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Deutschland ist ein Einwanderungsland

Dr. Jos Schnurer

22.12.2014

Collage, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer
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Diese über Jahrzehnte parteipolitisch äußerst umstrittene Feststellung gilt heute eher als Tatsache. Evolutionstheoretisch ist dass ja auch eine Selbstverständlichkeit; denn in der Menschheitsgeschichte sind Staaten, Länder und Völker immer dadurch entstanden, dass zu den Eingesessenen Zugewanderte hinzugekommen sind. Der Mensch ist Eigener und Fremder zugleich. Seine Identität entwickelt sich immer durch die Auseinandersetzung mit dem Anderen. Die Karl Valentinsche, satirische Interpretation - „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ – ist ja wirklichkeitsgültig und wahr. Sie widerspricht auch der üblichen, traditionellen Sichtweise, im individuellen und kulturellen Bewusstsein der Menschen das Fremde immer jenseits des Eigenen zu suchen ist; entweder als Sehnsucht nach dem Anderen, dem nicht Erreichten und Wünschenswerten, wenn die „Fremde lockt“, oder als Bedrängnis, wenn das Fremde allzu nahe kommt [1]. Die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung um emotions- und ideologiebelastete Eingewöhnungen wie z. B. „Heimat“, „Eingeborene“..., erschweren die Bewusstseinsbildung der Mehrheitsgesellschaften, dass Minderheiten nicht Störenfriede, sondern Bereicherer im gesellschaftlichen Prozess sind [2]. Denn Menschen wandern, seit es sie gibt; aus unterschiedlichen Gründen, massiv oder verhalten, je nach den Lebensbedingungen und Umweltsituationen, nach den Zwängen, Hoffnungen und Illusionen, die sie antreiben, locken und herausfordern. Die Erwartungshaltungen der sich auf den Weg machenden Menschen und die Aufnahmebereitschaft der Sesshaften gegenüber den Ankommenden stoßen oft genug auf diametral entgegengesetzte Bedingungen, die von der Gastfreundschaft bis hin zu rassistischen Ablehnungen reichen. „Deutschland ist (k)ein Einwanderungsland“ und die aktuellen Befürchtungen, dass unser wirtschaftlicher Wohlstand bald flöten gehe, wenn es nicht gelingt, (qualifizierte!) Einwanderer ins Land und an die Arbeitsplätze zu holen, sind auch so ein Widerspruch. Im wissenschaftlichen Diskurs hat Migration, spätestens seit durch die sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnde, durch Umweltschädigungen gefährdete und durch antidemokratische Machtverhältnisse deformierte Welt, eine gegenwartsstabilisierende und zukunftsweisende Bedeutung erlangt. Mit durchaus subjektiv ausgewählten Hinweisen auf wissenschaftliche Literatur zur Migrationsthematik soll der Blick auf die speziellen Aspekte gelenkt werden, wie sie sich im Zusammenhang von Migration – Aufklärung – Lernen ergeben. Der homo migrans ist der konstitutive Normalfall der menschlichen Geschichte! Es sind annotierte Verweise auf Veröffentlichungen, die der Autor im Internet-Rezensionsdienst www.socialnet.de vorgestellt hat, und sie sollen ermutigen, in schulischen und außerschulischen Bildungsprozessen der Thematik eine deutlichere, curriculare Aufmerksamkeit zu schenken [3].

Das globale Gegenwarts- und Zukunftsthema Migration

1994 war es, als sich 60 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem „Manifest der 60“ zu Wort meldeten und ihre „gemeinsame Sorge über die mangelhafte politische Gestaltung der Migration und ihrer Folgen in Deutschland“ zum Ausdruck brachten und darauf hinwiesen. „Deutschlands Zukunft hängt auch von einer Migrations- und Integrationspolitik mit Vernunft und Augenmaß ab“. Der Herausgeber des Manifests, Professor für Neueste Geschichte und Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) an der Universität Osnabrück, Klaus J. Bade, und die Mitverfasser wollten damit einen „Anstoß zu einer in Deutschland längst überfälligen Debatte“ geben [4]. In den zwanzig Jahren hat es zahlreiche Studien und Forschungsaktivitäten zur Migrationsthematik gegeben. Die Erkenntnis dürfte dabei gewachsen sein, dass die Wanderungsbewegungen von Menschen auf unterschiedlichen Gründen und Zwängen beruhen, die eine neue, globale Betrachtung der Migrationsthematik erfordert. Die vom Osnabrücker Historiker Jochen Oltmer vorgelegte Skizze der Geschichte der Migration der Neuzeit vermittelt einen Überblick über Ursachen, Bedingungen und Auswirkungen von globalen Migrationsbewegungen und liefert Argumente und Entscheidungshilfen für gesellschaftliches und politisches Handeln [5]

