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Einsamkeit: Politisch und gesellschaftlich herausfordernd

Dr. Jos Schnurer

29.05.2018

Eine bunte Collage mit Bildern und Worten zum Thema Einsamkeit Collage: Dr. Jos Schnurer
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Im individuellen und gesellschaftlichen Leben der Menschen gilt Einsamkeit als ein Gefühl und eine Empfindung von Getrenntheit und Abgeschiedenheit von der menschlichen Kommunikation und Zusammengehörigkeit.

Es wird etwas vermisst, was als notwendige und erwünschte Eigenschaft zum Menschsein gehört. Das Individuum ist nur als zôon koinônicon in der Lage und fähig, ein gutes, gelingendes Leben zu führen, wie dies in der aristotelischen, eudemischen Ethik zum Ausdruck kommt. "Einsamkeit“ wird vielfach als individuelle und soziale Isolation verstanden, als klinisch-psychologisches Problem behandelt und als innere Leere diagnostiziert. Zahlreiche Ratgeber und Therapien wollen dieses „Übel“ bekämpfen[1]. Diesen negativen Zuschreibungen stehen andererseits aber auch positive Einschätzungen gegenüber: Eine „schöpferische Einsamkeit“ kann Kunstwerke hervorbringen; Alleinsein, örtliche Abgeschiedenheit, Eremiten-, Aussteigertum und „Auszeit“  können zu einem Perspektivenwechsel und zu neuen Denk- und Lebenseinstellungen beitragen. Rückzug aus der Hektik und den nicht selten selbstgemachten, alltäglichen Anforderungen kann geistige Aktivität und Selbstbesinnung bewirken.          

1000 Freunde und keine

Die scheinbar offenen Türen und Tore der sozialen Netzwerke suggerieren, dass Menschen heute nicht mehr einsam sein müssen. Der User hat jederzeit und überall die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und Begegnungen zu arrangieren. Doch dort, wo „1.000 Freunde“ sind, ist meist keine Freundschaft und Zuwendung, sondern Unverbindlichkeit und Oberflächlichkeit[2]. Immer deutlicher und drängender zeigt sich dabei, dass die sozialen Netzwerke (in diesem Zusammenhang eine falsche und irreführende Benennung) „wie ein Brutkasten für negative Emotionen, für Wut und Hass (wirken)“[3]. Es gilt, sich auf die Suche nach “Commons“, gemeinwohl-, gemeingut- und gemeinnützig orientierten Einstellungen zu machen und einen Kontrapunkt zu gemeinschaftsschädigenden Einsamkeitsgefühlen zu setzen[4]. Um Gefühle und Einstellungen von Gemeinsamkeit zu bewirken, braucht es Empathie. Die Tugend, sich in das Dasein, Denken und Handeln von anderen Menschen hineinversetzen zu können, mit dem Ziel, das Anderssein des Anderen als ein Stück des Selbstseins zu begreifen, fällt nicht vom Himmel und ist den Menschen auch nicht in die Gene gepflanzt; vielmehr erfordert sie ein stetiges, lebenslanges Bemühen, das wir als Lebens-Lernen bezeichnen. 

