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Deutschland ist das Land mit der größten Vermögensungleichheit in Europa

Dr. Jos Schnurer

03.04.2016

Collage, zusammengestellt von Dr. Jos Schnurer
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Diese Analyse stammt nicht von einem ausgewiesenen marxistischen Gesellschaftskritiker, der das gesamte, kapitalistische und neoliberale Wirtschaftssystem abschaffen will, sondern von einem, dem kapitalistische und neoliberale Wirtschaftsformen weder fremd noch egal sind  Der Wirtschaftswissenschaftler Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin,. Das DIW gilt als eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute und think tanks in Europa. Als Professor für Makroökonomie und Finanzen lehrt er an der Humboldt-Universität Berlin. Er ist Berater der Bundesregierung und war Mitarbeiter bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt/M. Er will nicht die Marktwirtschaft abschaffen, sondern er sagt: „Die Ungleichheit ist in Deutschland nicht deswegen so hoch, weil die Marktwirtschaft so gut funktioniert, sondern weil sie eben nicht funktioniert“ [1]  Er bezieht sich dabei auf die Analysen, die er in seinem Buch „Verteilungskampf“ bringt [2]. Das Credo, wie es die soziale Marktwirtschaft als oberstes gesellschaftliches Ziel formuliert, nämlich „Wohlstand für alle“, wird von ihr selbst nicht eingelöst: „In unserer Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt“; denn die Ungleichheiten in den Lebensbereichen der Menschen, bezogen auf Einkommen, Vermögen und Chancen, vergrößern sich. Die weltweit sich vollziehende, kapitalistische Entwicklung, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, zeigt sich in der deutschen Gesellschaft virulent: „Wir sind längst eine Klassengesellschaft oder sogar eine Kastengesellschaft“. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären? Fratzscher verweist auf die seiner Meinung nach entscheidenden Ursachen, nämlich auf das unsoziale Arbeitssystem, das immer noch dazu führt, dass zuviel Werktätige von dem, was sie als Kleinstverdiener an Lohn erhalten, sich und ihre Familien nicht ernähren können; was zur Folge hat, dass der Staat mit Mitteln des „Sozialtransfers“ (Aufstocker) aushelfen muss; damit hängt zusammen die unterschiedliche Wertschätzung von Arbeit, etwa bei der Verteilung der gemeinsam erwirtschafteten Gewinne, den völlig überzogenen, hochbo( r )nierten Managergehältern auf der einen und den ungerechten Löhnen der Mehrheit der Beschäftigten auf der anderen Seite; zum zweiten durch das unsoziale und kaum mehr funktionierende Rentensystem, bei dem immer mehr Kleinrentner in Not geraten; und schließlich die völlig unzureichende und falsche Investitionspolitik: „Wir geben lieber zehn Milliarden Euro pro Jahr für vermeintliche soziale Wohltaten aus, als zehn Milliarden Euro ins Bildungssystem und in unsere Infrastruktur zu stecken“. Die Analyse freilich endet an der Stelle, wo es für die Besserverdiener und Besitzenden ein bisschen zwacken würde, etwa bei der Frage nach der Einführung einer Vermögenssteuer, oder beim Ehegattensplitting. Sein Widerstand dagegen ist nicht schlüssig; denn das Argument, dass die daraus sich ergebenden Einnahmen vom Staat ja eh wieder nur an die Wohlhabenden verteilt werden würde, lässt eben außer acht, dass mit einem ökonomischen Perspektivenwechsel auch ein sozialpolitischer Veränderungsprozess einhergehen muss. So klingt die Klage eher wie die Erwartungshaltung:  „Wasch‘ mir den Pelz, aber mach‘ mich nicht nass!“. Bei der nachfolgenden Forschungs- und Literaturbetrachtung soll es zum einen darum gehen, Äußerungen, Konzepte und Ideen vorzustellen, die darauf bauen, dass es schon genügt, den „Raubtierkapitalismus“ [3] zu bändigen, um eine gerechtere, kapitalistische Wirtschaftspolitik zu ermöglichen; zum anderen sollen diejenigen zu Wort kommen, die in der Abschaffung des Kapitalismus die eine, richtige Lösung des Problems sehen [4].

Der gute Kapitalismus ist möglich!

