Gläubig

von Dr. Jos Schnurer
09.11.2019

Alle Menschen sind gläubig. Nur muss das nicht zwingend etwas mit Religion zu tun haben. Sogenannte Ungläubige sind letztlich auch Gläubige, nur in einem anderen Sinne.

Der anthrôpos, das evolutionär entstandene Lebewesen, zeichnet sich dadurch aus, dass es human denken kann, in der Lage ist, Allgemeinurteile zu bilden und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermag. So jedenfalls ist die Jahrtausende alte, anthropologische Vorstellung des Menschseins im abendländischen, philosophischen Diskurs zu verstehen. In der aristotelischen Philosophie nimmt der Mensch eine Mittelstellung zwischen Theos, Gott, und Zoon, Tier, ein[i]. Diese, nach dem anthropologischen Verständnis ausgewiesene Einstellung wird als pistis (gr. πίστις), Gläubigkeit, Vertrauen, Überzeugung, Treue, als hosiotēs (gr. ὁσιότης), Heiligkeit und Göttlichkeit, als hosios (gr. ὅσιος), Gottgefälligkeit, Pflicht und als pisteuō (gr. πιστεύω), Frömmigkeit und Gewissenhaftigkeit im christlichen Kontext übernommen[ii].

Philosophisch betrachtet ist der Mensch als Individuum und als Menschheit darauf angewiesen, Wahrheit zu ergründen und sein Bewusstsein und Dasein darauf auszurichten, nach einem guten, gelingenden Leben zu streben. Dabei allerdings tut sich ein Dilemma auf: Dem Descart’schen  „Cogito ergo sum“, und dem Kantischen „Sapere aude“, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, wird  das „Credo, ergo sum“, Ich glaube, also bin ich,  gegenüber gestellt[iii]; der Schweizer Psychiater C. G. Jung (1875 – 1961) bekannte sich mit seinem  „Ich glaube nicht, ich weiß“ als Atheist; und der Oxforder Evolutionsbiologe Richard Dawkins argumentiert und zeigt aufwändig auf, „Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt“[iv]. Der streitbare Gründer der „Humanistischen Union“, Gerhard Szczesny (1918 – 2002) setzte sich mit seinem Buch „Die Zukunft des Unglaubens“ (1959) und der Streitschrift  „Das sogenannte Gute – Vom Unvermögen der Ideologen“ (1971) mit dem Recht auf „Glaubenslosigkeit“ auseinander. Der Atheist ist nur insofern ein „Ungläubiger“, als er den Ideologien der diktierten und überkommenen Weltanschauungen kritisch gegenübersteht; er ist ein „Gläubiger“ in dem Bewusstsein, dass der Mensch keine abstrakte, von Gott gemachte Idee ist, „sondern ein Wesen, das von einer ganz konkreten Situation geprägt wird“.

Der Jenenser Philosoph Wolfgang Welsch weist darauf hin, dass sich menschlicher Geist evolutionär entwickelt hat und nicht als das Alleinstellungsmerkmal des Humanums angesehen werden kann. Der Mensch ist kein Weltfremdling, auch kein Weltbesitzer, sondern ein Weltwesen: „Die evolutionär begründete Welthaftigkeit des Menschen“ zeigt sich darin, dass wir Menschen „grundlegend weltverbundene sowie weltinstruierte sowie zur Artikulation der Welt fähige Wesen sind. Der Mensch ist von innen her ein Wesen der Welt“[v]. Nehmen wir diese Kompetenz als Erkenntnisprozess, ist es jedem Menschen kraft seines Verstandes und seines Willens[vi] möglich, zu glauben oder nicht zu glauben. Die religiöse, ideologische und diktatorische Auffassung, dass ein Mensch, der nicht an einen (den einzig richtigen) Gott glaubt, ein Ungläubiger und Außenseiter sei, ist zutiefst unmenschlich! Weltanschaulich glauben ist nicht mehr und nicht weniger als eine Privatsache! 

