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„Noch nie war der Körper des Autors so präsent wie im Literaturbetrieb der Gegenwart“,

Dr. Jos Schnurer

25.04.2016

Collage, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer
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diese Einschätzung aus einem Bericht über das Schreiben, Lesen, Schauen, Hören und Präsentieren von Literatur bei der Leipziger Buchmesse 2016 will zum Ausdruck bringen, dass das Ich triumphiert, es sogar eine neue Literaturgattung, jedenfalls ein neues Genre zu entdecken gilt: Das Memoir [1]. Nun, autobiographisches Schreiben hat es ja immer schon gegeben; entweder um sich seiner eigenen Herkunft und Geschichte zu vergewissern, oder sein Leben gewissermaßen als beispielhaft, nachahmens- erinnerns-, oder aufhebenswert öffentlich zu machen. „Autobiographie“ lässt sich definieren als „eine möglichst authentische Darstellung einer ungewöhnlichen und interessanten Lebensgeschichte aus der Retroperspektive“ [2]. Autobiographisches Schreiben kann das Bemühen zur eigenen Spurensuche bedeuten, sich als Form des verdichteten Lebens zeigen, das Zusammenfügen von Erinnerungsteilen und –lücken sein, als Versuch gelten, in Dialog mit anderen Menschen zu treten, ja sogar die eigene Wirklichkeit zu schönen, zu idealisieren oder zu verfälschen. Eine Autobiographie zu erstellen kann entweder als das eigene, laienhafte Bemühen gelten, die Lebensgeschichte aufzuschreiben, sich als eigene, professionelle Schreibe darstellen, oder als Auftragsarbeit vergeben werden [3]. Eines jedoch ist Voraussetzung, soll eine Autobiographie tatsächlich authentisch sein: Wer nicht aus Überzeugung sagen kann – „Ich schreibe, weil ich Ich bin!“ – wird niemals lustvoll, gekonnt, überzeugt und aktiv etwas zu Papier oder virtuell ins Netz bringen können. Dabei braucht erst einmal nicht danach gefragt werden, wie sinnvoll oder sogar nützlich das ist; denn autobiographisches Schreiben ist erst einmal das Bemühen nach Selbstvergewisserung. In den folgenden Annotationen wird (subjektiv) ausgewählte Literatur vorgestellt, in der einige Zugänge zum biographischen und autobiographischen Schreiben aufgezeigt und diskutiert werden. Sie wurden im Rezensionsdienst www.socialnet.de publiziert und/oder in der Sendung „Themen, die auf der Straße liegen. Kulturpolitische Zwischenrufe“ beim Hildesheimer Bürgerradio „Tonkuhle“ (105,3 und lifestream) gesendet. Zwei Aufrufe [4] dienen als Motiv: Der eine ist die Anfangsstrophe eines Gedichts und lautet: Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst! Und die andere ist der „Aufruf an alle schweigenden Minderheiten“, der von der afroamerikanischen Lyrikerin June Jordan stammt: He!
du dort
mach dich auf
wo immer du bist
wir müssen zusammenkommen
unter diesem Baum
der nicht mal
gepflanzt
ist

Das Leben lernen

Der französische Philosoph Luc Ferry ist als Denker. Es gelingt ihm, philosophische Fragen weder platt noch kompliziert, sondern in verständlicher Sprache zu formulieren, etwa mit dem Buch „Leben lernen: Die Weisheit der Mythen“, in dem er über die „schlafenden Metaphern“ (Charles Perelman) in unserer Alltags- und Muttersprache spricht und „Philosophie in Erzählform“ darbietet“ ( 2009, zur Rezension ). Die Frage nach dem Sinn des Daseins und der eigenen Existenz ist ja eine Ursuche der Menschheit. Es ist die Frage nach der menschlichen Endlichkeit und nach dem Heil, als Lösung oder Erlösung des Lebens und damit nach der existentiellen und religiösen Bedeutung der drei Dimensionen der Philosophie: Verständnis, was ist (Theorie), Bedürfnis nach Gerechtigkeit (Ethik) und Suche nach dem Heil (Weisheit). Philosophie, so lässt sich sagen, dürfte von dem Zeitpunkt an entstanden sein, als die Menschen in der Lage waren, nicht mehr allein nach den Abhängigkeiten der Natur und der Götter zu leben, sondern ein rationales Bewusstsein zu entwickeln und sich in größeren Gemeinschaften zu organisieren, öffentlich argumentieren, diskutieren und freies Denken einzuüben. In der Geschichte der Philosophie wird diese Entwicklung um das sechste Jahrhundert vor Christus in Griechenland datiert. Die theoria, wie sie in der griechischen Philosophie verstanden und benutzt wird, heißt ja nichts anderes als: „Will man seinen Platz finden in der Welt, die uns umgibt, will man lernen, darin zu leben und sich zurechtzufinden, muss man sie als Erstes kennen“; den cosmos und das Universum, wie dies die Stoiker als „kosmische Ordnung“ verstanden. Und es ist die Frage nach dem gerechten Handeln in der Existenz der Menschen und seinen Erwartungen nach dem Tode. Luc Ferrys Gebrauchsanweisung zum Philosophieren, die er titelt mit „Leben lernen“, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Hau-Ruck zum Denken, im Alltag und darüber hinaus. Es ist eine Anregung, sich mit den Philosophien aus allen Zeiten menschlichen Nachdenkens über das gute Leben auseinander zu setzen, mit dem Ziel, Anstöße für die eigene Lebensbewältigung zu erhalten [5].

Lass mich Ich sein

Gibt man im Internet den Satz „Lass mich Ich sein“ ein, werden mehr als 17 Millionen Eintragungen ausgewiesen. Sie reichen von Liedtexten, Gebeten, Ratschlägen, Hilferufen, Verzweiflungsschreien und Jauchzern bis hin zu Rezeptvorschlägen, mehr oder weniger trögen Alltagsschilderungen und einer Homepage, das sich als Netzwerk der Verzweifelten mit der Aussage präsentiert: „Lieb mich so wie ich bin, ansonsten lass es sein!!!“. Die Frage nach dem Sosein der eigenen Person, dem „on hê on“, dem Seienden als Seiendes in der aristotelischen Philosophie, basiert auf der uralten Frage nach dem „Wer bin ich?“, als Individuum und als ein Lebewesen, das mit eigenem Willen, Verstand und Lebenskraft ausgestattet und in der Lage ist, mit den dianoetischen Tugenden der Weisheit, der Klugheit, der Gerechtigkeit und der Besonnenheit, ein gutes Leben zu führen; vor allem aber human mit den Mitmenschen zusammen zu leben. Denn das ist eine uralte, jedoch vielfach vergessene oder nicht beachtete Erkenntnis, dass der anthrôpos, der Mensch, ein Gemeinschaftswesen ist. Das Individuum ist also als zôon politikon, als politisches Lebewesen, auf Gemeinschaft angewiesen. Hier allerdings stehen wir schon bei einem Dilemma, mit dem sich Aristoteles auseinandersetzt, indem er die platonische These, „dass den Bürgern eines Staates so weit wie möglich alles gemeinsam ist“, infrage stellt und deutlich macht, dass „der Staat ( ) nicht nur aus einer Mehrzahl von Menschen (besteht), sondern auch aus der Art nach verschiedenen Menschen“. Diese Auffassung ist um so bedeutsamer, als in der sich (aktuell) immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt die Frage nach einer gemeinsamen, gerechten und friedlichen Existenz der Menschheit stellt. In der sich planetarisch vernetzenden Welt trägt jeder Mensch tagtäglich und in all seinem Denken und Tun die Verantwortung für die Zukunft der Menschheit mit sich. Diese Herkules-Herausforderung hört sich als gewaltige Aufgabe an, ist aber machbarer als sie sich anhört. Es bedarf, um nicht den alltäglich vorgespiegelten, in den Medien und in der Wirtschaft scheinbar präsenten Allgegenwärtigkeits- und Machbarkeitsvorstellungen aufzusitzen, eines selbständigen und eigenen Denkens, das sich abhebt vom Denken-Lassen und den Verführungen einer Haben-Mentalität, die gipfelt in dem: „Ich will alles, und das sofort!“. Die Menschheit benötigt, im alltäglichen Umgang wie im gesellschaftlichen Handeln – und zwar lokal und global - ein Bewusstsein des Menschseins in der Einen Welt. Universelles Denken und Handeln benötigt die Herausbildung einer globalen Ethik in der Einen Welt, die sich zusammensetzt aus den Werten der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Empathie. In der Kontroverse, die sich zwischen den philosophischen Vertretern einer universalistischen Ethik und denen des Poststrukturalismus auftut, wird die Befürchtung geäußert, dass der Anspruch des Menschen auf eine Selbstverwirklichung zu einem guten Leben durch die Verwirklichung des ethischen Universalismus leiden könnte. Bei der Frage „Wer bin ich?“, als philosophische und lebensweltliche Betrachtung, sind wir (zwangsläufig) gelandet im Hier und Jetzt. Die Herausforderungen, die sich für uns Menschen lokal und global für eine humane Weiterentwicklung der Menschheit ergeben, lassen sich nur bewältigen, wenn es gelingt, die Frage nach dem eigenen Wohlergehen zu verbinden mit dem solidarischen Bewusstsein, dass, wie dies in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, als globale Ethik zum Ausdruck kommt, „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“. Der dafür notwendige Perspektivenwechsel muss spätestens in der Schule bewusst gemacht und eingeübt werden. Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat dazu den Appell formuliert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Es gilt, in der Erziehung, in der Familie genauso wie in der Schule und Gesellschaft, das Denken zu üben und zu erproben, damit wir nicht darauf angewiesen und verworfen sind auf das Denken-Lassen, ohne selbst zu denken. Das „Denken des Denkens“, als humane und intellektuelle Herausforderung wird in der aristotelischen Philosophie als noêsis noêseôs bezeichnet, in der abendländischen Tradition als „vernunftbedingte Anschauung“ und als Grundlage des individuellen Bewusstseins ausgewiesen. Gerade in der heutigen, medialen und vernetzten Zeit ist ein Denken gegen den Mainstream notwendig und muss als auf- und herausforderndes Denken eingeübt werden. [6].