Migration interkulturell philosophieren

Migrationsprozesse sind Menschheitsphänomene! Immer schon haben sich Menschen auf den Weg gemacht, um aus existentiellen, innovatorischen, kriegerischen oder zivilisatorischen Gründen neue Lebensräume für sich zu entdecken. Sie trafen dabei auf ausgebreitete und abwehrende Arme. Wie wurden willkommen geheißen und bekämpft. Es waren Pull- und Push-Faktoren, die sie motivierten und antrieben. Sie brachten Veränderungen in ihr eigenes Leben und in das der sesshaften Bevölkerung. Sie wurden als Bedrohung und Bereicherung empfunden. Im „Jahrhundert der Migration“, im 20. und 21. Jahrhundert, erhalten die weltweiten Wanderungsbewegungen eine neue Bedeutung durch die Globalisierung, durch Klimaveränderungen und die ökonomischen Entwicklungen. Die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen im „Jahrhundert der Migration“ erfordern eine neue Aufmerksamkeit. Die Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie, Institut für Philosophie der Universität Wien, gibt die Zeitschrift „polylog“ als Diskussionsforum heraus. In ihm sollen interdisziplinäre Aspekte mit dem Anspruch zu Wort kommen, zu einer „Neuorientierung in der Praxis des Philosophierens“ beizutragen. „Wir sehen im interkulturellen Philosophieren die Bemühung, in die philosophischen Diskurse Beiträge aller Kulturen und Traditionen als gleichberechtigte einzuflechten, also nicht bloß vergleichend nebeneinander zu stellen, sondern so in einen offenen gemeinsamen Raum… zu bringen“. Mit dem Themenschwerpunkt soll „Migration als Akt des Migrierens“ in den philosophischen Diskurs eingebracht werden. Dabei werden Aspekte und ethische Fragestellungen zur globalen Gerechtigkeit, Theoriebildungen zu Ethnizität und Identität diskutiert und Forschungspositionen zu Rechtsfragen, Zugehörigkeit und Divergenz bezogen. [6]

Inter- und transkulturelles Bewusstsein ist gefordert

Migration, sowohl als historische Wanderungsbewegungen, wie vor allem als aktuelle Erscheinungen in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt, trägt dazu bei, dass ethnozentriertes Denken und Handeln der Menschen abgelöst wird durch ein inter- und transkulturelles Bewusstsein. Das entsteht freilich nicht automatisch oder ist von vorn herein vorhanden, sondern muss sich individuell und lokal- und globalgesellschaftlich entwickeln. Die Bereitschaft zur Integration, als gegenseitiger Prozess, muss gelernt und durch Aufklärung und Information vermittelt werden, auf allen Bildungsebenen! Im europäischen Kontext stellt der Erwerb einer europäischen Identität eine der größten Herausforderungen dar. Im wissenschaftlichen Bereich kommt der Migrations- und Integrationsforschung eine besondere Bedeutung zu. Deshalb hat das Institut für Volkskunde der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität im Studiengang „Europäische Ethnologie“ vier Studientagungen durchgeführt, um den Themenkomplex „Fremdheit und Migration“ zu reflektieren. Die Ergebnisse der Tagungen werden im Sammelband vorgelegt, der von Max Matter (em.), ehem. Geschäftsführender Direktor des Instituts und Anna Caroline Cöster, wissenschaftliche Mitarbeiterin, herausgegeben wird. Die dokumentierten Veranstaltungen bestechen dadurch, dass Freiburger Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler und Gastreferentinnen und –referenten aus dem Ausland den Bogen spannen, der die Thematik kennzeichnet und die kulturpolitischen Herausforderungen kennzeichnet [7] .

Heimat ist, wo ich engagiert bin

Von den Mehrheitsgesellschaften wird immer wieder gefordert, dass die Zugewanderten sich an ihre, von ihnen gewählte neue Bleibe anpassen sollten; das ist richtig, denn nur die Kenntnis und Akzeptanz der individuellen und kulturellen Gepflogenheiten, die im neuen Land oder in der Region gelten, kann eigenes Leben friedlich gestalten. Das kann jedoch nicht bedeuten, dass „Du so wirst wie Ich“, also nicht Assimilation, sondern die eigene (Herkunfts-)Identität mit der in der Mehrheitsgesellschaft vorhandenen friedlich und human in Einklang zu bringen. Es gilt, die beim Migrationsprozess entstehenden Dilemmata zu erkennen und mit ihnen im Sinne eines guten und gedeihlichen Zusammenlebens in einer Gesellschaft intellektuell und emotional umzugehen. Wer seine Heimat verlässt, um anderswo eine neue Heimat zu finden, gibt Gewohnheiten, Sicherheiten, Geborgenheiten und Gewissheiten auf, um solche und bessere an einem anderen Ort zu finden. Weil er dort nicht selten erst einmal auf Unsicherheiten und Ungewissheiten, ja sogar auf Ablehnung und Verweigerungen trifft, kommt es darauf an, allgemeingültige, demokratische, gesellschaftliche und staatliche Regelungen zu entwickeln [8] Trotz der jahrzehntelangen, kontroversen Auseinandersetzungen über Migrationsaspekte gibt es in der deutschen Gesellschaft bis heute kein einheitliches Bild und Einverständnis über zivilgesellschaftliches Engagement von Menschen mit Migrationshintergrund in der deutschen Gesellschaft. Die Vorstellung, dass Migrantinnen und Migranten nur die gesellschaftlichen und sozialen Vorteile ausnutzen wollen, aber selbst kaum etwas dazu beitrügen, um eigenes Engagement (auch) für die Mehrheitsgesellschaft einzubringen, ist nach wie vor allgemeines Mainstream-Denken. Dabei zeigen zahlreiche Beispiele von positiven, gesellschaftlichen Aktivitäten, „dass MigrantInnen ihr Engagement für Deutsche nutzen, um sich in der fremden Gesellschaft zu beheimaten“ [9].

