Nachruf für Silvia Staub-Bernasconi (1936-2026) - eine sorgende Welt-Gesellschaft als Lebensaufgabe
Luzern, 11. Juli 2026. Mit dem Tod von Silvia Staub-Bernasconi hat die Soziale Arbeit eine ihrer innovativsten zukunftsweisenden Vor-Denkerinnen von internationalem Format verloren. Ihre bahnbrechenden Anstöße für die Theoriebildung, Professionsentwicklung, Lehre und Praxis, die sie ihr über viele Jahre zuverlässig übergab, werden fehlen; den reichlich vorgestellten sowohl analytischen als auch berufspolitischen wie menschenrechtlichen Konzeptionen werden keine weiteren folgen. Ihre Stimme, die sie im wissenschaftlichen Diskurs als sehr präsente, streitbare Kollegin oft bis an die Grenzen ihres eigenen Wohlbefindens einsetzte, wird nie mehr erhoben werden. Auch ihre wohlwollend fördernde Begleitung für Generationen von Fachpersonen, Studierenden und Doktorand*innen, die sie während Jahrzehnten an verschiedenen universitären Hochschulen als engagierte Ausbilderin mit großer Selbstverständlichkeit versah, werden wir schmerzlich vermissen, ebenso wie ihr "Kritische-Instanz-Sein" in Berufsverbänden, wissenschaftlichen Gesellschaften und schulischen Fachbereichen, denen sie eine verlässlich integer handelnde, versierte und gut vernetzte Kollegin war.
Ihre Einzigartigkeit und Identität
Wenn ich nun in gebührender Weise beschreiben soll, wer Silvia Staub-Bernasconi in ihrer Einzigartigkeit und Identität war, mit der sie sich uns in ihrem aktiv öffentlichen Handeln und Sprechen offenbarte, dann müsste ich sie wohl mit ihrer Perspektive auf die Realutopie einer wechselseitig sorgenden Zwischenmenschlichkeit in einer menschengerechten Welt beschreiben. Im Hinblick auf die Realisierung einer solchen Welt schuf sie Begrifflichkeiten, womit ›soziale Probleme‹ artikulierbar werden können, und analysierte soziale und gesellschaftliche Zustände, um konkrete Chancen zu ihrer Verwirklichung zu finden. Und für die Erprobung von spezifischen Optionen für das Leben traf sie – ohne sich selbst zu schonen – konkret ›moralische‹ und ›politische‹ Entscheidung, die ihre Persönlichkeit (zum Teil schmerzlich) formten, mit dem Ziel, auf eine Weise Position für die Marginalisierten und Ausgebeuteten zu beziehen, mit der sich gemeinsam ein Weg ebnen lässt, der aus der Unterdrückung zur Befreiung von Menschen führt.
Schon früh sah Silvia Staub-Bernasconi in der Sozialen Arbeit diejenige gesellschaftliche Institution, in der das Füreinander-Eintreten in ungekürzter Verbundenheit als Ressource zu nutzen wäre. Dabei war ihr eine harmonische und ausgewogene Vorstellung von Solidarität völlig fremd und sie missverstand die Universalisierung von Sorge auch nicht als eine heile Bubble. Vielmehr sah sie in ihrer Vorstellung von Zusammenhalt und sich um andere kümmern eine – wenn auch anspruchsvolle – Chance, die Verletzungen der Vulnerabilität in den ›flüssigeren‹ Zusammenhang einer insgesamt sorgenden Gesellschaft zu stellen, in der Gerechtigkeit über diverse Kanäle und über die verschiedensten Personen wiederhergestellt werden kann. Die Gestaltung und Entwicklung einer solchen Gesellschaft sah sie als eine der Aufgaben der Sozialen Arbeit.