Menschliches Verhalten: Ein weites Feld

Was ist der Mensch? Was und wer bin ich? Diese Fragen stellen Menschen, seit sie als homo sapiens existieren und nach der anthropologischen, aristotelischen Philosophie als zôon politikon, als politische Lebewesen bezeichnet werden. In der empirischen Einstellungs-, Werte- und Persönlichkeitsforschung steht die Frage auf der Agenda, wie individuelles Verhalten erklärt werden kann. Insbesondere in der Persönlichkeitspsychologie ist bedeutsam, mit welchem Ansatz (Menschenbild) menschliches Verhalten analysiert wird. Es geht letztlich um die Frage, wie Verhalten ist und gemacht ist, welche inneren Einstellungen und äußeren Einflüsse auf menschliches Verhalten wirken. Der Politikwissenschaftler am Institut für Politikwissenschaft der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Siegfried Schumann, legt ein (Lehr-)Buch vor, in dem er, aus der Sicht der Sozialwissenschaften, die wichtigsten Theoriebildungen und Methoden der Persönlichkeits-, Werte- und Einstellungsforschung in Grundzügen beschreibt und an Forschungsbeispielen und -ergebnissen die theoretischen und praktischen Unterschiede verdeutlicht. Er stellt  verschiedene Forschungsansätze, Modelle und Methoden vor, wie eine sozialwissenschaftliche Erforschung von Einstellungen, Werten und Persönlichkeiten möglich ist. Weil eine der wichtigsten Ziele der Persönlichkeitspsychologie die Erklärung menschlichen Verhaltens ist, orientieren sich die diskutierten Paradigmen auch an diesem Forschungsfeld, immer gespiegelt in den Implikationen für die Erklärung politischen Verhaltens. Albert Einstein wird die Feststellung zugeschrieben: „Es kommt darauf an, alles so einfach wie möglich auszudrücken. Aber nicht einfacher“. Dieses Bonmot lässt sich auch bei der Frage anwenden, wie genau und stimmig menschliches Verhalten überhaupt erklärt werden kann. Die im Buch vorgestellten Theorie-, Hypothesenbildungen, wie die angewandten Forschungsmethoden zeigen, dass die Korrelationen nicht nur bei der Anwendung der verschiedenen Forschungsinstrumente sich unterschiedlich darstellen, sondern auch, „dass menschliches Verhalten nicht vollständig determiniert und damit prinzipiell nicht vollständig vorhersagbar ist“ [7].

Mit Würde leben

„Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bildet) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Diese in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung zuvorderst postulierte Definition des Menschseins und der in Artikel 1 eindeutig gesetzte Grundsatz – „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“ – gilt als globale Ethik und Verpflichtung für alle Menschen. Grundlegende, gesetzte, erworbene und „gefühlte“ Werte und Normen, die ein gerechtes und friedliches Zusammenleben aller Menschen auf der Erde fordern und regeln wollen, unterliegen freilich immer auch der Misere, dass die dabei implizierten Annahmen von Einsicht, Verantwortungsbewusstsein und Friedfertigkeit allzu oft nicht vorhanden sind und von Egoismen, Opportunismen und Nationalismen überlagert werden. Die aristotelische Auffassung, dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist, das aufgrund seiner Vernunft- und Sprachbegabung nicht nur in der Lage, sondern auch gewillt ist, ein gutes, gelingendes Leben für sich und alle Menschen anzustreben, hinkt hinter den Ansprüchen und Wirklichkeiten hinter her, das zeigen die vielfältigen philosophischen und politischen Anstrengungen über die Jahrtausende hinweg. Weil der Begriff der „Würde“ so eindeutig ist und gleichzeitig so unterschiedlich gedeutet wird, ist es lohnenswert und verdienstvoll, dass sich einer daran macht, nach Klarheit im lokalen und globalen gesellschaftlichen Diskurs zu suchen. Peter Bieri, 1944 in Bern geboren, eilt der Ruf vorauseilt, als „Querdenker“ und „Unangepasster“ zu gelten. Er hat als Philosoph an den Universitäten Bielefeld, Marburg und an der FU in Berlin gelehrt und ist mit dem Pseudonym Pascal Mercier auch als Schriftsteller tätig. Bieri definiert Würde „als eine bestimmte Art und Weise, ein menschliches Leben zu leben … (als) ein Muster des Denkens, Erlebens und Tuns“. Er geht davon aus, dass ein wacher und genauer Blick auf die vielfältigen Lebenserfahrungen genügt, um diesem ethischem Wert auf die Spur zu kommen. Er nähert sich der Herausforderung, indem er drei Fragen stellt: Wie werde ich von anderen Menschen behandelt? – Wie behandle ich andere Menschen? – Wie stehe ich zu mir selbst?. Es sind philosophische Fragen nach dem Kantischen Dreischritt: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen“. Diese Prämissen lassen sich in Gebote meißeln, in Gesetze gießen oder in Verfassungen schreiben. Damit können sie sich zu Richtschnüren oder Fesseln entwickeln. Es könnte aber auch gelingen, die Würde des Menschen als ein Wagnis zu verstehen, als eine Herausforderung, die im tagtäglichen Denken und Tun sich ausbreitet, konfrontiert und als Hindernis oder gar als Falle auftut. Der Autor nähert sich der Problematik dadurch, dass er feststellt: „Unser Leben als denkende, erlebende und handelnde Wesen ist zerbrechlich und stets gefährdet – von außen wie von innen. Die Lebensform der Würde ist der Versuch, diese Gefährdung in Schach zu halten“. Menschliche Würde ist gegeben, sie muss aber tagtäglich im Leben der Menschen neu erworben, erkämpft, bewahrt und verteidigt werden. Dabei ist zu reflektieren, dass die Grundwerte, die der Würde des Menschen aufsitzen – Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden – unverzichtbar, überall und für jeden Menschen gültig und nicht relativierbar sind. Würde ist also Aufgabe und Herausforderung!! [8].

Autonomie

Der heftige, kontroverse, theoretische und praktische Diskurs in den Sozialwissenschaften über die Formen und Zuschreibungen zum Autonomiebegriff, und in diesem Zusammenhang zu den Modernisierungstendenzen hin zu „flachen Hierarchien“, scheint sich von den Flachgewässern und sumpfigen Gebieten bis zu den Untiefen der Existenznachschau zu vollziehen. Die Paradigmen, wie sie sich zu den Bestandsaufnahmen und Analysen über Freiheit und Gemeinschaft, Normativität und Kritik, Wahrheit und Ideologie, Recht und Subjektivität, Kapitalismuskritik und Klassenkampf und Politische Praxis Hier und Heute darstellen, verweisen einerseits darauf, dass mit dem traditionellen Begriff der Autonomie eher Beziehungslosigkeit und Isolation entstehen, die wiederum zu Einschränkungen bei den Ansprüchen für eine autonome Lebensführung führen [9]; andererseits zeigt sich an der Kritik am traditionellen Autonomie-Paradigma, dass sich der Mensch als homo faber durch denkendes Tun erschafft und entwickelt: Kooperation verbessert die Qualität des sozialen Lebens. Darin steckt der Gedanke: Global denken, lokal handeln. So lässt sich Gemeinschaft als ein „Prozess des In-die-Welt-Kommens“ vorstellen, in dem die Menschen den Wert direkter persönlicher Beziehungen und die Grenzen solcher Beziehungen erfahren [10]. Autonomie als einerseits abgeschriebener, überholter, andererseits als aktuell moderner und perspektivenreicher Begriff wird im wissenschaftlichen Diskurs hoch gehandelt. Insbesondere in der Soziologie führen Fragestellungen nach der Bedeutung von Autonomie für soziale Daseinsformen und -existenzen darum, den normativen, öffentlichen Begriffsverwendungen deskriptive und analytische Beschreibungen entgegen zu setzen. Das erfolgt zum einen dadurch, Autonomie als gesellschaftlichen Wert zu definieren; zum anderen aber – und das in zunehmendem, engagiertem Maße – werden Theorie- und Praxisfragen danach gestellt, wie Autonomie konzeptionell gefasst ist und Autonomiegewinne und- verluste empirisch zu ermitteln sind. Die Autorinnen und Autoren im Sammelband „Autonomie revisited“ setzen sich mit der „Differenz zwischen einer analytischen Begriffsverwendung und der Auseinandersetzung mit einem in der sozialen Realität bzw. in konkreten gesellschaftlichen Kontexten gegebenem Wert“ auseinander. Die anfangs, an das Fach gerichtete Frage: „Braucht die Soziologie einen Autonomiebegriff?“, wird mit den einzelnen, disziplinären und interdisziplinären Beiträgen aus soziologischer Sicht differenziert, aber positiv beantwortet, und zwar nicht als Abgrenzung zu anderen, wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und Theoriebestimmungen, sondern indem erste Pfeiler einer entstehenden Brücke hin zu interdisziplinären Anschlüssen gesetzt werden [11].

