Ich kann …
Wir haben Erzählkarten, die beginnen alle mit „ich kann“ und dann werden die verschiedensten Fähigkeiten aufgeführt. Es sind mehr als 50, und jede Fähigkeit ist mit einer lustigen Zeichnung dargestellt. Ich mag diese Karten, weil sie wertneutral sind, jede Fähigkeit kann nützlich sein, und ich lade die Familien zum Erzählen ein. Die Bildkarten werden verdeckt auf den Tisch gelegt, und dann ziehen die Personen reihum eine Karte und können etwas dazu sagen, ob sie beispielsweise gewinnen können oder verlieren, um Hilfe bitten oder selbst helfen können, wütend sein können oder sich entspannen und Beispiele nennen. Niemand muss etwas sagen, und man kann die Karte auch weitergeben oder von einer anderen Person berichten, die etwas gut kann.
Für meine Arbeit ist es auch interessant zu hören, wenn jemand meint, etwas nicht zu können und es lernen möchte, also ob jemand eine bestimmte Fähigkeit bei sich entwickeln möchte und ob das im Rahmen der sozialpädagogischen Familienhilfe geübt werden kann.
Manchmal wünschen sich Eltern und Kinder das Gleiche, z.B. besser zuhören können oder warten können, und manchmal wünschen sie es sich vom jeweils anderen, und dann folgt nach einem spielerischen Einstieg oft eine ganze Reihe von guten Gesprächen.
Da ich ja immer noch mit dem Schamthema unterwegs bin, ist mir aufgefallen, dass „Ich kann mich schämen“ nicht dabei ist. Meine Kollegin und ich haben überlegt, was das Gegenteil von Scham ist und den Stolz ausmacht. „Ich kann stolz sein“ ist dabei. Bei meiner Recherche zur Scham stieß ich auf die Schamkompetenz, eine Definition dazu fand ich leider nicht. Vielleicht ist damit die Fähigkeit gemeint, sensibel zu sein, im Umgang mit anderen Menschen, insbesondere wenn man in einer Machtposition ist, also zum Beispiel als Erziehungsperson in der Kita, die Schamgrenze der Kinder zu beachten, und in der Pflege die Würde der Patient*innen zu respektieren. Vielleicht ist mit Schamkompetenz auch gemeint, die eigene Schambiografie zu reflektieren und nicht blind zu wiederholen, was uns selbst an Beschämung widerfahren ist. Als Erziehungsmittel ist Beschämung und Bloßstellung verboten und gehört in die Kategorie der seelischen Misshandlung, doch im Alltag geschieht es sehr oft, und es wird so dahin genommen. Beschämung ist eine Form der Gewalt und ein Missbrauch von Macht, und ich denke, wer andere beschämt, hat selbst Beschämung erlebt. Und nicht alle, die Beschämung erlebten, werden ihrerseits wiederum andere beschämen.
Was die beiden Jungs von Frau Z angeht, weiß ich inzwischen, dass es ihnen peinlich ist, wenn die Mutter erzählt, dass sie durch eine künstliche Befruchtung entstanden sind. Die Mutter will ihnen das ausreden und sagt „da müsst ihr euch doch nicht schämen“. Damit sagt sie den Söhnen, dass ihre Gefühle nicht richtig sind, und das geht ja nun gar nicht. Auch wenn sie selbst dazu steht, kann sie den Kindern nicht vorschreiben, was sie zu fühlen haben.
Fragt sich nur, wie ich ihr das in angemessener Weise vermittele. Ich bin allein mit dem Fall, weil Toni sich leider für einen anderen Träger entschieden hat und seine Bewerbung zurückzog.
Ihre Katja Änderlich*
*Pseudonym der Autorin




