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Geben ist besser als nehmen. Die Welt ist Allgemeingut

Dr. Jos Schnurer

31.01.2019

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Der anthrôpos, der Mensch, ist ein Lebewesen, das im privaten und gesellschaftlichen Leben großgesinnt und großmütig ist. In der antiken Philosophie des Aristoteles wird „megalopsychia“ als die Tugend bezeichnet, die bei den Seins- und Verhaltenswerten eine übergeordnete Bedeutung zugesprochen wird: „Wer diese Tugend besitzt, konzentriert sich im Bewusstsein des eigenen Wertes auf weniges, aber Bedeutsames, liebt mehr die an sich guten Dinge als jene, die Gewinn und Nutzen einbringen, und verhält sich deshalb in Bezug auf Reichtum und Macht maßvoll“[i]. In allen Religionen und Weltanschauungen wird die Großzügigkeit und Bereitschaft, bedürftigen Menschen zu helfen, als Nächstenliebe bezeichnet. Die Aufforderung, Gutes zu tun, korrespondiert mit der Erfahrung, beim Geben auch (Selbst-)Zufriedenheit und (Selbst-)Achtung zurück zu bekommen. Als die ersten deutschen Entwicklungshelfer aus ihren humanitären und entwicklungspolitischen Einsätzen aus Afrika, Lateinamerika und Südostasien zurückkehrten und über ihre Erfahrungen berichteten, stand meist im Vordergrund, dass  „Entwicklungshilfe“ mehr ist als Caritas, und „Etwas geben – viel nehmen“ bedeutet[ii].

Das Anliegen des Psychoanalytikers  Erich Fromm (1900 – 1980) war die Frage: „Wer ist der Mensch?“. In seiner bekanntesten Schrift „Haben oder Sein“ stellt er fest: „Die neue Gesellschaft und der neue Mensch werden nur Wirklichkeit werden, wenn die alten Motivationen – Profit und Macht – durch neue ersetzt werden: Sein, Teilen, Verstehen“[iii].  Diese vor fast einem halben Jahrhundert formulierten hoffnungsvollen und visionären Analysen haben heute nichts von ihrer Aussagekraft eingebüßt; ja, man wird sagen müssen: In den Zeiten des lokalen und globalen ego-, ethnozentrierten, nationalistischen, rassistischen und populistischen Denkens und Handelns sind diese Visionen notwendiger denn je!  

Teilen ist mehr wert

Es war die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften Elenor Ostrom, die dazu aufrief, dass mehr wird, wenn wir teilen. Sie verwies darauf, dass die Menschheit endlich begreifen müsse, dass  die Welt Allgemeingut ist. Sie warnte davor, die Lebensgrundlagen der Menschen auf der Erde nicht den kapitalistischen Kräften und Mächten zu übereignen. Sie zeigte auf, mit  welchen politisch-strategischen und gesellschaftlichen Strategien der Teufelskreis unterbrochen werden könne, dass lokal und global die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer  werden. Es komme darauf an, die ökonomische Wachstumsspirale zu beenden und sich an das Allmende-Denken und –Handeln zu erinnern[iv]. Sie knüpft damit an die bereits 1972 von Wissenschaftlern des Massachusets Institute of Technolify (MIT) geäußerten Warnungen an, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien[v], und an die Appelle der  Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, im Denken und Handeln vom „business as usual“ weg- und hinzukommen zu einer tragfähigen Entwicklung[vi]. Es geht um den Perspektivenwechsel hin zu einem nachhaltigen Leben in allen Bereichen des menschlichen, erdbewussten und kosmischen Lebens[vii], und zu einen befreienden Postwachstums-Bewusstsein[viii].

Ist der Mensch ein empathisches und altruistisches Lebewesen?

