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Mehr Doktorhüte für Soziale Arbeit - Wie gewinnt man wissenschaftlichen Nachwuchs aus eigenen Reihen?

Wissenschaftlich zu arbeiten und zu promovieren hat für Absolventinnen und Absolventen eines Studiums der Sozialen Arbeit kaum Tradition in Deutschland. Die Promotionsförderung, besonders an Fachhochschulen als Ausbildungsstätten von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, ist deshalb ein Thema, das die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) seit acht Jahren mit ihrer Fachgruppe „Promotionsförderung" voranbringen möchte. Ihr langfristiges Ziel ist es, eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs zunehmend auch aus den eigenen Reihen zu akquirieren und dafür die Bedingungen zu verbessern. Erste Erfolg versprechende Wege zeichnen sich ab. Vor wenigen Tagen fand die Jahrestagung 2017 der Fachgruppe in Wiesbaden statt. Sozial de sprach dazu mit dem Sprecher der Fachgruppe, Prof. Dr. phil. habil. Rudolf Schmitt, von der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz. Prof. Dr. Rudolf Schmitt, Foto: privat

Herr Prof. Schmitt, warum konnte der wissenschaftliche Nachwuchs aus den eigenen Reihen bisher nicht so herangebildet werden wie es wünschenswert wäre? 

Prof. Rudolf Schmitt: Da sind verschiedene behindernde Prozesse zu nennen. Zum einen trägt das allgemeine Profil für Professorinnen und Professoren dazu bei: Nachgewiesen werden müssen immerhin fünf Jahre Praxis, in denen zudem etwas Besonderes geleistet worden sein soll. Außerdem braucht es wissenschaftliche Ausgewiesenheit in Form einer Doktorarbeit. Das ist aber eine Spagatanforderung. In der letzten Zeit erkennt man auch bei der HRK (Hochschulrektorenkonferenz – die Red.) und im Wissenschaftsrat vor allem im technischen Bereich, dass die Gewinnung für Professuren an Fachhochschulen dadurch extrem schwierig ist. Darüber hinaus: Universitätsprofessuren haben ein höheres Prestige und die Berufe der freien Wirtschaft zahlen mehr. Die Gewinnung von Professorinnen und Professoren an Fachhhochschulen ist also prinzipiell schwierig.

Und was spricht in der Sozialen Arbeit dagegen?

Schmitt: Die Soziale Arbeit hatte als FH-Diplomstudiengang keine eigenen Möglichkeiten, ihre Absolventinnen und Absolventen zu promovieren, sodass wir dadurch keine Tradition für Verwissenschaftlichung haben. Das hat dazu geführt, dass Professorinnen und Professoren in der Sozialen Arbeit heute größtenteils aus der Psychologie, Soziologie, Pädagogik oder Rechtswissenschaft kommen. Die Kolleginnen und Kollegen haben dann bisher meist in ihren Herkunftsfachgebieten weiter geforscht, nicht in der Sozialen Arbeit. So etwas wie die Soziale Arbeit als wissenschaftliche Disziplin ist ja hierzulande erst im Entstehen. Anders als in den USA. Dort gibt es die Soziale Arbeit als universitäre Disziplin seit den 1920-er Jahren. Im deutschsprachigen Raum sind wir einen Sonderweg gegangen; wir haben damit keine sozialwissenschaftliche Tradition. Es gibt jedoch auch einen unmittelbar pragmatischen Grund für Schwierigkeiten. Jemand mit einem Masterabschluss der Sozialen Arbeit an einer FH/HAW muss für die Anbahnung einer Promotion sein komplettes soziales Umfeld wechseln. Dieses Problem haben Absolventinnen und Absolventen der Universitäten nicht. Sie sehen, die Schwierigkeiten reichen von historischen Bedingungen bis zu ganz pragmatischen Hindernissen.

Nun hat es in der jüngsten Vergangenheit Bewegungen gegeben: das hessische Graduiertenkolleg Soziale Arbeit (gemeinsam von drei Hochschulen Wiesbaden, Frankfurt und Fulda getragen), das Graduiertenkolleg NRW oder auch das Verbundkolleg in Bayern. Würden Sie sagen, dass 2017 ein gutes Jahr für die Promotionsförderung an Fachhochschulen ist? Und wo steht diese Förderung heute Ihrer Einschätzung nach?