Wirklichkeit erkennen

Die Metapher „Lebe ich im falschen Film?“ will ja zum Ausdruck bringen, dass da vor mir etwas abläuft, das nicht in meinem Denksystem, meinen Erwartungshaltungen und Erfahrungen vorhanden ist und überrascht, irritiert und verunsichert. Meist lässt sich das abtun mit der beruhigenden Auffassung: „Das ist ja nur im Film“ oder „Das habe ich mir ja nur eingebildet“ oder „Das ist unwirkliche Phantasie“. Kommt aber dann jemand, der behauptet, dass die scheinbare Unwirklichkeit wirklich ist, entsteht leicht Unsicherheit, und aus Ungläubigkeit kann sich Gläubigkeit oder Überzeugtheit entwickeln. Das kann durch Beweise geschehen, oder durch Manipulation oder Indoktrination. Wir sind bei der Frage, wie sich die Existenz und das Dasein des Menschen begründet. Diese Frage stellt der Psychiater, Psychotherapeut und Diplomtheologe Manfred Lütz, der in Köln das Alexianer-Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie leitet und bereits mehrere Bücher vorgelegt hat, in denen er gegen den Stachel von etablierten, akzeptierten und gängigen medizinischen und allgemeinen Meinungen und Auffassungen löckt, wie etwa mit seinem Buch „Irre! – Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ (2009). Er identifiziert unsere Lebensauffassungen, Einstellungen und Erwartungshaltungen als „Bluff!“, als einen gigantischen, gesteuerten und manipulierten Schwindel, einen Irrtum und die Vorspiegelung von Trugbildern und Scheinwelten. Als Psychiater ist er allerdings nicht der Meinung, dass die „Fälschung der Welt“ ein psychiatrisches Problem darstellt; vielmehr ist er der Auffassung, „dass wir alle unter machtvollen Einflüssen stehen, die uns daran hindern, die Welt so zu sehen, wie sie in Wirklichkeit ist, und dass diese Täuschung inzwischen gefährliche Ausmaße annimmt“. Damit nimmt er die Überzeugung auf, dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist, das, nach Aristoteles, in der Lage ist, vernunftgemäß zu denken und zu handeln und ein glückliches Leben nur in Verantwortung und Gemeinschaft mit den Mitmenschen zu führen. Mit seinem „Fälschungsbericht“ stellt er keine Rezepte aus, wie das Falsche, das Vorgegaukelte, das gesellschaftlich und ideologisch Gemachte erkannt werden kann; vielmehr kommt es darauf an, den Adornoschen Satz – „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ – als eine wirkliche Herausforderung zum Perspektivenwechsel in unserem lokalen Alltag wie im globalen Menschsein zu verstehen [12].

„Erkenne dich selbst, damit du aus dir heraustreten kannst; diene der Gerechtigkeit und fördere den Frieden“

Diesen Imperativ vertritt die US-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum, und sie weist darauf hin: „Man muss ( ) die Tatsache akzeptieren, dass man die Welt mit anderen Menschen teilt und so handeln, dass es anderen zugute kommt“. Sie setzt sich mit den verschiedenen, kulturell, weltanschaulich oder traditionell entstandenen Auffassungen und Einstellungen auseinander, die der „globalen Ethik“, wie die Grundrechte in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Menschenrechtsdeklaration bezeichnet werden, widersprechen und damit im Widerspruch zu demokratischen Formen eines friedlichen, gleichberechtigten und gerechten Zusammenlebens aller Menschen auf der Erde stehen, und Angst, Aggression und Gewalt erzeugen.. Angst sei ein „narzisstisches Gefühl“, so erläutert die Autorin die Situation, dass emotionale Ängste vielfach herhalten müssen, um Interessen und Ideologien zu verteidigen. Es bedarf also Grundprinzipien, die als individuelle und kollektive Tugenden bewirken, dass der Mensch ein „gutes Leben“ zu führen in der Lage ist. Es ist die Anerkennung und Achtung der Menschenwürde, die unter keinen Umständen missachtet oder außer Kraft gesetzt werden darf; es sind Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit, die jedem Menschen zustehen; und es ist die aktive Toleranz, die es jedem Menschen gebietet, in sich selbst die ganze Menschheit zu sehen. Ein Blick in die europäische und amerikanische Geschichte zeigt unmissverständlich, dass die Kriterien, wie Nationalgefühl, kulturelle und interkulturelle Identitäten entstehen, vielfältig sind und einer intellektuellen, historischen und gesellschaftspolitischen Betrachtung bedürfen. „Wir müssen sorgsam erwägen, was eine Belastung für die freie Religionsausübung eines Menschen ausmacht, und was es heißt auch zu lernen, die Welt aus der Perspektive jener Religion anzuschauen, anstatt deren Bedürfnisse als schlecht und als Beleidigung der Mehrheiten-Religion anzusehen“. Die Frage, wie Entscheidungen entstehen, die zu Verhaltensweisen führen, diskutiert die Autorin im Zusammenhang mit der Forderung nach „Unparteilichkeit und das selbsterforschte Leben“. Es sind Phänomene, die sich als konsequentes Denken und Handeln darstellen, und durch Inkonsequenz zur Selbst- und Fremd-Isolierung führen. Mit dem Bild des „inneren Auges“ bringt die Autorin die Aspekte „Respekt und mitfühlende Phantasie“ in den Diskurs. Das Buch, wie die weiteren Appelle  der Philosophin Martha Graven Nussbaum sind nicht mit dem erhobenen Zeigefinger geschrieben, sondern mit Empathie. Ihre Fähigkeit, Probleme zu benennen, und gleichzeitig nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen, machen Mut und vermitteln Kraft, gegen intolerantes Denken und Verhalten einzutreten und philosophisch und gesellschaftspolitisch sich dafür einzusetzen, dass die humanen Werte, die unser Menschsein bestimmen, auch verwirklicht werden können [13].

Macht und Herrschaft im Sinne einer „Lebenskunst“ zähmen

Macht wird im allgemeinen beschrieben als die Herrschaft von Menschen über Menschen und Dinge auszuüben und die Wahrnehmungen und Verhaltensweisen anderer zu kontrollieren und zu verändern (I.C.Maxmillan). Im politischen und gesellschaftlichen Leben der Menschen bedarf es einer Ethik, die den Missbrauch von Macht verhindert. Da kann der Kantische Imperativ, der im Volksmund übersetzt wird mit – „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu!“ – als Anhaltspunkt dienen, oder die in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formulierte Grundlage sein, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“. Macht hat immer auch mit vielfältigen, persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Begehrlichkeiten zu tun, und bei Missbrauch von Macht gilt es Obacht zu geben,, was jemandem, der eine gesellschaftliche Aufgabe ausübt, gewissermaßen zusteht oder eben nicht zusteht. Es sind nicht selten die scheinbaren Selbstverständlichkeiten bei der Handhabe von Macht, die Unrechtsbewusstsein abhanden kommen lässt und die Machtausübung scheinbar zum Recht macht. Legitimierte Macht aber in einer Demokratie ist immer geliehen und begrenzt im Rahmen der Gesetze, Werte und Normen, die sich eine Gesellschaft gegeben hat. Zu einer demokratischen Machtausübung gehören unabdingbar und unverzichtbar Verantwortung und Disziplin. Denn es sind die Versuchungen und Verführungen, machtpolitisch und materiell, die Machtmissbrauch bewirken [14]. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler von der Harward-University lehrende, während der Clinton-Regierung als stellvertretender Verteidigungsminister fungierende Joseph Nye unterscheidet zwischen ‚harter‘ (mit Zuckerbrot und Peitsche operierender) und „sanfter“, auf Überzeugungsarbeit und Attraktion fungierender Macht. Er entwickelt für politisches und gesellschaftliches Handeln das Konzept einer „intelligenten Machtstrategie, die geeignet sein könnte, lokale und globale Macht im Sinne einer humanen und demokratischen Grundlage zu einer friedlicheren und gerechteren Welt zu kommen [15]

„Der Andere könnte ich selbst sein“,

Die 1999 gebildete Sir Peter Ustinov-Stiftung und die daraus entstandenen Forschungsinstitute und Kinder- und Jugendprojekte engagieren sich in vielfältiger Weise dafür, in der schulischen und außerschulischen Bildung und in der wissenschaftlichen Forschung Rassismen, Fremdenfeindlichkeit, Ethisierungen und allen Formen von Diskriminierung den Kampf anzusagen und beizutragen, dass Vorurteile erkannt, ihre Entstehung analysiert und ihre Überwindung gefördert wird. Der Politikwissenschaftler der Central European University in Budapest und Direktor des Instituts für Konfliktforschung an der Universität Wien, Anton Pelinka, hat, zusammen mit Karin Bischof und Karin Stögner das „Handbook of Prejudies“ (New York 2009) herausgebracht, das auch seit 2012 in deutscher Sprache vorliegt. Dabei geht es nicht darum, das Vorurteil per se zu verdammen oder gar ausmerzen zu wollen; vielmehr kommt es darauf an zu erkennen, dass „es Vorurteile und Vorurteile gibt“ und die komplexe Typologie von Vorurteilen und Stereotypen zu verdeutlichen; denn „Vorurteile sind das Produkt einer bestehenden Gesellschaft“. Sie werden also weder in die Gene noch in die Wiege gelegt. Damit wird gleichzeitig deutlich, dass es Aufgabe des zôon politikon, des politischen Lebewesens Mensch (Aristoteles) ist, sich der negativen Ausprägungen von Vorurteilsbildungen bewusst zu sein. Die wissenschaftliche Vorurteilsforschung liefert Hinweise dafür, dass es nicht darauf ankommt, Vorurteile zu negieren oder aus der Welt schaffen zu wollen, sondern „Wege zu finden, mit Vorurteilen umzugehen, sie zu reduzieren und ihre explosiven, ihre mörderischen Potentiale zu kontrollieren“. Um dies wirksam werden zu lassen, bedarf es keiner Rezepte, sondern eines ganzheitlichen, objektiven Blicks. Ursprünge, Formen und Bedeutung von Vorurteilen bedürfen einer besonderen Aufmerksamkeit, um ein demokratisches, friedliches, freiheitliches und soziales Zusammenleben der Menschen in den nationalen Gesellschaften wie im globalen Rahmen zu ermöglichen. Weil mit den Worten von Albert Einstein „ein Vorurteil ( ) schwerer zu spalten (ist) als ein Atom“, bedarf es der wissenschaftlichen Auseinandersetzung und Forschung, um ein vorurteilsbewusstes Bewusstsein in die Köpfe und Herzen der Menschen zu bringen [16]