Seit Jahrtausenden treibt die Menschen die Fragen um, ob der anthrôpos ein egoistisches oder empathisches, ein lamm- oder wolfsähnliches, ein freund- oder feindschaftliches Lebewesen ist. Exempel für die eine wie für die andere Version gibt es in der Menschheitsgeschichte zuhauf. „Die Vorstellungen der Menschen über das moralisch Richtige und Falsche sind schon immer Gegenstand von Revisionen und Neuartikulationen gewesen“ [ix].  Bene vivere, euzôia, das gute Leben, wird seit der antiken, anthropologischen Lebenslehre als das existentielle Ziel des anthrôpos, des Menschen, bezeichnet. Eu zên, gut leben, gilt als die Fähigkeit, danach zu streben, im Leben der Menschen mehr als das Notwendigste, nämlich ein sittlich gutes und autarkes Leben zu erreichen. Damit wird ein Ziel angestrebt, das sowohl dafür eintritt, dass jeder Mensch auf der Erde in der Lage ist, seine Grundbedürfnisse zu erfüllen[x], als sich auch in Wertvorstellungen und Haltungen wie Nächstenliebe, Fernstenliebe, Empathie, Agape, Solidarität…  zu üben.  Die Tugend „Altruismus“  wird als selbstloses, uneigennütziges, nichtegoistisches und auf den Anderen bezogenes Denken und Handeln bezeichnet. Der australische Philosoph und Ethiker Peter Singer gilt als Vertreter des Utilitarismus, Das utilitaristische Grundprinzip lautet: „Handle so, dass die Folgen deiner Handlung bzw. Handlungsregeln für das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind“. Es wird also nach utilitas, dem Nutzen einer guten Handlung gefragt. Probleme zeigen sich bei der Frage, wie individueller und kollektiver Nutzen zu werten sind, weshalb sich im philosophischen und ethischen Diskurs verschiedene Varianten und Theorien dieser moralischen Grundposition entwickelt haben; etwa der Präferenzutilitarismus, der nicht, wie die klassische Form nach dem individuellen Glücksempfinden von Individuen, sondern nach deren Interessen und Wünschen fragt. Er benutzt diese Position in seinem Buch „The Most Good You Can Do“, indem er für „Effektiven Altruismus“ eintritt und fordert, „den maximalen Nutzen des eigenen Handelns zu ermitteln, für die Ärmsten der Welt“[xi]. Der britische Philosoph William MacAskill von der Oxford University nimmt diese Gedanken auf und fragt: „Wie kann ich am meisten bewirken und der größtmöglichen Zahl von Menschen zu einem besseren Leben verhelfen?“. Dabei geht er mit den Mitteln und Möglichkeiten des Big Data, der experimentellen Feldforschung, naturwissenschaftlichen Kontrollverfahren und den Informationen, wie sie leistungsfähige Rechner zur Verfügung stellen den Fragen nach, wie kalkuliert und effektiv gemeinnützig gedacht, gehandelt und gelebt werden kann. Er kommt zu dem Ergebnis, dass es bei der lobenswerten Einstellung, Gutes zu tun, darauf ankomme, Herz und Verstand einzusetzen, und dabei Opfer- und Gebebereitschaft zu verbinden mit dem guten Gefühl, dass durch effektives Geben das eigene Wohlbefinden nicht beeinträchtigt, sondern sogar gestärkt und befriedigt wird. Er geht dabei ans Eingemachte wenn er feststellt:  „Wer im Jahr mehr als 34.000 EUR verdient, gehört zum reichsten Prozent der Weltbürger“. Damit ermutigt er nicht nur die Millionäre und Milliardäre, sondern viele, viele Menschen auf der Erde; und sogar diejenigen, die weniger Einkommen haben, etwa 16.000 Dollar im Jahr („wie ich“, wie er bekennt) zu begreifen, dass „Sie zu den reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung zählen“. Damit wird der Anspruch zu teilen nicht zur Almosengabe, auch nicht zur kalkulierten Imagepflege oder Steuerentlastung, sondern zur humanitären, selbstverständlichen Verpflichtung.  Diese Herausforderung freilich darf sich nicht, so MacAskill, auf die rührigsten und öffentlichkeitswirksamsten (Hilfs-)Organisationen  fokussieren; vielmehr bedarf es des eigenen, individuellen und gesellschaftlichen Bemühens, die Spenden- und Förderungswürdigkeit  von Einrichtungen auf Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Kosten- und Nachweiswirksamkeit  zu prüfen. Auf die  Frage, wie man am wirksamsten ein „effektiver Altruist“ werden kann, gibt er vier Antworten:

  • Machen Sie es sich zur Gewohnheit, regelmäßig zu spenden!
  • Machen Sie sich einen Plan dazu, wie Sie den effektiven Altruismus zu einem Bestandteil Ihres Lebens machen werden!
  • Schließen Sie sich der Gemeinschaft der effektiven Altruisten an!
  • Erzählen Sie anderen vom effektiven Altruismus! [xii]