Kann es  sein, dass die Forderung nach ein bisschen weniger Markt schon eine humanere Ökonomie zustande bringt? Dass es nur der Regulierung und Veränderung des globalisierten  Shareholder-Value-Kapitalismus bedürfe, um die naturwüchsigen Prinzipien eines „freien Marktes“ von Angebot und Nachfrage wieder zu installieren? Und damit auch die Folgen zu revidieren, die mit der lokalen und globalen Deregulierung der Finanz- und Arbeitsmärkte einher gehen, nämlich zunehmende Veränderungen der Einkommensverteilung zu Ungunsten der abhängig Beschäftigten, und zwar in allen Bereichen der privaten und öffentlichen Beschäftigtenverhältnisse?. Die traditionelle Erkenntnis, dass zwischen dem jeweiligen gesellschaftlichen Produktionsvolumen und der gesellschaftlichen Nachfrage eine Balance bestehen müsse, korrespondiert mit der Erkenntnis, dass eine gerechtere Einkommensverteilung für alle Bevölkerungsgruppen erreicht werden sollte, damit die in den vergangenen Jahrzehnten erfolgten ungerechtfertigten Einkommensungleichheiten bei den Lohnabhängigen. Den einen, möglichen Weg, nämlich von planwirtschaftlichen Regelungen, werden die „guten Kapitalisten“ nicht einschlagen wollen, weil sie „Märkte als Teil von Freiheit“ verstehen; den anderen schon eher: Eine Reform des Weltwährungs- und Finanzsystems, gewissermaßen ein „neues Bretton-Woods-System“, könne ein „Corporate Governance“ lokal und global ermöglichen. Wie also sollte der Kapitalismus an die Leine genommen werden? Das geht nicht, werden die einen sagen, weil man ein Känguru  nicht zähmen kann. Einen „guten Kapitalismus“ kann man doch schaffen, sagen die anderen, wenn es gelingt, das kapitalistische Wirtschaftssystem, zu dem es keine Alternative zu geben scheint, auf vier Säulen zu bauen: Durch die Kontrolle von Banken und des Finanzsystems, die Schaffung einer ausgeglichenen Einkommensverteilung durch eine gerechte Lohn- und Arbeitsmarktpolitik, die solide Finanzierung des Staatshaushalts und nicht zuletzt durch ein stabiles und gleichzeitig dynamisches Weltfinanzsystem. [5].

Ökonomisch oder ökologisch denken?

Zeichen der Zeit, das sind sowohl Leitlinien für öffentliche Einstellungen und Meinungen, Ausbreitung von Mainstream, Pflege und Leben von Gewohntem, als auch Herausforderungen zum Perspektivenwechsel. In die Tiefen des Denkens hinab- und in die Höhen des Utopischen hinauf zu steigen, das wollen Denker zweifellos, vor allem dann, wenn sie aufzeigen möchten, dass dem Menschen Rationalität eigen ist [6], es also darauf ankommt, „die Gegenwart nicht bloß anhand ihrer Symptome zu reproduzieren, (sondern) Gegenwart … zu überschreiten, indem nach den Sinngebungsmustern des menschlichen Zusammenlebens … gefragt wird“. Die Freiburger Philosophin und Theologin Andrea Günter verschreibt sich dabei einem symbolischen Denken, wie sie es vor allem beim griechischen Philosophen Platon vorfindet und an den Apologeten festmacht. Mit ihrer Kulturanalyse will sie den eingefahrenen und seit Jahrtausenden festgemauerten Dualismus von Politik und Ökonomie auf den Prüfstand stellen und beide Denk- und Handlungsrichtungen miteinander vereinen. Bei Platon findet sie dazu das philosophische Handwerkszeug, weil er „wie kein anderer den Grundstein dafür gelegt hat, Politik und Ökonomie für zwei Grundmomente zu halten, die miteinander jegliches menschliche Tun organisieren“. Sie findet darin den Kitt, der beides verbindet: Die soziale und Geschlechtergerechtigkeit. Sie ist damit bei der ganz aktuellen Frage und Problematik angekommen, „welche politische Kultur vonnöten ist, damit die Suche nach Gerechtigkeit als kulturstiftendes Scharnier zwischen dem Ökonomischen und dem Politischen wirksam werden kann“. Die Frage nach einer „Güterethik“, wie sie von Augustinus gestellt wurde, mit dem Paradigma, „wie menschliches Sein, zu dem unabdingbar Wollen, Zeitlichkeit, Weltgebundenheit, Dinglichkeit und Handeln gehören“, lässt sich gerechtigkeitsorientiert dann beantworten, wenn Gottes-, Welt- und Menschenliebe zusammenfinden; und zwar, wenn beantwortet werden kann, „welchen Versprechen das Politische zu folgen hat und zu welchen Versprechen Menschen was produzieren, tauschen und materialisieren wollen“ [7].