Gut leben – Gutes tun

Bene vivere, euzôia, das gute Leben, wird seit der antiken, anthropologischen Lebenslehre als das existentielle Ziel des anthrôpos, des Menschen, bezeichnet. Eu zên, gut leben, gilt als die Fähigkeit, danach zu streben, im Leben der Menschen mehr als das Notwendigste, nämlich ein sittlich gutes und autarkes Leben zu erreichen. Dazu gibt es viele Konzepte, Konventionen und Kolportagen. Bleiben wir bei den positiven und humanen Herausforderungen, so zeigt sich, dass sich dabei Wertvorstellungen wie Nächstenliebe, Fernstenliebe, Empathie, Agape... ausdrücken, die mit dem Begriff „Altruismus“, als selbstloses, uneigennütziges, nichtegoistisches und auf den Anderen bezogenes Denken und Handeln, bezeichnet wird, und das in der idealen Form als Verhaltensweise gilt, die nicht auf einer Kosten-Nutzen-Rechnung basiert, sondern bei der der Gebende und altruistisch Handelnde selbst mehr profitiert als der Nehmende. Die Auffassung zeigt sich auch im Prinzip „Was mehr wird, wenn wir teilen“, das die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom als ökonomisches Konzept vom Wert der Gemeingüter entwickelte, und für das sie 2009 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt [17]. Ein Schlüsselwort für eine solche Einstellung stellt auch der Begriff „Solidarität“ dar, wie er etwa im Konzept „Buen Vivir“ des ecuadorianischen Politikers und Ökonomen Alberto Acosta als solidarisches Lastenteilen und Win-Win-Situation in Erscheinung tritt [18]. Der britische Philosoph William MacAskill von der Oxford University fragt: „Wie kann ich am meisten bewirken und der größtmöglichen Zahl von Menschen zu einem besseren Leben verhelfen?“. Dabei geht er mit den Mitteln und Möglichkeiten des Big Data, der experimentellen Feldforschung, naturwissenschaftlichen Kontrollverfahren und den Informationen, wie sie leistungsfähige Rechner zur Verfügung stellen, der Frage nach: „Doing good better. How Effective Altruism Can Help You Make a Difference“ (2015). Er nennt diese Auffassung „effektiven Altruismus“ (EA) und ordnet dem Konzept fünf Fragen zu: „Wie viele Menschen profitieren davon und in welchem Maß?“ „Ist dies das Wirksamste, das Sie tun können?“ „Ist dies ein vernachlässigter Bereich?“ „Was wäre andernfalls geschehen?“ „Wie gut sind die Erfolgsaussichten, und wie viel wäre ein Erfolg wert?“. Ist EA die Rettung aus den Katastrophen, Krisen und Katasteranalysen über den Zustand der Welt? Die indisch-britische Philosophin Amia Srinivasan, gleich jung (28) wie MacAskill, sieht im effektiven Altruismus „Wohlfühldenken von Individualisten“. Es fehle der Theorie eine grundlegende Auseinandersetzung mit den Institutionen, den nationalen und egoistischen, lokalen und globalen staatlichen Strukturen und Normvorstellungen, um die Ursachen der Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten beseitigen und einen makroökonomischen und –gesellschaftlichen Perspektivenwechsel vollziehen zu können. Ich vermute, dass William MacAskill darauf antworten würde: Wir effektiven Altruisten wollen keine rigorosen Fingerzeige und beanspruchen auch nicht, das Rezept zur Rettung der Welt parat zu haben. Wenn es gelänge, hoffend, spielerisch und effektiv viele Menschen dazu zu bringen, materiell und ideell Gutes besser zu tun, wäre viel für mehr Gerechtigkeit und Friedlichkeit in der Welt erreicht! [19]

Es gibt die bessere Welt

Dass die Einsichten in ein Umdenken trotz der zahlreichen Warnungen, Prognosen und Analysen scheinbar bei den Menschen so wenig wirksam werden, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden und die lokalen und globalen Katastrophen auf allen Gebieten des menschlichen Lebens zunehmen, lässt nicht wenige hilflos und resignativ zurück. In den jährlich erscheinenden Berichten des New Yorker Worldwatch Institute „Zur Lage der Welt“ wird vor der Überhitzung des Planeten Erde gewarnt (2009), „Hunger im Überfluss“ attestiert (2011) und die Gier der Menschen nach Immer-Mehr angeprangert (2012). Da sind es Hoffnungsschimmer und Lichtblicke, dass es den Menschen, als vernunftbegabte und politische Lebewesen doch gelingen könne, die Mauern der Selbstsucht und der Uneinsichtigkeit zu überwinden und für einen nachhaltigen Lebensstil einzutreten. Den Pessimisten und Fatalisten, genau so wie den Fundamentalisten, gilt es ein „Dennoch“ entgegen zu setzen. Mit der Metapher „Tanz des Lebens“ drückt die US-amerikanische Systemwissenschaftlerin und Buddhismus lehrende Joanna Macy mit der Theorie der „Tiefen Ökologie“ aus, dass die Erde ein lebendes, ganzheitliches System ist, in dem alle Dinge miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Ob die Welt als Schlachtfeld, als Falle oder als Geliebte und Teil meiner selbst betrachtet wird, bestimmt das Weltbild. Mit dem Zuspruch „Sei du selbst!“ beeinflussen ihre Ideen und Aktivitäten Bewegungen für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Schutz der Umwelt. „Die Krise(n), die unseren Planeten bedrohen, sind von Menschen gemacht, sie entspringen einem untauglichen, krankhaften Verständnis vom Selbst“. Norbert Gahbler ist Trainer in der Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie. Er arbeitet seit 1986 mit Joanna Macy zusammen. Es sind Formen der mündlichen Überlieferung, wie sie in vielen Kulturen als Erzählungen und Weitergabe von Geschichte und Normen praktiziert werden, die ihn in seiner therapeutischen und Bildungsarbeit faszinieren und ihn dazu bringen, „Geschichten zu erfinden, zu sammeln und zu erzählen, die großen und kleinen Leuten helfen können, ihr Verbundensein mit der Erde und untereinander zu spüren“.Es sind fünf Geschichten, die deutlich machen sollen, dass wir „uns diese Suppe selbst eingebrockt“ haben, nämlich einen Zustand der Welt und Menschheit, der viel Leid, Zerstörung, Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit für die Menschen und die Umwelt bringt. Dabei nicht zu resignieren oder zu fatalisieren, sondern den „großen Wandel“ (Great Turning) zu beginnen, bei sich selbst, in der eigenen Umgebung und Gesellschaft, um tatsächlich ein neues Weltbewusstsein zu erreichen, das formuliert Joanna Macy mit drei Bewusstseinszuständen: Ein Handeln, das die Zerstörung der Erde und ihrer Lebewesen aufhält.
Analysieren der strukturellen Ursachen und Schaffung von Alternativen.
Bewusstseinswandel herbeiführen. Die fünf Erzählungen ermöglichen die Überzeugung, dass es möglich ist, friedlichere, bessere, gerechtere, humane Lebensräume für alle Menschen auf der Erde zu schaffen. Joanna Macys Angebote dafür sind einfach: „Beginne mit Dankbarkeit!“ – „Fürchte dich nicht vor der Dunkelheit!“ – „Traue dich, Visionen zu haben!“ – „Nutze die Kraft der Verbundenheit!“ – „Steh zu deinem wahren Alter!“ [20].

Ein Perspektivenwechsel ist notwendig

Gemeint ist damit die Aufforderung zum Umdenken, zur Horizonterweiterung und zur Umkehr vom Trott eines business as usual, wie dies 1995 die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ dramatisch formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. In der Reihe des Carl-Auer-Systeme Verlags „Systemische Horizonte – Theorie der Praxis“ wird auf diese neue, lokale und globale Anforderung ein besonderes Augenmerk gerichtet, wie Bewusstsein und (die Wahrnehmung der) Realität in der globalen Lebenswirklichkeit sich darstellt und als interdisziplinärer Theorie-Praxis-Zusammenhang zeigt: „Theorie braucht man dann, wenn sie überflüssig geworden zu sein scheint – als Anlass zum Neu- und Andersdenken, als Horizonterweiterung und inspirierende Irritation, die dabei hilft, eigene Gewissheiten und letzte Wahrheiten, große und kleine Ideologien solange zu drehen und zu wenden, bis sie unscharfe Ränder bekommen – und man mehr sieht als zuvor“. Dieser Herausforderung stellt sich der New Yorker klinische Psychologe Lawrence LeShan In seinem Buch „Das Rätsel der Erkenntnis“ fragt der Autor danach, wie Realität entsteht. Obwohl er feststellt, dass „auf dem Gebiet des Bewusstseins ( ) alle Versuche, ein Klassifizierungssystem zu erstellen, gescheitert (sind)“, unternimmt er den Versuch, auf der Grundlage von Linnés biologischer Taxonomie ein Klassifikationssystem zu erstellen. Er benutzt dabei Weltbilder, wie sie sich in den menschlichen Realitäten darstellen. Dabei geht er so vor, dass er danach fragt, „auf welche Weise und anhand welcher Parameter sich unsere verschiedenen Weltbilder voneinander unterscheiden“. Es gelingt ihm deutlich zu machen und beispielhaft darzustellen, „dass die Verwendung eines falschen Weltbildes bei der Lösung eines bestimmten Problems dazu führt, dass eine Lösung unmöglich wird“ [21].