Aus dem Nichts einen Neuanfang setzen
Die Problematik, dass Sorgearbeit nie unkompliziert ist und Solidarität immer Auseinandersetzungen u.a. darüber evoziert, wie ›Bedürfnisse‹ gedeutet und ›Bedarfe‹ bedacht werden sollten, die Realisierung einer insgesamt sorgenden Gesellschaft aber trotz allem auf der menschlichen Fähigkeit beruht, immer wieder aus dem Nichts einen Neuanfang zu setzten, wurde Silvia Staub-Bernasconi zur intellektuellen Lebensaufgabe. Sie nahm sie mit der Fragestellung nach der ›Weltgesellschaft‹ in Angriff (und folgte dabei z.B. dem Soziologen Peter Heintz, dem Pädagogen Paolo Freire, u.a.), widmete sich dann der ›Artikulation sozialer Probleme‹ (und folgte dabei dem Systemtheoretiker Ervin László, dem Wissenschaftsphilosophen Mario Bunge, u.a.) und schuf dafür eine eigenständige Nomenklatur, weil sie überzeugt war, dass nur eine spezifische Fachsprache für die Soziale Arbeit Perspektiven eröffnen, aus der sich die wechselseitige Verwobenheit des Lebens, das Ensemble von Kreisläufen, Zyklen, ›Gezeiten‹[1] oder auch Systemebenen, so gut es geht, erschliessen lassen.
Ein (vorläufiges) Ende für die Arbeit an ihrer Lebensaufgabe fand Silvia Staub-Bernasconi in ihrem Engagement für die ›Menschenrechte‹ und die ›Menschenwürde‹ als quasi ethische Rahmung der Sozialen Arbeit.
Die ganze thematische Bandbreite – von ihrer praktisch tätigen Arbeit auf der Strasse bis hin zu einer rechtlich, ethisch und handlungstheoretisch/politisch gesicherten Mandatierung der Sozialen Arbeit mit präzisen Vorstellungen für die konkrete menschenrechtliche Basisarbeit mit Personen, Gruppen, Gemeinwesen und Organisationen – wurde freilich schon in der Zeit vor ihrem öffentlichen in Erscheinung treten angelegt.
Ihre Fragen nach dem Warum und dem Verstehen
Der ›Erfahrungsraum‹[2], die mit ihrer Generation geteilten Erfahrungen aller Widerfahrnisse des Lebens der jugendlichen Silvia Bernasconi, gründet auf den kulturell und sozial unterschiedlichen familiären Spannungsfeldern ihrer Kindheit, die ihr Chancen boten, aber auch Grenzen setzten. Und vor diesem Hintergrund empfindet sie als Kind schon die Diskrepanzen, die Ungerechtigkeiten und das Elend, den Hunger und die Kriege in der Welt – den Zweiten Weltkrieg im Kontrast zur wirtschaftlich heil gebliebenen und prosperierenden Schweiz. Dieses Erleben verarbeitete sie auf ihre spezifisch sozialisierte Weise: Sie stellt immer wieder neu und aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus Fragen nach dem Warum; sie will verstehen.
Durch ihr Erleben, ihre eigenen Erfahrungen, was umsichtige Sorge für andere und was gelebte Verantwortlichkeit in komplexen Beziehungsnetzen bewirken können, bildete sie sich ihren individuellen ›Erwartungshorizont‹2. Sie zählte auf die schöpferische Kraft der Menschen, sich eine gerechtere und menschfreundlichere Welt vorstellen und realisieren zu können. Später wird sie von der Sozialen Arbeit sowohl reflexive als auch tätige Antworten auf das Leiden der Menschen an der real existierenden Sozialstruktur und -kultur einfordern. Und sie rechnet damit, dass für die Soziale Arbeit dazu eine realistische Chance besteht.
Lebenslang lernen mit und von der Sozialen Arbeit
Silvia Staub-Bernasconi liess sich zur Sozialarbeiterin ausbilden und blieb der Sozialen Arbeit, zuletzt als Professorin an der TU in Berlin, ein Leben lang treu. Zunächst erarbeitete sie sich angewandtes Wissen und eine fachliche Handlungskompetenz im Bereich der Jugendkultur, der Psychiatrie und staatlicher Sozialdienste. Dann lernte sie während ihres universitären Studiums des Social Work in den Suburbs und Slums amerikanischer Grossstädte wie Minneapolis oder New York die grösseren Zusammenhänge verstehen; und sie liess sich dort von erfahrenen Sozialarbeiterinnen in deren Praxis schulen. Sie begann zu verstehen, dass es in dieser Praxis um das wechselseitige Beziehungsverhältnis von Person[3], Gemeinschaft[4] und sozialer Umwelt[5], die einander bedingen, geht; und, dass ›Pluralität‹[6] mehr ist als individuelle Verschiedenartigkeiten. Ihre praktizierte Soziale Arbeit in der Lower East Side von New York der mittleren 1960er Jahre, die dort als ›concerted action‹[7] verstanden wurde, öffneten ihr die Augen für ein breites Spektrum einer Profession, die ihren eigenen wissenschaftlich fachlichen und berufsethischen Standards verpflichtet ist und die deren Einhaltung durch kollegiale Selbstkontrolle selber überwacht.