In einem humanen, gerechten, friedlichen und demokratischen Miteinander der Menschen kommt es darauf an, dass ethische Regeln und Vereinbarungen getroffen werden, wie ein gutes, menschenwürdiges Leben für alle Menschen möglich wird. Staatliches und gemeinnütziges Handeln ist gefordert. Kürzlich wurde in Großbritannien im Rahmen des offiziellen Regierungshandelns die ministerielle Aufgabe eingeführt, der wachsenden Entwicklung entgegen zu treten, dass sich im Land mehr als neun Millionen Menschen einsam und isoliert fühlen. Das ist beinahe jeder siebte Einwohner. Auch in der Bundesrepublik Deutschland werden Stimmen laut, der krankmachenden, gemeinschafts- und identitätsschädigenden Einsamkeit der Menschen gemeinschaftsbildende Maßnahmen entgegen zu setzen. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach macht darauf aufmerksam, dass einsame Menschen über 60 erheblich früher stürben und dementer würden als gesellige Gleichaltrige. Der CDU-Politiker Marcus Weinberg tritt für "eine Enttabuisierung" des Themas Einsamkeit ein. Der Diakonie-Präsident Ulrich Lilie forderte mehr politisches und gesellschaftliches Engagement gegen Einsamkeit und schlägt ein Bündnis aus Politik und gesellschaftlichen Gruppen, wie Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Sportvereinen und kulturellen Einrichtungen vor. "Einsame Leute wieder in die Gesellschaft zu holen, ist eine Aufgabe, die man nicht einfach kommerziellen Anbietern wie Facebook oder Partnerschaftsbörsen überlassen darf". In der soziologischen und Sozialforschung ist längst nachgewiesen, dass Armut und Vereinsamung zusammenhängen. Die gesellschaftspolitischen Analysen weisen auf, dass Einsamkeit auch negative Einstellungen und Verhaltensweisen erzeugen, die sich im Ohne-Mich- und Protestverhalten artikulieren. Die Psychologin von der Ruhr-Universität Bochum hat in einer Studie ermittelt, dass sich in Deutschland jeder fünfte über 85jährige einsam fühlt, bei den 45- bis 65jährigen sei es immerhin jeder siebte. Sie stellt darüber hinaus fest: "Es gibt keine Altersgruppe, in der sich Menschen nicht einsam fühlen", und sie warnt vor diesen gesellschaftlichen Teufelskreis[5].

Ruhe und Gelassenheit vertreiben Einsamkeit?

Ruhe und Unruhe sind Gegensätze. Sie stellen sich im menschlichen Dasein als Bewegungslosigkeit und Bewegung dar, physisch und psychisch. Bereits in der antiken griechischen Philosophie kommt der stasis, der Ruhe, als akinêsia, Bewegungslosigkeit, erêmia“, als solitude, Einsamkeit, Sammlung, Meditation, im Gegenteil zu akinêsia, Bewegung, metabolê, Veränderung, eine existenzielle Bedeutung zu. Im aktuellen philosophischen Diskurs wird der Eigenschaft, Ruhe zu bewahren, in sich gehen, Gleichmut, Ausgeglichenheit, Gefasstheit, Selbstkontrolle, Zurückhaltung, Gelassenheit… eine besondere Form der Lebensführung und Lebenskraft zugeschrieben: „Wenn Wissen und Gelassenheit sich ergänzen, bilden sich Harmonie und Ordnung“[6]. Der Wunschvorstellung, gelassen zu sein und in Ruhe zu leben, stehen im existentiellen Alltag oft genug Wirklichkeiten und Zwänge entgegen, die Unruhe, Hektik, Stress, Getriebensein und Überforderung bewirken. So wie bei der Betrachtung der Eigenschaft „Einsamkeit“ ermöglicht auch die Interpretation der Begriffe „Ruhe“ und „Gelassenheit“ positive und negative Auslegungen, nämlich der „Unruhe (als) ein Daseinsgefühl, eine Welt voller Phantasien, voller Verheißungen und Pläne“. Damit wird auf eine menschliche Fähigkeit verwiesen, die eben nicht Stillstand und Beharren auf Bestehendem meint, sondern die Wandlungs- und Veränderungskompetenz des Menschen in den Vordergrund rückt. Der Kieler Philosoph Ralf Konersmann richtet seinen Blick auf eben diesen „blinden Fleck“, der „Unruhe“ als eine zu überwindende, dem menschlichen Dasein schädliche
(Un-)Tugend zum Ausdruck bringt. Es geht ihm darum, auf die vielfältigen Diskrepanzen aufmerksam zu machen, die sich beim Denken und Tun als Gegensätze darstellen und damit entweder von vornherein positiv oder negativ konnotiert werden: „Der Anspruch einer solchen Vergewisserung zielt weniger auf die Richtigstellung des vermeintlich Abwegigen oder Falschen als auf die Ermittlung dessen, wer wir… selber sind, die wir durch unsere besondere, unsere eigene Art des Sprechens, des Denkens und Verhaltens für uns selbst und für andere sichtbar werden“. Dazu ist sowohl der Blick darauf zu richten, wie wir Menschen in unserem individuellen und kollektiven Denken und Handeln geworden sind, wie wir sind, als auch auf die gegenwärtigen wie zukunftsorientierten, lokalen und globalen Zustände der Welt. Er entwickelt eine „Genealogie und Kultivierung der Unruhe“, indem er an das existentiell und intellektuell notwendige Zeitbewusstsein der Menschen appelliert: Ohne Zeitbewusstsein gibt es kein Humanum![7]