Geld regiert die Welt

Es gibt also Möglichkeiten, den Auswüchsen des lokalen und globalen „Raubtierkapitalismus“ Evolutionärer und nicht Revolutionäres entgegen zu setzen! In diesem Diskurs meldet sich einer zu Wort, der sich selbst in seiner Vita als „Werkzeugmacher“ bezeichnet: Norbert Blüm, von 1982 bis 1998 Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, CDU-, IG Metall-Mitglied, Kolpingbruder und Engagierter bei amnesty international. Er rebelliert gegen die selbst von den abhängig Beschäftigten widerstandslos akzeptierte Auffassung „Geld regiert die Welt“ und greift den Finanzkapitalismus frontal an, in (beinahe) schönster marxistischer Manier. Wir müssen es tatsächlich weit gebracht haben mit der Ungleichheit und der materialistischen Raffgier, wenn sogar der (konservative) Politiker Norbert Blüm zur Peitsche greift! Dabei ist ihm erst einmal Anerkennung zu zollen für seine Real-Analyse, mit der er zwar der Marxschen Auffassung von der Macht der produktiven Kräfte widerspricht – „“Nicht die produktiven Kräfte sprechen die Produktionsverhältnisse, sondern die ständig unbefriedigten konsumtiven Gelöste sprengen die Gesellschaftsverhältnisse“. Dem neoliberalen Denken und Handeln setzt er ein „Bündnis von Arbeit und Eigentum“ mit der Forderung nach Miteigentum der Arbeitnehmer, dem Ernstmachen für den Bau eines Sozialstaates, mit Bürgergeld und subsidiärer Solidarität durch eine starke Selbstverwaltung der Arbeits- und Produktionsprozesse entgegen [8].

Wachstum über alles?