Ab da erscheint uns Silvia Staub-Bernasconi mit diesem für sie inzwischen gefestigten praktischen und fachlichen Hintergrund – zuerst in Zürich und später in Berlin, dazwischen an vielen anderen Orten – als Ausbilderin, Wissenschaftlerin und Praktikerin der Sozialen Arbeit.
Eine der meist zitierten Autorinnen
Als Wissenschaftlerin war sie (und ist sie heute noch) im wissenschaftlichen Diskurs im deutschsprachigen Raum eine der meist zitierten Autorinnen. Das ist nebst einem Hinweis auf ihre Bedeutung vor allem auch ein Hinweis auf ihre Präsenz und ihre Kraft in diesem Diskurs. Ein anderer Hinweis ist ihre umfangreiche wissenschaftliche Arbeit, die über 360 substantielle und ausdruckstarke Publikationen aufweist. Gleichzeitig gab es – insbesondere, aber bei weitem nicht nur, in der ihr nahe liegenden schweizerischen Fachhochschullandschaft – einige Autor:innen und ›Schulen‹, die ›Staub-Bernasconi‹ konsequent ignorierten und – besonders in Deutschland – mit teils heftigem Kampfeswillen gut vernehmlich ausblendeten.
Als Ausbilderin und Dozentin in der Lehre förderte sie den Nachwuchs mit klaren Zielsetzungen und hohen, aber erreichbaren Ansprüchen, ermunterte schon früh Migrant:innen, sich in Sozialer Arbeit ausbilden zu lassen, und setzte sich für qualitativ hochstehende Ausbildung auf Stufen des Bachelors, Masters und der Promotion ein. Darüber hinaus vermittelte sie den Berufseinsteiger:innen in Coaching und Supervisionen das zentral praktische Gedankengut unserer Profession. (Meine eigene berufliche Karriere wäre ohne diese Vermittlung und Förderung nicht zu denken.)
Und als Praktikerin engagierte sie sich in unzähligen Projekten, beispielsweise der ›Pro Sozialcharta‹-Kampagne, die sich für die Ratifizierung der revidierten Europäischen Sozialcharta durch das Schweizer Parlament einsetzte. Oder sie gründete und trug die ›Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik‹ mit und begleitete so ganz praktisch die feministische Bewegung. Sie unterstützte ›im Stillen‹ aber auch Fachperson der Sozialen Arbeit in deren Praxis oder begleitete sie, wenn es darum ging, theoriegeleitetes Arbeiten zu entwickeln. In ihrer typischen Art der Kollegialität zeigte sie dabei etwa auf, wie sie selbst mit einem fraglichen Sachverhalt umgeht.
Sie traute Menschen ihrer Berufsgruppe grundsätzlich viel zu
Das Förderliche, das Silvia Staub-Bernasconi ihren Studierenden in der Lehre und den Fachpersonen in der Praxis zukommen liess, ist bemerkenswert relevant: Sie traute ihnen grundsätzlich viel zu. Ihr Bild – ihr Menschenbild – von Studierenden und Fachpersonen, zeichnet in erster Linie Mitglieder der professionellen Community, die – selbst mit noch relativ kleinem Wissensstand – uneingeschränkt zu denjenigen gehören, die besonders berechtigt sind, den Diskurs zur Theorie- und Methodenentwicklung der Sozialen Arbeit zu führen, und ihn sogar entscheidend zu beeinflussen.
Es war ihr stets wichtig, dass die Angehörigen der Berufsgruppen der Sozialen Arbeit selbst – und von Anfang an – diesen Diskurs führen und die Entwicklung ihrer Wissensbasis selber steuern. Und es war ihre berufspolitische Überzeugung, dass es zu den Rechten und Pflichten der Fachpersonen der Sozialen Arbeit gehört, ihre Profession umfassend mit zu gestalten. Sie sollen nicht zuwarten, bis andere – z.B. andere Disziplinen (Psychologie, Soziologie, Ökonomie) oder die Sozialpolitik – das für sie tun.