„Mit Selbststeuerung lässt sich im Leben vieles, ohne sie nichts erreichen“

In der apodiktischen und beinahe sprichwörtlich daherkommenden Aufforderung: „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst“, kommt ja zum Ausdruck, dass das Individuum sich darum bemühen sollte, selbst zu sein, selbst zu denken und zu handeln und sich nicht von Ideologien oder Mächten aufzwingen zu lassen, wie es zu sein hat. Mit dieser Feststellung wird gewissermaßen eine Menschen- und Weltschau mit dem Blick auf die Entwicklungen und Verwicklungen des menschlichen Selbst(bewusst)Seins eingeleitet: „Freiheit durch Selbststeuerung“. Es geht um die Nachschau nach den Ursachen von Verhaltensweisen, die sich artikulieren in konsumtiven und unverbindlichen Einstellungen wie: „Ich will alles, und das sofort!“. Dem gegenüber stehen Herausforderungen, wie sie sich zum Beispiel in dem (nobelpreisgekrönten) Rat ausdrücken: „Was mehr wird, wenn wir teilen“ (Elinor Ostrom), und in der antiken philosophischen „autarkeia“ grundgelegt ist, nämlich, dass „autark ein Individuum, eine Gemeinschaft oder eine Tätigkeit (ist), die auf nichts anderes angewiesen ist, weil sie alles, was sie benötigt, selbst hat oder sich selbst beschaffen kann (Aristoteles-Lexikon).Der Freiburger Arzt, Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer ruft, mit Bezug auf die Erkenntnisse aus der Neurobiologie, dazu auf, „unser Leben in Einklang mit längerfristigen Zielen und Wünschen zu bringen“ und Abstand vom „Momentanismus“ zu nehmen. Selbststeuerung ist Selbstfürsorge, die (natürlich) nur dadurch wirksam werden kann, dass sich der anthrôpos bewusst ist, nur als Individual- und Gemeinschaftswesen existieren zu können.

Weil nämlich soziale Erfahrungen die Gehirnentwicklung des Menschen formen, kommt es darauf an, Selbststeuerung nicht als ein Glücks- oder Zufallsprodukt zu verstehen, sondern als eine Bildungs- und Lernherausforderung zu begreifen. Bauer setzt sich dabei mit einer Reihe von Experimenten und Versuchen auseinander, wie Selbstkontrolle und Selbststeuerung gelernt und erfahren werden kann. Bei diesem lebenslangen Bildungsprozess ist es wichtig, sich mit dem Bewussten und dem Unbewussten beim Menschsein auseinanderzusetzen und das Unbewusste ins Bewusstsein zu bringen. Selbststeuerung ist kein Selbstzweck! Vielmehr soll sie dazu beitragen, die humane Bestimmung des Menschen zu verwirklichen, ein gutes, gelingendes Leben als Individuum und Gemeinschaftswesen zu führen.

Dass dabei die gesundheitliche Bedeutung eine entscheidende Rolle einnimmt, lässt die Frage nach Public- und Global-Health laut werden[8]. Bauer empfiehlt, neben dem Arzt seines Vertrauens auch den „inneren Arzt“ wirksam werden zu lassen. Es ist die Selbststeuerung, die den freien Willen als Humanum ermöglicht, und zwar nicht per Ordre de Mufti, sondern durch „eine bewusste, achtsame und selbstfürsorgliche Haltung … (die) die immunologische Abwehr und die körpereigenen Heilkräfte stärkt“[9].

