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Ist Altwerden eine Last, eine Lust oder ein Lamento?

Dr. Jos Schnurer

30.04.2017

Collage aus Zeitungssbilder und Zeitungsschnipseln. Zu lesen ist: Freiheit, solidarisch handeln, Ab in die Zukunft, Sicherheit. Collage: Dr. Jos Schnurer
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Es ist interessant – der Mensch verdrängt im allgemeinen die Tatsache, dass das Leben aus Jungsein und Altwerden besteht. Die Statistiken über das globale, demographische Bevölkerungswachstum malen zwei Menetekel an die Wand: Das eine ist die dramatische Zunahme der Bevölkerung durch Fertilität, also von Geburten in bestimmten (Armuts-)Regionen in der Welt, dagegen die Abnahme der Geburtenzahlen in den so genannten „entwickelten“ Ländern; und das andere das weltweite Älterwerden der Menschen.

Die Vorhersagen lauten, dass im globalen Maßstab sich die Zahl der Menschen über 64 Jahren im Zeitraum von 1955 bis 2025 vervierfachen, und der prozentuale Anteil an der Gesamtbevölkerung auf der Erde von 5% im Jahr 1965 auf 10 % im Jahr 2025 verdoppeln und bis 2100 verdreifachen wird, bei insgesamt steigenden Bevölkerungszahlen, von 2015 auf rund 7,35 Mrd., 2030 auf 8,50, 2050 auf 9,73 und 2100 auf 11,21 Mrd. Menschen[1].

Im folgenden sollen nicht die Fragen nach den natürlichen und anthropologischen Entwicklungen und Ursachen des Altwerdens, auch die nicht medizinischen und sozialen Phänomene im Vordergrund stehen, sondern die Frage: Wie gehen Gesellschaften mit alten Menschen um? Welche Bedeutung im gesellschaftlichen, intergenerativen  Zusammenleben der Menschen wird den Alten zugestanden? Nun wissen wir, dass Konflikte zwischen Generationen immer schon zu Auseinandersetzungen und Konflikten, wie auch Verständigungen geführt haben. Die Klagen der antiken Philosophen über die (schockierenden) Denk- und Verhaltensweisen von jungen Menschen sind legendär; ebenso die Frage der US-amerikanischen Anthropologin und Ethnologin Margaret Mead (1901 – 1978); „An welche Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft kann sich der idealistische junge Mensch binden?“[2]. In der Antike wurden dem Alter zwei Eigenschaften zugewiesen: „Wohlverdiente soziale Achtung und die Sicherheit des friedlichen Übergangs von der Welt der Lebenden ins Reich der Toten“[3]. In afrikanischen Philosophien und Kulturen wird (oder muss man angesichts der Entwicklung in unserem Nachbarkontinent „wurde“ sagen?) alten Menschen eine besondere Achtung und Macht zugestanden, die sich in der gesellschaftlichen und politischen Kennzeichnung ausdrückt: „Die Alten sitzen unter einem Baum und reden, bis sie übereinstimmen!“[4]. In den USA hat sich seit mehr als einem Jahrzehnt eine Entwicklung gebildet, dass immer mehr alte Menschen bei der Suche nach einem sorglosen Lebensabend in Alterssiedlungen einkaufen, zu denen Jüngere keinen Zutritt haben[5]. In China überfordern die mittlerweile fast eine Viertel Milliarde Rentner die staatliche Altersversorgung, zumal auch die traditionelle, solidarische, familiäre Mentalität bröckelt. Die gleiche Situation stellt sich in Indien.  In Deutschland wird heftig über „Altersarmut“ diskutiert, Es fehlen Altersheime und Pflegepersonal. Die Gereontophobie geht um! Gleichzeitig stellen die Alten eine enorme Konsum-, Kapital- und Wirtschaftsmacht dar. Mit der Persiflage  „Alte Menschen machen unser schönes Deutschland kaputt“, verweist der Medienkomiker Jan Böhmermann auf die (verdeckte) Stimmung im Land. Die „Generation Rollator“ (Spiegel Online) allerdings ist aktiv wie nie zuvor Gleichaltrige. Auf  „Ü60-“, „Ü70-“Partys rocken sie (mit und ohne „gelber Salbe“) und konkurrieren mit den aktiven Enkeln. Es fehlt nicht an Aufrufen, das Alter aktiv zu leben und es zu kultivieren[6]. Die “New Ager“, „Best Ager“ und „Anti-Ager“ mischen die Gesellschaft auf. Daneben sind immer mehr Flaschensammler, Abfallgucker und Bettler unterwegs, um ihre allzu kleine Rente oder Sozialhilfe etwas aufzubessern und einigermaßen menschenwürdig über die Runden zu kommen. 