Universalität im Denken

Die Historiker – Pim den Boer von der Universität Amsterdam, Heinz Duchardt vom Institut für Europäische Geschichte in Mainz, Georg Kreis von der Universität Basel und Wolfgang Schmale von der Universität in Wien – legen mit drei Bänden die Ergebnisse ihres internationalen Forschungsprojektes „Europäische Erinnerungsorte“ vor. WissenschaftlerInnen aus 15 Ländern haben sich daran beteiligt. Soie wollen „das Bewusstsein von der relativen kulturellen Einheit des Kontinents ...stärken und … (dazu beizutragen), dass der Europäisierungsprozess nicht etwas künstlich Aufoktroyiertes ist, sondern ein gewachsenes Konstrukt“ wird.. Während im ersten Band „die großen geistigen Kräfte behandelt (werden), die Europa zu dem machten, was es heute ist“ und im zweiten Band Fallbeispiele präsentiert werden, „bei denen das Moment europäischer Zäsurhaftigkeit, europäischer Ausstrahlung und Kommunikation und europäischen Erinnerns“ deutlich werden sollen. Mit dem dritten Band wird dem überholten „europäischen Sendungsmythos“ eine klare Absage erteilt und Europa in der Einen Welt einen legitimen und solidarischen Platz eingeräumt. „Europäische Erinnerungsorte“ zu suchen, zu beschreiben und auf Aufforderung zu verstehen, eine „europäische Identität“ der Europäer zu entwickeln, hat nichts Nostalgisches an sich; schon gar nicht etwas Eurozentristisches. Weil aber kollektive Erinnerung Gutes und Böses bewirken kann, kommt es darauf an, die Erinnerung nicht einspurig und ideologisch verlaufen zu lassen, sondern interkulturell-dialogisch vorzunehmen [22].

Das Wiedererwachen der Tradition

Traditionen zeigen sich in vielfältigen Formen. Sie treten kontextuell auf und wirken als Leitmotive für das menschliche Leben. Die wissenschaftlichen Zugänge zu der Frage, was Traditionen sind und sich als Traditionalismen verdeutlichen, werden im allgemeinen interdisziplinär betrachtet, wobei die anthropologischen und ethnologischen Aspekte gewissermaßen Leitfunktionen einnehmen. Die Selbst- (und durchaus auch die Fremd-)identifikationen bei der Beschreibung und Zuordnung zu einer Tradition, etwa einer Volksgruppe oder Nation, hat sowohl identitätsstiftende, als auch ab- und ausgrenzende Bedeutung: „Ethnische Identität (ist) immer das Produkt externer und interner Definition“. Der Kultur- und Sozialanthropologe der Universität Wien und Präsident der Anthropologischen Gesellschaft Wien, Hermann Mückler und der Direktor des Paulo-Freire-Zentrums für transdisziplinäre Entwicklungsforschung und dialogische Bildung in Wien, Gerald Faschingeder, lassen in einem Sammelband VertreterInnen von mehreren Fachdiziplinen zu Wort kommen, um die Komplexität und Differenziertheit des Themenbereichs „Tradition und Traditionalismus“ zu diskutieren. Die Unterschiedlichkeiten von Tradition und Traditionalismus zeigen sich in Realitäten und Realitätsverkennungen. Traditionelles Denken und Handeln kann sich sowohl in Fehldeutungen und -einschätzungen, als Einbildung, Immagination, Erdichtung, Fiktion, Trugbild oder Wunschtraum darstellen, als auch als stabile Werthaltung und Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen, Glaubensvorstellungen… zeigen. In der sich radikal wandelnden, scheinbare Gewissheiten produzierenden und Ungewissheiten schaffenden (Einen?) Welt sind Menschen auf Traditionen angewiesen, wie sie auch in die Falle von Gewohnheiten und „Wahrheiten“ tappen können. Anthropologisch sind Traditionen (Identitäts- und Macht-)Funktionen, um Legitimität zu erzeugen und Werte- und Verhaltensnormen einzuüben. Falschen Traditionen aufzusitzen kann individuelle, kulturelle und gesellschaftliche Identitäten fehlleiten oder gar zerstören [23]

Wer vor der Vergangenheit Augen, Ohren und das Herz verschließt, wird weder in der Gegenwart leben, noch in die Zukunft denken können

Angelehnt an eine Redepassage, die der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 anlässlich des 40. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Bonn hielt, gilt es zu reflektieren, wie sich „Vergangenheitsbewältigung“ im kollektiven Gedächtnis der Deutschen vollzieht. Erinnern, das zeigen uns zahlreiche psychologische Untersuchungen, hat etwas zu tun mit Bedenken und ist, vor allem beim historischen, kollektiven Erinnern, eingezwängt in die Versuchungen und Verlockungen des Vergessens und des Eingestehens, von Niederlage und Sieg, Schuld und Sühne, Trauer und Zuversicht. Dass es einen individuellen und kollektiven Zusammenhang von Erinnern und Identität gibt, darauf haben zahlreiche psychologische, psychoanalytische und soziologische Studien hingewiesen. Die Mitscherlichsche Hypothese von der „Unfähigkeit zu trauern“ bedarf der Konfrontation mit der Fähigkeit, „Trauer in der Geschichte“ zu ermöglichen. Die Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung, Ulrike Jureit und der an der Universität Kassel tätige Soziologe und Forschungsanalytiker Christian Schneider plädieren in ihrem Buch für einen erinnerungspolitischen Diskurs mit Ich-Bezug, denn ein friedliches Miteinander in der sich immer interdependenter, entgrenzender und konfliktreicher entwickelnden Welt ist nur möglich, wenn Erinnerung und Versöhnung zusammen kommen. Das Autorenteam plädiert für eine „alternative Theorie der Trauer“ und zeigt damit einen anderen als den bisher praktizierten Weg der Vergangenheitsbewältigung der Deutschen auf – zu einer anderen Erinnerungskultur. Trauer-, Erinnerungs- und Vergangenheitsarbeit muss sowohl das Ich, als auch das Wir des alltäglichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Daseins der Menschen einbeziehen. Die sich dabei einstellende oder gar bewusst initiierte Opferidentifikation wie die Erlösungshoffnung dürfen sich nicht auf den herrschenden moralischen Mainstream beschränken, sondern bedürfen einer neuen, anderen Betrachtung [24].

Soziokulturelle Dimensionen des Erinnerns

In der philosophischen Betrachtung ist anamnêsis, Erinnerung, die „Wiedergewinnung“ des früher im Gedächtnis Gespeicherten oder von etwas, was schon einmal gewusst war (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005,  sowie: Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009). Dabei wird hervor gehoben, dass wahres Erinnern nicht nur ein zufällig stattfindender Akt ist, sondern ein aktives, willentliches Sicherinnern im Jetzt-Bewusstsein erfordert, also eine intellektuelle Fähigkeit des Denkens ist. Das betrifft sowohl die individuelle Erinnerung, wie auch das kollektive Gedächtnis einer Gemeinschaft, eines Volkes oder der Menschheit. Am wissenschaftlichen Erinnerungsdiskurs beteiligen sich verschiedene akademische Fächer, wie z. B.: Kulturwissenschaften, Pädagogik, Geographie Geschichte, Literatur, Philosophie, Psychologie, Psychotherapie, Rechtswissenschaft, u. a. Als „Erinnerungskultur“ wird dabei das Phänomen bezeichnet, das eine Gemeinschaft von Menschen veranlasst, positiv oder negativ bedeutsames Vergangenes, Historisches oder Identitätsstiftendes im kollektiven Gedächtnis aufzubewahren, im Geschichtsbuch eines Volkes aufzuschreiben und/oder in Denkmalen und Erinnerungsorten sichtbar zu machen. Die Autorin, Professorin für Anglophone Literaturen und Kulturen an der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Astrid Erll, hat ein Handbuch mit dem Ziel vorgelegt, einen Überblick über die Geschichte der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung zu geben, die wesentlichen, wissenschaftlichen Konzepte der beteiligten Disziplinen darzustellen, ein integratives Modell für die interdisziplinäre, wissenschaftliche Arbeit zu entwerfen, die Medialität und Narrativität des kollektiven Gedächtnisses zu diskutieren, medienkulturelle Aspekte herauszuarbeiten und die kulturübergreifendes Erinnern zu thematisieren [25].

Nicht was Bildung ist, sondern wie Bildung möglich wird, ist gefragt

Diese zwar nicht unter Ausschließlichkeitsaspekten formulierte Aussage kommt einer „stillen Revolution“ im bildungstheoretischen und ?praktischen Diskurs (Baumert / Roeder, 1994) und einer Aufforderung zum Perspektivenwechsel im Bereich der Bildungsforschung gleich. Wenn Bildung, wie es in Artikel 26, Abs. 2 der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt, auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein und Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Völkern und allen rassischen oder religiösen Gruppen fördern soll, muss Bildung mehr und etwas anderes sein als die Anhäufung von (formalem) Wissen. Und hier kommt in den Revisionsprozess bildungstheoretischer Forschung die Frage danach, wie Bildung sich im jeweiligen kulturellen und historischen Zusammenhang darstellt und verändert.Es ist die Frage nach der biographischen Bedeutung, die zu „einer angemessenen Relationierung von Bildungstheorie und Bildungsforschung“ Anlass gibt und Perspektiven hin zu einem Konzept der „Biographie als vermittelnde Kategorie“ (Marotzki, 1996) denken lässt. Dabei muss zwangsläufig in den (Forschungs-)Blick geraten, was in den traditionellen, forschungstheoretischen Zugängen eher als Randproblem betrachtet wird, nämlich die Herausarbeitung von Welt(an)sichten und ihre Wirkungen auf Selbst(an)sichten. Thorsten Fuchs von der Universität Gießen geht in seiner Forschungsarbeit den im wissenschaftlichen Diskurs behandelten Aspekten des Zusammenhangs von bildungs- und biographietheoretischer Reflexion nach. Er kommt dabei auf mindestens zwei bisher ungeklärte Fragebereiche:
  1. Genügen die Ansprüche des erziehungswissenschaftlichen Biographiekonzepts, als Vermittlerin zwischen Bildungstheorie und Bildungsforschung zu wirken? Oder, als These formuliert, ist dies „ein zwar mit hehrem Anspruch verbundenes Diktum“, das eben den Erwartungen nicht gerecht wird?
  2. Bieten die konzeptionellen Ausprägungen der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung Möglichkeiten zur Entfaltung und Weiterentwicklung an?
Fuchs Versuch, eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung vorzunehmen und dabei exemplarisch lebensgeschichtliche Erzählungen von „Bildungsgestalten“ zugrunde zu legen, stützt sich auf die Überzeugung, dass der Bildungsbegriff eben nicht nur ausgelegt werden sollte, sondern in den individuellen, gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeiten konkret angelegt werden muss, mit der Anforderung, Bildung möglich zu machen. Dabei stehen nicht die bildungspolitischen Herausforderungen im Vordergrund, sondern die Bildungsreflexion als Forschungsgegenstand: „Dementsprechend ist Anliegen und Anspruch der Bildungsforschung `nicht nur die Realität gegebener Bildungsqualitäten angeben zu können, sondern auch noch deren Ursachen` und Prägekraft“ zu benennen [26].

