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Hass

Dr. Jos Schnurer

23.09.2020

Im etymologischen Wörterbuch (Duden) wird der Begriff „Hass“ umschrieben mit: Abneigung, Abscheu, Ekel, Feindseligkeit, Missgunst, Zwietracht, Antipatie, Aversion, Idiosynkrasie. Hass ist eine Eigenschaft und Gesinnungsform. Ein abweichendes Verhalten, dass Hader, Streit, hervorruft.

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Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich (1917 – 2012) hat in ihrer Studie über den Konflikt zwischen innerer und äußerer Realität bereits darauf hingewiesen, dass Hassen Rache-, Angst- und Neidgefühlen entspringt und als Fehlentwicklung der Identitätsbildung zu verstehen ist. Besonders bedeutsam ist dabei die Einschätzung, dass Menschen, die hassen, kaum mit Argumenten, Informationen und Aufklärung erreichbar und dialogfähig sind: „Aufklärung ist hier machtlos, denn der Hass auf die Minorität dient dem eigenen Selbstgefühl. Man selbst ist erniedrigt; aber es gibt Menschen, auf die man noch herunterschauen kann“[i]. Diese stereotypen- und vorurteilsbehaftete Einstellung stabilisiert den Hassenden, sichert seine Ich-Empfindung und festigt seine Weltanschauung. Die Folge, dass er sich dadurch innerhalb der Mehrheitsgesellschaft zum Außenseiter macht, erlebt er nicht als Makel und Mangel, sondern als bemerkens- und lebenswerte Besonderheit, die ihn sogar auf die Straße treibt. Die dabei entstehenden Empfindungen wirken sogar als Sendungsbewusstsein und Bedürfnis zur Missionierung – und wirken damit beinahe „aufklärerisch“.

Zu allen Zeiten in der Menschheitsgeschichte hat Hass zu Unfrieden, Streit, gewaltsamen und kriegerischen Auseinandersetzungen geführt. In den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender, globaler entwickelnden Welt hat das Hassen als ego-, ethnozentriertes, nationalistisches, rassistisches und populistisches Denken und Handeln wieder Konjunktur. Fake News, Cancel Culture und Qanon-Kakophonien sind Entwicklungen, die den Hass fördern. Für den freiheitlich und demokratisch denkenden Menschen kommt es darauf an, den Ursachen und Wirkungen des Hassens auf die Spur zu kommen und nach Möglichkeiten Ausschau zu halten, wie Hass gezähmt werden kann; denn, das  könnte eine rationale Erkenntnis sein: Hass ist in der Welt! Hassen ist (auch) menschlich! Es kann nur darum gehen, die Auswirkungen des Hassens so abzumildern und erträglich zu gestalten, dass sie der „globalen Ethik“, wie sie in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung nahekommt: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“[ii].

Hass isst Seele auf!

