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Meinungsfreiheit und Manipulation

Dr. Jos Schnurer

05.03.2019

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In der „globalen Ethik“ wie die von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierte „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ bezeichnet wird,  hat die „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (als) Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“  höchste Bedeutung.

Die Vision, eine Welt zu schaffen, „in der den Menschen frei von Furcht und Not, Rede- und Glaubensfreiheit zuteil  wird“, wird konkretisiert in den Artikeln 18 und 19 der Menschenrechtsdeklaration, in denen das Recht auf Gedanken-,  Gewissens- und Religionsfreiheit und das Recht auf Freiheit der Meinung und Meinungsfreiheit postuliert wird[1].  Weil Meinungsfreiheit  nicht ohne Informationsfreiheit zu haben ist, gilt die Pressefreiheit für Ego- Ethnozentristen, Nationalisten,  Fundamentalisten und  Demokratiefeinde als eines der größten Übel, die mit Begriffen wie „Lügenpresse“ belegt wird. Insbesondere in den Zeiten der stetig wachsenden Entwicklung von Neuen Medien und der Globalisierung von Meinungen und Informationen, von staatlichen und ideologischen, lokalen und globalen Versuchen die Meinungs- und Pressefreiheit einzuschränken und durch Fake News zu ersetzen, kommt es darauf an, im individuellen und kollektiven Umgang mit Informationen und Meinungen aufmerksam und wachsam zu sein[2].

Informations- und Meinungsmacher

Jeder Mensch hat Meinungen. Sie bestimmen sein Denken und Handeln. Sie werden gemacht, und sie bilden sich aus durch Erziehung und Erfahrung. Sie sind vor allem nicht in Stein gemeißelt und unkorrigierbar; vielmehr kommt es darauf an, Haltungen und Einstellungen immer wieder  auf den intellektuellen Prüfstand zu  stellen und veränderungsbereit zu sein. Nichts schlimmer als Meinungen wie: „Das haben wir noch nie so gemacht!“, oder „Das haben wir schon immer so gemacht!“[3]. Es sind Journalisten, Schriftsteller und öffentliche Meinungsbildner, die mit Texten, Bildern und Worten Informationen  verbreiten.  Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an den  französischen Schriftsteller Guy de  Maupassant (1850 – 1893), der mit seinem Roman „Bel Ami“ (1885) auf die vielfältigen Imponderabilien aufmerksam gemacht hat, die öffentliche Schreiber, Sprecher und Denker haben. Die Idealsituation -  „Ein Journalist ist eine Kreatur mit einem Gewissen das kein Pressezar, keine herrschende Ideologie und kein Korpsgeist je völlig zum Schweigen bringen kann“ – liegt meist nicht auf der Straße; vielmehr ist davon auszugehen, dass es auch Journalisten gibt, die als Lautsprecher für ideologische, machtpolitische und egoistische Meinungen und Programme dienen, und in autoritären und nichtdemokratischen System auch zu möglicherweise selbst ungewollten und als Fake News erkannter  Informationsweitergabe und –verbreitung gezwungen werden.   Umso wichtiger und bedeutsamer ist Selbstdenken[4] und sich auf die stetige, anstrengende und herausfordernde Suche nach der Wahrheit zu machen[5]. Dabei sollten nicht der Fingerzeig und die Anklagebank bemüht werden, sondern das ehrliche Bemühen im Vordergrund stehen, Identität und Wertbewusstsein zusammen zu bringen[6].  