Leben heißt: Verhalten ändern

Betrachten wir die altbekannte, in theoretischen und praktischen Zusammenhängen immer wieder benutzte Definition, dass Lernen Verhaltensänderung ist, so ergibt sich dabei leicht die Parallele: Leben heißt Verhalten ändern! Damit haben wir den Zusammenhang hergestellt; und es ergeben sich – in Theorie und Praxis – immer auch neue Fragen; etwa, ob beim Lernen etwas hinzugefügt oder (hinein-)gefüllt wird, oder ob bei der „mathêsis“, wie in der griechisch-aristotelischen Philosophie Lernen bezeichnet wird, „jedes Lehren und jedes verständige Lernen ( ) aus vorausgegangener Kenntnis (entsteht)“; oder ob Lernen mit dem Bild eines mäandernden Flusses beschrieben werden kann, der unterschiedlich schnell fließt, manchmal sogar still steht, aber auch rasend schnell sich bewegt, sich seine eigenen Wege sucht, zum eigentlichen Ziel, nämlich abwärts zu fließen und sich mit der Hauptströmung zu verbinden. Unumstritten ist, dass Lernen unabdingbar verschränkt ist mit den Werten Bildung und Erziehung. Über die „richtige“ Bildung wird seit Menschengedenken nachgedacht, gestritten und ideologisch festgelegt. Bildungseuphorien und Bildungspaniken werden auf den Markt getragen. In der Erziehungswissenschaft, der Psychologie, der Philosophie, bis hin zur Neurophysiologie, wird darum gerungen, wie ein humanes, individuelles und kollektives Lernen möglich ist, formal, informell, institutionalisiert, kognitiv, emotional. Eine durchaus neue Erkenntnis im Jahrtausende alten Diskurs um Lernen ist, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist, der sich eben nicht nur auf bestimmte Lebensphasen und –stadien der menschlichen Entwicklung beschränkt. Zwangsläufig landen wir bei diesem Nachdenken über Lernen – Bildung – Erziehung – Aufklärung... bei der Frage, wie sich Lernen in individuellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen vollzieht, und welche Bedeutung die Biografie eines Menschen für lebensgeschichtliche Bildungsprozesse hat. Damit begegnet uns ein interessanter, im allgemeinen Bildungs- und Erziehungsdenken und –handeln eher ungewohnter Gedanke, nämlich, dass der Bildungsbegriff nicht nur ausgelegt werden sollte, sondern in den individuellen, gesellschaftlichen und kulturellen Wirklichkeiten konkret angelegt werden muss. Mit diesen angedeuteten Blickwechseln kommen wir zu einem Bericht über ein Forschungsprojekt, das vom Institut für Berufliche Bildung und Lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg vom Oktober 2010 bis März 2014 durchgeführt wurde: „Biografizität und Kontextualität des Lernens Erwachsener“. Ziel des Forschungsprojektes war zu erkunden, „in welcher Weise erwachsene Lernende unterschiedliche Strategien des Lernens einsetzen bzw. an welchen Begründungsperspektiven  und –mustern sie ihr eigenes Lernen orientieren“. Die Forscher interessierte dabei insbesondere, welche subjektbezogenen Motive (subjektbezogene Lerntheorie) Anlass sind, wie Lernprozesse angestoßen werden und sich vollziehen. Sie kommen dabei zu bemerkenswerten Ergebnissen, etwa „dass Lernen ... nicht deterministisch durch externe Faktoren angestoßen wird, sondern dass der Kontext erst dann relevant wird, wenn die lernenden Subjekte ihn ‚intern‘ aufnehmen und er also für sie Bedeutsamkeit (kursiv) erlangt“. Zwar ist dieses motivatorische Phänomen nicht neu und hat in der Lernpsychologie einen Stellenwert; doch die Frage nach der Bedeutsamkeit trifft im Zusammenhang mit Erwachsenenlernen auf eine durchaus bedenkenswerte, lerntheoretische, didaktische und methodische Betrachtung: „Damit werden objektive Bedingungen und subjektive Begründungen zusammengebunden“ [27].

Kultur braucht Erinnerung. Erinnerung braucht Kultur

Wir brauchen eine neue Erinnerungskultur – angesichts des globalisierten Momentanismus! Die uralte Erkenntnis, dass individuelle, kulturelle und kollektive Identität nicht ohne Geschichtsbewusstsein auskommt, und als objektive, rationale und emotionale Erinnerungskompetenz konstitutiv für das Menschsein ist, gilt es neu zu entdecken. Die Zugangsformen dazu sind vielfältig. Beim Interdisziplinären Zentrum für Ästhetische Bildung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg wird der anthropologische und pädagogische Schwerpunkt dieser Suche nach Erinnerungskulturen auf ästhetische Medien, Bilder und Prozesse gerichtet. Der Theologe Peter Bubmann und der Kunsthistoriker Hans Dickel fokussieren ihre Forderungen nach einem lokalen und globalen kulturellen Gedächtnis auf „symbolisch verdichtete( ) ästhetische ( ) Gestaltungsprozesse ( ) und neue ( ) Rituale ( )…, die mehr sein (wollen) als nur die Legitimierung und Fixierung eines tradierten Status quo“. Der Sammelband erhebt dabei den Anspruch, „gerade die individuellen Prozesse ästhetischer Bildung als gesellschaftspolitisch bedeutsam (aufzuweisen), um die ästhetischen Spielräume gemeinsam geteilter Erinnerungskultur verantwortlich auszuloten“. Die überwiegend auf den christlichen Traditionen und dem (kollektiven?) kulturellen Gedächtnis der deutschen Mehrheitsbevölkerung rekurrierenden Beiträge zur ästhetischen Bildung in der Erinnerungskultur sind ohne Zweifel wichtige Beiträge zum bildungs- und gesellschaftspolitischen Diskurs um Aufklärungs- und Lernprozesse [28].

Gedächtnis und Erinnerung sind interdisziplinäre Phänomene

Es sind die vielfältigen, rapide, lokal und global sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Weltsichten und –wahrnehmungen, die sich als Herausforderung der Moderne alltäglich, gesellschaftlich und im wissenschaftlichen Diskurs ergeben. Die Erkenntnis, dass der Mensch grundsätzlich und existentiell ein auf Veränderung und Wandel angewiesenes Lebewesen ist, durchzieht die Menschheitsgeschichte von Anbeginn an; aber die Versuche, Selbstbestimmung und Selbstwertigkeit ideologisch, machtpolitisch oder anthropo-orientiert zu interpretieren und festzulegen, sind gleichzeitig als Markierungen in die Entwicklungsgeschichte der Menschen eingelassen [29]. Die sich dabei ergebenden Festlegungen wie Irritationen zeigen sich in allen Bereichen menschlichen Daseins und Wirkens. Weil die Forschungsgegenstände um die Phänomene „Gedächtnis und Erinnerung“ grundsätzlich nur interdisziplinär und interaktiv bearbeitet werden können, ist es angebracht, in der Form eines wissenschaftlichen Handbuchs die vielfältigen, zusammen wirkenden Aspekte darzustellen. Der Sozialwissenschaftler und wissenschaftliche Geschäftsführer des Essener Centre for Interdisciplinary Memory, Christian Gudehus, die Redakteurin der Zeitschrift „Erziehungskunst“ und Lehrbeauftragte an der Stuttgarter Universität, Ariane Eichenberg und der Sozialpsychologe an der Universität Witten-Herdecke, Harald Welzer, legen das Handbuch als Einführung in die Gedächtnis- und Erinnerungsforschung vor. „Gedächtnis und Erinnerung“, als basales Organ und zentrale Fähigkeit, sind humane und prägende Eigenschaften im individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Dasein der Menschen. Auf das steigende, disziplinäre und interdisziplinäre Forschungsinteresse reagieren die Autorinnen und Autoren des Handbuchs, indem sie zum einen tatsächlich so etwas wie eine Bestandsaufnahme der vernetzten Forschungsaktivitäten vornehmen; zum anderen aber insbesondere auf eine Erweiterung und Weiterentwicklung der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung verweisen; denn „da der funktionale Überlebenswert des Gedächtnisses von seinem Zukunftsbezug abhängt, ist es die Zukunft, die konstitutiv für das Gedächtnis ist, und nicht die Vergangenheit“ [30].