Warum gibt es so viel Hass in der Welt? Im Individuellen wie im Gesellschaftlichen? Im Lokalen wie im Globalen? Das Hässliche als das Böse und als Gegenteil des Guten wird in der anthropologischen, abendländischen Philosophie immer mit der Abwesenheit des Göttlichen und der Erdhaftigkeit des Menschlichen bezeichnet. Der griechische Philosoph Platon hat im aischrón, dem Hässlichen, das Minderwertige und Verabscheuungswürdige gesehen. Und Aristoteles sprach dem anthrôpos, dem Menschen, durch seine Vernunftbegabung die Fähigkeit zu, zwischen Gut und Böse unterscheiden und darauf sein Streben nach einem guten, gelingenden Leben ausrichten zu können. Weil Hass überall ist, sich als Aggression, Gewalt, Machtmissbrauch, Herrschaft, Fanatismus, Fundamentalismus und Ideologie im Gesellschaftlichen und Politischen, bis hin zu individuellen und narzisstischen Formen darstellt und bewusst und unbewusst ausgeübt wird, kommt es darauf an, die Tatsache des menschlichen Hassens nicht zu tabuisieren, sondern bewusst zu machen und dem Hass das entgegen zu setzen, was Menschen (eigentlich) auszeichnet: Human denken zu können! Denn wer hasst, gibt seinen eigenen Verstand ab an Mächte, Einflüsse, Ideologien und Weltanschauungen, die nicht mehr und nicht weniger zum Ziel haben, Menschen zu manipulieren; und zwar so, dass sie nicht einfach hassen, weil andere das auch tun, sondern sich ihres Hassens sicher sind. Diese höchste Form des Oktroyierens von Hass, der sich in Rassismus, Dogmatismus, Fanatismus, Demokratie-, Fremden- und Menschenfeindlichkeit ausdrückt, macht Menschen zu hemmungs- und verantwortungslosen Subjekten. Die am einfachsten erscheinende Antwort darauf, die Hasser zu hassen, sie zu ignorieren, sie bei Seite zu stellen und aus der Gemeinschaft der Gutwilligen auszuschließen, ist allerdings nicht die beste; denn „Hass ist nicht einfach da“. Er wird gemacht! Und es gilt, „Hass und Gewalt nicht allein zu verurteilen, sondern in ihrer Funktionsweise zu betrachten ... (sondern) immer auch zu zeigen, wo etwas anderes möglich gewesen wäre, wo jemand sich hätte anders entscheiden können, wo jemand hätte einschreien können, wo jemand hätte aussteigen können“. Die Philosophin, Publizistin und Journalistin Carolin Emcke hat mehrere Jahre weltweite Krisenregionen und Kriegsgebiete bereist, sich mit Hass auseinander gesetzt und darüber berichtet, wie Hass aus Menschen und Mächten Unmenschen und Ohnmächtige macht. „Präzise lässt sich nicht gut hassen“, so ihre Erkenntnis, weil Hass immer auf Unbestimmtem, Unlogischem und Undeutlichem gründet[iii].

Hass entzweit!

Die aufgeklärte Erkenntnis von Karl Valentin – „Fremd  ist der Fremde nur in der Fremde“ -  sollte eigentlich bewirken, dass Menschen Angst vor Fremdem und Fremden haben und deshalb Ablehnung und Hass entwickeln. Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass sind Entgleisungen der Menschlichkeit; Empathie hingegen ist dem anthrôpos dank seiner Vernunft, seiner Fähigkeit, Allgemeinurteile zu bilden, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können und der Notwendigkeit, friedlich, gleichberechtigt und gerecht mit den Mitmenschen und der Natur zu leben, als Mensch gegeben. Soweit das Ideal! Dort, wo Menschen sich hassen und bekämpfen, fehlt die Menschlichkeit, und es bedarf der Bildung und Aufklärung, um Hass verhindern zu können. Damit stellt sich die Frage aller Fragen beim menschlichen Zusammenleben: Wie kann es gelingen, Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt sein wollen? Die Psychologin und Psychotherapeutin, Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut Zürich, Verena Kast, fragt in dem Buch mit dem mehrdeutigen Titel „Wi(e)der Angst und Hass“[iv], wie den zunehmenden negativen Tendenzen und fatalen Entwicklungen begegnet werden kann, dass persönliche und gesellschaftliche Unsicherheiten und Ängste, z. B. auch durch die Flüchtlingskrisen hervorgerufen, sich als Menschen- und Fremdenhass ausdrücken. Die Autorin entwickelt aus ihrer psychoanalytischen Praxis und Lehrtätigkeit Gedankengänge, um zu erklären, wie aus nichtreflektiertem Ärger Hass entstehen kann, wie sich Rachegelüste entwickeln können und mit welchen Strategien und Charaktereigenschaften diesen Fehlhaltungen begegnet werden kann. An einem psychotherapeutischen Fallbeispiel aus der tiefenpsychologischen Therapie zeigt sie Ursachen, Verläufe, Wirkungen und Lösungen auf. Es sind Ressentiments, Vorurteile, Gier- und Neidkomplexe, die nicht selten alltäglich daher kommen und unbewusst im eigenen Ich festgesetzt sind und nur durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und dem individuellen und gesellschaftlichen Handeln bewusst gemacht und damit veränderbar werden. Eine Zielsetzung dahin stellt ohne Zweifel das Bemühen dar, das eigene Selbstwertgefühl zu entdecken und zu entwickeln. Ängste, Ablehnungs- und Hassempfindungen zu erkennen ist das eine Wichtige; sich damit mit dem Ziel auseinander zu setzen, sie zu verändern und zu vermeiden, das andere. Denn mit Angst umgehen, ist eine existentielle und verantwortungsbewusste Herausforderung[v].