Und gerade wegen ihrer berufspolitischen Überzeugung dachte sie stets im ›Wir‹. Selbst das, was sie zu diesem Diskurs beitrug, ihre Konzeptionen, Modelle oder Denkfiguren, betrachtete sie als Allgemeingut; denn ihre eigenen Beiträge verstand sie vor allem als ein vertieftes, fundiert recherchiertes Nachfragen, mit dem allgemein weitergearbeitet werden soll. Wer immer – im Rahmen eines Fachdiskurses versteht sich – da etwas weiter entwickeln wollte, hatte ihren Segen dazu. Und wenn daraus etwas entstand, das deutlich von ihrer eigenen Intention abwich, nahm sie das als willkommene Gelegenheit, über diese Diskrepanz zu disputieren.
Sie wollte die sensiblen Bereiche menschlicher Beziehungen und sozialer Strukturen ›kommunizierbar‹ machen
In ihrer Konzeptionen-Collection geht es vor allem um ›Erkenntnis-Gewinnung‹, in erster Linie um das ›Beschreiben-Können‹, um für das, was im Kern die Aufgaben von Fachpersonen der Sozialen Arbeit sind, die präzisierenden Worte zu finden. Ihre freigiebig zur Verfügung gestellten theoretischen Modelle sind ›Erkenntnis generierende Karten‹ oder ›Denkfiguren‹, die Zusammenhänge, Wechselwirkungen und Beziehungsdynamiken erhellen sollen. Sie wollte die sensiblen Bereiche menschlicher Beziehungen und sozialer Strukturen ›kommunizierbar‹ machen.
Dort, wo die Menschen aufeinander angewiesen sind und wo sie Netzwerke oder Sozialstrukturen bilden müssen, um ihre Lebensgrundlagen zu sichern, erhellen ihre Denkinstrumente, worin allfällige Schwierigkeiten liegen, und wo die Ressourcen zu deren Lösungen zu finden sind. Den Fachpersonen der Sozialen Arbeit eröffnet sie so Zugänge zur Mitwirkung an präzisen Deskriptionen ihres eigenen Zuständigkeits- und Funktionsbereiches. Nur dank der Qualität, der Differenziertheit, dem Facettenreichtum in der Fülle von recherchierten und aufbereiteten Daten – und das war eine riesengroße Arbeit – ist es ihnen heute leicht möglich, diejenigen Fragen zu stellen, die sie in den Kernthemen der Sozialen Arbeit weiterbringen.
Sie kämpfte für das Erkennen professionspolititscher Konsequenzen
Und so referierte sie in den ganzen deutschsprachigen Raum hinein und darüber hinaus eine prononcierte Perspektive der Sozialen Arbeit, die zu Beginn ihres öffentlichen Auftretens noch weitgehend unbekannt war. Und sie schien nicht müde zu werden, für das Erkennen der professionspolitischen Konsequenzen, die sich aus dieser Perspektiven ergeben, zu kämpfen. So hat Silvia Staub-Bernasconi die Soziale Arbeit umfassend, vielschichtig und konsequent bewegt, z.B. auch ganz praktisch mit ihrem Engagement in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA und ihrem langjährigen Vorsitz der dortigen Theorie-Sektion. Wir könnten dies leicht feststellen, wenn wir z.B. die regionale Theorie- und Methodengeschichte der Sozialen Arbeit – selbst nur minimal – überblicken würden. Und dieses ›Bewegen‹ hatte Folgen bis weit in den internationalen Fachdiskurs, wie z.B. an der Entstehungsgeschichte zur IFSW-Definition 2001 abzulesen ist.
Zu Silvia Staub-Bernasconis herausragenden Qualitäten gehörte jedoch nicht nur ihre spezifische Perspektive auf die Soziale Arbeit oder ihre Scharfsichtigkeit beim Antizipieren von Entwicklungen. Das wirklich Exzellente an ihr war, dass und vor allem wie sie sich immer wieder für die Sache der Sozialen Arbeit, für ihre gesellschaftliche Position und Funktion exponierte – damit aber auch angreifbar machte und mitunter scharfen Anfeindungen ausgesetzt blieb.