Schreiben erzeugt Schreiben

„Ja das Schreiben und das Lesen ist nie meine Sach` gewesen?“ Das wird heute in unserer Gesellschaft kaum jemand sagen; trotzdem: Der „funktionale Analphabetismus“, also die Situation, dass Menschen, die einmal in der Schule Lesen und Schreiben gelernt haben, dies im Laufe ihres Lebens verlernen, weil sie diese kulturellen Grundfertigkeiten nicht mehr benutzen (und benötigen?), steigt – in unserer Gesellschaft. In den westlichen Industriegesel!schaften werden rund 42 Millionen Analphabeten gezählt. In den Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ sind es fast eine Milliarde Menschen. Vor allem in Afrika steigen die Analphabetenzahlen, trotz der anerkennenswerten Bemühungen um Einschulungsraten. So liegt der Anteil der Analphabeten in den Ländern südlich der Sahara bei 55 bis 60% der Gesamtbevölkerung. Dabei ist ein Zusammenhang zu sehen zwischen der Qualität der Grundbildung und der Forderung nach „lebenslangem Lernen“, wie dies die UNESCO, die Bildungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen seit langem fordert. In der „Hamburger Deklaration zum Lernen im Erwachsenenalter“, die von den 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Internationalen Konferenz „Lernen im Erwachsenenalter: Ein Schlüssel zum 21.Jahrhundert“, vom 14. – 18. Juli 1997, verabschiedet wurde, heißt es u.a.: „Ziel der Bildung für Jugendliche und Erwachsene im Sinne eines lebensbegleitenden Prozesses ist es, die Autonomie und das Verantwortungsbewußtsein von Menschen und Gemeinschaften zu fördern, ihre Fähigkeit, mit Veränderungen in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft als Ganzes umzugehen, zu stärken sowie Zusammenleben, Toleranz und die sachkundige und kreative Mitwirkung der Bürger in ihren Gemeinschaften zu fördern – dadurch es Menschen und Gemeinschaften zu ermöglichen, in ihrem Leben und in ihrer Gesellschaft aktiv zu werden, um den Herausforderungen der Zukunft begegnen zu können“ [31]. In der gleichzeitig von der Konferenz erlassenen „Agenda für die Zukunft des Lernens im Erwachsenenalter“ wird Alphabetisierung als ein Menschenrecht aus- und darauf hingewiesen, dass die Bekämpfung des Analphetismus in der Ermöglichung und Qualität der Grundbildung im Kindesalter beginnen muss. [32].

Mach dir dein Alter selbst“

Über Altern, Endlichkeit und Ende des menschlichen Lebens wird philosophisch, anthropologisch, weltanschaulich, pädagogisch, medizinisch, kultursoziologisch und kulturhistorisch reflektiert. Das Älterwerden scheint ein Motiv zu sein, über das Leben nachzudenken, Bilanz zu ziehen und sich daran zu machen, die eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Es sind euphorische wie prozessuale, physische wie psychische, objektive wie subjektive Zugangsweisen und intellektuelle Auseinandersetzungen, die je nach Bewusstseinsstand und Intellekt die Fülle des Lebens, die Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen des menschlichen Daseins bündeln [33]. Der an der Universität Konstanz lehrende Geisteswissenschaftler Helmut Bachmaier, Stiftungsrat der Schweizer Tertianum-Stiftung, plädiert in seinem Buch „Lektionen des Alters“ dafür, Kreativität als Herausforderung und Chance für ein gelingendes Altwerden der Menschen zu verstehen. Er stellt das Konzept „Easy Ageing“ vor, mit dem es gelängen, mit Leichtigkeit, Entspannung und Mühelosigkeit alt zu werden. Dabei verweist er darauf, dass es sinnvoll und nützlich ist, sich intellektuell mit der verschiedenen Dimensionen auseinander zu setzen, wie sie sich in der Kultur, der Philosophie, der Kunst- und Literaturgeschichte zum Altwerden darstellen. Sein einfaches Rezept: „Älter werden bedeutet, sich täglich eine neue Aufgabe zu stellen. Und die kann man nur selbst finden“. Mit seinen Analysen und Denkanforderungen verweist er auf Methoden, wie sie in der kulturwissenschaftlich-orientierten Alternsforschung, der „Kulturgerontologie“, angewandt werden und sich in der Konsequenz darstellen: „Wer sich selbst keine Aufgabe gibt, gibt sich selbst auf“. „Easy Ageing“ wird also weder als „Anti“.-, noch.als „Pro-Ageing“ verstanden, sondern verbunden mit Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des Individuums, das eingebunden und aufgehoben ist in einer freien, demokratischen und gerechten Gesellschaft. Bei der Auseinandersetzung über die Lust und den Frust des Altwerdens der Menschen ist es wichtig nachzuschauen, wie der alte Mensch geworden ist wie er ist, individuell und kollektiv. Es kommt darauf an, die historischen und kulturellen Entwicklungen in den Blick zu nehmen, die Unterschiede zu verdeutlichen, die je individuellen und gesellschaftlichen Verläufe zu reflektieren und die Flüchte, Ausflüchte und die entweder akzeptierten, schicksalhaften, oder selbsttranszendent erworbenen Erkenntnisse anzunehmen und anzuwenden. Im gerontologischen Diskurs wird das Alter heute nach dem Grad an Selbständigkeit und Kompetenzen eingeteilt. Man spricht vom „autonomem Alter“, wenn der alte Mensch die alltäglichen Lebensvollzüge selbständig, also ohne fremde Hilfe bewerkstelligen kann; vom „fragilem Alter“, wenn verschiedene Hilfs- und Serviceleistungen in Anspruch genommen werden müssen; und vom „kurativem Alter“, wenn die Pflegebedürftigkeit im Vordergrund des Lebens steht. Es wird darauf hingewiesen, dass das Bewusstwerden des natürlichen Alterns der Menschen nicht erst beim Altwerden beginnen, sondern als Bildungs- und Erziehungsprozess zeitlebens erfolgen müsse und ein Bewusstsein entwickelt werden sollte, dass in jeder Lebensphase der Menschen Lebensqualität möglich und notwendig ist. Damit kommt fairen, menschenwürdigen Generationenkontakten eine große Bedeutung und Aufklärungsaufgabe zu. Der lokale und globale gesellschaftliche Wertediskurs darf sich dabei nicht an kapitalistischen und neoliberalen, ökonomischen Nützlichkeits- und Verwertungsprämissen orientieren, sondern bedarf einer Altersethik, die die Werte Sicherheit – Gesundheit – Selbständigkeit – Aktivität – Mobilität – Partizipation – Erfahrung – Motivation – Kompetenzen – Selbstverantwortung – Vertrauen und Selbstwertgefühl neu justiert. Wenn die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz (1901 – 1974) in einer ihrer Erzählungen schreibt, dass das Alter für sie kein Kerker sei, sondern ein Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht, wird das Anderssein der Menschen im Alter als Akt der Weitsicht in der vielfachen Bedeutung der Analyse zum Altwerden aufgezeigt [34].

Autobiographien sind Zeugnisse aus erster Hand

Zum Abschluss der Auflistung von ausgewählter Literatur zum Genre „Memoir“ sollen zwei Autobiographien vorgestellt werden, die die Vermutung erlauben, dass Erinnerungen mit den Lebensjahren wachsen, und damit auch das Bedürfnis, die eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben und zu publizieren. Die Autobiographie des 1938 geborenen Friedemann Hoppmann macht deutlich, dass sich dabei zwei Motive zeigen: Zum einen deterministische, auf von außen auf das Individuum einwirkende Erwartungshaltungen, aus dem Leben zu erzählen und die eigenen Erinnerungen an Nachkommen, Freunde und die Öffentlichkeit weiter zu geben, und zum anderen der intrinsische Drang und die Notwendigkeit, eigenes Bedeutsames preiszugeben, vor dem Vergessenwerden zu bewahren und möglicherweise sogar von der Absicht gespeist, mit oder ohne Fingerzeig Exemplarisches und Vorbildhaftes auf 463 Seiten mitzuteilen. Friedemann Hoppmann stellt seine (berufliche) Autobiographie auf zwei Beine, die sich im Titel als „Schnapphähne“ und „Samariter“ darstellen. Als gelernter (evangel.) Religionspädagoge stützt er sich dabei auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, wie es im Lukas-Evangelium als Aufforderung zur Nächstenliebe erzählt wird, und gewissermaßen mit dem Kontrapunkt als Gewerkschafter, indem er das Verhalten von Schnapphähnen, Dieben und Wegelagerern, wie sie in Grimmelshausens Simplicissimus ihr Unwesen treiben, kontrastiert. Damit gibt er (sich) Raum und Eingeständnis, dass im Alltagsgeschäft eines Pädagogen Empathie und Antipathie nicht selten ganz nahe beieinander wohnen, und es als die größte Herausforderung (für einen Schulleiter) angesehen werden muss, sich „um einen ehrlichen und unvoreingenommenen Umgang mit Schülern, Eltern, Kollegen und Vorgesetzten (zu bemühen und gleichzeitig) Freude an Schulversuchen zur besseren Förderung der Kinder“ zu haben. Die Erinnerungen Friedemann Hoppmanns dürften aus der Vielzahl von Autobiographien deshalb herausragen, weil er als Schulleiter von mehreren niedersächsischen Schulen, in Hildesheim und Hannover-Langenhagen, nicht nur in das parteipolitische Kreuzfeuer und des mehrmaligen Regierungswechsels von CDU- und SPD-dominierter Schulpolitik geriet, sondern auch mit der Wahl als Schulleiter der Integrierten Gesamtschule in Hildesheim, der Robert-Bosch-Gesamtschule, wichtige Entwicklungs- und Reformschritte hin zu einer „Schule für alle“, von Demokratisierung und Kollegialisierung, etwa mit den Schulversuchsformen einer kollegialen Schulleitung, der Einführung von Mitbestimmungskonzepten, der Revision der Leistungsbeurteilung und dem Aufbau der gymnasialen Oberstufe in der RBG, mit vollzog und ermöglichte. In seiner umfangreichen Erzählung über sein berufliches und privates Leben als Schüler, Ehemann, Vater, Partner, Lehrer, Gewerkschafter, Religionspädagoge und Schulleiter zitiert er immer wieder Quellen, die er von früher Jugend an in seinen Tagebüchern notierte, kommentierte und sich mit ihnen auseinander setzte. So ist es möglich, dass seine Autobiographie keine Märchenerzählung geworden ist, sondern eine ernst zu nehmende Dokumentation seines bisherigen Lebensweges. Wir sind heute davon überzeugt, dass in Bildungs- und Erziehungsprozessen, wie auch beim lebenslangen Lernen biographische Auseinandersetzungen notwendig sind, um zu eigenen Standpunkten und zu individuellen und gesellschaftlichen Identitätsbildungen zu gelangen. Die „Versuche eines Schulleiters“ lassen sich als Zeitdokumente lesen! [35].