Wer hasst, gibt die eigene Identität an Ideologien ab!

Die Auseinandersetzungen mit politischen, religiösen, ideologischen und gesellschaftlichen Radikalismen reichen von Warnrufen über die menschenfeindlichen, machtdominanten Einstellungen bis hin zu Aufforderungen zur Aufklärung. Es sind Analysen über die lokalen, nationalen Entwicklungen bis hin zu Hab-Acht-Positionen wegen der globalen Verbreitung von rassistischen, ethnozentristischen, egoistischen und populistischen Ideen und Politiken[vi]. Die extreme Rechte als menschenfeindliche Ideologie ist mittlerweile längst global unterwegs. Sie ist vernetzt und kommuniziert nicht mehr nur auf geheimen, ab- und eingeschlossenen Wegen, sondern sie ist offen im Internet unterwegs. Mit ihren digitalen Agitationen organisiert und unterstützt sie die sichtbaren Erscheinungsformen ihrer Anhänger und rekrutiert sie. Die Journalistin und Verhaltenstrainerin Karolin Schwarz setzt sich dafür ein, den rechtsextremen, rassistischen, populistischen Parolen, Desinformationen und Fake News in den sozialen Netzwerken Aufklärung und praktische Gegenpositionen entgegen zu setzen. Im Februar 2016 gründete sie das Aufklärungsnetzwerk Hoaxmap.org, mit dem sie gegen Falschmeldungen über Geflüchtete und nicht-weiße Personen vorgeht. Bei ihren vielfältigen Bemühungen ist ihr bewusst, dass die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich, ethisch, moralisch abweichenden Ideologien und Politiken immer dem Paradoxon unterliegt, dass sie möglicherweise auf der einen Seite damit die von den Rechtsradikalen angestrebte Sichtbarkeit und öffentliche Aufmerksamkeit unterstützt; andererseits gibt es zur Aufklärung und Bildung der Menschen nichts Besseres als Aufklärung und Bildung. Es ist die notwendige Frage, die z.B. Bertolt Brecht in seinem Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941) stellte: Ist der Schoß fruchtbar noch, aus dem es kroch? – Nationalismus, Faschismus, Rassismus und Verachtung der Menschenwürde! Und es sind die aktuellen Strategien der Rechtsextremisten, in immer wieder neuen Versuchen die Beobachtungs- und Abwehrbemühungen von staatlichen und zivilgesellschaftlichen Einrichtungen gegen radikalisierte, politische Aktivitäten zu unterlaufen. Es sind manipulierte, für Uninformierte nicht immer sofort als rechtsradikale Auftritte erkennbare Social-Media-Plattformen, in denen ein Gebräu aus nationalistischen, antisemitistischen, antimuslimen und fremdenfeindlichen, sprachlichen und musikalischen Parolen angeboten wird. Es ist der Deckmantel der Erneuerung der Demokratie, unter dem sie abgeschafft werden soll. Ob als Parteien, wie etwa die NPD und AfD, als lose Zusammenschlüsse und Vereine, und als registrierte Internet-Auftritte von Followern und Influencern, die Verbreitung von rechtsradikalen Ideologien ist im globalen Netz ganz leicht möglich. Am Beispiel von Strategie- und Handlungsanweisungen der AfD verweist die Autorin die Einflussnahmen der Parteistrategen auf nicht selten ahnungslose User. Das Beispiel der aktuellen Anti-Corona-Demonstrationen verdeutlicht die Absicht, Aufmerksamkeit und Anhänger aus den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen: Da werden zum einen die Euro- und Europaskeptiker angesprochen, die bürgerlich-konservativen Wertorientierten, Protestwähler, Nichtwähler, Verlierer und Prekariat. Gegen Hass, rechtsradikale, rassistische und populistische Ideologie, Gewalt und Terror vorzugehen, ist humaner Auftrag für Demokraten. Es sind die individuellen Herausforderungen für die Verteidigung und Verwirklichung von tolerantem, menschenwürdigem Denken und Handeln. Notwendig sind Werte- und Normengebungen in allen zivilgesellschaftlichen und politischen Bereichen. Und es braucht Verantwortlichkeiten in der Ökonomie, bei den Konzernen und Medien. Es muss beunruhigen, was mittlerweile Meinungsbildungs- und Einstellungsforschungen herausgefunden wurde, dass nämlich ideologisch festgelegte, manipulierte und indoktrinierte Menschen nicht mehr oder kaum noch für Informationen und Faktenwissen erreichbar auf aufnahmebereit sind. Wir brauchen Expertinnen und Experten, die in der Lage sind, Vorder- und Hintergrundwissen über abweichende, menschenunwürdige Denk- und Verhaltensweisen aufzuzeigen und nach Wegen Ausschau zu halten, wie Verhaltensänderungen und Perspektivenwechsel möglich werden[vii].

