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Grenzziehungen

Dr. Jos Schnurer

26.08.2020

Es sind die ego-, ethnozentristischen, rassistischen Einstellungen, die sich gegen die einsichtigen Erkenntnisse wenden, dass die eigene Freiheit nur dadurch zu gewährleisten ist, dass die Freiheit des Anderen anerkannt und geschützt werden muss.

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Bereits in der antiken, aristotelischen Philosophie kommt zum Ausdruck, dass Freiheit (eleutheria, ἐλευθερία) nicht das Recht oder die Fähigkeit bedeutet, Beliebiges zu tun, sondern immer grundlegt, dass beim individuellen und gesellschaftlich-kollektiven Handeln das Bewusstsein vorherrscht, wie dies in der Gedichtstrophe zum Ausdruck kommt: „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst! – und wie dies als „globale Ethik“ in der allgemeingültigen, nicht relativierbaren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 postuliert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. An diese Conditio Humana, an den Kantischen Kategorischen Imperativ, wie er sich im Sprichwort darstellt – „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinen andern zu!“ -   gilt es zu erinnern, angesichts der Kakophonien einer lokalen und globalen „Ego-First“-Politik und des Unverstandes von Narzissten. 

Nicht Kopfschütteln oder Wegschauen sind hier angebracht; vielmehr muss gefordert und aufgerufen werden zum aktiven Eintreten für Toleranz und Einsicht aller human und demokratisch Denkenden. Dazu finden wir abend- und morgenländische Denker, die in ihren Philosophien und Lebenslehren zu einem friedlichen, freizeitlichen und gerechten Miteinander der Menschen in der Welt aufgerufen haben; zum Beispiel Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831), der mit seinem Hauptwerk „Phänomenologie des Geiste“ (1807) einen entscheidenden Paradigmenwechsel vollzog, dass er Freiheit und Vernunft miteinander verknüpfte und so ein aufgeklärtes Denken der Menschen förderte[i]. Und es wird im aktuellen, gesellschaftspolitischen Diskurs darauf hingewiesen.

Kommunikation ist Ich- und Welterschaffung

Es sind die verschiedenen, individuell und (inter-)kulturell modifizierten Formen der sprachlichen und nonverbalen Auseinandersetzung, die das Werden des Menschen bestimmen. Die Fähigkeit zu sprechen und sich kommunikativ mit anderen Menschen auseinanderzusetzen und zu kommunizieren, basiert auf der anthropologischen, abendländischen Definition des Logos, der Sprache, wie es Aristoteles in seiner Metaphysica (λόγος) zum Ausdruck bringt und behauptet, dass nur der Mensch, über Logos verfüge, während Tiere lediglich eine Stimme (phônê) hätten (Aristoteles-Lexikon, 2005). Eine gelingende Kommunikation beruht auf Regeln, Werte- und Normenvorstellungen, die im kulturellen Kollektiv historisch entstanden sind und als Maßstab für ein gutes Leben gelten. Dort, wo ein Miteinander-Reden misslingt oder gestört ist, werden Grenzen überschritten. Beim individuellen und lokal- und global-kollektiven Dasein von Menschen sind Grenzen sowohl physische als auch psychische Zustände und Erfahrungen. „Eine Grenze überschreiten“ kann deshalb sowohl eine tatsächliche Tätigkeit und ein Ortswechsel, als auch eine intellektuelle Meinungs- und Verhaltensänderung sein. Mit dem Begriff „Grenzsituation“ bezeichnet der Philosoph Karl Jaspers die menschliche Situation, „in der das menschliche Dasein in seinem Wesen und seiner Verfasstheit ausdrücklich wird“ ( Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009, S. 284 ). Es ist die Vielfalt und die Interdependenz, dass Grenzen Mauern und Brücken sein können, zu trennen und zu verbinden in der Lage sind. Mit der Frage – „Wo, wie, warum ziehen wir unsere Grenzen?“ – gilt es, Grenzen zeitlich und räumlich, politisch, kulturell und symbolisch, materiell und geistig, psychologisch und philosophisch, disziplinär und interdisziplinär, individuell und kollektiv zu betrachten. Denn „Begrenztheit“ als existentieller Zustand[ii] und als evolutionäres Gewordensein[iii] ist der Normalzustand des menschlichen Seins. In den wissenschaftlichen, interdisziplinären Auseinandersetzungen kommt es darauf an,  den doppelten Charakter von Grenzgängen zu beachten:  Ist Freiheit dort, wo sie grenzenlos ist? Sind Grenzen Mauern oder Brücken? Ist Grenzüberschreitung Lust oder Last?[iv].