Lügen im Netz

Die sozialen Medien (was für ein verharmlosender und irreführender Begriff angesichts des Missbrauchs in der virtuellen Öffentlichkeit!) haben Einstellungen und Verhaltensweisen bewirkt, die sich als schädlich und zerstörerisch für ein friedliches, verantwortungsbewusstes und menschenwürdiges Zusammenleben der Menschen erweisen. Bei der Gewichtung der Vor- und Nachteile der virtuellen Kommunikation wird immer deutlicher, dass falsch verstandene „öffentliche Medienfreiheit“  Fake News produziert und zu einem „anything-goes-Bewusstsein führt. Wer Lügen und Pamphlete ins Netz stellt kann erst einmal davon ausgehen, dafür nicht zur Verantwortung  gezogen zu werden und sich nicht rechtfertigen zu müssen.  Die österreichische Journalistin und Publizistin Ingrid Brodnig setzt sich ein für eine digitale Debattenkultur, bei der im Mittelpunkt steht, was individuelles und kollektives, humanes Menschsein ausmacht und als „globale Ethik“ in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postuliert ist: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. In ihrem Buch „Hass im Netz“ (2016) zeigt sie auf, was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Mit ihrem weiteren Buch „Lügen im Netz“ setzt sie sich vor allem mit Fake News auseinander, wie sie von Populisten und kriminellen Machern zur Manipulation von Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen in Gang gesetzt werden. Für ihr Engagement wurde sie 2017 zum „Digital Champion Österreichs für die Europäische Kommission“ gekürt. Menschen waren immer schon anfällig für wohlfeile, manipulierte und allzu vereinfachende, falsche Informationen, die ihre Instinkte und Wünsche zu befriedigen scheinen, ohne eigene Anstrengung, Nachdenken und Nachfragen notwendig machen. So entstehen nationalistische, rassistische, ego-, ethnozentristische und populistische Bewegungen: „Im Netz ist ein Markt an Irreführung und Desinformation entstanden, der bis zu ‚Fake News‘ reicht, also vollständig erfundenen Meldungen“. Das World Wide Web ist von Menschen gemacht. Es muss deshalb auch daraufhin geprüft werden, wie wahrheitsgemäß und menschenwürdig darin agiert wird. In Übereinstimmung mit der ebenfalls engagierten Expertin im Kampf gegen Fake News, der US-amerikanischen Journalistin und Medienpraktikerin Claire Wardle, macht die Autorin deutlich, dass bei den Widerständen gegen Falschmeldungen im Netz und in den Medien insgesamt sieben Typen unterschieden werden müssen: Zum einen die Unterscheidung zwischen Satire und Parodie, bei denen Aussagen nicht deshalb formuliert werden, um Schaden anzurichten, die aber trotzdem irreführend sein können. Zum zweiten sind es falsche Verknüpfungen, bei denen Überschriften, visuelle Inhalte oder Bildunterschriften nicht mit dem Inhalt übereinstimmen. Drittens geht es um irreführende Inhalte mit dem Ziel, einem Thema, einem Individuum oder eine Gruppe etwas anzudichten. Viertens, wenn falsche Zusammenhänge hergestellt und mit falschen Informationen belegt werden sollen. Fünftens, wenn betrügerische Inhalte vorgeben, authentisch zu sein. Sechstens, wenn Inhalte mit dem Ziel überarbeitet werden, Wahrheiten vorzugaukeln. Und siebtens, wenn Fakten erfunden und mit Fake News bewiesen werden sollen. „Angry people click more“; diese Erfahrung verweist darauf, dass Wut und Hass die Motoren sind, die populistisches Denken und Handeln produzieren[7].