Diskriminierendes Sprechen – 'hate speech'

Böses Denken führt zu bösem Wahrnehmen, zu bösem Sehen und Hören, und zu bösem Tun, zu Hass[viii]. Es sind die intellektuellen, sozialen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Bedingungen, die Menschen gut oder böse, erträglich oder unerträglich, human oder inhuman werden lassen. Das grundlegende Dilemma besteht darin, dass zwar im philosophischen, anthropologischen Verständnis jeder Mensch danach strebt, ein gutes, gelingendes Leben zu führen, die Lebenswirklichkeiten jedoch von Ideologien, Manipulationen und Versuchungen beeinflusst werden, die zu egoistischem, ethnozentristischem, rassistischem und populistischem Denken und Tun führen. Im gesellschaftspolitischen Diskurs wird deshalb gegen diskriminierendes, herabwürdigendes öffentliches Sprechen die Forderung nach „Political Correctness“ erhoben. Die Soziologin von der Universität Freiburg, Nina Degele, weist darauf hin, dass die Forderung nach Political Correctness immer kontext- und milieuabhängig ist: „Politisch korrektes Sprechen ist anerkennungsorientiertes Sprechen gegen Minderheiten und ausgegrenzten Gruppen“. Es ist der Anspruch, Korrektheitsdenken und –handeln im lokalen und globalen Gesellschaftsdiskurs wirksam werden zu lassen. Immerwährend und aktuell stellt sich dabei die Herausforderung dar, dass Mentalitäts-, Meinungs- und politische Unterschiede dialogisch und demokratisch ausgetragen werden sollen. Der im US-amerikanischen Identitäts- und gesellschaftlichem Antidiskriminierungsdiskurs benutzte sprachliche Begriff „p.c.-ness“ wandelte sich hin zu Menschenrechts- und Gleichheitsforderungen, bis hin zu den aktuellen Black-Lives-Matter-Bewegungen und gegen Cancel-Culture. Es sind die (auch) im Kapitalismus entstandenen, zementierten lokalen und globalen sozialen Ungleichheiten, die Gesellschaften und die Menschheit spalten. Und es ist die mittlerweile in den demokratischen Parlamenten durch populistische, rechtsradikale Parteien benutzte Hate Speech, die aus Worten verbale, virtuelle und  tatsächliche Gewalt macht. Wie kann es also gelingen, individuell und kollektiv, im Alltag und gesellschaftspolitisch human, ehrlich, glaubwürdig und überzeugend  zu denken und zu handeln? Die Autorin summiert aus der Fülle ihrer Beispiele Anregungen und Ratschläge, wie z. B.:

  • Wertschätzend und gerecht in der lokalen und globalen Gemeinschaft zusammenleben.
  • In der Kommunikation auf Augenhöhe die richtigen Ausdrucksweisen und Begrifflichkeiten benutzen.
  • Stereotype Äußerungen und vorurteilbehaftetes Sprechen durch Umkehrung und Vergleiche erkennbar machen.
  • Relativierungen und Unterschiede beim Sprachcode zulassen.
  • Gegenseitige Achtung und Wertschätzung nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Einbindung und Kooperation ermöglichen[ix].

Cancel-Culture?

Der an der US-amerikanischen John-Hopkins-Universität lehrende Politikwissenschaftler Yascha Mounk hat im Juli 2020 das Online-Magazin „Persuasion“ gegründet. Die persuasive Kommunikation zielt darauf, Einfluss auf den Kommunikationspartner zu nehmen und ihn zu Denk-, Handlungs- und Verhaltensänderungen zu bewegen und zu fragen: „Wer sagt was zu wem?“[x]. Es sind Fragen, wie im gesellschaftspolitischen, zivilisatorischen Prozess mit Wahrheiten und Fakten umgegangen wird, und wie Fake News Wirklichkeiten und Humanität verbiegen[xi]. Angesichts der globalen, demokratiefeindlichen Tendenzen, das Menschenrecht auf Meinungsfreiheit mit ganz unterschiedlichen Begründungen einzuschränken und damit zu bewirken, dass sich in den öffentlichen Meinungen  „kollektives Zensurbewusstsein und -akzeptanz“ bilden, zeigt Yascha Mounk an den populistischen Entwicklungen in den USA  auf, wohin Unaufmerksamkeit, Geringeinschätzung oder Aussitzen von freiheitlicher Meinungsbeschneidung führen: „Denn über kurz oder lang profitieren, wie in den USA schmerzlich zu sehen ist, gerade die wahren Feinde der Demokratie, wenn Demokraten es versäumen, konsequent für Werte wie die Meinungsfreiheit einzustehen“[xii].

Der Begriff „Cancel Culture“ wird abgeleitet von „to cancel“, was im Englischen „stornieren, aufheben, auflösen“ bedeutet und sich konkret im öffentlichen Diskurs so darstellt, dass auf von Main Stream, einer bestimmten öffentlichen Meinung oder von diktierten Ideologien zementierten politischen Auffassungen abweichenden Informationen mit Vermutungen reagiert wird, die sich nicht nur gegen diese richten, sondern auch gegen die Verursacher: Wenn du nicht meiner und gegen meiner Meinung bist, mach‘ ich dich fertig! Und zwar mit Aussagen und Vorwürfen unter die Gürtellinie! Es ist nicht die dialogische Auseinandersetzung, sondern die Diskriminierung und die Erwartung, dass, selbst wenn die Äußerung absurd  und leicht widerlegbar ist, doch im öffentlichen Bewusstsein „etwas hängen bleibt“. Es stimmt eben nicht, dass es sich ungeniert leben lässt, wenn der Ruf ruiniert ist; vielmehr sind die Folgen von Rufschädigung und falschen Aussagen für die Betroffenen vielfach psychisch und existentiell vernichtend. Das hat zur Folge, dass dabei nicht nur mit allen Mitteln gegen andere Meinungen vorgegangen wird, sondern gleichzeitig die Andersmeinenden „entsorgt“  werden.  Die vergangenen und aktuellen Gesellschaftsgeschichten sind voll von solchen menschenverachtenden und –unwürdigen Fällen. Yascha Mounk warnt angesichts der vielfach vorfindbaren und praktizierten Cancel-Culture-Beispiele in den USA und darüber hinaus davor, dass diese Tendenzen – weil sie auch relativ leicht und unverbindlich im www. verbreitet werden können – zum selbstverständlichen, individuellen und kollektiven Umgang der Menschen untereinander gerieren: Das Abhandenkommen des Mutes, eigene Meinungen zu äußern! Ein selbstbewusstes, begründetes  Nein dem scheinbar „Vernünftigen“ entgegensetzen! Fakten gegen Fake News einbringen! Es ist der Kant’sche kategorische Imperativ, wie er sich in dem Sprichwort ausdrückt: Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinen andern zu! Was heißt das in der konkreten Wirklichkeit? Es heißt, tolerant die Meinung des Anderen anhören und sich damit auseinanderzusetzen, dialogisch, nicht demagogisch, in der Hoffnung, dass die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen mit unterschiedlichen Meinungen human und menschenwürdig ausgetragen werden! Und zwar so, dass die Daseinswerte „Ich“ – „Du“ –„Wir“ zum Grundbestand eines friedlichen, gleichberechtigten und gerechten Miteinanders der Menschheit werden[xiii].

