Ich steige aus!
Wie es mir gehe, fragt Johanna, und mir kommen die Tränen. Die kommen mir in letzter Zeit immer öfter. Sogar in Beratungsgesprächen bin ich den Tränen nahe gewesen, ohne dass es einen ersichtlichen Grund gab. Es gibt nicht einen, es gibt viele Gründe, die mich weinen lassen – immer nur kurz, da kullern ein oder zwei Tränen; und dann ist es so, als ob ich mich gar nicht mehr fühle.
Die aktuelle gesellschaftliche und weltpolitische Lage macht mich krank. Ich schalte die Nachrichten aus, aber davon wird die Situation ja nicht besser. Die Wandbrände sind nicht gelöscht, die Kriege gehen weiter, und es ist kein Ende in Sicht, nicht mal eine Waffenruhe. Und ich kann nichts dagegen tun. Ich fühle mich ohnmächtig. Wenn ich mir vorstelle, dass ich ein Haus bin, und anstelle von Personen Gefühle und Befindlichkeiten in mir wohnen, dann ist das Gefühl der Ohnmacht inzwischen vom Gelegenheitsgast zum Hauptmieter geworden. Im Bereich der Sozialen Arbeit wird weiter gespart, unsere Forderungen werden ignoriert. Die Jugendamtskolleg:innen arbeiten am Limit. Wir, die Fachkräfte in den ambulanten Erziehungshilfen, nehmen Rücksicht; und auch ich verzichte immer öfter darauf, die vereinbarten Qualitätsstandards einzufordern, denn das braucht Zeit. Ich habe keine Lust mehr! Ich will nicht mehr um die Korrektur von Hilfeplänen bitten, in denen Ziele für die Familien formuliert sind, über die niemals gesprochen wurde, und ich habe keine Lust mehr, monatelang nach ausstehenden Kostenübernahmen zu forschen.
„Ach, mal wieder keine Lust mehr?“ Johanna ist ehrlich und sagt, sie kennt das von mir schon – seit Jahren. Und immer wieder habe ich dann doch weitergemacht, habe den Träger gewechselt, eigene Projekte entwickelt und bin dabei doch immer in der ambulanten Jugendhilfe geblieben, weil es im Grunde eine wundervolle Tätigkeit ist und ich mich als wirksam und hilfreich erleben konnte.
Jetzt ist es anders. Ich habe das Gefühl, dass die Regierung und ich gegeneinander arbeiten – und zwar ohne Atempause. Ständig wehren wir uns gegen Sparmaßnahmen. Zur letzten Demonstration hatten Kolleg:innen einen riesigen Bumerang mitgebrach,t auf dem stand: „Die Kürzungen von heute sind die Krisen von morgen“. Wir arbeiten Empathie fördernd, doch die Regierung scheint die emotionale Abstumpfung der Bevölkerung anzustreben. Wie anders ist es zu erklären, dass in die Empathie fördernden Bereiche, also in Kunst, Kultur, Soziales, Demokratieförderung, immer weniger Geld fließt? Und wie kann man ernsthaft auf die Idee kommen, die Honorare für Psychotherapien zu kürzen, wenn einem die Gesundheit der Bevölkerung wichtig ist?
Getroffen hat mich auch ein Satz von Frau G. Sie ist schwanger und hat unser Gespräch wegen eines Termins bei der Schwangerschaftskonfliktberatung abgesagt. Ein Kind hätte sie gern, aber sie hat auch Angst vor dem Weltkrieg. „Kanonenfutter produzieren werde ich nicht“, sagt sie und weint. Und ich könnte mitweinen. Als ich vom Anschlag beim Berliner CSD (Christopher Street Day) erfahre, bin ich geschockt. Als ich am nächsten Tag mit einem Freund telefoniere, der bei der Gedenkfeier war, lösen sich Tränen.
In diesem Zustand bin ich nicht arbeitsfähig. Auf dem Weg zur Praxis von Dr. W habe ich dann auch noch einen Fahrradunfall und liege wortwörtlich am Boden. Nicht völlig zerstört, aber ich soll mich auf eine mehrwöchige Arbeitsunfähigkeit einstellen, sagt mein Hausarzt. Wenn ich meinen Urlaub nehme wie beantragt, werde ich zwei Monate raus sein. Zeit genug, um Abstand zu bekommen. Und ich könnte mir ein Beispiel an Dr. W. nehmen. Er wird seine Praxis an eine junge Kollegin abgeben und ab September für eine NGO arbeiten. „Die suchen auch noch jemanden für die Netzwerkkoordination“, sagt er zum Abschied.
Ihre Katja Änderlich