Differenzen im Dialog

Menschen sind individuell und kollektiv differente Lebewesen; das ist eine redundante Aussage, die sich erst in der Bedeutungsdifferenzierung erschließt. Der Rückgriff auf die Bedeutung der Differenz lässt sich, human, in zwei Postulaten verankern: Die eine entnehmen wir der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 in Artikel 1 proklamierten Feststellung: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“. Die andere wurde von der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 mit der Forderung versehen, im lokalen und globalen Zusammenleben der Menschen „eine positive Einstellung zu anderen Menschen und zu ihren unterschiedlichen Lebensweisen, ihrer kreativen Vielfalt“ zu entwickeln. Das bedeutet, dass die Forderung nach Gleichheit und Gerechtigkeit in der Welt die Anerkennung der Unterschiedlichkeit der Menschen beinhaltet; freilich im Sinne einer globalen Ethik, die Höherwertigkeitsvorstellungen wie Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten ausschließen. In und mit Differenzen leben, gehört deshalb zu einer der größten (Haus-)Aufgaben der Menschen. Denn: Differenzen an sich bedingen nicht schon soziale oder gesellschaftliche Probleme; vielmehr sind es die individuell und gesellschaftlich gemachten Unterschiede, die Differenzen zum Problem werden lassen. Differenzen denken und leben, ausprobieren, auf direkten Wegen und auf Umwegen erreichen, erhoffen und über Stichpunkte erzwingen, das sind Vorsätze, die zu Hauptsätzen werden müssen. Weil Herrschaft von Menschen über Menschen nicht konstitutiv und selbstverständlich ist und sein darf, sondern unterschiedlich ge-macht wird. Eine genaue „Analyse der Unterschiede verschiedener Herrschaftsstrukturen in ihren jeweiligen historisch sich wandelnden Erscheinungen“ ist erforderlich, um Differenz nicht von vornherein als negatives Moment zu betrachten, sondern zu erkennen, dass „eine große Fülle an Differenzen nicht zu sozialen und gesellschaftlichen Konflikten führt, sondern wie selbstverständlich im Zusammenleben integriert und gelebt wird“. Die vielfältigen Zugänge zum Differenzdiskurs, die von den Autorinnen und Autoren der Klagenfurter Initiative thematisiert werden, knüpfen Verbindungen zwischen kulturwissenschaftlichen Analysen und herrschaftskritischen Themen und öffnen so die Tür einen spaltbreit weiter, emanzipatorisches und basisdemokratisches Denken und Handeln bei Migrations- und Integrationsprozessen zu denken und zu leben und geschlechtsspezifische Perspektiven auf Inklusion und Exklusion aufzuzeigen. [10]

Stereotypen, Klischees und andere Vorurteile

Mehrheitsgesellschaften, die sich national, völkisch, politisch oder geschichtlich als ethnische Gemeinschaften verstehen, haben sich immer schon abgegrenzt gegenüber vermeintliche oder tatsächliche Eindringlinge, Zuwanderer, die sie als Fremde und nicht Dazugehörige ablehnen oder ihnen zumindest distanziert gegenüberstehen. Die philosophische, psychologische und anthropologische Auffassung, dass „der Fremde ich selbst bin“, wird nicht selten mit Stoppschildern und Tabus be- und verhindert. Die Aufklärungsprozesse, wie sie in der Deklaration der Menschenrechte aufgegeben sind, verlaufen jedoch, wie die zahlreichen Formen von Ethnozentrismen, Höherwertigkeitsvorstellungen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismen überall in der Welt zeigen, äußerst schleppend und schwergängig. Die Erkenntnis, dass man als Rassist nicht geboren, sondern durch individuelle und gesellschaftliche Einflüsse dazu gemacht werden kann, hat zwar in einigen Staatsverfassungen und demokratischen Ordnungssystemen zu Regelungen geführt, ethnische und andere Formen von Diskriminierungen unter Strafe zu stellen, doch das sind nach wie vor Ausnahmen; etwa in der Schweiz, in der seit dem 1. Januar 1995 mit dem Art. 261 der Antidiskriminierungsparagraph eingefügt wurde: „Wer öffentlich gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion zu Hass oder Diskriminierungen aufruft, wer öffentlich Ideologien verbreitet, die auf die systematische Herabsetzung oder Verleumdung der Angehörigen einer Rasse, Ethnie oder Religion gerichtet sind, wer mit dem gleichen Ziel Propagandaaktionen organisiert, fördert oder daran teilnimmt, wer öffentlich durch Wort, Schrift, Bild, Gebärden, Tätlichkeiten oder in anderer Weise eine Person oder eine Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion in einer gegen die Menschenwürde verstossenden Weise herabsetzt oder diskriminiert oder aus einem dieser Gründe Völkermord oder andere Verbrechen gegen die Menschlichkeit leugnet, gröblich verharmlost oder zu rechtfertigen versucht, wer eine angebotene Leistung, die für die Allgemeinheit bestimmt ist, einer Person oder einer Gruppe von Personen wegen ihrer Rasse, Ethnie oder Religion verweigert, wird mit Gefängnis oder Buße bestraft“. In der Vorurteilsforschung der Sozialwissenschaften herrsche, so stellt der Journalist Jürgen Kaube in der FAZ vom 1. Oktober 2011 fest, die Tendenz vor, dass die Untersuchungen und Analysen über Vorurteile überwiegend von negativen Konnotationen ausgingen; deshalb würde der Diskurs um Migration und Integration eher von Formen des hemmungslosen Moralisierens auf der einen, und von irrationaler Angstmache auf der anderen Seite bestimmt. Jost W. Kramer, der an der Hochschule in Wismar bis zu seinem Tod im Februar 2012 als Betriebswirtschafter tätig war und der Wiener Sozialwissenschaftler Robert Schediwy setzen sich in ihrem „Argumentier“ – Buch damit auseinander, wie scheinbare, selbstverständliche und unverrückbare Gewissheiten, Befindlichkeiten und Stammtischparolen in der Auseinandersetzung mit ethnischen Minderheiten entstehen und wie diesen entgegengewirkt werden kann. Sie fokussieren dabei ihre Reflexionen und Denkanstöße auf Zugewanderte, die in den jeweiligen Mehrheitsgesellschaften heimisch werden wollen, was bedeutet, dass sie andere Arten von Minderheiten, etwa Behinderte oder sonstige Diskriminierte in ihrem Buch nicht dezidiert ansprechen [11].