Sie ging als visionäre Wegbereiterin voran und störte Komfortzonen
Als sie 1986 erstmals, zwar bereits mit Praxiserfahrung und wissenschaftlicher Reflektiertheit gut vorbereitet, aber doch noch ›namenlos‹ mutig vor ein breites Fachpublikum trat und sich ins Offene wagte, war sie nicht nur ihrer Zeit weit voraus, sie stiess auch vor allem in der Praxis auf breites Unverständnis, ja auf Hohn und Spott; man empfand ihre Perspektive auf den Beruf schlicht als eine Zumutung und als eine Störung des ›courant normal‹ und wohl auch der eigenen Komfortzone. Dabei beschrieb sie lediglich, aber auf geniale Art, wie sie den Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit als einen dreidimensionalen Raum begreift, der menschliche Existenz (Ausstattung), zwischenmenschliche Interaktionen (Austausch) und strukturelle Positionen (Macht) umfasst. Darüber hinaus erklärte sie das Mensch-Sein, eingebettet in einer dinglichen Welt, über ein mehrere Niveaus umfassendes soziales System. Und sie verknüpfte deren Ebenen mit den korrespondieren ethischen Prinzipien ›Menschenwürde‹, ›soziale Gerechtigkeit‹ und ›Menschenrechte‹. Und diese wiederum verlängerte sie in entsprechende methodische Handlungsprinzipien der Profession Soziale Arbeit. Kurz, sie beschrieb eigentlich nur eine detailreiche und weitgreifend recherchierte, aber hochpraktische und aus sich selbst heraus erklärende ›Handlungstheorie‹, die zur Ermächtigung der Fachpersonen der Sozialen Arbeit tauglich ist.[8] Und exakt diesen ›Grundriss‹ Sozialer Arbeit integrierte der internationale Fachdiskurs, auf den die Community 15 Jahre später die globale IFSW/IASSW-Definition 2001 baute, welche zur Grundlage der nächsten, breit abgestützten und elaborierten Definition von 2014 wurde.
Silvia Staub-Bernasconi ging als visionäre Wegbereiterin voran, folgte damit aber ganz bewusst auch der Tradition wichtiger Pionierinnen der Sozialen Arbeit, allen voran Jane Addams, Ilse Arlt, Mary Parker Follett, aber auch Paula Lotmar und vielen anderen, und stützte ihr eigenes Denken mit Bedacht auf diese ab. Sie sprach über die Probleme und die Folgen von Rassismus, von Sexismus, von Gewalt, von der Dominanz der Männer, die diese als ›die Frauenfrage‹ kaschierten, aber auch über die blinden Flecken der feministischen Bewegung usw. lange bevor solche Themen auf die ausbildungspolitische Agenda kamen. Sie studierte die Soziale Arbeit in Lateinamerika und besuchte sie in China oder Moskau und vielen anderen Orten, um so ein ›ganzheitliches‹ Bild von ihr zu bekommen; oder sie verortete die Soziale Arbeit dort, wo sie niemand vermuten würde, und belegte so die Notwendigkeit der Sozialen Arbeit z.B. auch in internationalen Wirtschafts- und Handelsabkommen. So dachte Silvia Staub-Bernasconi (vermeintlich) unüberbrückbare Gegensätze für uns schon mal mutig zusammen, auch z.B. das Private, die Sorge um andere, das Zwischenmenschliche, mit dem Öffentlichen, der Herrschaft und des Politischen.
Soziale Arbeit hat mit Liebe und persönlicher Hingabe zu tun, dabei soll sie die kritische Kooperation mit Macht nicht scheuen
In einer Kurzformel umschrieb sie das Ergebnis ihrer Perspektiven so: In der Sozialen Arbeit – als System- und Handlungstheorie – gehe es »um die komplexe Verknüpfung von ›Liebe‹, ›Macht‹ und ›Erkenntnis‹; eine Kombination, die an die Person der Sozialtätigen zwar hohe – aber nicht unerfüllbare – Anforderungen stellt«[9]. Und sie setzte ihre ganzeKraft ein, dass die Fachpersonen der Sozialen Arbeit via ihre Ausbildung diesen Anforderungen auch gewachsen sein können.
Dabei ist vor allem ihr berufspolitische Postulat unüberhörbar: Soziale Arbeit soll sich nicht schämen müssen, praktisch wie theoretisch mit ›Liebe‹ und persönlicher Hingabe zu tun zu haben und – gleichzeitig – sich nicht scheuen, mit der ›Macht‹, der Wirtschaft, den nationalen wie internationalen politischen Gremien kritisch zu kooperieren. Soziale Arbeit habe ›Hilfe‹ als soziale Empathie und ›Macht‹ als soziale Kontrolle miteinander zu verknüpfen; habe menschliches Leiden und gesellschaftliche Strukturen in ein neues Verhältnis zu bringen. Es gehe schliesslich um die Mitmenschlichkeit. Die Navigation dazu soll ›Erkenntnis‹ übernehmen, also die disziplineigene Gegenstandstheorie und die Ethik der Sozialen Arbeit, die mit den Prinzipien der Menschenrechte reichlich legitimiert seien.