Zôon politikon

Es ist die in der abendländischen Anthropologie grundgelegte Überzeugung, dass der anthrôpos ein mit Vernunft ausgestattetes, zur Bildung von Allgemeinurteilen befähigtes und zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, richtig und falsch unterscheidungsfähiges Lebewesen ist, die den Menschen zu einem politisch Denkenden und Handelnden macht. Die Auffassung, dass der Mensch in seinem Dasein grundsätzlich ein gutes, gelingendes Leben für sich und die Mitmenschen anstrebt, hält ihn freilich nicht davon ab, egoistisch, eigennützig und ungerecht zu denken und zu handeln. So ist der Mensch immer wieder und permanent aufgefordert, politisch zu sein; und zwar im Sinne der „Polis“, einer guten lokalen und globalen Gemeinschaft. Der Mensch als Individuum und kollektives Lebewesen muss sich also politisch bilden. Er ist aufgefordert, seine familialen, schulischen und außerschulischen Lern- und Bildungsbemühungen dahingehend auszurichten, dass seine Suche nach Wahrheit und Menschenwürde überzeugend und positiv verläuft.  Die Suche danach gestaltet sich in den  digitalisierten Zeiten einerseits einfach, ob der vielfältigen Möglichkeiten und Angebote, andererseits auch schwierig und herausfordernd, um die falschen, manipulativen  Informationen und Kontakte zu vermeiden und die richtigen, ehrlichen und wahren zu nutzen. Das bedarf einer neuen Aufmerksamkeit[8] und Kenntnis der lokalen und globalen, politischen Situation. Eine der verlässlichen,  unabhängigen Informations- und Meinungsquellen ist der Deutschlandfunk, der mit seinen verschiedenen Formaten relevante gesellschaftspolitische, interkulturelle, künstlerische, weltanschauliche und alltagsrelevante Informationen und Diskurse anbietet. Zu empfehlen ist u. a. der „Politikpodcast“[9]. In der jeweils halbstündigen Sendungen werden Themen und Fragen präsentiert, die von den Berliner Hauptstadtkorrespondenzen in den Redaktionskonferenzen diskutiert und bearbeitet werden. Die HörerInnen und NachleserInnen der auch kontroversen Diskurse erhalten so direkte und indirekte Informationen über die politische Lage im Land und weltweit. Die UNESCO, die Wissenschafts- Bildungs- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen, formuliert in der Präambel ihrer Verfassung vom 16. 11. 1945: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geist der Menschen errichtet werden“. Sie will „durch Mitwirkung an den Massennachrichtenmitteln die gegenseitige Kenntnis und das gegenseitige Verständnis der Völker fördern…, um den freien Austausch von Ideen durch Wort und Bild zu erleichtern“[10] .

Fazit

Menschenwürde, Gerechtigkeit, Freiheit, Gedanken-, Gewissens-, Religions-, Meinungs- und Pressefreiheit sind Werte, die als allgemeingültige und nicht relativierbare Menschenrechte gelten. Wer sie nicht achtet, ist ein Menschenfeind! Es gilt aufzustehen und sich zu wehren gegen Demokratiegegner, Nationalisten, Rechtsextremisten,  Populisten und Fundamentalisten. Hoffnungsvoll stimmt, dass immer mehr junge Menschen zusammenkommen und mit dem Slogan „Wir sind mehr!“ und „Wir sind die Zukunft!“ gegen Ego- und Ethnozentrismus protestieren! Wir müssen sie unterstützen!     

         



[1] Deutsche UNESCO-Kommission Menschenrechte. Internationale Dokumente Bonn 1981 S. 48ff

[2] Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Was unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir der kollektiven Dummheit entkommen können 2017 www.socialnet.de/rezensionen/22651.php  

[3] Hermann Mückler/Gerald Faschingeder Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php 

[4] Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php

[5] Rainer Lambrecht, Denken, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24789.php 

[6] Johannes Schwarte, Die Plastizität des Menschen. Ergebnisoffenheit und Beeinflussbarkeit der Persönlichkeitsentwicklung 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20282.php 

[7] Ingride Brodnig Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können 2016, www.socialnet.de/rezensionen/23719.php  

[8] Jörn Müller / Andreas Nießeler / Andreas Rauh  Hrsg., Aufmerksamkeit. Neue humanwissenschaftliche Perspektiven, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21112.php

[10] Deutsche UNESCO-Kommission, a.a.o., S. 28ff

Aktuelle Rezension

Buchcover

Eva Büschi, Stefania Calabrese (Hrsg.): Herausfordernde Verhaltensweisen in der Sozialen Arbeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 200 Seiten. ISBN 978-3-17-033816-6.
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