Der Umgang der jungen mit den alten Menschen in einer Gesellschaft ist ethisch-, moralisch-, religiös-, politisch- und kulturbedingt. Der Spruch, „schau, wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern umgeht“, lässt sich auch  umdrehen und danach fragen, welches Verhältnis eine Gesellschaft zu ihren alten Menschen hat. Dabei geht es nicht einmal in erster Linie darum, ob die Alten geehrt werden, sondern welchen Stellenwert eine generationenübergreifende Gemeinschaft der Existenz, den Erfahrungen, den Erlebnissen und Schicksalsschlägen von alten Menschen in den gesellschaftlichen Entwicklungs- und Veränderungsprozessen zumisst.

Identität ist ein Menschenwert

In der Gesellschafts- und Kapitalismuskritik wird immer wieder hervorgehoben, dass das Recht auf ein menschenwürdiges, gelingendes Leben für alle Menschen durch neoliberales, egoistisches und gieriges Denken und Handeln von Menschen missachtet und verhindert wird und zur Präkarisierung von Individuen und ganzen Gesellschaften führt. In den Zeiten der Globalisierung, der Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrisen schwindet mehr und mehr das Vertrauen der Menschen in kapitalistische und neoliberale Konzepte und Systeme. Die in den gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozessen sich darstellenden sozialen Unsicherheiten, Winner- und Looser-Entwicklungen in den Bereichen Arbeit, der Grundbedürfnisse, des Konsums und der Lebenshaltung wirken sich in besonderer Weise in den gesellschaftlichen Schichten dramatisch aus, die – wenn sie nicht zu den Wohlhabenden und Besitzenden in der Gesellschaft gehören – entweder noch nicht oder nicht mehr durch eigene Kraft und Arbeitsleistung für ihren Lebensunterhalt sorgen können; vor allem dann, wenn bei den nicht mehr Werktätigen die gesetzliche und soziale Altersversorgung nicht ausreichend ist. Soziale Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, gesellschaftlicher Abstieg, Marginalisierung und „Precarity“ sind die Folgen[7].

„Es liegt ein Wunsch nach Veränderung in der Luft“

Die Wege und der Perspektivenwechsel vom Egoismus zum Gemeinsinn sind schwierig, holprig und leider für allzu viele Menschen unbegehbar. Jammern hilft aber nicht! Die autoritäre, menschenverachtende ideologische Peitsche erst recht nicht! Vielmehr bieten Beispiele, wie solidarisches und empathisches Denken und Handeln möglich ist, gute Anregungen zum Mitmachen für  eine gerechte und solidarische EINE WELT. Im Film „Ziemlich beste Freunde“ (2011) treffen zwei „Unberührbare“ aufeinander: Der querschnittgelähmte Tetraplegiker, der nur noch über seine Mimik bestimmen kann, Aristokrat und Erbe eines erfolgreichen französischen Industriekonzerns, Philippe Pozzo di Borgo, und der gerade aus dem Gefängnis entlassene Kleinkriminelle Abdel Sellou. Der bei einem Gleitschirmunfall 1993 schwer Verletzte und sein Pfleger finden über unbeschreibliche Widerstände, Missverständnisse und Streitereien schließlich zu einem Modus Vivendi und zur Freundschaft. Der Film wird zu einem der größten Kinoerfolge der Nachkriegszeit. Allein in Deutschland haben mehr als 8,5 Millionen Besucher den Film gesehen. Die überwiegend authentische Geschichte hat weltweit zu einer neuen Aufmerksamkeit geführt und ein (neues) Bewusstsein geschaffen. Film und Buch vermitteln eine eigentlich einfache wie wahre Erkenntnis: „Behinderungen sind von erschreckender Normalität“. Es ist das Bewusstsein, dass wechselseitige Abhängigkeit ein Grundtatbestand des menschlichen Zusammenlebens ist, was Bertolt Brecht mit dem Schluss zum Ausdruck brachte: „Wärst du nicht reich, wär‘ ich nicht arm!“. Wo alte Menschen zu „Unberührbaren“ gemacht werden, ist etwas faul im Staate[8].