„Es ist, was es ist, sagt die Liebe“

In den Internet-Suchmaschinen gibt es rund fünf Millionen Eintragungen zum Stichwort „Liebe“. Die verschiedenen Angebote und Informationen weisen die millionenfache Bedeutung dessen aus, was Menschen unter „Liebe“ verstehen: Sex, Erotik, biochemische Prozesse. Liebe ist ein Ereignis, eine Macht, eine Inszenierung, ein Gefühl, ein Geschäft, eine Fantasie, eine Illusion, auch ein Gegenstand der Forschung. Im wissenschaftlichen Diskurs werden immer neue Erkenntnisse festgestellt, welche Einflüsse „affektgetragene Zuneigung oder Verbundenheit“, wie Liebe im philosophischen Wörterbuch (Martin Gessmann, 2009) definiert wird, evolutionspsychologisch und humanethologisch auf Menschen ausübt. Das Geheimnis, was Liebe ist, wollen die Menschen seit ihrer Menschwerdung immer wieder ergründen und erklären, in Felsen ritzen, in Bildern, Skulpturen darstellen und in Worten ausdrücken. Immer aber ist und bleibt das, was als Liebe empfunden wird, unerklärbar.

Die Gefühle, Wünsche, Hoffnungen, aber auch Ängste, die in der biblischen Aufforderung zum Ausdruck kommen – „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ – verweisen auf die zwei Felder beim Umgang mit dieser allzu menschlichen Eigenschaft: Liebe ist ein Ereignis, das die Liebenden angeht, ganz individuell. Und Liebe ist ein kollektiver Wert, der das friedliche Zusammenleben der Menschen, lokal und global, bestimmt. Das Gegenteil von Liebe ist Krieg, ist Inbesitznahme des anderen Menschen, ist letztlich Unmenschlichkeit. Die Wandlungs-, Veränderungs- und Einstellungsprozesse, wie sie sich von der romantischen Liebesvorstellung hin zur Liebe zum Geld, zur Macht, zu sich selbst… vollziehen, verdeutlichen die ganz unterschiedlichen, ethischen, moralischen, weltanschaulichen, philosophischen und ideologischen Bedeutungszuweisungen.

In der antiken griechischen, anthropologischen Philosophie wird „philia“, Liebe, mit Freundschaft gleichgesetzt und als das „andere Selbst“ benannt, und zwar dann, wenn der Mensch danach trachtet, ein gutes, gelingendes Leben zu führen und dies auch für den anderen Menschen anstrebt: „Beim guten Menschen bildet … das eigene Glück mit dem Glück anderer eine Einheit“, so formulierte es Aristoteles.

Der Darmstädter Philosoph Friedrich Voßkühler nimmt eine philosophische Erkundung über die grundlegende Bedeutung der „Ich-Du“- Beziehung beim Menschen in einer gesellschafts- und kapitalismuskritischen Auseinandersetzung mit dem historischen und aktuellen, philosophischen Diskurs vor. Er setzt sich mit der Buberschen „Ich-Du“ – Festlegung auseinander, bezieht sich auf die Sartresche „Sein-und-Nichts“–Ontologie, thematisiert die Heideggersche „Sein-und-Zeit“ – Mythologie, diskutiert den „Mythos von Ödipus“, das Lancansche „Immaginär-Symbolische“, empfiehlt das „sokratische Gespräch“, die Foucaultsche „Ästhetik der Existenz“, die Badiousche „Singularität“, verweist auf die Stifterschen, Batailleschen und Barthesschen „Sprach- und Bildhaftigkeiten“, die Ludwig Binswangersche „Phänomenologie der Liebe“, und er baut daraus einen Entwurf für eine Theorie der „zwischenmenschlichen Wahrhaftigkeit“. Es ist der Aufruf nicht zur vermeintlichen Kasteiung, sondern zur Befreiung aus der „Knechtschaft des Konsums“ und den kapitalistischen Verführungen. Was ist dazu notwendig? Aufklärung und Emanzipation![10] 

