Photo by Mike Tinnion on Unsplash
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Die Scham geht um

In einem Fortbildungsprogramm entdecke ich eine Veranstaltung mit dem Titel „Scham verstehen und wandeln – unverschämtem Verhalten mit Würde begegnen“, und seitdem geht die Scham bei mir um, also in meinem Kopf geht das Wort herum. Das habe ich öfter, dass ein Wort hängenbleibt, und dann bin ich mit einem bestimmten Fokus unterwegs. Jetzt bin ich sozusagen schamfokussiert oder schamsensibel unterwegs. Und prompt blitzt mir aus meiner Tageszeitung ein Artikel zur Scham entgegen, genauer gesagt ist es ein Interview mit dem Autor eines Buches zum Thema. Er wurde als Schüler beschämt, heute würde man sagen, gemobbt, wegen seines Aussehens, und er schämte sich für seinen Körper, und setzte viel Energie und Kreativität dafür ein, nicht in der Schule sein zu müssen. Da denke ich doch gleich an einige unserer SPFH-Kinder und ganz aktuell an die beiden Söhne von Frau F.
Anna schämt sich auch für ihren Körper, und sie hat eine Essstörung entwickelt, nun schämt sie sich ihren Eltern gegenüber, weil sie diese Krankheit hat. Und ich überlege, ob es eine beschämende Bemerkung war, als die Mutter in der Hilfekonferenz sagte, dass Anna sich zuhause auch ganz anders verhalten könne. Die 15-Jährige hatte vom Sozialarbeiter gerade viel Anerkennung für ihr sicheres Auftreten und ihre Eloquenz bekommen, und als dann die Mutter sprach, verschwand die Freude aus Annas Gesicht, und ihre Mimik wurde hart.
Ich überlege, ob ich das Thema Scham beim nächsten Termin nochmal aufgreife, und ich denke, ja, das würde passen. Der Vater erzählte einmal, dass er sich schon manchmal schämte, ein Deutscher zu sein, und die Mutter ist Deutsch-Italienerin und stellte sich früher immer mit ihrem italienischen Namen vor, auch, weil sie nicht deutsch sein wollte.

Zum Einstieg in das Gespräch könnte ich das Kinderbuch mitnehmen, in dem die Gefühle bildhaft als kleine Wesen gezeichnet sind. Bei jedem Gefühl steht ein Satz, und bei der Scham steht, dass sie tiefe Gruben gräbt und sich darin verkriecht wie ein Maulwurf. Auf der Zeichnung hält sie sich zudem die Augen zu. Das machen auch Kinder, wenn sie sich schämen, und ich denke an den 4-jährigen Erik, der sich schämte, als er in der Kita eingepullert hatte. Die Erzieherin ging freundlich damit um: „das kann passieren, wenn man im Spiel vertieft ist“, die Mutter blieb auch entspannt: „wir haben eine Waschmaschine“.

Ich blättere im Buch und suche den Stolz, weil ich denke, er könnte der Scham entgegengesetzt sein, aber leider ist der Stolz nicht dabei.
Ich könnte das Buch auch in die Familie mit den beiden Jungs mitnehmen und fragen, ob sie Lust haben, die fehlenden Gefühle zu zeichnen. Die beiden sind ja sehr kreativ bei der Schulvermeidung, und beim Ferienkurs zum Comiczeichnen wollen sie mitmachen.

Ich überlege, ob ich mich zu dieser Scham-Fortbildung anmelden soll, aber leider ist sie nicht als Bildungsurlaub anerkannt, also zögere ich noch. Was ich gerne lernen würde, ist spontan und beherzt einzuschreiten, wenn ich Beschämung wahrnehme und mich an der Seite des Beschämten zu positionieren, ohne den Beschämenden zu beschämen. Es ist mir schon einige Male gelungen, aber leider fällt mir in der Situation oft nichts Passendes ein, sondern erst Stunden später. Ich möchte, dass das leichter wird.
Die Scham ist alltäglich und gehört eher zu den unbeliebten Gefühlen. Im Interview wurde der Autor gefragt, ob er seine Scham nun besser im Griff hat, und er antwortete, dass er eine sichere Antenne für schamvolle Situationen entwickelt hat. Wenn er merkt, dass er sich schämt, dann sagt er sich, dass ist okay, und er schämt sich nicht mehr für die Scham.     

Ihre Katja Änderlich*


*Pseudonym der Autorin