Murmeltier im Schnee
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Kalter Frühling?

Mir ist es zu kalt. Ich hatte meine Mützen und Handschuhe schon weggepackt und auch die Winterstiefel. Nun habe ich morgens eisige Hände und ziehe mir die Kapuze über den Kopf, damit mir die Ohren nicht abfrieren, wenn ich mit dem Rad zur Arbeit fahre.

Und kalt ist es auch wenn ich in die Welt hinaus gucke, also schalte ich die Nachrichten aus und mache mich auf die Suche nach wärmenden Begegnungen. Zum Glück finde ich die auch, bei Tanzprojekten und Buchvorstellungen oder in einer Schreibgruppe. Und wenn ich zu einer Kundgebung gehe, bewundere ich den Mut und die Kraft der Menschen, die gegen das Unrecht aufschreien und sich wehren. Ich sehe Menschen, die für Demokratie und Freiheit, für Menschlichkeit, Toleranz und für die Liebe auftreten, und dann geht es mir auch wieder besser.
Manchmal denke ich, ich sollte etwas anderes tun, sollte politisch aktiv sein, und dann denke ich, dass ich das tue, was ich kann, und auch meine Kraft ist begrenzt, und ich besinne mich auf meine Arbeit, die ja durchaus sinnvoll ist. Manchmal gibt es mir schon zu bedenken, dass meine Arbeit so wichtig für mich ist, und ich frage mich, ob ich hier die Werte meiner Eltern lebe. Für meine Eltern stand die Arbeit immer an erster Stelle, Fleiß war hoch angesehen und als mein Kollege sagte, ich sei fleißig, war ich irritiert, und ich weiß nicht ob ich wirklich fleißig sein möchte und ob ich das als Kompliment oder kritische Bemerkung auffassen soll. Ich könnte ihn fragen, dann weiß ich, wie er es meint. Ich mag die Zuverlässigkeit bei mir und bei anderen, und ich mag auch die Nachsicht. Ich habe kein Problem damit, dass ich jetzt in der Rolle der Koordinatorin sehr vieles zu kontrollieren habe, und ich bitte meine Kolleg*innen auch meine Sachen zu kontrollieren. Ich mache Fehler, verwechsle Termine, manchmal rutscht mir was weg, wenn zu viele Telefonate und Emails und alles auf einmal kommt, und vieles mache ich richtig gut. Ich habe nun viel mehr Einblick in die Arbeitsabläufe anderer, z.B. auch in die des Jugendamtes, und da verstehe ich warum manchmal etwas länger dauert und wie wir uns gegenseitig unterstützen können. Wir wollen  gute Arbeit machen und da brauchen wir uns gegenseitig.

In den letzten Wochen bin ich oft mit den Fällen beschäftigt, bei denen Kinder so viele Jahre den Streit der Eltern ertragen, und die Eltern gar nicht in der Lage sind, die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen. Viele Väter und Mütter leben nur deshalb noch zusammen in der Familienwohnung, weil sie keine andere Unterkunft finden, und das ist unerträglich. Als Luisas Vater dann schließlich eine kleine Wohnung gefunden hatte und ging, sagte sie: Endlich! Endlich ist zuhause Ruhe.!

Mit Anna und ihren Eltern bin ich in der Abschiedsphase. „Was wollen sie uns noch mitgeben?“, fragte die Mutter. „Was wollen sie mitnehmen?“ gab ich den Ball zurück. Nun werden wir hilfreiche Sätze und Szenen aus der gemeinsamen Arbeit, an die wir uns gern erinnern, aufschreiben und die Zettel in einem großen Glas sammeln, das dann im Wohnzimmer der Familie stehen soll, als Seelennahrung sozusagen.

Für meine eigene Seelennahrung habe ich einen Karton mit Postkarten und mit Zitaten ins Büro gestellt, da können auch die Kolleg*innen sich bedienen und wir heften unsere wöchentlichen Lieblingskarten und Lieblingssprüche an unsere Pinnwand, das tut auch unseren Augen wohl.

Ihre Katja Änderlich