Gipfelerlebnisse

Es gibt im Leben der Menschen Situationen, in denen die Emotionen das rationale Denken und Handeln überlagern. Im moralischen Diskurs werden solche Gefühlsausbrüche nicht selten als negative, unkontrollierbare und zu überwindende Verhaltensweisen betrachtet. Dabei sind Gefühle als Affekte notwendige Tugenden, die der Mensch benötigt, um seine ihm gegebenen Eigenschaften und sein Sosein leben zu können. Der US-amerikanische Psychologe und Präsident der „American Psychological Association“, Abraham H. Maslow (1908 – 1970), gilt als Mitbegründer der Humanistischen Psychologie. Als Maslow bei seiner Suche nach Menschlichkeit die bis dahin in der Psychologie und Psychotherapie gewohnte Fragestellung „Was macht Menschen psychisch krank?“ einfach umdrehte und mit der Frage „Was zeichnet psychisch besonders gesunde Menschen aus?“ positiv nachschaute, da stieß er auf eine bemerkenswerte Erkenntnis: „Psychisch besonders gesunde Menschen tendieren zu ‚mystischen Erfahrungen‘“. Mit der aufregenden, anthropologischen Erkenntnis, dass Mystiker nicht einzigartige Menschen sind, sondern jeder Mensch ein einzigartiger Mystiker ist, zeigt er Denk- und Handlungsaspekte auf, die der Phantasie, der Zuversicht und Kreativität des Menschen neue Perspektiven öffnet. Er zeigt auf, wie „Gipfelerlebnisse“ für das individuelle Alltags- und kollektive lokal- und globalgesellschaftliche Leben der Menschen bedeutsam sein können. Dabei rüttelt er an den traditionellen, hergebrachten (religiösen) „Gewissheiten“, die sich als Heilsbotschaften im Jenseits der menschlichen Existenz ankündigen und den Menschen im Diesseits eher zum passiven Dasein verurteilen. Er geht vielmehr davon aus, dass  sich Gipfelerlebnisse im Hier und Heute ereignen, und das Individuum nur lernen und den Mut haben müsse, sie als ganzheitliche Sein- und Sollens-Hinweise zu nutzen. „Gipfelerlebnisse“ befinden sich in der Welt; nicht im Himmel!

Die Auseinandersetzungen über „die im Kern religiöse oder transzendente Erfahrung“ bringt den Autor zu der, sicherlich von den Dogmatikern zurückgewiesenen Behauptung, dass alle, in den Weltreligionen und religiösen Weltanschauungen übermittelten und grundgelegten „übernatürlichen Offenbarungen“ nicht mehr und nicht weniger als „ganz natürliche, menschliche Gipfelerlebnisse“ gedeutet werden können. Bei der Frage nach „organisatorische(n) Gefahren für transzendente Erfahrungen“ wagte Maslow sogar eine Aussage, über die es in der Tat nachzudenken gilt: Er stellte bei seinen therapeutischen Erfahrungen und Forschungen fest, dass „nicht-theistische religiöse Menschen“ anscheinend religiöser, transzendentaler und mystischer denken als konventionell Religiöse. „Ich bin nicht kirchlich gebunden, aber religiös“, diese Erfahrung ist allgegenwärtig und zeigt die Probleme zwischen Institution und Intuition auf. Einen Schlüssel zum Aufsperren dieser sperrigen Türen liefert der Autor, indem er die Bedeutung einer Werte-Bildung in den Vordergrund rückt und auf „Zielwerte“ verweist, die als „spirituelle Werte“ oder „höhere Werte“ menschliches Dasein bestimmen sollten, wie Fragen nach dem „guten Leben“, dem „guten Menschen“, der „guten Gesellschaft“. Denn das Schloss für die Tür zum Leben heißt „Wahrheit“; und die Suchenden, ob Gipfelstürmer oder eher bedächtige Wanderer, sind dann eben nicht Ideologen, Fundamentalisten oder Besserwisser, sondern Fragende, Experimentierende und Menschen, die das Wagnis des Denkens ernst nehmen[11].

„Die (soziale) Logik des Allgemeinen verliert ihre Vorherrschaft an die (soziale) Logik des Besonderen“