Integration hat zwei Seiten

Im Diskurs um Möglichkeiten und Wirklichkeiten von Integrationsbemühungen in der Gesellschaft melden sich, neben den Macht- und Dominanzpositionen von „Leitkultur“-Vertretern, zum Glück auch Stimmen von Migrantinnen und Migranten zu Wort. Sie zeigen an zahlreichen, gelingenden und gelungenen Beispielen auf, dass Integration tatsächlich zur Inklusion, also zu einem gesellschaftlichen Selbstverständnis von friedlichem, gerechtem und sozialem Zusammenleben führen kann. Es sollte sich doch mittlerweile herumgesprochen haben, dass das (unbedachte wie bewusst gesteuerte) Gerede vom Scheitern der Integrationsbemühungen in Deutschland (und Europa) Unsinn ist. Dass auch Integration scheitern kann oder sogar von Einzelnen aus ideologischen oder unbedarften Gründen gar nicht gewollt wird, ist nichts Besonderes. Gesellschaftliche Prozesse, auch in scheinbar homogenen Gesellschaften, verlaufen immer auch verquer, und Probleme bei Einzelnen sollten als gesellschaftliche Herausforderung verstanden und nicht als Argument benutzt werden, Integration abzulehnen. Es ist „unsere kreative Vielfalt“, die „Universalismus… (als) das Grundprinzip einer globalen Ethik“ verstehen lässt und deutlich macht, dass „ Rechte (...) im Zusammenhang gesehen werden (müssen) mit Pflichten, Möglichkeiten mit Grenzen, Spielräume mit Verlässlichkeit, Freiheiten mit Bindungen [12]. Es muss gelingen, mit den nach Deutschland eingewanderten Menschen einen gemeinsamen gleichberechtigten und fairen Diskurs über die individuelle und gesellschaftliche Entwicklung zu führen und Probleme bei der Integration in die deutsche Gesellschaft als gemeinsame Herausforderung, wie als gemeinsame Chance bei der Entwicklung hin zu einer gerechteren, friedlicheren und humaneren Gesellschaft zu begreifen [13]. Denn die Frage nach der „deutschen Identität“ ist heute nicht mehr dem Panzerhemd und dem Abwehrschild zu stellen, sondern mit dem Bewusstsein, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (10.12.1948) in der Präambel formuliert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bildet) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt (...)“ [14]. Der 1968 in Siegen als Sohn türkischer Gastarbeiter geborene Mehmet Gürcan Daimagüler kann als Vorzeige- und Paradebeispiel für jemand gelten, der erfolgreich Deutscher wurde: Er absolvierte erfolgreich die Schule, studierte Jura, VWL und Philosophie in Bonn, Kiel, Witten-Herdecke, Harvard und Yale; er wurde als »World Fellow« der Yale University und als »Littauer Fellow« der Harvard University ausgezeichnet; er war Mitglied des Bundesvorstandes der FDP (die er 2007 verließ), Berater der Boston Consulting Group, wurde 2005 vom „World Economic Forum“ in Davos zum „Young Global Leader“ gekürt und ist als erfolgreicher Rechtsanwalt und Strategieberater in Berlin tätig. Eine Bilderbuchkarriere, die sich mancher „Ur“-Deutscher wünschte [15].

Differenzerfahrung irritiert die eigenen kulturellen Anschauungen

Wir leben in einer sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt. Wir leben in einer „Weltrisikogesellschaft“ [16]. Die Frage, wie viel Transnationalismus der Kultur zugemutet werden kann, bestimmt den gesellschaftlichen Diskurs [17]. Es gilt die Mahnung, dass im Zeitalter der Globalisierung Humanismus zu einer neuen, rettenden Perspektive eines globalen, friedlichen und gerechten Daseins der Menschen auf der Erde werden sollte [18]. Es wird die Forderung lauter, dass anstelle des homo oeconomicus der homo empathicus das Menschheitsbewusstsein zu bestimmen habe [19]. Der wissenschaftliche Diskurs über die interkulturelle Entwicklung und Interkulturalitätsphänomene wird mittlerweile eher selbstverständlich als interdisziplinäre, denn fachspezifische Herausforderung verstanden. Das hat zur Folge, dass der soziologische und sozialwissenschaftliche Begriff von „Fremdheit“ sich in verschiedenen Formen artikuliert: „Das Vertraute und das Fremde“ als Spannungsfeld, der „Umgang mit Heterogenität“ als Kommunikations- und Integrationsaufforderung, „Vielfalt der Lebensformen“ als Weltbild. Es sind der Umgang mit Differenzerfahrungen und der (geforderte) Schritt hin zum Fremdverstehen, der die interkulturelle Auseinandersetzung und Begegnung zum irritierenden Erlebnis werden lässt, bei dem „das vormals Selbstverständliche plötzlich mit neuen und anderen Perspektiven konfrontiert wird“. Es ist die Frage, wie der vielfach geforderte Perspektivenwechsel vollzogen werden kann, als Stabilisator und erweitertes Bild der individuellen und kulturellen Identität. „In der Konfrontation mit einer Pluralität von Weltdeutungen scheint das Vertraute der eigenen Lebenswelt dem Fremden der Lebensformen und kulturellen Weltdeutungen in einer Weise gegenüberzustehen, die auf allen Ebenen des sozialen Lebens Differenzerfahrungen entstehen lässt“.