Es gibt – sagte sie später – keine angemessene Gesellschaftsanalyse ohne die Analyse von Individuen und deren Bedürfnissen, und es gibt keine angemessene Analyse der Individuen ohne die Analyse von Sozialstruktur und Kultur. Aber nicht nur die differenzierte Analyse von sowohl Gesellschaft, ihrer Teilsysteme als auch den konkreten Individuen, sondern hauptsächlich auch deren Verknüpfungen und Interdependenzen, müssten zum Ausgangspunkt aller Konzeptionen zur Sozialen Arbeit werden. Einer Sozialen Arbeit im Übrigen, die diese Spannungsfelder vor allem aktiv zu gestalten und dessen (vermeintlichen) Gegensätzlichkeiten zu überbrücken habe – ganz praktisch und ›handfest‹ – für die Entfaltung des ›Sozialen‹ in der Welt.
Sie malte die Idee der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession aus
Es blieb für sie selbst eine berufliche Lebensaufgabe der Frage nachzugehen, wie die menschlichen Beziehungsmuster – sowohl theoretisch als auch praktisch – in ein Verhältnis gebracht werden können, welches der Bedürfnisbefriedigung der Individuen dient und die Realisierung ihres Wohlbefindens fördert; und damit auch der Frage nach der diesbezüglichen Funktion der Sozialen Arbeit. Dazu entwickelte sie unter anderem ihre Idee des dreifachen Mandats mit ihren Verantwortungsbereichen und den entsprechenden Funktionen der Sozialen Arbeit.
Dann, anfangs der 1990er Jahren, mitten in der hohen Zeit der neoliberal radikalen Deregulierungen, wurde die Soziale Arbeit einmal mehr von aussen stark beeinflusst: Die Vereinten Nationen veröffentlichten eine Liste einiger Berufsgruppen, mit darunter auch die Soziale Arbeit, die aus Sicht des Menschenrechtszentrums in Genf eine besondere Verantwortung bei der Umsetzung der Menschenrechte hätten[10]. Und abermals erkannte Silvia Staub-Bernasconi das Potential für die Soziale Arbeit sofort, und sie griff als erste dieses Ansinnen seitens der UNO auf. Sie publizierte ab 1995 gleich mehrere, viel beachtete und zitierte Aufsätze, worin sie die Ideen der Sozialen Arbeit als eine ›Menschenrechtsprofession‹ ausmalte. Die Community anerkannte diese Aufgabe nur zögerlich. In den folgenden zwei Jahrzehnten blieb Silvia Staub-Bernasconi im deutschsprachigen Raum denn auch die Stimmführerin in dieser Fachdebatte.
Das brachte ihr zwar den zweifelhaften Ruf ein, sie selbst hätte diese Debatte ›erfunden‹ – eine Strategie, sie mundtot zu machen, die allerdings nicht aufgegangen ist. Denn es blieb nicht nur beim Verdienst, dem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit ein stabiles, theoretisch gut begründetes professionsunabhängiges Fundament bzw. eine allgemein gültige Legitimationsbasis für ihr eigenes Mandat gegeben zu haben, sondern es gäbe ohne Silvia Staub-Bernasconi schlicht keinen internationalen Masterstudiengang in Berlin, der Fachpersonen der Sozialen Arbeit auf die Menschenrechtspraxis als politisches Handeln mit kritisch reflektierender Urteilskraft vorbereitet.
Sie war Zumutung und Förderung zugleich
Silvia Staub-Bernasconi war uns ›Zumutung‹ und ›Förderung‹ zugleich. Sie forderte uns immer wieder auf, Soziale Arbeit selbstbewusst – ihrer Geschichte und ihres Wissens bewusst – zu denken, zu konzipieren und in der Öffentlichkeit zu vertreten: Als die Soziale Arbeit und ihren Berufsgruppen, die inmitten zahlloser und immer wieder neuer Spannungsfelder – wie kaum andere – zwischen Mitmenschlichkeit und gesellschaftlichen Machtinteressen vermittelt, verknüpft, überbrückt und transformiert.