Schmitt: Nun, die Weichen sind gestellt. Dazu zählen die von Ihnen genannten Entwicklungen in Hessen, wo ein eigenes Promotionsrecht für wissenschaftliche Zentren an Fachhochschulen auf den Weg gebracht wurde. Von den anderen Bundesländern außer NRW und Bayern hören wir derzeit noch nichts. Baden-Württemberg geht einen anderen Weg. Dort wird versucht, kooperative Promotionen in einem anders unterstützten Graduiertenkolleg zu fördern. Ein wichtiger Anfang ist also in diesem Jahr gemacht, man könnte sagen, es ist ein Jahr des Einschnitts und hoffentlich der Anfang zu etwas Besseren.

Was wünschen Sie sich für diese weiteren Entwicklungen besonders? Welche Impulse hat Ihre eigene Veranstaltung in Wiesbaden gegeben?

Schmitt: In Wiesbaden ging es vor allem darum, dass sich die drei angesprochenen Initiativen vorstellen und der Kreis auch offen genug ist, um über Anfangsschwierigkeiten zu sprechen. Also um Fragen, wie „Was ist gelungen?" und „Wo gibt es Probleme?" Besonders konzentriert haben wir uns auf die Zugangsbedingungen, unter denen FH-Professorinnen und –professoren zur Betreuung und/oder Begutachtung einer Promotion zugelassen werden. Auf der viel größeren Vorgängertagung in Berlin 2016 waren die Erfahrungen von allen Beteiligten, vor allem auch der Promovierenden selbst zum Thema geworden – das Buch zu dieser Tagung* ist gerade erschienen.

Als ein wichtiges Ziel auf diesem Weg der AG beschreiben Sie auch forschendes Lernen bereits in der Ausbildung. Was heißt das für die Fachhochschulen?

Schmitt: Ich möchte es an meinem eigenen Seminar im 2. Semester deutlich machen: Gemeinsam mit einem Kollegen führe ich dort in qualitative und quantitative Forschungsmethoden ein. Unsere Studentinnen und Studenten suchen sich das Thema selbst: von der selbstgestellten Forschungsfrage über die Nutzung von Forschungsmethoden bis hin zum Schreiben eines kleinen Forschungsberichtes. Wenn es irgendwie geht, greifen wir die Forschungsideen der Studierenden auf - bei allen Sackgassen, die das auch haben kann.

Welche Rolle spielen Forschungsfragen in der Ausbildung bisher?

Schmitt: Forschungsmethoden waren oder sind noch Stiefkinder im Studium. Wollen wir Interesse wecken, ist es natürlich auch wichtig, wie wir die Studentinnen und Studenten heranführen. Wenn man Lehrstoff in einer Vorlesung vermittelt, um ihn dann in einer Klausur abzufragen, setzt danach die irreversible Amnesie ein - das wissen alle aus dem eigenen Studium. Wenn wir Studierende aber in die Situation bringen, selbst forschend anderen Menschen zu begegnen, von ihnen etwas zu lernen, dann ist das etwas ganz anders. Das verfolgen wir mit der Idee des forschenden Lernens. Eine forschende Haltung ist ja keine Besonderheit der Wissenschaft, sondern eine Bedingung für ein professionelles Gelingen in einem komplexen Berufsalltag.

Welche Förderinstrumente braucht es Ihrer Meinung nach an den Fachhochschulen, um für Wissenschaft und Forschung frühzeitig zu begeistern?