Migrationspädagogik

Wie der und das Fremde in einer Gesellschaft wahr- und angenommen oder abgelehnt wird, hat viel damit zu tun, wie das jeweilige sozio-kulturelle und politische Ordnungssystem funktioniert und welchen Stellenwert Fragen nach dem Anderen im ethisch-moralischen wie im alltagskonkreten Denken und Handeln haben. Die Frage nach dem Anderen als dem eigenen Selbst oder dem abzulehnenden Fremden ist schließlich eine nach der individuellen und gesellschaftlich-politischen Bildung und nicht zuletzt nach hegemonialen und/oder pluralen Bewusstseinszuständen. Das Konzept der Interkulturellen Pädagogik, als ein Teilgebiet der Erziehungswissenschaft, wird auch als Kompetenz zur Interkulturellen Erziehung, zum Interkulturellen (oder Globalen) Lernen verstanden. Es basiert auf einer dynamischen Kulturauffassung und hat zum Ziel, im eigenen kulturellen Denken und bei der Bildung der eigenen kulturellen Identität den Perspektivenwechsel zur kulturellen Identität des Anderen, des Fremden, zu ermöglichen und ein friedliches, multiethnisches Zusammenleben in einer Einwanderungsgesellschaft herzustellen. Die These, dass die Selbstbilder, die Mitglieder von Mehrheitsgesellschaften von ihrem Land und ihrer (Volks-)Gemeinschaft haben und dem sie sich zugehörig fühlen („Ich bin ein Deutscher!“), sowohl historische Wurzeln haben, als auch die Möglichkeiten und Grenzen beim praktischen Umgang mit Fremdheit bestimmen, ist nicht neu; sie aber in den Kontext von Nationalstaatenbildung und Nationalitätsbildern zu stellen und diese zu vergleichen, kann als ein weiterführender Ansatz des Diskurses um Migration verstanden werden. Denn die in den (westlichen) Gesellschaften wahrnehmbaren Ängste und Vorbehalte gegen „Überfremdung“ häufen sich nicht nur, sondern zeigen in der historisch-soziologischen Analyse über die Entstehung von westlichen Gesellschaften eine doppelte Selektivität:  Selektiv sowohl in ihrer Begrenztheit auf die Anpassungs- und sogar Assimilationsansprüche an die westlichen Kulturen, als auch in sozialer Hinsicht, etwa bei der Verweigerung oder Erschwerung von staatsbürgerlicher Partizipation [20].

Heterogenität – Grundpfeiler der pädagogischen Aufklärung

Die verschiedenen Phasen und Epochen von Paradigmenwechsel, die bei gesellschaftlichen Wandlungsprozessen einsetzen, verursachen bei Menschen immer auch Veränderungserlebnisse, die sich positiv, im Sinne von Weiterentwicklungserfahrungen, aber auch negativ, als belastende, das eigene Denken und Handeln (scheinbar) gefährdende Erscheinungen darstellen. Immer schon in der Menschheitsgeschichte war und ist der Ortswechsel, als Migration, verbunden mit Veränderungen von gewohnten Standpunkten und bedeutet für die Wandernden wie für die Eingesessenen Chancen und Gefahren. Wer seine angestammte Heimat verlässt, um – aus welchen Gründen auch immer – neue (bessere) Lebensmittelpunkte in der Fremde zu suchen, zeigt damit ein aktives Element der Lebensbewältigung und verlässt abwartende oder fatalistische, blockierende Einstellungen. So lässt sich sagen, dass Migration eine Herausforderung [21] und eine wünschenswerte Entwicklung darstellt. Entscheidende Ansatzpunkte, wie ein Bewusstsein von der (normalen und bereichernden, nicht bedrohlichen) Vielfalt der Menschheit in die Köpfe und Herzen der Menschen gebracht werden kann, sind ohne Zweifel Bildungs- und Erziehungsprozesse. Für die institutionelle, schulische wie außerschulische Bildung, sind Lehrerinnen und Lehrer gewissermaßen die Agenten der Veränderung von Verhaltenseinstellungen, wie Lernen definiert wird. Die Lehreraus- und -fortbildung hat dabei ein besonderes Gewicht [22].

Wenn Menschen mobil sind, werden auch Dinge, Objekte und Ideen in Bewegung gesetzt

