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Ehrenamtliche Suizidprävention im digitalen Zeitalter – Sozial.de im Gespräch zu fachlichen Entwicklungen der Telefonseelsorge

Längst ist in der Telefonseelsorge das digitale Zeitalter Realität. Die meisten der 105 Telefonseelsorgenstellen in Deutschland haben ihr Gesprächsangebot erweitert um eine Mailtelefonseelsorge, zunehmend setzen einsame, verzweifelte und suizidgefährdete Menschen auch auf Chatseelsorge, um gehört zu werden und aussprechen zu können, was sie in ihren eigenen sozialen Kontexten nicht können. Anders als bei vielen anderen sozialen Hotlines oder Channels finden hier die Gespräche anonym statt und sind nicht auf ein spezifisches Thema begrenzt. Wer Telefonseelsorge braucht, kann sie in der Regel Tag und Nacht erreichen. Die Arbeit von 8.000 ehrenamtlich Engagierten und 200 Hauptamtlichen in der deutschen Telefonseelsorge macht dies möglich. 

Welche Chancen zeigen sich unter neuen kommunikativen Bedingungen für die Suizidprävention mit der Telefonseelsorge? Welche fachlichen Anforderungen für Ausbildung und Praxis von ehrenamtlich Engagierten?

Die Dringlichkeit solcher Fragen ist nicht zu übersehen. Über eine Millionen Menschen sterben laut WHO-Angaben jährlich durch Selbstmord. Fehlendes Verständnis für die Problematik und zu wenig verfügbare Ressourcen tragen in hohem Maße dazu bei. So urteilt der ehemalige Polizist Kevin Briggs, der California Highway Patrol. Briggs hatte viele Jahre auf der Golden Gate Bridge in San Fransisco Dienst und konnte in seiner aktiven Zeit über 200 Menschen davon abbringen, sich dort das Leben zu nehmen. Er gehörte zu den Gästen, die kürzlich auf dem 20. Weltkongress der Telefonseelsorge in Aachen Erfahrungen und Fachinformationen mit mehr als 1500 Teilnehmenden aus 33 Ländern diskutierten. Briggs betonte die Wichtigkeit von Güte, Stimme, Augenkontakt und der Fähigkeit zuzuhören und zu verstehen. Sein Vortrag zu Active Listening Skills (ALS) in der Wahrnehmung und Interaktion mit Menschen, die über Selbstmord nachdenken, gehörten zu den Höhepunkten der über 120 Fach-Vorträge, Diskussionen und Workshops. Briggs widmete dabei aus eigenen Erfahrungen auch dem Selbstschutz für Ersthelfer besondere Aufmerksamkeit.

In Deutschland sterben pro Jahr dreimal mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, ordnet Aachener Pfarrer Frank Ertel das gesellschaftliche Problem hierzulande zahlenmäßig ein.

Wie sich Telefonseelsorge engagieren möchte, um sich diesem Problem zu stellen und möglichst zu verhindern, dass es zum Äußersten kommt, darüber sprach die Redaktion Sozial.de mit Dr. Stefan Schumacher, Präsident der Internationalen Federation of Telephone Emergency (IFOTES), und dem Pfarrer Frank Ertel, Telefonseelsorge Aachen-Eifel, Kongressmanager des 20. Weltkongresses der Telefonseelsorge in Aachen.

Welche fachlichen Impulse wollen Sie in der ehrenamtlichen Telefonseelsorge für Suizidprävention setzen?

Schumacher: Wir wollen auf unseren Internationalen Kongressen, aber auch mit unserer weltweiten Vernetzungsarbeit vermitteln, wie gute Suizidprävention in der Telefonseelsorge aussehen muss. Es gibt wesentliche Traditionen, zum Beispiel auf Augenhöhe zuzuhören und Empathie. Die Suizidforschung hat aber auch in jüngerer Vergangenheit entdeckt, wie wichtig es ist, Zukunftsszenarien zu entwickeln und Ressourcen (wieder) zu wecken. Sogenannte Problem Solving-Strategien werden immer bedeutsamer. Es geht uns aber auch um moderne Ausbildungskonzepte und darum, eine gesellschaftliche Debatte zum Thema anzustoßen. Die mediale Aufmerksamkeit, wie gerade anlässlich unseres 20. Welt-Kongresses in Aachen, hilft ist uns mit Rückenwind.

Ertel: Der mediale Umgang mit Suiziden ist ja grundsätzlich eher Teil des Problems: Einerseits ist es sinnvoll, dass Suizide in den Medien nicht thematisiert werden, um Nachahmungstaten zu verhindern. Andererseits verhindert dieser Verzicht gegenwärtig eine gesellschaftliche Debatte, wie wir sie bei Verkehrsunfällen permanent führen. Wir müssen aber dem Schambesetzten die Maske nehmen, weil es die Scham ist, die Menschen in den Suizid treibt.