Soziale Arbeit – so lebte es uns Silvia Staub-Bernasconi vor – fordert heraus, ›Menschen‹, ›Dinge‹ und ›Ideen‹ miteinander in Verbindung zu bringen, die in unserer Gesellschaft sonst meist fein säuberlich getrennt werden, um sie – vermeintlich – einfacher zu handhaben, in Wahrheit aber auszubeuten. Sie fordert dazu auf, gerade das nicht zu trennen, was ganz belassen gehört und als ganzheitlicher Aspekt des Lebens zu achten ist. Das bedeute zwar, dass die Aufgabe der Sozialen Arbeit so komplex sei, wie das Zusammenleben der Menschen selbst. Nichts werde reduziert. Aber genau das sei real, und die Soziale Arbeit habe mit dieser Realität umzugehen, nicht als prestigeträchtiges Spezialistentum, eher als ein – mit belastender und alltäglich wiederkehrender Kleinarbeit verbundenes – ›Generalistentum‹. Das aber sei allemal eine in unserer Gesellschaft absolut notwendige Leistung.
Sie war hartnäckig und beharrlich, dabei bescheiden und wohlwollend
Silvia Staub-Bernasconi war hartnäckig und beharrlich, selbst wenn sie fast alleine stand – dann vielleicht sogar erst recht! Sie hatte ein Arbeitsethos, das sie anhielt, viel und gewissenhaft zu arbeiten, gründlich zu recherchieren und sich gut auf alle ihre Einsätze vorzubereiten. Mit ihrer unermüdlichen Arbeit und mit ihren immer neuen Schriften und Vorträgen, erschloss sie uns, stets wieder aufs Neue, nicht nur einen faszinierenden Einblick in diese einzigartige Profession, sondern auch die notwendigen Quellen der Motivation, für sie zu handeln.
Und Silvia Staub-Bernasconi prägte das Bild der Sozialen Arbeit. Wer, wie z.B. Hiltrud von Spiegel, die Literatur der Theorie- und Methodenentwicklung kennt, kann wie sie feststellen, dass wichtige Teile des Bildes der Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum fein durchwoben, gerahmt, also zusammengehalten und vor allem kontrastiert vom Gedankengut einer Silvia Staub-Bernasconi sind. Es seien, sagt von Spiegel 2004, Bausteine, die der Sozialen Arbeit Tiefe, Hintergrund und Vordergrund, scharfe Konturen, Eindeutigkeit und Unverwechselbarkeit geben, die bis in die internationale IFSW-Definition hineinreichten[11].
Dabei war Silvia Staub-Bernasconi immer eine bescheidene, wohlwollende und unterstützende Kollegin geblieben, die mit uns gemeinsam eine Soziale Arbeit realisieren wollte, die diesen Namen auch verdient, nämlich eine, die den konkreten Menschen nützlich ist und von ihnen ausgeht, statt etwa von den konstruierten Bedarfen postmoderner Organisationsprinzipien. Und sie zog etwa mit unserem Berufsverband an einem Strick, begleitete und unterstützte deren Arbeit, wo immer sie konnte, auch dann – vielleicht sogar gerade dann –, wenn sie seine Arbeit kritisieren musste.
Wir haben Silvia Staub-Bernasconi, ihrem öffentlichen Handeln und Sprechen und ihrer professionspolitischen Offenbarung viel zu verdanken. Schauen wir zu, dass wir ihr Erbe nicht nur in Ehren halten, sondern in ihrem Sinn weiterentwickeln und festigen.
Und vergessen wir nie: Silvia Staub-Bernasconi lebte auch in einem privaten Bereich – den wir hier auch privat bleiben lassen wollen – mit ihrer engeren und weiteren Familie, ihren Freundinnen und Freunden, ohne die und deren Beitragen, mitunter auch Opfern, die öffentlich politische Silvia Staub-Bernasconi nicht hätte wirken können. Ihnen vor allem gilt unser Dank und unser Mitgefühl in ihrem schwer zu verkraftenden persönlichen Verlust.