Singularität wird im Fremdwörterlexikon (Wahrig)ausgelegt als „eine unserer normalen Anschauung widersprechende Erscheinungsform der Materie, die mit herkömmlichen physikalischen Gesetzmäßigkeiten nicht mehr beschreibbar ist“. Es ist das Besondere, Einzigartige, das abhebt und unterscheidet vom Allgemeinen, Gewohnten, Alltäglichen, Vernünftigen und Logischen. Das Allgemeine stellt somit das Besondere dar – und nicht umgekehrt das Spezielle das Allgemeine. Hier schon setzt das Dilemma der Wertung ein: Das Individuum ist bestrebt, in seiner Identität das Einzigartige hervorzuheben: „Nicht an das Standardisierte und Regulierte heften sich die Hoffnungen, das Interesse und die Anstrengungen von Institutionen und Individuen, sondern an das Einzigartige, das Singuläre“. Der an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder lehrende Kultursoziologe Andreas Reckwitz spricht von einer „Explosion des Besonderen“, indem er aufzeigt, auf welchen Gebieten und bei welchen Situationen die Menschen von heute die traditionellen, im anthropologischen, philosophischen Denken überlieferten Auffassungen und Gewissheiten, die zur Identitätsbildung herangezogen wurden, austauschen gegen Einstellungen und Haltungen, die vom „spätmodernen Subjekt“ goutiert werden: „An alles in der Lebensführung legt man den Maßstab der Besonderung an: wie man wohnt, was man isst, wohin und wie man reist, wie man den eigenen Körper oder den Freundeskreis gestaltet“. Er unternimmt mit seiner kritischen Analyse nicht mehr und nicht weniger als einen Perspektivenwechsel: „Wir leben nicht mehr im industriellen, sondern im kulturellen Kapitalismus“. Damit knüpft er an die Vision an, dass die Kreativität einen Wert des Menschseins darstellt, dem es gilt, im individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Dasein der Menschen eine stärkere Bedeutung zuzumessen[12].

„Die soziale Logik der Singularitäten erlangt eine strukturbildende Kraft in der Ökonomie, in den Technologien und in der Arbeitswelt, in den Lebensstilen und den Alltagskulturen sowie in der Politik, während der in der klassischen Moderne dominanten sozialen Logik des Allgemeinen nur mehr die Rolle einer ermöglichenden Infrastruktur zukommt“. Der Paradigmenwechsel charakterisiert sich dabei in drei sichtbaren und erkennbaren Entwicklungen: Zum einen hat die Gesellschaft der Singularitäten die „großen Erzählungen“ vom gesellschaftlichen und politischen Fortschritt durch die „kleinen Erzählungen“ des individuellen Erfolgs und der Selbstverwirklichung abgelöst; zum zweiten steht in der spätmodernen Gesellschaft eine gegenwartsbezogene, gute und gelingende Lebenserwartung im Vordergrund, während Zukunftsperspektiven und Zukunftsbearbeitung einen geringeren Stellenwert einnehmen; und drittens zeigen sich Unsicherheiten darin, wie der gesellschaftliche Fortschritt überhaupt benannt und vergewissert werden kann[13].

„Wir bedenken, was wir wollen, nur eben in dem Augenblick, in dem wir es wollen“

Der französische Philosoph und Skeptiker Michel de Montaigne (1533 – 1592) hat sich bei seinem Denken und Schaffen immer auch mit der Frage auseinandergesetzt, wie der Mensch sich intellektuell, anthropologisch und philosophisch verorten kann. Es ist die Diskrepanz zwischen dem historischen und aktuellen Gewordensein und der momentanen Existenz, die sich im „Jetzt“ und im Momentanismus artikuliert. Es ist die optimistische und ermunternde Erfahrung, „ständig auf Unbekanntes zu stoßen, die Welt als nicht bekannte Zone fesselnd zu finden und daraus den Lebensimpuls… zu gewinnen“. Diese Einstellung markiert der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer mit dem apodiktischen wie gleichzeitig fragwürdigen Lebenszeichen „Jetzt“. Natürlich ist richtig und wichtig zu begreifen, dass der Mensch in seinem Dasein ein „erdbehaftetes“ Lebewesen ist (Wolfgang Welsch), aufgefordert und darauf angewiesen, in sozialer, menschenwürdiger und verantwortungsbewussten Weise in Gemeinschaft mit der Menschheit ein gutes, gelingendes Leben anzustreben. Die „Jetzt“-Fixierung jedoch darf nicht zum Momentanismus gerinnen, in dem der Egoismus überwiegt. Wenn es um die Frage „Und jetzt?“ geht, wird vielleicht jemandem, der Zeit seines Lebens „auf dem Sprung ins Fremde gelebt“ hat und dieses Fremde immer schon als Jetzt erlebt, eine Gegenwartsanalyse leichter fällen können als einem, der den Blick über den Gartenzaun nie gewagt hat. „Das Fremde im Sinn von etwas Geheimnisvollem trat für mich erst dann hervor, wenn es mir im Bekannten erschien“; diese inter- und transkulturelle Erkenntnis wird ja pädagogisch und didaktisch in dem Satz erkennbar: „Der Fremde bin ich selbst!“. So wird aus dem „Plötzlichen“ und dem „Jetzt“ als autobiographischer Versuch keine Einengung, kein Ohnmachts- und Einsamkeitsvorwurf, sondern ein Ineinandergreifen von individuellen, persönlichen Begebenheiten und Erfahrungen mit lokal- und globalgesellschaftlichen Entwicklungen – und dadurch ein Exempel für die Öffnung und Nutzung des menschlichen Geistes[14]

