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Nur eine Frage der Formulierung? Neue globale Definition Sozialer Arbeit soll gemeinsame deutsche Übersetzung bekommen.

Vor mehr als zwei Jahren haben die Internationalen Dachverbände Sozialer Arbeit und ihrer Schulen IFSW und IASSW die globale Definition Sozialer Arbeit neugefasst. Es ist die mittlerweile vierte Überarbeitung seit den 1950-er Jahren. Der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit will jetzt gemeinsam mit den Berufsverbänden in Österreich und in der Schweiz beraten, wie man zu einer verbindlichen deutschen Übersetzung des englischen Textes kommen kann.

Hintergründe der internationalen Neufassung waren 2014 wie auch zuvor weltweite soziale Veränderungen und Bewegungen, aber auch Entwicklungen in der eigenen Profession. In dieser Tradition hat die Definition für viele etablierte Berufsverbände auf der Welt berufsethische Verbindlichkeit. Für junge IFSW-Verbände, die angetreten sind, nationale Strukturen professioneller Sozialer Arbeit aufzubauen, kann sie eine hilfreiche Orientierung bieten.

Die neugefasste globale Definition Sozialer Arbeit wurde im Juli 2014 mit nur einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen auf der Generalversammlung beider Verbände in Melbourne angenommen. Alle drei der abweichenden Stimmen kamen aus deutschsprachigen Berufsverbänden. Und bis heute scheint der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit (DBSH) nicht glücklich mit der Entwicklung der Definition. Nun wollen sich Deutschland, Österreich und die Schweiz auf eine gemeinsame Übersetzung einigen. Die DBSH-Mitgliederversammlung gab im September den Auftrag zu Gesprächen.

Offen bleibt zunächst, wann eine endgültige deutsche Übersetzung in die Lehrbücher übernommen werden kann. Bereits der Prozess der Annäherung von nationalen Positionen und Perspektiven für die neue globale Definition Sozialer Arbeit dauerte lang. Vor der endgültigen Verabschiedung gab die IFSW-Generalversammlung mehrmals die Vorschläge der beauftragten internationalen Arbeitsgruppe zur Bearbeitung weiter.

Die verbindende Kraft einer gemeinsamen Definition

Mittlerweile arbeiten 116 Berufsverbände aus Afrika, Asien, dem pazifischen Raum, Nord- und Lateinamerika sowie West- und Osteuropa unter dem Dach des IFSW. Es drängt sich die Frage auf, wie schwer es eigentlich ist, den höchst unterschiedlichen nationalen Bedingungen Sozialer Arbeit in einer globalen Definition gerecht zu werden? Kann sie wirklich weltweit Theorie und Praxis Sozialer Arbeit miteinander verbinden?

IFSW-Generalsekretär Dr. Rory Truell zeigte sich auf dem 4. Berufskongress Soziale Arbeit im Sommer 2016 in Berlin davon überzeugt. Er zeichnete dort einen erfolgreichen Weg bisheriger Definitionsfassungen. So war es nach Truell eine Errungenschaft, dass in der Fassung von 2001 die politische Verpflichtung der Profession aufgenommen wurde, für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte einzutreten. Eine deutliche Mitgliederstärkung des internationalen Verbandes nach Verabschiedung der Definition habe gezeigt, wie bedeutsam die damit eingeschlagene Richtung gewesen sei, so Truell. Als ebenfalls tiefgreifend bezeichnete Truell die Aufnahme des Prinzips in der Sozialen Arbeit, Wissen für Problemlösungen in der Interaktion mit Klientinnen und Klienten sowie dem gesamten sozialen Umfeld gemeinsam zu erarbeiten.

Die globale Definition Sozialer Arbeit aus dem Jahre 2001 genießt eine hohe Anerkennung in der Fachwelt. Auch an deutschen Ausbildungseinrichtungen. Sie wurde für die meisten der aktuellen Berufsgeneration Sozialer Arbeit hierzulande zur Grundlage ihres Handelns. Gründe, daran etwas zu ändern, hatte der Deutsche Berufsverband also kaum. Auch andere westliche Berufsorganisationen nicht.