Zôon politikon

Das menschliche, evolutionäre Lebewesen ordnet sich im lebensweltlichen und kosmischen Bewusstsein als Zôon politikon ein, das in Gegensatz zum Zôon, dem Tier, in seiner Existenz nicht nur existieren will, sondern nach einem guten, gelingenden, menschenwürdigen Leben strebt. Dies aber kann der Mensch nur erreichen, wenn er in Verantwortung mit den Mitmenschen und der Umwelt lebt. Glaubensangebote unterliegen deshalb immer der freien Entscheidung und müssen offen sein für Kritik[vii]. Eine der entscheidenden Grundlagen für Glaubensauseinandersetzung ist die Fähigkeit zur Toleranz. Das ist in den Zeiten von Intoleranz, von Ego-, Ethnozentrismus, Nationalismus, Rassismus und Fundamentalismus besonders gefordert. Die Philosophin Martha Nussbaum  weist darauf hin, dass Toleranz nicht auf den Boden von Ängstlichkeit, Abhängigkeit, Machtmissbrauch und Manipulation gedeihen kann, sondern es des „inneren Auges“ des Respekts bedarf, um der Bedeutung des Glaubens individuell und lokal- und globalgesellschaftlich gerecht werden zu können[viii].    

Meinung und Beeinflussung

Persönlichkeit und Identität entwickeln sich im Prozess der Menschwerdung, lebenslang. Sozialisation vollzieht sich im gesellschaftlichen Raum und wird wesentlich mitbestimmt von den sozialen Bedingungen, in denen Menschen aufwachsen. Es kommt darauf an, die Möglichkeiten „als Entfaltung seiner geistig-seelischen Anlagen, ferner als Ausformung seiner Moral und seines Gewissens, als Entwicklung seiner Urteilsfähigkeit und seiner Handlungskompetenz“ zu nutzen und wirksam werden zu lassen. Der Münsteraner Anthropologe und Pädagoge Johannes Schwarte nimmt die Gedanken zum Zusammenhang von Persönlichkeits- und Gesellschaftsentwicklung auf, die er in seinem 2002 erschienenem Buch „Der werdende Mensch“ thematisiert hat, und die er weiterdenkt. Mit dem Plädoyer für eine neue, ethisch-moralisch und demokratisch verantwortete Sozialpolitik durch Staat und Gesellschaft ruft er dazu auf, ein „Sozialisationsklima als wichtigen Gegenstand der politischen Gestaltung“ zu schaffen. Notwendig ist eine „anthropologische Aufklärung“ als Grundlage für Bewusstseinsbildung und Erziehung[ix].

Die Psychologin und Neurowissenschaftlerin von der University of London, Tali Sharot, setzt sich damit auseinander, wie Affekte, Emotionen und Rationalismen unsere Wahrnehmungen, unser Verhalten und unser Denken und Handeln beeinflussen. Sie verweist auf die durchaus belegbare Alltagserfahrung, dass bei der Suche nach Argumenten und Belegen im Kommunikationsprozess Informationsverzerrungen zustande kommen, die dazu beitragen, die eigene, vorgefasste Meinung zu bestätigen, unabhängig von Wahrheitsbeweisen. Sie rät, nicht mit aller Macht den Anderen durch Beweise überzeugen zu wollen, sondern im Kommunikationsprozess gemeinsame Motive zu suchen, und so (vielleicht) Einflussnahme zu erreichen. In den privaten, wie in den gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen kommt den Zaubermitteln „Sympathie“ im Gegensatz zur „Antipathie“, der „Empathie“ und der „Emotion“ eine große Bedeutung zu. Diese Gefühle spiegeln sich in unserem Gehirn. Dass diese Gehirnfunktionen (im Allgemeinen) bei Menschen in gleicher oder zumindest ähnlicher Weise ablaufen ist eine aufregende Entdeckung: „Wir neigen dazu, uns das ganze Leben auf unsere Unterschiede zu konzentrieren (…). Wir vergessen dabei, dass bei allen Menschen (…) das Gehirn sehr ähnlich organisiert ist und auf dieselbe Stimulation sehr ähnlich reagieren wird“. Es ist die Erkenntnis, dass Wissen nicht nur einen intellektuellen Mehrwert schafft, sondern auch Sicherheit, Selbstbewusstsein und Zuversicht bringen kann: „Unter ansonsten gleichen Umständen streben wir (…) nach Informationen, die uns eine positive Gefühlslage bescheren“[x].