Wider die Kakophonien

In den Zeiten von „Fake News“, von Manipulationen, Werbekampagnen, Propaganda und Populismen kommt es darauf an, den Wirklichkeiten und Wahrheiten auf die Spur zu kommen. Es sind kritische Einstellungen, die zu Fragen Anlass geben, wie: „Können Beweise an Überzeugungen rütteln?“ – „Motiviert Angst zum Handeln?“ – „Was wollen Menschen wirklich wissen?“ – „Was passiert mit unserem Denken, wenn Gefahr im Verzug ist?“ – „Ist ‚einstimmig‘ so beruhigend, wie es klingt?“. Sie stellt die an der University of London tätige Psychologin und Neurowissenschaftlerin Tali Sharot, indem sie fragt, wieso wir eigentlich in unseren verschiedenen Funktionen als Individuen, Partner, Erzieher, Berufs-, Alltagsmensch und Bürger ständig Einfluss auf andere Menschen nehmen und dabei entweder erfolgreich oder erfolglos sind: „Was entscheidet, ob Sie das Denken anderer beeinflussen oder ob Sie überhört werden?“ – und umgekehrt. Es ist die uralte, gelingende wie in vielen Situationen scheiternde, oftmals verzweifelte (pädagogische) Frage: Wie kann es gelingen, Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt sein und lernen wollen? Es sind die irrationalen Meinungen, die beim logischen Nachdenken und bei einer rationalen Beweisführung doch unlogische Auffassungen und sogar Glaubenssätze hervorbringen. Warum eigentlich und wieso? Die Autorin versucht es mit den wissenschaftlichen Mitteln, die ihr die Psychologie und Neurowissenschaft zur Verfügung stellt, nämlich „die systematischen Fehler aufzuzeigen, die wir machen, wenn wir versuchen, Menschen zum Umdenken zu bewegen, und zu klären, was in jenen Fällen passiert, in denen es uns gelingt“. In den Kommunikationswissenschaften und in der Pädagogik sind die Instrumente dazu bekannt: Ängste schüren, Katastrophen an die Wand malen, voller Inbrunst und Überzeugung Dinge behaupten, die dazu führen, andere Menschen dazu zu bringen, die ausgesandten Botschaften als wahr an- und zu übernehmen. Dabei wird deutlich: „Jeder Versuch, die Meinung von anderen zu beeinflussen, (wird) nur dann erfolgreich sein, wenn er sich mit den Elementen verträgt, die unser Denken maßgeblich steuern“.

Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht. In der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es eindeutig: „Jedermann hat das Recht auf Freiheit der Meinung und der Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die unbehinderte Meinungsfreiheit und die Freiheit, ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen Informationen und Gedankengut durch Mittel jeder Art sich zu beschaffen, zu empfangen und weiterzugeben“. Es sind alltägliche, einleuchtende Situationen, Einstellungen und Verhaltensweisen, die Erfahrungen beweisbar und erlebbar machen. An ihnen diskutiert die Autorin die Argumentationen, die sich im persönlichen und gesellschaftlichen Miteinander der Menschen ergeben; etwa, wenn es um Beweisführungen und Überzeugungsbemühungen geht, die mit Zahlen, Daten und Fakten belegt werden. Die Kognitionsforscherin greift dabei in ihre Erfahrungskiste und widerlegt die scheinbare Alltagsweisheit, dass mit Zahlen alles bewiesen werden könne. Sie verweist dabei auf die durchaus belegbare Alltagserfahrung, dass bei der Suche nach Argumenten und Belegen im Kommunikationsprozess Informationsverzerrungen zustande kommen, die dazu beitragen, die eigene, vorgefasste Meinung zu bestätigen, unabhängig von Wahrheitsbeweisen. Die Neurowissenschaftlerin blickt dabei auf die Prozesse, wie sie im Gehirn (automatisch?) ablaufen; sie rät, nicht mit aller Macht den Anderen durch Beweise überzeugen zu wollen, sondern über den Umweg, im Kommunikationsprozess gemeinsame Motive zu finden, und so (vielleicht) Einflussnahme zu erreichen[15].

Fazit

Einsamkeit kann Abwesenheit wie Aufladung von Gefühlen sein. Weil Gefühle „Bewegungen der Seele“ sind[16]. Bei der Wahrnehmung, beim Umgang und bei der Bewertung von Einsamkeitsempfindungen braucht es ein humanes Bewusstsein. Der anthrôpos als humanes Lebewesen ist kraft seiner Vernunftbegabung, seiner Fähigkeit, sich selbst und mit sich seine Umwelt zu erkennen, seinem Willen, ein gutes, gelingendes Leben für sich und die Menschheit zu erringen, seiner Kompetenz, Gutes von Bösem unterscheiden und Gemeinurteile fällen zu können, in der Lage, einsam ohne verlassen zu sein; gesellig, nicht einzelgängerisch oder Außenseiter zu sein; sich der menschlichen Gemeinschaft zugehörig zu fühlen; kooperativ, nicht ego-, ethnozentrisch oder rassistisch zu sein. Mit der Aufforderung - „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“ – wird die Fülle und Vielfalt des Begriffs erkennbar und der Umgang mit Einsamkeit lebbar!

 

Kontakt zum Autor: 
Dr. Jos Schnurer
Immelmannstr. 40
31137 Hildesheim
Tel. 05121 59124
jos2@schnurer.de



[1]Doris Wolf, Einsamkeit überwinden. Sich nicht mehr ungeliebt und leer fühlen, 2003, 136 S.

[2]Wolfgang Schmidtbauer, Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23224.php

[3]Götz Hamann, Facebook will das Private wieder betonen, DIE ZEIT, Nr. 4 vom 18. 1. 2018, S. 22

[4]Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/13482.php

[5]Frankfurter Allgemeine, vom 10. 1. 2018 

[6]Thomas Strässle, Gelassenheit. Über eine andere Haltung zur Welt, 2013, http://www.socialnet.de/rezensionen/14938.php

[7]Ralf Konersmann, Die Unruhe der Welt, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/19459.php

[8]Oliver Ranzum / Hajo Zeeb / Olaf Müller / Albrecht Jahn, Hrsg., Global Health. Gesundheit und Gerechtigkeit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18229.php

[9]Joachim Bauer, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/18891.php

[10]Friedrich Voßkühler, Ich – Du – Wir. Liebe als zwischenmenschliche Wahrhaftigkeit? Eine philosophische Erkundung in elf Durchgängen, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23740.php

[11]Abraham H. Maslow, Jeder Mensch ist ein Mystiker. Impulse für die seelische Ganzwerdung, 2014, http://www.socialnet.de/rezensionen/16223.php

[12]Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14393.php; siehe dazu auch: Egon Freitag, Lexikon der Kreativität. Grundlagen – Methoden – Begriffe, Renningen 2018, 259 S. 

[13]Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23680.php

[14]Karl Heinz Bohrer, Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/22496.php

[15]Tali Sharot, Die Meinung der Anderen. Wie sie unser Denken und Handeln bestimmt – und wie wir sie beeinflussen können, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/22651.php

[16]Antonio Damasio, Im Anfang war das Gefühl. Der biologische Ursprung menschlicher Kultur, 2017, http://www.socialnet.de/rezensionen/23378.php

Aktuelle Rezension

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Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Fallbesprechung und Fallsupervision. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 128 Seiten. ISBN 978-3-8497-0182-6.
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