Auf Änderungen drängten die jüngeren internationalen Mitgliedsverbände: asiatische, pazifische und lateinamerikanische Kolleginnen und Kollegen. Besonders wichtig in der Diskussion war denen die angemessene Gewichtung des gesellschaftlichen Wandels und der Menschenrechtsperspektive. Häufiger Kritikpunkt war nach Truell, dass zu wenig Gewicht auf Menschenrechten der 1., 2. und 3. Generation sowie der Gemeinschaft läge.

Die intensivste Diskussion im Ringen um eine neue weltweit gültige Definition löste der Wunsch nach Anerkennung indigenen Wissens auf Augenhöhe mit Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften als stützender Theorie aus. Sie fehlte einigen Mitgliedsorganisationen mit Erfahrungen kolonialer Unterdrückung aber auch mit Erfahrungen verheerender Folgen Sozialer Arbeit westlicher Prägung. Verstrickt waren darin auch einige nationale Verbände Sozialer Arbeit, so Truell.

Sehr bedeutsam in diesem Sinne waren die Erfahrungen in Australien. Die Kolonialisierung brachte auch hier Sozialarbeit mit, jedoch wurde nicht das Wissen der Aboriginies beachtet. Dadurch waren deutlich mehr Probleme entstanden. Heute sind in Australien alle beteiligt, das Wissen aus allen Kulturen wird berücksichtigt und respektiert.

Der IFSW-Generalsekretär betonte in Berlin besonders das verbindendende Fundament von Werten, Funktion und Funktionsbereichen Sozialer Arbeit. Viele persönliche Begegnungen überall auf der Welt bestätigten ihn darin, Truell. Seine Schlussfolgerung aus der Dfinitionsdiskussion: Menschenrechte lassen sich nicht realisieren, wenn sie nicht die Gesamtheit der Gemeinschaft kümmern und dort verankert sind.

Eine Definititon - aber kein Ende des Prozesses

Indigenes Wissen fand mit Zustimmung der großen Mehrheit der IFSW-Mitglieder seinen Weg in die neue globale Definition Sozialer Arbeit. Ein Kommentar ergänzt nun die Definition um Grundprinzipien. Dieser Kommentar beschreibt ausführlich zentrale Aufgaben, Grundsätze, Wissen und Praxis der Sozialen Arbeit. Und um Unsicherheiten oder Irritationen im Zusammenhang mit der neuen Definition vorzubeugen, wurde ein letzter Satz angehängt, wonach diese Definition auf nationaler oder regionaler Ebene erweitert werden kann.

Für den Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit sind dennoch bis heute Fragen offen geblieben. Sie sollen im Prozess der gemeinsamen Übersetzung mit den Nachbarverbänden aus Österreich und der Schweiz geklärt werden.

Die Redaktion Sozial.de sprach darüber mit Gabriele Stark-Angermeier, 2. Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Soziale Arbeit, die den Verband in der internationalen Arbeit vertritt.

Sozial.de im Gespräch mit Gabriele Stark-Angemeier

Frau Stark-Angermeier: Auf ihren Internetseiten findet man seit kurzem eine neue deutsche Fassung der globalen DefinitionSozialer Arbeit, die noch international im IFSW bestätigt werden muss. Eine Entscheidung soll im Juni 2017 fallen. Geht es um sprachliche Feinheiten, wissenschaftliche Genauigkeit oder inhaltlich Grundsätzliches?

Stark-Angermeier: Der ursprüngliche Text ist englisch. Schon im Original gab es im Vorfeld der Definition bereits viele Auseinandersetzungen auch um einzelne Wörter und deren Bedeutung. Umso mehr ist eine Übersetzung eine Herausforderung einerseits korrekt zu übersetzen und auch den Sinn, den Hintergrund richtig mit zu denken. Genau da ist derzeit das Gespräch auch zwischen den verschiedenen deutschsprachigen Ländern. Der DBSH hat sich in seiner Form für die Übersetzung durch ein zertifiziertes Übersetzungsbüro entschieden. In der Auseinandersetzung mit den Vertreterinnen und Vertretern der Hochschulen für Soziale Arbeit wurde diese Fassung nun mit Fußnoten kommentiert, um den Sinngehalt zu verdeutlichen.