„Man sieht die im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht!“

In Bertold Brechts „Dreigroschenoper“ (1928) wird die Klage darüber geführt, wie „bürgerliche Heuchelei“ (Hannah Arendt) und skrupellose Ausbeutung der Menschen zum Elend für die Besitz- und Rechtlosen führt. Mit dem politisch engagierten Theaterstück wollten Bertolt Brecht und der Komponist Kurt Weill den Widerstand der sich formierenden Arbeiterbewegung in Deutschland anfachen. In historischen Analysen und politisch-sozialen Reflexionen wurde und wird viel darüber spekuliert, ob das künstlerisch-politische Engagement dazu beigetragen hat, dass sich die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegungen von der Bourgeoisie emanzipieren konnte. Der Blick auf die neuere deutsche Geschichte vermittelt einen janusköpfigen Verlaufsprozess, der sich von der Wilhelminischen Epoche mit der Typisierung „Untertanengeist“ und „Konformismus (Heinrich Mann) den solidarisch-marxistischen Aufforderungen („Proletarier aller Länder vereinigt euch!“), den völkisch-rassistischen Entwürfen (Houston Stewart Chamberlain, Das neunzehnte Jahrhundert, 1899), den germanozentrierten, nationalistischen Ideologien des Nazi-Regimes, bis hin zur historischen Analyse der Nachkriegszeit und heute zieht (Michael Gehler). Einer, der seinen Weg vom Tischlerlehrling zum Berufsschullehrer und weiter zum Ministerialbeamten und Wissenschaftler gegangen ist, hat, je älter er wird, immer wieder in biographischen Erzählungen und Analysen darüber geforscht, wie wir geworden sind, was und wie wir sind. Es sind vor allem Alltags- und Lebensgeschichten, die ihn interessieren: Günter Wiemann. Zu seinem 90. Geburtstag hat er seine persönliche Autobiographie als „Familiensaga“ vorgelegt. Er beginnt die mit vielen, seltenen Quellenmaterialien versehene Erzählung mit dem Jahr 1898, indem er die erste Generation seiner Familie vorstellt, in die er 1944 eingeheiratet hat. Er vermittelt Einblicke in die zweite und dritte Generation, bis hin zur Jetztzeit, und mit beinahe surrealen, aber doch wirklichkeitsnahen Erinnerungen, als er 2009 mit seiner Frau Urlaub im französischen Jura machte: „Hier muss ich im Krieg schon einmal gewesen sein!“. Die mühsam hervorgeholten Erinnerungen, 65 Jahre danach, wirken wie eine Katharsis, aus der das Leben und das aktive, demokratische Wirken des Günter Wiemann erkennbar wird, die Überzeugung „Nie wieder Krieg!“ nicht nur aufzuschreiben, sondern zu leben; z. B. bei seiner Mitarbeit beim Aufbau des Internationalen Hauses Sonnenberg im Harz, den ersten internationalen Jugendbegegnungen nach dem Krieg, seinen Begegnungen mit russischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die als „Deutsch-Russischer Dialog“ eine Geschichte der Aussöhnung und Verständigung geschrieben haben, mit der Mitgliedschaft der „Russischen Akademie für Bildung“ in Moskau und 1998 mit der Verleihung der „Uschinskij-Medaille für Erziehungswissenschaftler“, Initiator und Gründungsvorsitzender des Vereins Initiativen Partnerschaft Eine Welt e. V. (www.initiativen-partnerschaft.de) und den zahlreichen weiteren Aktivitäten [36]. Anstelle eines Fazits soll der Song stehen, den Mary Roos beim Eurovision Song Contest vorgetragen hat. Er hat ihr zwar nicht zum Sieg gereicht, aber er hat an eine menschliche Haltung erinnert, die es gilt, auch heute und morgen als Ausdruck und Standort von Menschlichkeit zu praktizieren: Den aufrechten Gang! [37] Also dann
adieu
ich mach‘ dir keine Szene
Dreh‘ dich um und geh‘
dein Mitleid brauch ich nicht
Vielleicht bin ich verzweifelt
vielleicht geht es mir schlecht  doch du wirst sehn
jetzt werde ich erst recht –
Aufrecht gehn
aufrecht gehn ich habe endlich gelernt
wenn ich fall
aufzustehn
Mit Stolz in meinen Augen und trotz Tränen im Gesicht –
aufrecht gehen durch die Nacht ins Licht. Autor
Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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[1] Ijoma Mangold, Alles Schreiben ist autobiographisch, in: DIE ZEIT, Nr. 14 vom 23. 3. 2016, S. 44

[2] Valeria Nabatova, Kurze Definition zum Begriff „Autobiographie“, www.zeitpfeil.ort/common/files/186/Musterlsung.Autobiographie.pdf 

[3] http://biographie-schreiblust.de/

[4] Jos Schnurer, Für Eine Welt – in Einer Welt. Überlebensfragen bei der Weiterentwicklung von Bildungs- und Erziehungsaufgaben der Schule, Verlag Dialogische Erziehung / Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2003, 267 S.

[5] Luc Ferry, Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung, 2009, zur Rezension

[6] Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, zur Rezension

[7] Siegfried Schumann, Individuelles Verhalten. Möglichkeiten der Erforschung durch Einstellungen, Werte und Persönlichkeit, 2012, zur Rezension

[8] Peter Bieri, Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, 2013, zur Rezension

[9] Rahel Jaeggi / Daniel Loick, Hrsg., Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis, 2013, zur Rezension

[10] Richard Sennet, Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält, 2012, zur Rezension

[11] Martina Franzen / Alena Jung / David Kaldewey / Jasper Korte, Hrsg., Autonomie revisited. Beiträge zu einem umstrittenen Grundbegriff in Wissenschaft, Kunst und Politik, 2014, zur Rezension

[12] Manfred Lütz: Bluff! Die Fälschung der Welt, 2012, zur Rezension

[13] Martha Nussbaum, Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst, 2014, zur Rezension; sowie: dies., Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, zur Rezension

[14] George M. Ball, Disziplin der Macht. Voraussetzungen für eine neue Weltordnung, Frankfurt/M., 1968, 368 S.

[15] Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, zur Rezension

[16] Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, 2012, zur Rezension

[17] Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, zur Rezension

[18] Alberto Acosta, Buen Vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben, 2015, zur Rezension

[19] William MacAskill, Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können, 2015, zur Rezension

[20] Joanna Macy / Norbert Gahbler, Fünf Geschichten, die die Welt verändern. Einladung zu einer neuen Sicht der Welt, 2013, zur Rezension

[21] Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, zur Rezension

[22] Pim den Boer / Heinz Durchardt / Georg Kreis / Wolfgang Schmale, Hrsg., Europäische Erinnerungsorte. 3. Europa und die Welt, 2012, zur Rezension

[23] Hermann Mückler / Gerald Faschingeder,  Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, zur Rezension

[24] Ulriche Jureit / Christian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, 2010, zur Rezension

[25] Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2011, zur Rezension

[26] Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, zur Rezension

[27] Peter Faulstich / Rosa Bracker, Lernen – Kontext und Biografie. Empirische Zugänge, 2015, zur Rezension

[28] Peter Bubmann / Hans Dickel, Hrsg., Ästhetische Bildung in der Erinnerungskultur, 2014, zur Rezension

[29] Bernhard Rathmayr, Selbstzwang und Selbstverwirklichung. Bausteine zu einer historischen Anthropologie der abendländischen Menschen, Bielefeld 2011, zur Rezension; sowie: Wolfgang Welsch,Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, zur Rezension

[30] Christian Gudehus / Ariane Eichenberg / Harald Welzer, Hrsg., Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, 2010, zur Rezension

[31] Hamburger Deklaration zum Lernen im Erwachsenenalter, in: UNESCO heute, 1/1998, S.47

[32] Gerd Bräuer, Schreibend Lernen. Grundlagen einer theoretischen und praktischen Schreibpädagogik, Studien-Verlag, Innsbruck / Wien 1998, 232 S.

[33] siehe dazu auch die Annotationen: Jos Schnurer, Das Ende des Lebens, 11. 11. 2013, zur Materialie

[34] Helmut Bachmaier, Lektionen des Alters. Kulturhistorische Betrachtungen, 2015, zur Rezension; sowie: Helmut Luft / Monika Vogt, Die Kunst, dem Alter zu begegnen. Psychoanalytische Erkundungen, 2015, zur Rezension

[35] Friedemann Hoppmann, Unter Schnapphähnen und Samaritern - Versuche eines Schulleiters, 2015, zur Rezension

[36] Günter Wiemann: Familiensaga, 2012, zur Rezension

[37] Kurt Bayertz, Der aufrechte Gang. Eine Geschichte des anthropologischen Denkens, 2013, zur Rezension

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Buchcover

Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau, Reinhild Schäfer (Hrsg.): Frauen und Armut - feministische Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 474 Seiten. ISBN 978-3-8474-2203-7.
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