Du sollst dir (k)ein Bild machen

Bilder können, das ist keine Neuigkeit und auch keine sensationelle Entdeckung, Wirklichkeiten abbilden, Visionen aufzeigen, Illusionen bewirken, also Realitäten oder Zerrbilder spiegeln. Sie können führen und verführen; und sie sind Ein- und Ausgang des Lebens[xi]. Glaubensbekenntnisse können sichtbar und hörbar sein. Sie drängen in die Öffentlichkeit; aber sie können auch im Verborgenen wirken. Besonders die etablierten, institutionalisierten und verfassten Religionsgemeinschaften präsentieren sich in Kultstätten: Kathedralen, Kirchen,  Tempeln, Moscheen, Synagogen, Türmen, Himmelstreppen, sakralen Höhlen, Bergen, Seen… Das „Heilige“ wird sichtbar und erfahrbar. Die aktuellen, lokalen und globalen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungsprozesse bewirken eine neue, mediale Sichtbarkeit der Religionen. Sie zeigt sich im Selbstbewusstsein der Gläubigen, wie auch in deren Unsicherheiten, bis hin zu Formen von Bedeutungslosigkeit; sie drückt sich aus in existentiellen Halteseilen, wie auch in fundamentalistischen Ansprüchen. Bedeutsam sind dabei die Bilder und Symbole, die von einer Religionsgemeinschaft benutzt und ausgesendet werden. Die Berliner Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin Tanja Maier fragt nach den Sichtbarkeiten und Unsichtbarkeiten, den Ansprüchen und Motiven von Religionsgemeinschaften. Sie verdeutlicht die öffentlichen Darstellungen am Beispiel von historischen und aktuellen christlich-religiösen Bildern, wie sie in den populären Print- und virtuellen Medien präsent sind. In ihrer Analyse wird die Intensivierung und Alltagsnutzung der in den Medien präsenten religiösen Bilder und Symbole erkennbar, wie auch die Zugangs-, Aufmerksamkeits- und Nutzungsmöglichkeiten informativ wie manipulativ wirksam werden können[xii].

Fazit

Ungläubigkeit gibt es nicht! Jeder Mensch ist ein Denkwesen. Er ist Existenz und Selbst! Die Anerkennung seiner Individualität und Sozialität ist Voraussetzung für seine Conditio Humana. Er ist darauf angewiesen, dass sein humanes Denken und Handeln als Bestandteil des Menschheitsbewusstseins wahrgenommen wird[xiii]. Religiös Denken kann nur dann als wünschenswerte und konstitutionelle Haltung akzeptiert werden, wenn es interreligiös angelegt ist. Dann nämlich braucht es keinen Alleinvertretungsanspruch und keine Wahrheitsvergewaltigung. Interkulturelle und interweltanschauliche Kompetenzen sind der Maßstab, mit dem auch religiöse Einstellungen gemessen und gehandhabt werden können!



[i] Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, 640 S.

[ii] http://www.amen-online.de/bibel/wortschatz/pistis.html

[iii] Edgar Sommer, …, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/5192.php

[iv] Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2007, 575 S.

[v] Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14323.php

[vi] Joachim Bauer, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18891.php

[vii] Maxi Berger / Tobias Reichardt / Michael Städtler, Hrsg., „Der Geist geistloser Zustände. Religionskritik und Gesellschaftstheorie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13711.php

[viii] Martha Nussbaum, Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angat,m 20^14, www.socialnet.de/rezensionen/18020.php

[ix] Johannes Schwarte, Die Plastizität des Menschen. Ergebnisoffenheit und Beeinflussbarkeit der Persönlichkeitsentwicklung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20282.php

[x] Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22651.php

[xi] Michael R. Müller / Hans-Georg Soeffner, Hrsg., Das Bild als soziologisches Problem. Herausforderungen einer Theorie visueller Sozialkommunikation, 2019, www.socialnet.de/rezensionen25022.php  

[xii] Tanja Maier, Die (un)sichtbare Religion. Wandel des christlichen Bilderrepertoires in der visuellen Kultur, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25328.php

[xiii] Christine Kranz / Ulrike Stamm, Hrsg., Anerkennung und Diversität, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25033.php