Die Thematik „Migration“ hat in der Forschung wie im gesellschaftlichen Diskurs einen Stellenwert, der nicht selten und in unterschiedlichem Maße von subjektiven Meinungen, Emotionen, Ideologien und Höherwertigkeitsvorstellungen denn von einer rationalen und objektiven Bewertung bestimmt ist. Integrationspolitik und Identitätsbildung klaffen oft genug auseinander im Nichtverstehen(wollen) oder (-können). Die Erwartungen und Forderungen der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft an die Menschen, die als Migrantinnen und Migranten ankommen und aufgenommen werden wollen, unterscheiden sich mehr von einander als sie sich annähern [23]. Kunst (Kultur) und Migration verdeutlicht einen Zusammenhang, der im Migrationsdiskurs nicht von vorn herein im Blick ist; vor allem dann nicht, wenn die künstlerischen Äußerungen und Arbeiten von Migrantinnen und Migranten aus den eher „kulturferneren“ Regionen stammen, wie etwa im europäisch-afrikanischen Kontext. Die „Annäherungen an zeitgenössische Künstler aus Afrika“ vollziehen sich eher zögerlich und nach wie vor eurozentristisch. Es ist der „globale Marsch“ (Peter Opitz), der in den Zeiten der Globalisierung der Tendenz Vorschub leistet, dass lokal und global die Reichen immer reicher und die Habenichtse immer ärmer werden und bei den sich rapide vollziehenden Klimaveränderungen mehr Menschen als vorher veranlasst, ihren angestammten Lebensraum zu verlassen und anderswo erträgliche Lebensbedingungen zu suchen. Die sich dabei ausprägenden Formen einer Ästhetik (Wahrnehmung) zeigen sich in vielfältigen Formen, als Flucht-, Umwelt- und Lebens-Bewältigung. Die Auseinandersetzungen über die Gründe und Gestalten der Migrationsanlässe und –vollzüge werden dabei selten von oder mit, sondern eher über die Migrantinnen und Migranten geführt, insbesondere in der deutschen Integrationsdebatte [24].

Migration, Mobilität, Pluralisierung, Hybridisierung…

„Migration, Mobilität, Pluralität / Hybridisierung als aufeinander bezogene Phänomene… (sind ) im zentraleuropäischen Raum keineswegs neuartig (...) “, das ist keine neue Erkenntnis, sondern wird in der Migrationsforschung immer wieder betont; wenn auch die rapide, interdependent und entgrenzend sich entwickelnde Welt neue Formen und Zustände der Wanderungsbewegungen der Menschen hervorgebracht hat und zu Denkmustern herausfordert, die nicht alleine das „Wir“ und die „Anderen“ als Maßstab des Zusammenlebens betrachten, sondern Solidarität in hybride und transkulturelle Selbstverständlichkeit und „Kultur als Pluralisierung möglicher Identitäten“ erkennen .Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat 2009 im Rahmen der Forschungsprogramme „Orte des Gedächtnisses“ und „Translation“ eine internationale Konferenz durchgeführt, bei der insbesondere die historischen und aktuellen Fragestellungen zu den Zusammenhängen von Migration und Mobilität aus Gegenwartsperspektive diskutiert wurden. Es sind die Herausforderungen der „Gleichzeitigkeit der ungleichen Zugänge“, die auch die Gesellschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschungen zu neuen Denk- und Handlungsformen veranlassen, insbesondere die Frage, wie die Hybriditätskonzepte reflektiert und adäquat in die Forschungsperspektiven gebracht werden können. Wenn Migrationsprozesse inter-, transkulturelle und hybride Formen der Identität hervorbringen und Hybridität als angeborene, gewachsene und entwickelte Vielfalt menschlichen Zusammenlebens bezeichnet werden kann, muss endlich der Perspektivenwechsel von der Push- und Pull-Betrachtung weg und hin zu den Selbstverständlichkeit der menschlichen Vielfalten und Unterschiede vollzogen werden [25]

Ein neues Leben?

Migration, ob in der traditionellen Form von Wanderung, die es gibt, seit Menschen existieren und sich auf den Weg machen, um neue Jagdgründe, bebaubare Böden zu finden, oder Stammesangehörigen nachzufolgen, Familien zu gründen, oder in den neueren Formen, um Arbeit und Auskommen zu suchen, vor politischer Verfolgung oder vor Umweltkatastrophen zu fliehen. ist immer bestimmt von der Hoffnung auf ein besseres als das bisherige Leben. Migration ist somit in höchstem Maße ein Merkmal und eine Herausforderung zur Veränderung. Gepaart sind dabei (fast) immer auch die Erinnerung an das Gewohnte und die Ungewissheit auf das Zukünftige. In der Migrationsforschung wird diesen Fragen in je unterschiedlicher Weise Rechnung getragen. Ein Aspekt verdient dabei eine besondere Aufmerksamkeit, nämlich die Frage, wie junge Menschen mit Migrationshintergrund in den jeweiligen Gesellschaften sich beheimatet fühlen. In einer Vergleichsanalyse werden die Befindlichkeiten, Einstellungen und Erwartungshaltungen von Jugendlichen aus Deutschland, Frankreich und Marokko untersucht. Sie ergeben ein interessantes Bild, das für gesellschaftliches und politisches Handeln aufschlussreich ist [26]

Festung Europa?