Überlebensstrategien und Überlebensglück

„Wie bin ich geworden, was ich bin?“ Wer diese autobiographische Frage stellt, hat einen Anlass. Es kann eine Bestandsaufnahme seines bisherigen Lebens sein, eine Autobiographie, ein Testament,  eine Hinterlassenschaft, ein existentieller Rechenschaftsbericht oder eine Reflexion über sein erinnerndes Leben sein. Autobiographisches Schreiben und Erzählen vollzieht sich in einer persönlichen Gradwanderung von Erlebtem, Erfahrenem und Erinnertem. Da erinnertes Schreiben immer auch der Gefahr unterliegt, Realitäten und Wirklichkeiten mit Erhofftem und Gewolltem zu verwechseln, braucht es ein objektives, subjektiv wahres Erinnern. Der hannöversche Philosoph und Soziologe Oskar Negt, 1934 geboren, hat viel zu erzählen. Als politischer Mensch[9] mischt er sich immer wieder ein in die Zeitläufte und Aktualitäten des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland und in der Welt. Ihm zeichnet aus, was die Glaubwürdigkeit und Vorbildhaftigkeit eines akademischen Lehrers ausmacht: Eine sympathische und empathische Utopie und Verantwortungsethik, die er lebt und für die er eintritt, nämlich für „die Herstellung der gesellschaftlichen Autonomie der Menschen in einem vernünftig organisierten Ganzen“.  Sucht man nach einem roten Faden, der die Spurensuche des Autors durchzieht, so bietet sich gleich zu Anfang die Charakterisierung an, die er seinem Leben und den Zeitläuften seiner Existenz zuschreibt: „Orientierungsnotstand“. Damit will er freilich kein „Jammertal“ beschreiben, sondern darauf aufmerksam machen, dass Notstände von Menschen und ihre Schicksale nicht von einer „invisible hand“ gesteuert seien, sondern menschengemacht sind. Der „Flüchtling“ Oskar Negt, der im Januar 1945 mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern aus Ostpreußen in Richtung Westen floh und unbeschreibliche, existenzbedrohende Situationen erlebte, bezieht in seine Orientierungssuche die heutige, globale Flüchtlingssituation ein: „Zehn Jahre auf der Flucht hinterlassen Narben, die immer wieder aufreißen; sie sind besonders dann spürbar, wenn – wie heute – Massen von Menschen aus Existenzangst aufbrechen und ihr Leben aufs Spiel zu setzen bereit sind, um dem Krieg, der politischen Unterdrückung, der religiösen Verfolgung oder der materiellen Not zu entfliehen“. Die Fragen „Wo stehe ich? Wo komme ich her? Welches sind meine Wurzeln? Was sind meine Ziele? Wo will ich hin? Wie sieht die Welt von morgen aus?“ beantwortet der Philosoph Oskar Negt damit: „Orientierung und Aufklärung gehören zusammen“. Er verweist – durchaus mit dem Blick auf die aktuellen Unsicherheiten und populistischen Kakophonien – auf die Notwendigkeit, dass Menschen ihre Lebensstrategien danach ausrichten sollten, dass sie als „zoon politikon“ (Aristoteles) Lebewesen sind, mit Vernunft ausgestattet, fähig, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und danach streben, ein gutes, gelingendes Leben für sich und alle Menschen auf der Erde zu erreichen[10].

Fazit

Das Leben des anthrôpos, der in der scala naturae kraft seiner Vernunftbegabung, seiner Fähigkeit, Allgemeinurteile zu fällen , zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können und seinem Willen, ein gutes, gelingendes Leben zu führen[11], verläuft – wenn es nicht durch Krankheit, Unfall, Selbsttötung oder gewaltsamen äußeren Einwirkungen vorzeitig beendet wird – in drei Lebensabschnitten: Kindheit – Erwachsensein – Alter. Diese Lebensphasen sind sowohl als spezifische, als auch gleitende Übergänge charakterisiert. Im gesellschaftlichen Prozess werden ihnen spezielle Aufmerksamkeiten und Funktionen zuerkannt. Für die Verwirklichung von Generationengerechtigkeit, individuell und gesellschaftlich, lokal und global, sind Bildung und Aufklärung notwendig[12].Jeder Mensch wird also, wenn er das Alter erreicht, alt werden. Diesen natürlichen Lauf des Lebens gilt es sich gewusst zu machen – in jedem Lebensalter[13].

Kontakt zum Autor:

Dr. Jos Schnurer
Immelmannstr. 40
31137 Hildesheim (27.3.17)
Tel.: (05121) 59124
jos2@schnurer.de



[1] World Population Prospects – The 2015  Revision, Vereinte Nationen, New York, 2015, http://www.un.org/en/development/desa/publications/world-population-prospects-2015-revision.html

[2] Margaret Mead, Der Konflikt der Generationen, München 1974, S. 7

[3] Enrique Lynch, Plädoyer für einen neuen Stoizismus, UNESCO-Kurier, 1/1999, S. 14

[4] Franziska Dübgen / Stefan Skupien, Hrsg., Afrikanische politische Philosophie. Postkoloniale Positionen, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/20696.php  

[5] Amy Otchet, Jetzt geht’s richtig los, UNESCO-Kurier, a.a.o., S. 24

[6] Frank Schirrmacher, Ego. Das Spiel des Lebens, 2013, http://www.socialnet.de/rezensionen/14767.php

[7] Rolf-Dieter Hepp, Hrsg., Prekarisierung und Flexibilisierung = Precarity and flexibilisation, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/13527.php

[8] Philippe Pozzo di Borgo / Laurent de Cherisey / Jean Vanier, Ziemlich verletzlich, ziemlich stark. Wege zu einer solidarischen Gesellschaf, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/14430.php

[9] Oskar Negt, Der politische Mensch. Demokratie als Lebensform, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11988.php

[10] Oskar Negt, Überlebensglück. Eine autobiographische Spurensuche, 2016, http://www.socialnet.de/rezensionen/21062.php

[11] Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S.

[12] Barbara Keller-Bittner, Projekt „Jung und Alt“, München 1997,135 S.

[13] Tzvetan Todorov, Abenteuer des Zusammenlebens. Versuch einer allgemeinen Anthropologie, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/20386.php

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