Welche Rolle wird die Digitalisierung in der Telefonseelsorge haben?

Schumacher: Die Digitalisierung hat bereits schon viel in unserer Arbeit verändert, das Telefon wird dabei nicht unwichtiger. In der Mailberatung haben wir bereits seit 20 Jahren gute Übung und sind längst aus der Experimentierphase heraus. Sie ist ein fester Teil des Angebotes in allen Ländern.

Neuer und noch in der Aufbauphase begriffen ist die Chatberatung. Wir können noch gar nicht so viel Anfragen bearbeiten, wie wir bekommen. Das Chatten ist sehr gefragt. Wir müssen uns überlegen, was die besten fachlichen Begleitmethoden sind. Und bereits heute haben wir im Blick, was als nächstes kommt: Mittelfristig brauchen wir eine App, die es ermöglicht, Telefonberatung, Internetberatung und Selbsthilfesysteme zu kombinieren.

In der Suizidprävention werden gerade Selbstcoachingsysteme entwickelt. Das heißt Menschen, die unter Druck stehen und situativ gerade niemanden persönlich erreichen können, sollen ein Hilfsmittel bekommen, um sich mit Fragetechniken und Selbstcoachingmethoden selbst zu stabilisieren. Das kann man über Apps gestalten. Damit werden wir uns wohl in den kommenden Jahren stärker beschäftigen. Zukunftsszenario ist quasi eine Suizid- und Seelsorgeapp mit Psychoedukation, Selbstcoachingmethoden und Kontaktmöglichkeiten, um sich in das Medium der eigenen Wahl vermitteln zu lassen.  

Wohin führt das? Wo sehen Sie die Rolle der Telefonseelsorge in der zukünftigen Landschaft der Sozialen Arbeit?

Ertel: Wenn man sich die Geschichte anschaut, dann hat sich die Rolle der Telefonseelsorge massiv verändert. Ganz am Anfang wurden wir öfter gefragt: „Muss man bei Ihnen beten?“ Heute rufen uns Menschen an, um gemeinsam zu beten. Was ich sagen will: Wir werden als spirituelles Angebot wahrgenommen, aber anders als sich Kirche sonst oft zeigt. Telefonseelsorge weiß nicht, schon gar nicht besser, Telefonseelsorge hört zu. Wir hören in der Telefonseelsorge zu und erfahren, welche Hoffnung für den hilfesuchenden Menschen zählt.

Auch im Rahmen der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung haben wir eine völlig andere Rolle. Durch die kirchliche Finanzierung stehen wir nicht unter der Begrenzung der Kostenträgerschaft. Das hilft uns, führt aber auch meiner Meinung nach oft dazu, dass unsere Arbeit nicht als Teil des sozialen Systems gesehen wird, weil sie nicht Bestandteil der SGB-Landschaft ist.

Auch mit dem neuen Bundesteilhabegesetz wird sich nicht ändern, dass Leistungen an Zusagen von Kostenträgern gebunden sind. Das hat den Nachteil der zeitlichen Beschränkung. In einer Untersuchung, die die Hochschule Niederrhein durchgeführt hat, wurde deutlich, wie stark Vereinsamung von psychisch kranken Menschen zum Beispiel in der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung durch die Begrenzung der Kapazitäten der sozialen Arbeit droht. Einsame Menschen greifen dann zum Hörer und rufen die Telefonseelsorge an. Dadurch entstehen oft völlig andere Kommunikationssituationen in unseren Seelsorgestellen.

Verlagert man so nicht nur eine Problematik? Wäre es in diesen Fällen nicht besser, face to face vor Ort Krisen zu begleiten?

Ertel: In einigen Regionen, allerdings nicht bundesweit, ist eine Verzahnung organisiert, auch wir in Aachen gehen so vor: Ist jemand bereit, am Telefon seine Identität preiszugeben, wird die Notfallseelsorge informiert, die den Menschen dann aufsucht.

Face-to Face-Situationen haben aber nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Menschen mit einer Borderline-Thematik mailen beispielsweise gern. Sie können so Anfang und Ende, Länge und Tiefe des Gespräches zu bestimmen.

Die Öffnung hin zu Mail und Chat bietet also weitere Wahlmöglichkeiten in der Kommunikation, je nach Vorlieben und Erfordernissen im Zusammenhang mit der eigenen Problematik.

Die Wahrung von höchsten Graden der Anonymität führt auch oft viel schneller an Knackpunkte. Können wir uns wirklich vorstellen, wie schambesetzt es in einer relativen Wohlstandsgesellschaft für betroffene Menschen sein muss, auszusprechen: Mein Leben ist nur noch eine Last und Aufgabe. Solche Gedanken anonym und nicht von Angesicht zu Angesicht vielleicht sogar zum ersten Mal zu teilen, bietet Schutz. Sie können ausgesprochen oder zu beschrieben werden, ohne jemanden aus dem nahen sozialen Umfeld damit zu belasten.