Die im „Manifest der 60“ (1994) zum Ausdruck gekommenen Klagen, dass in Deutschland und in den anderen europäischen Ländern langfristig tragende, humane Konzepte zur Migrationspolitik fehlen und Abschottung, Abgrenzung und nationalzentrierte und neoliberale Zuwanderungskalküle individuell und kollektiv das politische Denken und Handeln bestimmen, sind europäische Wirklichkeit geworden. Die europäischen Länder haben sich verständigt, dass die Kontrolle von Einwanderungen als wirksamstes Mittel gegen unerwünschte Migration angesehen und eingesetzt werden kann. Sie haben dadurch in der Bevölkerung die Überzeugung genährt, dass es besser sei, Mauern und Grenzzäune zu errichten, anstatt mit politik- und gesellschaftsstrategischen Mitteln die Ursachen von (Armuts-, Umwelt- und Gewalt-)Wanderungsbewegungen zu bekämpfen [27]. Am Institut für Sozialforschung an der Universität Marburg, hat von 2009 bis 2013 eine interdisziplinäre Forschergruppe das „Staatsprojekt Europa“ bearbeitet. In mehreren Forschungsvorhaben und Analysen ging es darum, Alternativen zur (ver-)schleppenden, zögerlichen, neoliberalen und hegemonialen Arbeitsmigrationspolitik in Europa anzubieten und die Entstehung und Entwicklung der europäischen Grenzschutzagentur Frontex kritisch zu betrachten. „Krise und kein Ende“, so titelt die Forschungsgruppe „Staatsprojekt Europa“ die Entwicklung in der europäischen Integrations- und Migrationspolitik. Die Diskrepanz wird deutlich: Während auf der einen Seite im europäischen Integrationsprozess ein „inkrementalistisches (Zuwachs-, J.S.) Voranschreiten des Staatsprojekts Europa“ zu verzeichnen ist, verdeutlicht sich andererseits, dass die Hegemonien innerhalb der einzelnen Staaten auf den Gebieten der Arbeitsmigrationspolitik Initiativen für eine europäische Migrationspolitik und ein Migrationsmanagement ausbremsen: „Die Migrationspolitik ist ein Kampfterrain mit eigenen Logiken“ [28].

Migration und Mobilität als gesellschaftlicher Normalzustand

Die Migrationsforschung, wie auch die alltäglichen, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über Fragen der Wanderung von Individuen und Gruppen von einem (angestammtem) Lebensraum zum anderen, kreisen überwiegend um die so genannten strukturellen Push- und Pull-Faktoren, sowie um die Wanderungsbewegungen von Süd nach Nord. Selten und eher unter beiläufiger historischer Betrachtung kommt zum Ausdruck, dass Migration ein gesellschaftliches Motiv ist, das dem Anthropos (Aristoteles), dem Menschen als ein existenzbejahendes, vernunftbegabtes, energisches und dynamisches Lebewesen gegeben ist. Betrachtet man Wanderungen von Menschen unter diesem Aspekt, so wird deutlich, dass der überwiegend auf wirtschaftliche und humanitäre Motivation fokussierte dominante Diskurs die Motive zur Migration nicht nur einseitig darstellt, sondern ihnen auch ihre Bedeutung für ein globales Zusammenleben der Menschen auf der Erde nimmt. Es lohnt, diese durchaus neue und überraschende Sichtweise in die kontroversen Diskussionen um Migrationsphänomene und -ursachen hinein zu nehmen. Die „Pathologisierung“ von Migration, die sich in den nationalen und internationalen Auseinandersetzungen um die Wanderungsbewegungen von Menschen zeigt, verdeutlicht sich ja darin, dass es im Argumentations- und Sprachgebrauch darum geht, Migration als einen zu überwindenden Ausnahme- und Katastrophenzustand darzustellen. „Bootsflüchtlinge“, „illegale Einwanderer“, „Schmarotzer“…, das sind Abwehrreaktionen, die aus den meist satten Mehrheitsgesellschaften kommen; und die Drohgebärden, wie „Das Boot ist voll“ sollen von der Einwanderung abschrecken; und die rein ökonomisch und egoistisch gedachten (neueren) Argumente für eine „gezielte Einwanderungspolitik“ dahingehend entlarven und die Horrorszenarien als solche ausweisen: „Der Anteil der Migrant/innen an der Weltbevölkerung ist über Jahrhunderte relativ konstant (um drei Prozent). Nur die Richtungen der Migration, die Distanz, die überwunden wird, und zum Teil auch die Motive variieren“. Ein Blickwechsel ist angezeigt; nicht, um die Probleme, die sich für Einwanderungsgesellschaften durch Zuwanderung ergeben, genau so für die Auswanderungsgesellschaften, klein zu reden, sondern um die Perspektiven bei den Eingesessenen wie bei den Eingewanderten zu erweitern und damit Integration als ein Geben und Nehmen für alle Beteiligten zu begreifen. Der Fokus der Themen liegt dabei auf den Herkunftsgesellschaften in Südostasien und Lateinamerika, wobei Schwerpunkte der Darstellungen sich auf philippinische Migrationsverhältnisse beziehen und Fallbeispiele von Migrantinnen und Migranten aus Mexiko und Ecuador herangezogen werden. Das ist, so die Herausgeber, der Situation geschuldet, dass die hierzu vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen ein klareres Bild über die Effekte von Migration auf Herkunftsgesellschaften ermöglichen [29].

Fazit

In der Welt, die ökonomisch immer mehr zusammenwächst und als globalisierte, entgrenzte Entwicklung darstellt, bedarf es des Pendants einer freiheitlich-demokratischen Perspektive für ein humanes, friedliches und gerechtes Lebens für alle Menschen auf der Erde. Sie ist nicht durch Aus- und Abgrenzung zu erreichen, sondern indem es gelingt, eine gemeinsame Identität der Menschlichkeit zu erkennen und zu praktizieren, wie dies in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, postuliert wird. Ein Weg dahin könnte sein, einen „Frieden durch das Recht“ (Raymond Aron) zu etablieren, der das Vernunftgemäße und das Gefühlsbetonte des menschlichen Daseins einschließt [30]. Es ist also der vielberufene Perspektivwechsel angesagt, wie ihn u. a. auch die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) zum Ausdruck bringt: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ – auch im Bewusstsein, dass Migration eine Chance für die humane Weiterexistenz der Menschheit ist! Autor
Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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[1] Yaşir Aydin, Topoi des Fremden. Zur Analyse und Kritik einer sozialen Konstruktion, 2009, zur Rezension

[2] vgl. auch: Jos Schnurer, Wie Deutschland zu den Fremden kam, 20.12.2013, zur Rezension

[3] Asit Datta / Harry Noormann / Neville Alexander / Sharon Beder / Christoph Butterwegge,  Hrsg., Zukunft der Migration, Zukunft des transkulturellen Lernens, 2010, zur Rezension

[4] Klaus J. Bade, Hrsg., Das Manifest der 60. Deutschland und die Einwanderung, München 1994, 231 S.