Wo stößt Kommunikation an Grenzen?

Und wie, wann und wo werden Grenzen von Kommunikation deutlich? Es gibt ja die beunruhigende und irritierende Erfahrung, dass  Menschen nicht ansprechbar sind. Dabei geht es zum einen um krankheitsbedingte Symptome, zum anderen um persönlichkeits- und psychologisch bedingte Einstellungen, die sich als Egozentrismus oder menschenfeindliche Einstellungen darstellen: „Ich bin mir selbst genug! Ich brauche keine anderen Menschen!“. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen der Kommunikation stellen sich als differenzierte, interdisziplinäre Herausforderungen dar.

Der Soziologe Jo Reichertz von der Universität Duisburg-Essen geht dies mit den Mitteln des „Kommunikativen Konstruktivismus“ an, der wissenschaftlichen Sozialtheorie nämlich, dass die Welt dort draußen nicht darauf wartet, entdeckt zu werden, sondern dass wir aufgefordert sind, sie Tag für Tag mit kommunikativen Aktivitäten neu zu schaffen. Dadurch ändere sich die Wirklichkeit tagtäglich und mit ihr auch die soziale Ordnung und die Normen und Werte, die unser Denken und Handeln bestimmen. Es ist somit der immer wieder geforderte, gegenwartsbestimmte und zukunftsorientierte Perspektivenwechsel, der schließlich auch zum Leitbild einer humanen, existentiellen und intellektuellen Kommunikation wird.

Es sind kommunikationssoziologische, kulturanthropologische, psychologische und mediale Zugänge zu der Auffassung: „Kommunikatives Handeln und Tun ist ein Handeln mit Zeichen … (und) der gesamte Prozess der Verständigung“. Grenzerfahrungen können zum einen als Defizit wahrgenommen,  zum anderen als Herausforderungen gelebt werden. Menschenwürdige Kommunikation ist ein „Werkzeug zur Handlungsabstimmung“. Wer kommuniziert, denkt! Damit sind Gedanken- und Meinungsaustausch grundlegende existenz- und identitätsbildende Lebensmittel. Kommunikatives Handeln bewegt sich somit im Mit- und Gegeneinander des menschlichen Zusammenlebens, was bedeutet, dass die Erweiterung immer auch den Begrenzungen des Wissens (und individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Lebens) gegenüber steht. Dort, wo Kommunikation gestört, be- und verhindert wird, braucht es der Analyse und Auseinandersetzung darüber, wie sozialtheoretisch und -praktisch der Brücken- und Verbindungscharakter der Kommunikation befördert und weiterentwickelt werden kann[v].

Fazit

Im demokratisch- rationalen und –emotionalen Bewusstsein und in der Überzeugung, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung die einzig mögliche Ausprägung für ein humanes Dasein auf der Erde ist, bedarf es des aktiven Eintretens für diese Regierungs- und Lebensform[vi]. Es kommt darauf an, Mut zum aktiven Widerstand gegen Gleichgültigkeit, Passivität und Fatalismus zu machen[vii]



[i] Klaus Vieweg, Hegel. Der Philosoph der Freiheit, C. H. Beck Verlag, 2020, 824 S.

[ii] Angela Janssen, Verletzbare  Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio  humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php 

[iii] Michael Tomasello, Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/...php

[iv] Barbara Kuhn/Ursula Winter, Grenzen. Annäherung an einen transdisziplinären Gegenstand, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25266.php

[v] Jo Reichertz, Grenzen der Kommunikation – Kommunikation an  den Grenzen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26175.php

[vi] Julian Nida-Rümelin, Die gefährdete Rationalität der Demokratie, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/26507.php; Till van Rahden, Demokratie. Eine gefährdete Lebensform, www.socialnet.de/rezensionen/25895.php

[vii] Heribert Prantl, Vom kleinen und großen Widerstand. Gedanken zu Zeit und Unzeit, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25281.php

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Regina-Maria Dackweiler, Alexandra Rau, Reinhild Schäfer (Hrsg.): Frauen und Armut - feministische Perspektiven. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 474 Seiten. ISBN 978-3-8474-2203-7.
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