 „Man kann nicht jedem etwas geben“

Es ist die eher hilflose und entlastende Feststellung, dass man nicht jedem Menschen, der in seiner Umgebung die Hand aufhält und um finanzielle Hilfe bittet, also z. B. jedem Bettler oder jeder Bettlerin, etwas Geld geben, die  auf der scheinbaren Logik gründet, als Einzelner  nicht die Not und das Leid der Welt beheben könne; natürlich nicht. Dass aber hinter dieser anscheinenden Wirklichkeit oftmals nur eine Ausrede steckt und ein Gefühl vermittelt wird, die Wand der Ungerechtigkeiten in der Welt nicht übersteigen zu können und dass es ganz sinnlos sei, dies auch nur versuchen zu wollen, widerlegt die Leipziger Journalistin und Autorin Valerie Schönjan mit der Aussage, dass sie beschlossen habe, jedem Bettler, dem sie begegnet, etwas Geld zu geben[xiii].  Sie schildert (und provoziert), wie sie in ihrer Erziehung und in ihrem Umfeld die genannte Überzeugung, dass man nicht jedem etwas geben könne, selbst geglaubt und als nicht hinterfragbar betrachtet habe, und wie sie schließlich zu der Überzeugung kam, diese Einstellung in Frage zu stellen. Sie denkt darüber nach, dass die Annahme, es kämen plötzlich alle 52.000 Obdachlose, die nach Schätzung der „Bundesarbeitsgemeinschaft Obdachlosenhilfe in Deutschland“ auf der Straße leben, auf sie zu und hielten die Hand auf, absurd und unlogisch sei; es wären vielmehr nur wenige Einzelne, die sie wahrnehmen würde; dass es also ein vorgeschobenes Stereotyp sei, jedem helfen zu sollen.  Es seien immer nur Einzelne mit je eigenen Lebensläufen und Schicksalen, die auf der Straße, vor dem Supermarkt, in der U-Bahn…  nach ein bisschen Geld betteln. Ihren Entschluss, jedem der sie anbettelt etwas Geld zu geben, 50 Cent vielleicht, oder auch einen Euro, bestätigt sie mit der Feststellung, dass sie dadurch nicht ärmer geworden sei:  „Ich habe in der Woche neun Leuten insgesamt 3,80 Euro gegeben – und damit gerade mal auf ein bisschen mehr als eine Sechserpackung McNuggets verzichtet“.  Sie lässt auch den Einwand nicht gelten: „Sie versaufen das doch sowieso nur!“ – denn: „Schnaps kaufen ist kein Verbrechen, und für viele die einzige Möglichkeit, das Leben auf der Straße zu ertragen“. Diese Reflexionen und dieser Standpunkt haben mich zum Nachdenken gebracht! Und ich stimme der Autorin zu: „Da bittet ein Mensch um Hilfe. Und deswegen hilft man ihm“. Das sollte  eine Selbstverständlichkeit sein: „Man muss dafür samstags nicht früher aufstehen,  keinen Verein beitreten, man muss keinen Urlaub opfern und keinen Newsletter abonnieren, man muss nur sein Portemonnaie zücken“.

Ein Einwand jedoch sei erlaubt: Immer dann, wenn Anzeichen  und Darstellungen von Armut und Not missbraucht werden, etwa wenn kriminelle Banden und Abhängigkeitsstrukturen ins Spiel kommen, um organisiert und geschult betteln, sollte persönliche und staatliche Aufmerksamkeit wirksam werden. Denn hier wird die Hilfesuche zum Betrug und damit Empathie und Hilfsbereitschaft ausgehebelt.

Fazit

Auch wenn die Forderung, dass die Menschen ihren Lebensraum nicht als egoistische Inbesitznahme, sondern als Allmende, Allgemeingut, begreifen müssen, eher utopisch und unrealistisch eingeschätzt  wird, braucht es die Zuversicht, dass die Menschheit sich endlich darauf besinnt, ein gutes, gelingendes und gerechtes Leben für alle antrôpoi sicherzustellen. Empathisches und altruistisches Denken und Handeln sind dafür die Motive und Instrumente. 



[i] Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Alfred Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S. 338

[ii] Siegfried Pater, Hrsg., Etwas geben – viel nehmen, 1979, 112 S.; sowie ders., Abenteuer Gerechtigkeit. In einem halben Jahrhundert um die Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/16848.php

[iii] Erich Fromm, Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, Stuttgart 1976, S. 197

[iv] Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2005, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php

[v] Dennis I. Meadows, u.a., Die Grenzen des Wachstums, Stuttgart, 183 S.

[vi] Volker Hauff, Hrsg., Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven 1987, 421 S.

[vii] Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9284.php

[viii] Reiner Klingholz, Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16526.php

[ix] Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung. Was wir Menschen in extremer Armut schulden, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21228.php

[x] vgl. z. B. dazu auch die „Bedürfnispyramide“, wie sie von Maslow entwickelt wurde, Abraham H. Maslow, Jeder Mensch ist ein Mystiker. Impulse für die seelische Ganzwerdung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16223.php

[xi] Peter Singer, Effektiver Altruismus. Eine Anleitung zum ethischen Leben, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20649.php

[xii] William MacAskill, Gutes besser tun. Wie wir mit effektivem Altruismus die Welt verändern können, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20648.php

[xiii] Valerie Schönjan, „Seit ich beschlossen habe, jedem etwas zu geben, bin ich nicht arm geworden. Aber ich beginne Menschen zu sehen, die ich früher krampfhaft ignoriert habe“, in: DIE ZEIT, Nr. 3. Vom 10. Januar 2019, S. 52

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Olaf Dörner, Peter Loos, Burkhard Schäffer u.a. (Hrsg.): Dokumentarische Methode. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2019. 154 Seiten. ISBN 978-3-8474-2074-3.
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