QAnon?

Ego-, ethnozentristische, nationalistische, rassistische, fundamentalistische und populistisch, lokale und globale Bewegungen gefährden die Demokratie. Wie viele ideologische Aktivitäten und Meinungsdiktaturen bauen sie darauf, dass einfache, scheinbar leicht verständliche und nachvollziehbare Aussagen Follower finden, die die Unterschiede  zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen dem Selbstdenken und der Manipulation nicht mehr erkennen oder wichtig finden. Äpfel und Birnen sind Obst – und das reicht! Es ist die Vereinheitlichung des Denkens, das Macht schafft und Ohnmacht erzeugt[xiv]. Und es sind die zahlreichen Mahnungen und Analysen, die bei den Menschen das Bewusstsein und die Lebenslehre entwickeln wollen, dass die Demokratie, als „Herrschaft des Volkes“ es ist, die es anzustreben, zu verwirklichen, zu verteidigen und weiterzuentwickeln gilt[xv]. „Wir erleben die schleichende Transformation parlamentarischer Demokratien in Richtung autoritärer Systeme“. Es sind nicht wenige politische Analysten, Gesellschafts- und PolitikwissenschaftlerInnen, die Zweifel daran haben, dass sich die gewachsenen, historischen, demokratischen Grundlagen in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender und globalisierenden Welt weiterführen lassen; etwa, wenn davon gesprochen wird, dass angesichts der Mittelschichtorientierung der Parteiendemokratie „Partizipation und Selbstorganisation … keine geeigneten Mittel zur Aktivierung und Einbeziehung des unteren gesellschaftlichen Fünftels (sind)“[xvi], und es einer aktiven System- und Kapitalismuskritik bedarf[xvii]. Die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen sollten sich dabei auf zwei Ebenen bewegen: Die eine auf der Überzeugung, dass Demokratie die beste aller bisher erprobten Ordnungs-, Regierungs- und Lebensformen ist; und die andere, dass Demokratie Menschenwerk ist und nur von Menschen gemacht und erhalten werden kann. Dort, wo die demokratischen Ordnungs- und Machtstrukturen nur Fassaden sind und dahinter sich undemokratische, menschenunwürdige Verhältnisse breit machen,  wird vom „Dunklen Staat“ gesprochen. Es entwickeln sich antidemokratische, diktatorische, hierarchische, individuelle und kollektive Abhängigkeits-, Unterdrückungs- und Ausbeutungsformen; wohlgemerkt unter dem Mäntelchen des demokratischen, freiheitlichen Denkens – mit dem Anspruch des Menschenrechts auf freie Meinungsäußerung. Missachtet wird dabei allzu oft, dass in der von den Vereinten Nationen 1948 proklamierten „globalen Ethik“ auf zwei wesentlichen Grundlagen beruht: Zum einen auf der „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte, (die) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“; und zum anderen darauf, dass „Jedermann ( ) Pflichten gegenüber der Gemeinschaft (hat), in der allein die freie und volle Entwicklung seiner Persönlichkeit möglich ist“.  