Schmitt: Einerseits braucht es einen viel größeren Anteil an Forschungsmethoden bereits beim Bachelor, aber auch eine größere Nähe zu forschungsnahen Themen selbst in den Seminaren. Andererseits wäre die stärker ausgeprägte Arbeit von Promotionsbeauftragten an den Fakultäten wichtig. Bereits auf Bachelorveranstaltungen sollten sie die wichtige Botschaft verbreiten, dass es auch neben dem Beruf die Möglichkeit gibt, weiter zu lernen und zu forschen. Derzeit haben wir 75 Promotionsbeauftragte an 50 Hochschulen, also auch noch nicht an jeder Einrichtung. Und dann ist da noch ein pragmatisches Kriterium zu nennen. Wir müssen die Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer, die Promotionen betreuen, auch vom Stundendeputat her entlasten. Das ist oft mit Kämpfen an den Hochschulen verbunden. Denn wo soll dieses Deputat auch herkommen? Was wir dafür bräuchten, sind größere Zuwendungen zur Lehre von den Ländern. Nicht zu vergessen ist die Ebene der Forschungsförderung. Bei Drittmittelgebern wie der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) oder dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) haben Fachhochschulen entweder keine (DFG) oder deutlich kleinere Fördertöpfe (BMBF) als Universitäten. Mit mehr Drittmitteln könnten wir den eigenen Nachwuchs in eigenen Forschungsprojekten viel stärker nach vorn bringen, und die Organisation mit mehr wissenschaftlichen Mitarbeitern stärken. Ein erstes Förderprogramm im Bereich Sozialer Arbeit hat derzeit das Bundesministerium für Bildung und Forschung vorgestellt, allerdings uns unter den Zwang gesetzt, dass diese Anträge nur in Zusammenhang mit technischen Studiengängen eingereicht werden können und auf technische Lösungen zielen. Ironisch formuliert: Förderungen für eine Forschung zu einer App, mit der ein Obdachloser seinen Alkoholkonsum kontrolliert, sind möglich. Eine Forschungsförderung für genuine Themen der Sozialen Arbeit fehlt noch.

Wie angesteckt sind eigentlich Studierende von den Bewegungen in der Promotionsförderung? Fordern sie selbst solche Entwicklungen ein oder sind sie in Fragen der Promotionen eher zurückhaltend?

Schmitt: Das ist sehr unterschiedlich: Während des Bachelorstudiums ist in den Fachhochschulen das Interesse eher zurückhaltend. Jedoch müssen wir dabei unterscheiden: Die kleineren Hochschulen im ländlichen Bereich rekrutieren ein anderes studentisches Publikum als in den Großstädten. In Berlin, so berichtet mir eine Kollegin, sind die Informationsveranstaltungen beispielsweise regelmäßig gefüllt. Und auch in unserem Facebookforum erlebe ich schon große Neugier auch unter den jüngeren. Von den derzeit 2.200 Teilnehmenden kommen geschätzt mindestens ein Drittel aus dem Bachelorstudium. Dennoch gehe ich nicht davon aus, dass wir demnächst über 2.000 Promovierende zu betreuen haben (lacht). Junge Leute probieren sich eben gern aus. Und dafür sollten wir ihnen die Gelegenheit geben.

Welche Rolle übernimmt die Fachgruppe selbst, um das Thema voranzubringen?

Schmitt: Wir sind hoffentlich so etwas wie der Kristallisierungspunkt ganz unterschiedlicher Bemühungen. Und das auf verschiedenen Ebenen: Wir wollen für Bachelorstudierende schon eine erste Informationsinstanz sein. Wir geben Materialien für Promotionsinteressierte und für Promovierende heraus, organisieren Tagungen und Workshops. Auch die monatliche Promotionsrundmail hält wichtige Informationen bereit, auch für die Postdocs. Und ein neues Angebot der Fachgruppe ist, dass sich Professorinnen und Professoren an Fachhochschulen, die eine Habilitation in Betracht ziehen, für eine kollegiale Beratung an uns wenden können. Wir wollen damit die Chancen von Hochschullehrinnen oder Hochschullehrern erhöhen, Promotionen zu betreuen. In dieser Spannbereite also - vom Bachelor bis zur Habilitation - wollen wir für Interessierte tätig sein.

Die Fachgruppe hat sich 2009 gegründet. Sie sind von Anfang an ihr Sprecher. Was treibt Sie selbst voran?

Schmitt: Ich habe mich wiedergefunden in dem Bemühen der Bewegung Arbeiterkind.de. Von dort kam ein Impuls, der mir sehr vertraut ist. Wenn man selbst nicht aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus kommt, muss man sich eine akademische Lebensform erst erkämpfen. Sicher war es ein großer Beweggrund, dass man mit dieser Erfahrung auch anderen den Zugang erleichtern möchte.

Dankeschön für das Gespräch! (Die Fragen stellte Ines Nowack, Chefredaktion Sozial.de) 

Mehr Informationen unter https://www.dgsa.de/fachgruppen/promotionsfoerderung/

* Ehlert, Gudrun; Gahleitner, Silke Birgitta; Köttig, Michaela; Sauer, Stefanie; Riemann, Gerhard; Schmitt, Rudolf, Völter, Bettina (Hrsg.) (2017). Forschen und Promovieren in der Sozialen Arbeit. Opladen: Budrich. 203 Seiten

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