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'Klima' leicht verbessert, Situation weiter schlecht

Einmal jährlich veröffentlicht der Deutsche Pflegetag den sogenannten CARE Klima Index, mit dem die Stimmung in der Branche eingefangen werden soll. Nach einem deutlichen Stimmungsabschwung von 2017 auf 2018 bescheinigt er für das abgelaufene Jahr eine leichte Erholung. Doch trotz schönerer Kennzahlen bleibt die Lage in der Pflege desaströs.

Mit dem CARE Klima Index möchte der Deutsche Pflegetag regelmäßig ein Stimmungsbild der Pflegebranche zeichnen. Hierbei soll er die Meinungen, Einschätzungen und Einstellungen aller relevanten Akteur*innen des weiten Feldes 'Pflege' einfangen: Allen voran natürlich der Pflegebedürftigen und Pflegefachkräfte; doch auch die Stimmung und Erwartungen von Ärzt*innen, Verbänden, Pflegeunternehmen und Kostenträgern sollen berücksichigt werden. Auf der Website des Herausgebers heißt in geschliffenem Business-Sprech "Der CARE Klima Index bildet nicht nur die singuläre Stimmung der Pflegefachpersonen ab, sondern ist ein ganzheitlicher Stimmungsindikator für den Wachstumsmarkt Pflege." So 'nah' an den Menschen ist dann auch das Ergebnis: Am Ende steht eine Zahl - für 2019 ist es die 97,3. Und da 2018 nur eine 95,3 herauskam, ist in der Pressemitteilung des Deutschen Pflegetags von einem "Klimawandel" die Rede. Der Wert hat sich verbessert, dann muss ja was dran sein.

Fachkräfte merken nichts von einem 'Klimawandel'

Schaut man sich den Bericht genauer an, fragt man sich jedoch, wie man zu diesem Schluss kommen kann. So haben sich aus Sicht vieler Pflegefachkräfte die Arbeitsbedingungen im vergangenen Jahr weiter verschlechtert, fast 4 von 10 befragten Fachkräften geben dies so an. Und das, obwohl der zuständige Bundesminister Spahn mit der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) eigentlich eine Trendwende einleiten wollte. Prof. Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) äußert sich deutlich: „Die von der Politik in Gang gebrachten Veränderungen, um die Arbeitssituation beruflich Pflegender zu verbessern, waren zum Zeitpunkt der Befragung im Herbst 2019 bei den Beschäftigten vor Ort jedenfalls noch nicht angekommen.“  Immer noch sei das Vertrauen der Fachkräfte in die Politik äußerst gering. Was in den vergangenen Jahren schiefgelaufen sei, lasse sich „nicht auf die Schnelle beheben", betont Bienstein. Auch die Maßnahmen der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) seien nur dann erfolgversprechend, wenn die Mitarbeitenden vor Ort eine realistische Aussicht darauf hätten, ihrem Beruf „zufrieden und gesund" nachzugehen, so die DBfK-Präsidentin. Ähnlich bewertet Franz Wagner die Situation, Präsident des Deutschen Pflegerats: „Die Verbesserung der Stimmung im CARE Klima-Index steht für den Deutschen Pflegerat in gewissem Widerspruch zur von uns wahrgenommenen Lage der Pflege.“

Manche haben es immer noch nicht verstanden

Was der Deutsche Pflegetag öffentlich nach wie vor als 'Wachstumsmarkt' bezeichnet, ist mit Wagners Worten in Wirklichkeit eine „demografische Zeitbombe“. Knapp 40% aller professionell Pflegenden werden laut Wagner innerhalb der nächsten 15 Jahre in den Ruhestand eintreten. Doch trotz dieser schwindelerregenden Zahl tun viele Arbeitgeber in der Branche immer noch viel zu wenig. So geben annähernd 90% der Pflegefachkräfte an, nicht damit zu rechnen, dass freie Stellen in ihrer Einrichtung nachbesetzt werden können. Gerade vor diesem Hintergrund ist besonders erschreckend, dass 37% der befragten professionell Pflegenden angeben, ihr Arbeitgeber unternehme keine Anstrengungen, das vorhandene Personal zu halten. 

Wo genau ist jetzt der 'Klimawandel'?

Bleibt die Frage, wie sich bei all den Hiobsbotschaften die eingangs hervorgehobene Klima-Kennzahl überhaupt verbessern konnte. Nun, manche finden offenbar, dass es nicht mehr ganz so schlimm ist wie im Vorjahr. So waren es z.B. 2018 noch 81%, die angaben, die Patientensicherheit sei niedrig oder könne nur teilweise gewährleistet werden, 2019 waren es 'nur noch' 78%. 'Nur noch' 56 statt 60% der Befragten sagten, ihre Arbeitsbedingungen seien schlecht. Und auch soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Fachleute insgesamt eine gestiegene Beratungsqualität in der Pflege sehen. Nicht zuletzt wird zumindest in Teilen der Branche positiv zur Kenntnis genommen, dass sich die Politik des Problems mittlerweile bewusst ist. 

Bleibt man bei der Wetter-Metaphorik, lässt sich also ernüchtert konstatieren: Es stümt immer noch gewaltig, nur halt ein klein bisschen weniger als gestern.

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