Der Soziologe Ullrich Mies und der Kulturwissenschaftler Jens Wernicke nehmen den Bernd Hamm (1945 – 2015) geprägten Begriff „Dunkler Staat“ auf, indem sie auf die fortschreitenden zerstörerischen Aktivitäten der Demokratiefeinde eingehen und Bollwerke dagegen aufrichten wollen. Es sind Formen von Diktatur, Hierarchie und Alleinherrschaft, die die gesellschaftspolitischen Strukturen bestimmen und mit der Kennzeichnung „deep state“ auf diese un- und antidemokratischen Entwicklungen aufmerksam machen. Es wäre verwunderlich und eher engels-, denn menschengleich, wenn bei diesen Auseinandersetzungen über real existierende, negative, antidemokratische Entwicklungen in demokratischen Gesellschaften „reine“ Objektivität den Diskurs bestimmen würde. Die Entwicklungen hin zum „Tiefen (undemokratischen) Staat“ und die sich für die Zivilgesellschaften daraus ergebenden Veränderungen und Benachteiligungen brauchen den deutlichen Fingerzeig, wohl wissend, dass dabei auch einige Finger auf den Ankläger zurückverweisen[xviii].

Fazit

Die Demokratie als die beste, mögliche Lebens-, Ordnungs- und Regierungsform ist kein Selbstläufer, sondern darauf angewiesen, dass die Individuen und Gesellschaften sie verteidigen und human weiter entwickeln[xix].  Das ist nur mit der Conditio Humana möglich[xx]. Hass ist ein Zustand, den es zu überwinden gilt, human!



[i] Margarete Mitscherlich, Müssen wir hassen?, München 1972, S. 63f

[ii] Michael Tomasello, Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27385.php

[iii] Carolin Emcke, Gegen den Hass, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21832.php 

[iv] Verena Kast, Wider Angst und Hass. Das Fremde als Herausforderung zur Entwicklung, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22454.php

[v] vgl. dazu auch: Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18499.php 

[vi] siehe auch: Thomas Greven/Thomas Grumke, Hrsg., Globalisierter Rechtsradikalismus? Die extremistische Rechte in der Ära der Globalisierung, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/3708.php; sowie: Bente Gießelmann, u.a., Hrsg., Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25964.php

[vii] Karolin Schwarz, Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26718.php

[viii] Bettina Stangneth, Böses Denken, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/23593.php; dies., Hässliches Sehen, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25303.php

[ix] Nina Degele, Political Correctness – Warum nicht alle alles sagen dürfen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/...php 

[x] vgl. dazu auch: Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php

[xi] Jos Schnurer, Menschengemachte Unwahrheiten, 13.6.2019, https://www.sozial.de/menschengemachte-unwahrheiten.html

[xii] Yascha Mounk, Kollektive Zensur, in: DIE ZEIT, Nr. 34 vom 13. 8. 2020, S. 13 

[xiii] Friedrich Voßkühler, Ich – Du – Wir. Liebe als zwischenmenschliche Wahrhaftigkeit?, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23740.php 

[xiv] Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php

[xv] Julian Nida-Rümelin, Die gefährdete Rationalität der Demokratie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26507.php

[xvi] Hans Berkessel / Wolfgang Beutel, Hrsg., Demokratiepädagogik und Rechtsextremismus, Jahrbuch Demokratiepädagogik 3, 2015, www.socialnet.de/rezensionen18742.php

[xvii] Thomas Piketty, Kapital und Ideologie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26783.php

[xviii] Ulrich Mies / Jens Wernicke, Hrsg., Fassadendemokratie und Tiefer Staat. Auf dem Weg in ein autoritäres Zeitalter, 2017, www.socialnet.de/rezensionenen/22898.php

[xix] Gudrun Hentges, Krise der Demokratie – Demokratie in der Krise? Gesellschaftsdiagnosen und Herausforderungen für die politische Bildung, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27245.php

[xx] Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php

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