Verstehen Sie also den Ausbau ihrer Angebote in der professionellen Landschaft als Ergänzung in der Suizidprävention?

Ertel: Wir wissen: Schreiben tut der Seele. Das ist das eine. Oftmals begleiten wir aber in der Mail- und Chatberatung zum Teil jahrelange Prozesse, in die Therapie hinein, ergänzend zur Therapie, und fortsetzend auch in der Zeit danach, wenn es von den Chattern und Mailern gewollt wird. Es entstehen nicht selten lange unterstützende Beziehungen.

Sie beschreiben große Herausforderungen. Wie werden sie finanziell getragen?

Schumacher: Das wird in den Staaten der internationalen Telefonseelsorge unterschiedlich gehandhabt. Nur in Österreich, Deutschland und der Schweiz wird Telefonseelsorge als Aufgabe der Kirche verstanden. Sie ist dabei stark regional organisiert und geprägt sowie von kirchlichen Geldern abhängig. Von Anfang an war die Deutsche Telekom ein starker Partner, auch für neue digitale Strukturen wird nicht wenig Geld ausgegeben. Mitunter helfen kommunale Zuschüsse, allerdings nicht überall.

Nimmt die Digitalisierung auf Bundesebene in Zukunft zu, werden sich Strukturen und Arbeitsschwerpunkte hin zu mehr zentralen Aufgaben verändern. Das hat sicher auch Auswirkungen: auf Qualitätssicherung und Finanzierung.

Was müssen Menschen mitbringen, die in der Telefonseelsorge mitarbeiten wollen?

Ertel: Menschen müssen vor allem Stabilität mitbringen, sie müssen zuhören aber auch sich abgrenzen können und in der Lage sein, mit eigenen Werthaltungen so umzugehen, dass sie nicht die tragenden in der Beratung sind. Ihre notwendige Qualifikation erhalten zukünftige Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler in der Regel in einer einjährigen Ausbildung.

Gibt es dafür Curricula?

Ertel: Spannende Frage, zurzeit bildet jede regionale Telefonseelsorge mit eigenen Konzepten aus. Die Europäische Union hat uns jedoch gerade beauftragt, ein zertifiziertes europäisches Kommunikationscurriculum zu entwickeln. Nicht nur für die Seelsorge selbst, sondern insgesamt für Menschen in sozialen Berufen. Die EU zeigt damit ein Interesse daran, Menschen in sozialen Berufen, und das können auch Krankenschwestern oder Rettungssanitäter sein, stärker kommunikativ zu schulen. Dabei legt die EU auf unsere Expertise im Zuhören wert.

Mit vier Universitäten entwickeln wir, auf den Erfahrungen der Telefonseelsorge aufbauend Listening Skills. Eine darauf aufbauende Zertifikatsausbildung könnte auch unseren Ehrenamtlichen zugutekommen.

Eine neue Stufe der Professionalisierung Ihrer Arbeit?

Ertel: Absolut!

Schumacher: Auch auf internationaler Ebene könnte das Maßstäbe setzen. Dort ist IFOTES seit vielen Jahren aktiv für ethische Standards, wissenschaftliche Begleitung und fachlichen Austausch über Ländergrenzen und Kulturen hinweg aktiv.

Das Erasmus- und KA2-Programm EmPoWEring: Educational Path for Emotional Well-being ist in seiner Art aber eine besondere Herausforderung, geht es doch um Pionierarbeit und die Koordination wissenschaftlicher Arbeit von zehn Partnern in vier europäischen Ländern. Es soll soziale Kompetenzen von Fachleuten und Ehrenamtlichen im Bereich des emotionalen Wohlbefindens stärken.

Wir validieren vor allem Zuhörerkompetenzen, erheben Best Practice von Ausbildungskonzepten für den Erwerb solcher nicht formaler Kompetenzen und  wollen darauf aufbauend Zuhörertrainings sowie europäische Arbeits- und Ausbildungsstandards entwickeln. Listeningskills wie Empathie, emotionale Sprache, Respekt/Akzeptanz, Leading Conversation, Aktives Zuhören und Ressourcenorientierung interessieren uns.

Unter deutscher Beteiligung und Steuerung arbeiten wir dafür eng mit Kolleginnen und Kollegen aus Italien, Ungarn und den Niederlanden zusammen. Damit können wir auch ganz eigene Impulse in die soziale Landschaft und für europäische Zusammenarbeit setzen.

Das Gespräch führte Ines Nowack, Chefredakteurin Sozial.de, Kontakt: redaktion@sozial.de

Mehr Infos unter http://www.ifotes.org/what-we-do/projects

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Traugott Weber (Hrsg.): Handbuch Telefonseelsorge. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 279 Seiten. ISBN 978-3-525-62386-2. 39,90 EUR.
Rezension unter http://www.socialnet.de/rezensionen/4135.php

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