündigt wurden, hingen im April die Plakate mit dem Dank an die Alltagshelden und Alltagsheldinnen der Nation und die Organisation für die ich arbeite, ließ sogar Herzen designen. Völlig unerwartet, als ich meine Dienstmails öffnete, blitzte mir das Dunkelrotblau dieser Herzform entgegen. Prall gefüllt war es, mit all unseren Namen und darüber funkelte das „Dankeschön Ihr Alltagsheld*innen“. Na, immerhin haben sie gegendert, dachte ich bitter, wir arbeiten schließlich ressourcenorientiert. Doch der Dank ging daneben. Ich assoziierte Kriegsgräber, Heldenfriedhof und Kanonenfutter, träumte von Friedhöfen für systemrelevante Alltagsheld*innen und wollte kündigen, meiner Gesundheit zuliebe.

Meine Kollegin Helga meinte, ich sei übersensibel, ihr „nun-stell-dich-nicht-so-an-Lächeln“ machte mich noch wütender. Warum soll ich in Familiengesprächen und bei den Berichten auf die Formulierungen achten und darüber hinweg sehen, wenn Worte mich aufwühlen? Sollen wir Eltern für die Wirkung der Worte sensibilisieren und uns ignorieren? Ist es held*innenhaft, wenn wir Mundschutz tragen und darauf verzichten, dass unser Gegenüber, die sogenannten Hilfeempfänger*innen, dies ebenfalls tun? Ist es held*innenhaft, wenn wir Hausbesuche machen, bei denen der empfohlene Mindestabstand nicht eingehalten werden kann? Ist es held*innenhaft, wenn wir mit Bus und Bahn zur Arbeit fahren, wo es inzwischen wieder recht eng wird? Ist es held*innenhaft mit Herzblut zu arbeiten für ein kleines Gehalt?

Mein Freund Alex behauptet, die soziale Arbeit mache die Menschen nur fit, damit sie funktionieren in einem kranken Gesellschaftssystem. Vielleicht hat er recht und ich bin im Irrtum, wenn ich denke, ich kann entscheiden, für welches System ich relevant sein möchte. Wenn es einer Familie nach Abschluss der Hilfe besser geht als zuvor, dann bin ich hier gern relevant gewesen und wenn Eltern mit meiner Unterstützung lernen, wie sie ohne Gewalt den Erziehungsalltag bewältigen, auch. Wenn die Netzwerkarbeit im Hilfesystem funktioniert – welche Freude. Wenn meine Freundin mich scherzhaft zur Heldin ernennt weil ich meine eigene Feigheit besiegt habe – meinetwegen. Aber der Titel, von Oben erteilt, hat einen üblen Beigeschmack und die massenhafte Ernennung von Alltagsheld*innen hat den Wert einer – möglicherweise gut gemeinten Wertschätzungsgeste ins Gegenteil verkehrt. Inzwischen wurde die Kollektivzertifizierung anscheinend wieder zurückgenommen. Die Plakate sind verblasst und das Herz ist auch wieder weg. So plötzlich wie es auftauchte ist es verschwunden.

Ich bin erschöpft und nehme meinen Resturlaub. Als ich meine Abwesenheitsnotiz aktivieren möchte blitzt mir eine als wichtig markierte E-Mail der Geschäftsführung entgegen. Im Betreff steht: „unbedingt noch vor dem Urlaub lesen“.  Ich klicke auf Logout. Kurz vor der Abreise guck ich dann doch noch mal rein und erfahre, dass ich eine Gehaltserhöhung bekommen habe.

Ihre Katja Änderlich

Aktuelle Rezension

Buchcover

Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau, Reinhild Schäfer (Hrsg.): Frauen und Armut - feministische Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 474 Seiten. ISBN 978-3-8474-2203-7.
Rezension lesen   Buch bestellen

zu den socialnet Rezensionen

Stellenmarkt

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Facebook

socialnet ist auch bei Facebook vertreten und informiert dort regelmäßig über neue Angebote und Beiträge.
Werden Sie Fan von socialnet.