Beat Schmocker ist Sozialarbeiter und Sozialarbeitswissenschaftler, em. Professor für Theorie und Ethik Sozialer Arbeit an der Hochschule Luzern, war zuerst Student, dann Fach-Kollege, später persönlicher Diskutant von Silvia Staub-Bernasconi und wurde schliesslich von ihr bezüglich ihres wissenschaftlichen Nachlasses als Vertrauensperson bestellt.
Literatur
Droste, Heinz W. (2015): Turn of the Tide - Gezeitenwechsel. Einführung in Mario Bunges exakte Philosophie. Aschaffenburg: Alibri.
Portmann, Rahel & Wyrsch, Regula (Hrsg.): Plädoyers zur Sozialen Arbeit – von Beat Schmocker: Eine menschengerechte Gesellschaft bedarf der Sichtweise der Sozialen Arbeit. Luzern: interact.
Schmocker Beat (2024): Paula Lotmar und die Professionalisierung der Sozialen Arbeit. Zur Aktualität einer Wegbereiterin für die Ausbildung und Theorieentwicklung. Opladen: Barbara Budrich.
Staub-Bernasconi, Silvia (1986): Soziale Arbeit als eine besondere Art des Umgangs mit Menschen, Dingen und Ideen. Zur Entwicklung einer handlungswissenschaftlichen Wissensbasis Sozialer Arbeit. SozialArbeit, Fachblatt des Schweizerischen Berufsverbandes, 10/1986, S. 2-71. Bern: SBS.
Staub-Bernasconi, Silvia (1995): Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: lokal, national, international. Oder: vom Ende der Bescheidenheit. Bern: Haupt.
Staub-Bernasconi, Silvia (2007): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis - ein Lehrbuch Bern: Haupt UTB.
Staub-Bernasconi, Silvia (2018): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Soziale Arbeit auf dem Weg zu kritischer Professionalität. Opladen: Barbara Budrich, UTB.
Staub-Bernasconi, Silvia (2019): Menschenwürde – Menschrechte – Soziale Arbeit. Die Menschenrechte vom Kopf auf die Füsse stellen. Opladen: Barbara Budrich.
UN Centre for Human Rights, IASSW & IFSW (1994): Human Rights and Social Work: A Manual for Schools of Social Work and the Social Work Profession. Geneva, New York: UN Centre for Human Rights.
[1] Das Denken von Staub-Bernasconi basiert zu wichtigen Teilen auf der Philosophie und Ethik von Mario Bunge. Eine Einführung in seine exakte Philosophie liefert: Droste, Heinz W. (2015): Turn of the Tide - Gezeitenwechsel. Aschaffenburg: Alibri.
[2] Karl Mannheim
[3] persönliches Erleben, Denken, Wollen und Handeln (Subjektivität)
[4] geteilte Realität mehrerer Menschen (Intersubjektivität)
[5] Bezugsgewebe, in das wir durch Geburt eintreten und durch Tod wieder verschwinden, und wo wir uns dazwischen in der aktualisierten Pluralität bemerkbar machen (›Welt‹)
[6] im Sinne von Hannah Arendt
[7] im Sinne von Saul Alinsky
[8] Staub-Bernasconi, Silvia (1986): Soziale Arbeit als eine besondere Art des Umganges mit Menschen, Dingen und Ideen. Zur Entwicklung einer handlungstheoretischen Wissensbasis Sozialer Arbeit. In: SozialArbeit, 10/86, S. 2–70; Bern: Schweizerischer Berufsverband (heute AvenirSocial). Vgl. auch: Beat Schmocker & Maria Solèr (2006): Soziale Arbeit und ihre handlungstheoretische Wissensbasis. 20 Jahre nach der Veröffentlichung eines wegweisenden Artikels. In: Portmann, Rahel & Wyrsch, Regula (Hrsg.) (2019): Plädoyers zur Sozialen Arbeit – von Beat Schmocker. Eine menschengerechte Gesellschaft bedarf der Sichtweise der Sozialen Arbeit. Luzern: interact.
[9] Staub-Bernasconi, Silvia (1995): Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: lokal, national, international. Oder: vom Ende der Bescheidenheit. Bern: Haupt, S. 137
[10] UN Centre for Human Rights, IASSW & IFSW (1994): Human Rights and Social Work: A Manual for Schools of Social Work and the Social Work Profession. Geneva, New York: UN Centre for Human Rights.
[11] Von Spiegel, Hiltrud (2004): Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. München Basel: Ernst Reinhardt UTB, z.B. S. 26–28.




