Freie Zeit und neue Rolle
Anfang Oktober fragte unsere Teamleitung ob ich sie für drei Wochen vertreten möchte, während sie in Urlaub ist. Ich war ziemlich überrascht, weil ich ja gerade meine Stunden reduziert hatte und die Frage sehr kurzfristig kam. Meine Freundin meinte, das Vertretungsangebot sei ein Zeichen der Wertschätzung. Es sei ja bekannt, dass ich eine Abwechslung suche. Außerdem wussten alle von meiner Bewerbung für die Kitasozialarbeit, und es sei offensichtlich, dass sie mich in den ambulanten Erziehungshilfen halten möchten. Dass ich schon im Kennenlerngespräch in der Kita merkte, dass ich da nicht hineinpasse, habe ich in unserem Team noch nicht erzählt.
Eine Woche Vertretung habe ich nun schon gemacht, und es war gleich viel los. Drei Fallanfragen kamen herein, und eine rasche Bearbeitung war gar nicht möglich, weil zwei Fachkräfte in Urlaub waren. Ein Fall, der schnell besetzt werden sollte, ging also an einen anderen Träger. Die beiden anderen sind nicht so eilig, und da wurde konkret die Familientherapeutin angefragt. Einen Abschlussbericht habe ich gegengelesen und mit freundlichen Kommentaren an die Kollegin versehen. Und die erste Teamsitzung ohne Leitung lief auch gut. Ich fühlte mich von den Kolleg*innen sehr unterstützt, nur bei Sarah war irgendetwas komisch. Ich glaube, sie hätte auch gern die Vertretung gemacht.
Nun habe ich im Oktober genauso viel gearbeitet wie vor der Stundenabsenkung, und ich werde mit Überstundenguthaben in den November gehen. Trotzdem hatte ich viel freie Zeit, die ich auch gut nutzen konnte. Eine kurzfristige Terminabsage kam mir sehr gelegen, weil ich zu einer Lesung gehen konnte. Der Autor ist auch Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeut, und es war eine Wohltat ihn zu sehen und zu hören, weil er so frisch und fröhlich ist. Er hat schon viele Geschichten veröffentlicht und kann schwierige Themen mit Leichtigkeit präsentieren. Sein neuestes Buch handelt von einer ganz besonderen Handelsbeziehung zwischen der DDR und Afghanistan, und es soll verfilmt werden, hat er gesagt. Darauf freue ich mich jetzt schon.
Mit den Kindern und Jugendlichen aus den ambulanten Hilfen haben wir einige Angebote der Bibliothek und des Stadtteilzentrums genutzt. Es gab Makerspaces, und ich musste erst einmal nachschauen was das bedeutet. Lernwerkstätten sind es, in denen konnten Roboter gebaut und der Umgang mit künstlicher Intelligenz geübt werden. Im Eingangsbereich stand eine Wunschbox, in die man Ideen für weitere Veranstaltungen abgeben konnte, und ich schlug vor, dass es Veranstaltungen zu Sicherheit im Netz geben soll, für Eltern und Kinder gemeinsam. Viele Väter und Mütter, mit denen wir arbeiten, wissen gar nicht was ihre Kinder so machen im world wide web und auch nicht, was sie mit sich machen lassen. So einige der Jungs und Mädchen sind bei socialmedia angemeldet obwohl sie noch unter der vorgegebenen Altersgrenze liegen.
Mit Anna hatte ich zwei Einzeltermine verabredet. Im ersten erzählte sie mir, dass sie sich um ihre Eltern Sorgen macht. Der Vater habe 10 Tage lang eine Grippe gehabt, und die Mutter arbeite viel. Anna hat Sorge, dass die Mutter wieder in ein Burnout hineinsteuert. Sie selbst hat auch wieder abgenommen, und sie möchte nicht mehr zum Praktikum aufs Land, weil sie denkt, sie müsse da sein, falls die Eltern sie brauchen. Den zweiten Termin hat sie abgesagt. Sie schrieb, dass sie sich kurzfristig für ein Kunstprojekt zum Thema „Das Stadtbild" angemeldet hat. Dafür sei ein Fotospaziergang angesetzt, von dem sie mir dann auch zwei Bilder aufs Diensthandy schickte. Die Textnachricht dazu lautete: Die Perspektive der Töchter aufs Stadtbild. Ich habe mich darüber sehr gefreut, denn das zeigt ja, dass sie aktiv bleibt und eigenen Interessen nachgeht, trotz ihrer Sorge um die Gesundheit der Eltern.
Ihre Katja Änderlich*
*Pseudonym der Autorin