Gerade der letzte Satz der Definition fordert genau zu diesem Vorgehen auf, die Definition in dem jeweiligen nationalen Verständnis zu erklären. Das haben wir, die Vertreterinnen und Vertreter der Profession- DBSH und der Disziplin Fachbereichstag, getan und in den Gremien als gemeinsame deutsche Fassung verabschiedet.

Geht es dabei auch um den Begriff des indigenen Wissens?

Stark-Angermeier: Es geht um die Akzeptanz des indigenen Wissens. Eine sehr ausführliche Fußnote erklärt den Zusammenhang. Gerade für die Weltgemeinschaft der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ist das besonders wichtig, dass alle dies so anerkennen.

Wie haben Sie eigentlich als Prozessbeteiligte das Ringen um die Definition erlebt? Warum kam es zur Zurückhaltung der deutschsprachigen Verbände?

Stark-Angermeier: Diese Auseinandersetzung ist sehr wichtig für die Profession und die in der Profession Tätigen. Das Gespräch und das Ringen um die gemeinsame Grundlage ist notwendig und die Basis für das Handeln im Beruf zu schaffen. Daher konnte ich selbst sehr viele neue Facetten dazu gewinnen.

Die Zurückhaltung mit den anderen deutschsprachigen Verbänden kommt daher, dass die Schweizer Kolleginnen eine Übersetzungsfassung verfasst haben, die die Wörter interpretierend übersetzen. Das ist eine Möglichkeit, jedoch hier ist es notwendig, dass das englische Original auch immer mit zu verwenden ist.

Die Kolleginnen und Kollegen aus Österreich haben sich beiden angeschlossen, da ein Diskurs für Sie immer wichtig ist. Vermutlich werden wir diesen Weg zunächst gehen, bis es wieder eine Weiterentwicklung gibt. Die Definition ist ja keine Formel, sondern ein Prozess im Kontext der sich verändernden Welt.

Was verbinden Sie mit der Definition für die Zukunft der Sozialen Arbeit? Und was mit der wachsenden Vielfalt an Positionen und Perspektiven auf die Herausforderungen der sozialen Welt?

Stark-Angermeier: Die Definition für Soziale Arbeit ist erst einmal eine Richtschnur für viele andere Grundlagen und Positionen in der Sozialen Arbeit. Soziale Arbeit ist eine Tätigkeit, die immer im Kontext der Welt (Umwelt, des Menschen usw.) steht. Daher kann sie nicht statisch sein, sondern unterliegt immer wieder der Veränderung, die Definition der Sozialen Arbeit ist hier eine Orientierung.

Gerade die letzten Positionen des IFSW zu aktuellen sozialen Problemen in der Welt zeigen eindrücklich die Bedeutung der Definition. Um ein Beispiel zu nennen: In den Forderungen des Positionspapiers zu „Sexual Orientation and Gender Expression“ wird klar, dass es um die Umsetzung geht: Alle Menschen sind gleich. Der Unterschied darf nicht zur Ausgrenzung führen. Dieses Recht gilt weltweit. Mit diesen Aussagen ecken wir in vielen Staaten an.

Alle weltweiten Vertretungen verwenden die Definition für Soziale Arbeit, aber auch die Ethik der Profession als Richtschnur für die Statements, die Forderungen an die Politik, um Rahmenbedingen für das Leben der Menschen zu verbessern.

Vielen Dank für das Gespräch. Das Gespräch und der Beitrag entstand mit Unterstützung des DBSH, das Gespräch führte Ines Nowack, Chefredakteurin Sozial.de

Zur internationalen und deutschen Fassung der Definition Sozialer Arbeit finden Sie Informationen auf der DBSH-Internetpräsenz unter http://www.dbsh.de/beruf/definition-der-sozialen-arbeit.html

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