Geschwister, ein Mädchen und ein Junge, gehen nebeneinander spazieren; zu sehen sind beide von hinten.

Lass dich nicht ragebaiten, Katja

Immer, wenn ich mich über etwas ärgere oder kurz davor bin, mich zu ärgern, sage ich mir: Lass dich nicht ragebaiten, Katja. Und das kam so:   
Die Geschwister Miko, 12 Jahre alt, und Tama, 14 Jahre alt, hatten um einen Termin ohne Eltern gebeten. Als wir dann im Beratungsraum saßen, drucksten sie eine Weile herum, und Miko schob sich ein Apfelstück nach dem anderen in den Mund, bis das Gespräch in Fahrt kam. Einig waren sich die beiden darüber, dass die Eltern zu streng sind, dass die Kinder mehr Freiraum brauchen, dass es zu viele Regeln gibt, und man trotzdem nie weiß, was jetzt Phase ist. Manchmal scheint es den Eltern egal zu sein, ob die Regeln befolgt werden, und dann kracht es plötzlich wegen einer Kleinigkeit; und dann wird alles aufgelistet, und den Kindern werden „Verfehlungen“ vorgehalten, die lange zurückliegen und an die sie sich gar nicht mehr erinnern – oder zumindest anders erinnern als die Eltern –, z. B. wer vor drei Monaten für den Mülleimerrausbringdienst zuständig war und wer die Aufgabe nicht erledigt hat. 

Meistens sei es die Mutter, die eher gechillt bleibe, und der Vater sei der, der ausraste. Aus den Elterngesprächen wissen wir, dass er nicht immer angemessen reagiert. Er bezeichnet sich selbst als toxisch und erklärt sein Verhalten durch die eigenen Erziehungserfahrungen. Die Demütigungen seines Vaters, dessen Gewalt und die emotionale Kälte haben ihn so sehr geschädigt, dass er eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt habe. Eine ärztliche Diagnose gibt es nicht, die brauche er auch nicht, er habe viel gelesen und die Beschreibungen würden genau auf ihn zutreffen. Für mich ist es eher eine „atypische narzisstische Persönlichkeitsstörung“, weil er sich nur den Kindern gegenüber toxisch verhält, niemals seiner Frau gegenüber, und ich habe bisher von vielen Frauen, die in Gewaltbeziehungen – meist psychische Gewalt – verstrickt sind, gehört: „Mein Mann ist Narzisst“. 

Aber zurück zu unserem Gespräch mit den Kindern. Das Mädchen sprach über die verbalen Attacken des jüngeren Bruders ihr gegenüber, der sie beleidige; und das sei schmerzhaft, zumal sie selbst immer um Harmonie und den geschwisterlichen Zusammenhalt bemüht sei. Wir fragen den Jungen, wie er die Sache sieht. „Na, sie ist auch wirklich leicht zu ärgern“, sagt er, und: „Ich lass’ mich halt nicht so leicht ragebaiten.“ Dann richtet er sich auf, sitzt plötzlich ganz gerade, schiebt die Kapuze seines Hoodies nach hinten, schaut zuerst mich an, dann meinen Kollegen, und erklärt: „Das ist Jugendsprache, und es bedeutet, dass ich mich nicht so leicht ärgern lasse, kommt eigentlich aus social media, aber wir benutzen es auch so“.

Dass Ragebait mit Wutköder übersetzt werden kann, weiß ich natürlich längst von meiner Nichte. Sie ist gerade mal 30 und als Lehrerin an einem OSZ (Oberstufenzentrum) sozusagen an der Quelle der Jugendsprache. Die wenigsten Begriffe der neuen Wortschöpfungen finden Eingang in meinen aktiven Sprachschatz. Ragebaiten hat es geschafft, und es sorgt für allgemeine Belustigung, wenn ich als „ältere Frau“ mit sichtbar naturgrauen Strähnen im Haar Wörter der jungen Generation verwende. Was die SPFH (Sozialpädagogische Familienhilfe) angeht, die im Kinderschutz geführt wird, wegen der emotionalen Gewalt, hoffe ich, dass der Vater bald einen Therapieplatz findet. Wir sind noch ziemlich am Anfang, und ich denke, wir könnten erfolgreich sein, weil der Vater sein eigenes Verhalten ändern möchte und es auch liebevolle Begegnungen gibt.          

Ihre Katja Änderlich