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Ersthausbesuch – der letzte, vielleicht?

05.06.2026

Ich habe wieder eine sozialpädagogische Familienhilfe angenommen. Die Kollegin vom Jugendamt hat ausdrücklich mich gefragt, ob ich Kapazitäten habe, und ich war geschmeichelt. Meine Freundin Julia grinst, als ich ihr das erzähle: „Immer noch so hungrig nach Anerkennung? Ich dachte, du willst weniger machen.“ Naja, ich weiß, ich war schon mal besser in Abgrenzung und Selbstfürsorge, und vielleicht hätte ich mir Bedenkzeit einräumen sollen, aber die Anfrage kam von einer Kollegin, die ich sehr schätze und mit der ich schon in einigen schwierigen Hilfen eine wirklich gute Kooperation hatte. Und: Es geht um Themen, mit denen ich mich gut auskenne. Und: Es geht um eine Mutter, die die Hilfe wirklich will und die sich selbst ans Jugendamt gewendet hat, als sie nicht mehr weiterwusste.  

Frau K. ist Mutter von drei Kindern im Alter von 7, 12 und 18 Jahren. Nora, die Älteste, wird wohl bald ausziehen, in eine begleitete Wohnform; dabei wird sie von ihrer Erziehungsbeiständin unterstützt. Diese Erziehungsbeiständin hatte auch die Idee, dass eine weitere ambulante Hilfe eingesetzt werden soll, um die Familie zu begleiten. Die Kollegin hatte in den letzten Monaten immer mehr Aufgaben übernommen, die eigentlich nicht in ihren Bereich fielen, und Nora fühlte sich übersehen und schien zu entgleiten.  

Der Vater des mittleren Kindes hatte sich nach vielen Jahren wieder gemeldet und forderte sein Umgangsrecht ein. Trennungsgrund damals war häusliche Gewalt. Nun hat Frau K. wieder Schlafstörungen und bekommt Angst, wenn ihr auf der Straße jemand entgegenkommt, dessen Statur sie an den Ex-Partner erinnert. Der Vater des jüngsten Kindes ist vor einem halben Jahr an einer Krebserkrankung gestorben. Die Trauer macht sie zusätzlich dünnhäutig, eine therapeutische Hilfe lehnte Frau K. ab: „Ich bin doch nicht verrückt.“ Auf eine weitere Jugendhilfe will sie sich jedoch einlassen, damit hat sie gute Erfahrungen gemacht.

Ich mache den Ersthausbesuch mit der Erziehungsbeiständin gemeinsam, damit wir gleich die Aufgaben aufteilen können und als Hilfeteam auftreten. Nora ist froh, dass sie ihre Fachkraft bald wieder für sich allein hat; die anderen beiden Kinder sind ein wenig eifersüchtig. Sie fragen, ob sie sich die zweite Helferin, also mich, nun mit ihrer Mutter teilen sollen. Lieber wäre es ihnen, wenn sie auch jeweils eine eigene Ansprechperson hätten, und ich kann den Wunsch gut verstehen.  

Die Familie wohnt beengt. Der 7-jährige und seine 12-jährige Schwester teilen sich ein Zimmer. Einerseits freuen sie sich, wenn Nora bald raus ist, weil sie dann Platz haben, andererseits vermissen sie die große Schwester schon jetzt. Sie ist immer da gewesen, wenn die Mama mal weg war. Frau K. hat im Schichtdienst gearbeitet. Wegen der vielen Probleme wurde sie erst krank und dann arbeitslos, jetzt sucht sie wieder eine Arbeitsstelle und hofft auf eine Maßnahme vom Jobcenter.

Es hatte keine Hilfekonferenz im Jugendamt gegeben, und so lerne ich Frau K. und ihre Kinder erst beim Ersthausbesuch kennen. Ich treffe auf eine motivierte Familie, eine freundliche Mutter und neugierige Kinder. Doch als ich auf der Couch Platz nehme, denke ich: Das will ich nicht mehr! Ich möchte nicht mehr auf den Schlafsofas sitzen – auch der Geruch ist mir unangenehm, es riecht stechend nach Schweiß.

Ich denke, ich kann hier nur arbeiten, wenn ich mich gut dabei fühle. Wenn ich ungern komme – das merkt doch die Mutter; und die Kinder sind auch hellwach und sensibel. Immerhin gelingt es uns im ersten Termin, die vielen miteinander verwobenen Problematiken zu benennen. Es geht um die Trauerbegleitung des Jungen, Klärung des Umgangsrechts und Schutz vor Gewalt. Genau damit werden wir zum Jugendamt gehen, die Hilfekonferenz nachholen und konkrete nächste Schritte absprechen. Eine Familienhilfe braucht klare Aufträge – und vielleicht ist ja eine andere Hilfeform oder mehrere Hilfen, die jeweils auf die konkreten Bedarfe abgestimmt sind, viel besser geeignet, als eine sozialpädagogische Familienhilfe. 

Ihre Katja Änderlich