[5] Jochen Oltmer, Globale Migration, 2012, zur Rezension

[6] Arash Abizadeh / Nausikaa Schirilla / Bianca Boteva-Richter, Hrsg., Migration, 2014, zur Rezension

[7] Anna Caroline Cöster / Max Matter, Hrsg., Fremdheit und Migration. Kulturwissenschaftliche Perspektiven für Europa, 2011, zur Rezension

[8] Stefan Luft, Staat und Migration, 2009, zur Rezension

[9] Kathrin Düsener, Integration durch Engagement? Migrantinnen und Migranten auf der Suche nach Inklusion, 2010, zur Rezension

[10] Utta Isop / Viktorija Ratkovič, Differenzen leben. Kulturwissenschaftliche und geschlechterkritische Perspektiven auf Inklusion und Exklusion, 2011, zur Rezension

[11] Jost M. Kramer / Robert Schediwy, Minderheiten. Ein tabubelastetes Thema, 2012, http://www.socialnet.de/rezensionen/14089.php; sowie: Doug Saunders, Mythos Überfremdung. Eine Abrechnung, 2012, zur Rezension

[12] Deutsche UNESCO-Kommission,  „Unsere kreative Vielfalt. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ <1995>, Bonn 1997, S. 23

[13] Nilüfer Keskin, Probleme der Integration türkischer Migranten zwischen der zweiten und dritten Generation, 2010, zur Rezension

[14] vgl. auch: Zafer Senocak, Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift, Hamburg 2011, zur Rezension

[15] Mehmet Gürcan Daimagüler, Kein schönes Land in dieser Zeit. Das Märchen von der gescheiterten Integration, 2011, zur Rezension

[16] Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, 2007, zur Rezension

[17] Willi Jasper, Hrsg., Wieviel Transnationalismus verträgt die Kultur?, Berlin 2009, zur Rezension

[18] Jörn Rüsen / Henner Laass, Hrsg., Interkultureller Humanismus. Menschlichkeit in der Vielfalt der Kulturen, Schwalbach 2009, zur Rezension

[19] Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, Ffm 2010, zur Rezension sowie: Martha C. Nussbaum, Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, zur Rezension

[20] Ghodsi Hejazi, Pluralismus und Zivilgesellschaft. Interkulturelle Pädagogik in modernen Einwanderungsgesellschaften, 2009, zur Rezension; vgl. auch: Paul Mecheril / Mario do Mar CastroVarela / Dirim İnci / Annita Kalpaka / Claus Melter, Migrationspädagogik, 2010, zur Rezension

[21] Nadine Rose, Migration als Bildungsherausforderung. Subjektivierung und Diskriminierung im Spiegel von Migrationsbiographien, zur Rezension

[22] Elisabeth Rangosch-Schneck, Lehrer - Lernen - Migration. Außen- und Innenperspektiven einer "interkulturellen Lehrerbildung", 2012, zur Rezension; sowie: Joachim Schwohl / Tanja Sturm, Hrsg., Inklusion als Herausforderung schulischer Entwicklung. Widersprüche und Perspektiven eines erziehungswissenschaftlichen Diskurses, 2010, zur Rezension

[23] Hilal Sezgin, Hrsg., Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu, Berlin 2011, in: zur Rezension

[24] Marie-Hélène Gutberlet / Sissy Helff, Hrsg., Die Kunst der Migration. Aktuelle Positionen zum europäisch-afrikanischen Diskurs, Material - Gestaltung – Kritik, 2011, zur Rezension

[25] Gertraud Marinelli-König / Alexander Preising, Hrsg., Zwischenräume der Migration. über die Entgrenzung von  Kulturen und Identitäten, 2011, zur Rezension

[26] Judith Schicklinski, Migration und europäische Zuwanderungspolitik. Eine Studie über Einstellungen und Vorstellungen von Schüler(inne)n und Student(inn)en in Marokko, Frankreich und Deutschland, 2009, zur Rezension

[27] Ulrich Schmidt-Denter, Die Deutschen und ihre Migranten. Ergebnisse der europäischen Identitätsstudie, 2011, zur Rezension; sowie: zur Rezension

[28] Forschungsgruppe "Staatsprojekt Europa", Hrsg., Kämpfe um Migrationspolitik. Theorie, Methode und Analysen kritischer Europaforschung, 2014, zur Rezension; sowie: Jens Wassenhoven, Europäisierung deutscher Migrationspolitik. Policy-Wandel durch Advocacy-Koalitionen, 2011, zur Rezension

[29] Niklas Reese / Judith Welkmann, Hrsg., Das Echo der Migration. Wie Auslandsmigration die Gesellschaften im globalen Süden verändert, 2010, zur Rezension

[30] Elizabeth Picard, Der Zerfall der Nationalstaaten, in: „Minderheiten“, UNESCO-Kurier 6/1993, S. 13ff

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Buchcover

Heidrun Kiessl: Systemische Ansätze in der Heilpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 170 Seiten. ISBN 978-3-17-033064-1.
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