Wenn sich jemand irrt, hat er das Recht, dies sich und seiner Umwelt einzugestehen. So könnte man damit beginnen, das neue Buch von Meinhard Miegel vorzustellen. Aber Polemik ist nicht angebracht, angesichts der Herausforderungen, denen wir Menschen uns in den Zeiten der Menschheitskrisen – von der Wirtschafts- und Finanz-, bis zur Umweltkrise – gegenüber sehen. Meinhard Miegel hat lange Jahre als Mitarbeiter in CDU-Gremien gewirkt; den Slogan im Grundsatzpapier der CDU - "Ohne Wachstum ist alles nichts", (an dem er mitgewirkt hat?) - steht er heute äußerst skeptisch gegenüber. Mit der Gründung eines gesellschaftlichen Diskussionsforums, „Denkwerk Zukunft“, 2007, will er zur Erneuerung der westlichen Kultur beitragen, „um diese wieder zukunfts- und verallgemeinerungsfähig zu machen“. Als wissenschaftlicher Leiter des von der Ernst Freiberger-Stiftung initiierten Ameranger Disputs im bayerischen Chiemgau, hat Meinhard Miegel 2009 mit dem Thema „Weniger Wohlstand – und doch zufrieden?“ an den Grundfesten des Selbstverständnisses der Menschen in den westlichen Industrieländern gerüttelt, mit der Kritik, dass ihre individuelle Zufriedenheit und ihr jeweiliger gesellschaftlicher Status entscheidend von der Mehrung ihres materiellen Wohlstands durch ein immerwährendes Wirtschaftswachstum abhänge. Was aber wird, wenn diese scheinbar naturgegebenen und als selbstverständlich erachteten Voraussetzungen nicht mehr vorhanden sind? Da macht sich – ein Konservativer? – auf, um allen im Bundestag vertretenen Parteien, die in ihren Programmen allesamt den Satz stehen haben, gelegentlich etwas verklausuliert und sibyllinisch formuliert: „Die Wirtschaft muss wachsen“, weil es nur so Vollbeschäftigung, Konsumbereitschaft und Steuereinnahmen geben könne, weil nur so die Menschen zufrieden seien, die Leviten zu lesen; aber auch den Zockern und Krisengewinnlern überall in der Welt. Es ist die „Kettenbrief“- Mentalität, die zur jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise geführt habe: „Wie bei diesem ging alles gut, solange sich immer neue Mitspieler fanden – Menschen und Institutionen, die bereit waren, jene hochspekulativen, undurchschaubaren Finanzprodukte und völlig überteuerten Immobilien zu erwerben“. Damit charakterisiert Miegel die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die unfähig ist, ein Umdenken im System und bei den Menschen zu bewirken, sondern bestrebt ist, „Zustände wiederherzustellen, wie sie vor der Krise bestanden“. Das ist Kapitalismuskritik pur! Treffen wir tatsächlich den Punkt, wenn wir zwischen „Wachstum“ und „Wohlstand“ unterscheiden? Ist das nicht so wie das Erzeugen eines Echos, das nur von einem bestimmten Standpunkt aus zu hören ist? Der Autor geht dem Schlüsselwort „Umverteilung“ zwar nicht aus dem Weg, doch er geht es auch nicht eindeutig genug an. Denn es ist einfach nicht richtig, dass der Reichtum, der sich auf eine dünne Schicht lokal und global verteilt, deshalb nicht verteilen ließe auf die Habenichtse, weil der Reichtum der Reichen sich überwiegend als Produktivkapital darstelle. Die neuen Weltwirtschaftskrise haben eindeutig gezeigt, dass das nicht so ist. Es ist auch nicht redlich, wenn Miegel die Unterscheidung von Kapitaleigner und Arbeitgeber zu denen der abhängig Beschäftigten dadurch begründet, dass er letzteren empfiehlt, sich von der Vorstellung zu befreien, „die gleichzeitige Ausübung von zwei oder drei Erwerbstätigkeiten sei etwas Anormales oder gar Geringwertiges“. Unter welchen Bedingungen sollen denn abhängig Beschäftigte selbständige Unternehmer sein? Die „freiberufliche“ Altenpflegerin, die ihren getimten Job als Minutenleistungen abrechnet, wird ihm darauf eine andere Antwort geben können. Ist es symptomatisch, dass er an keiner Stelle seines Buches den Wert „Solidarität“ bemüht? [9].

Utopien zur Gesellschaftsveränderung

Die anthropologische Auffassung, dass der ânthropos, der Mensch, nach einem guten, gelingenden Leben strebt – und dazu auch kraft seiner Vernunftbegabung in der Lage ist, klingt angesichts der Ungerechtigkeiten in der Welt wie Hohn, oder wie ein Missverständnis. Wenn die Enquete Kommission des Deutschen Bundestages in ihrem Schlussbericht „Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderungen und Antworten“ vom 12.6.2002 feststellt: „Wenn aber die Globalisierung mehr Menschen in den Zustand oder die Stimmung versetzt, sich machtlos zu fühlen, dann muss in einer Demokratie reagiert werden“, wird dazu aufgefordert, dass sich die Menschen als politische Lebewesen darauf besinnen müssen, an dem notwendigen, lokalen und globalen Perspektivenwechsel mitzuwirken, wie ihn die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 eindrucksvoll zum Ausdruck bringt: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ [10]. Es ist der Slogan „Eine andere, bessere (Eine) Welt ist möglich“, der vielfältige, radikale Alternativen zum kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in den Diskurs bringt. Der an der FU-Berlin lehrende Politikwissenschaftler Elmar Altvater (geb. 1938) gilt als ein engagierter Streiter in den Denk- und Handlungsfeldern der Politischen Ökonomie, der Entwicklungstheorie und der Kapitalismuskritik. Mit seiner Kritik setzt er historisch an und fragt, wie diese scheinbar unbesiegbare Wirtschafts- und Gesellschaftsreform entstanden ist und welche Bedingungen, Denk- und Handlungsstrukturen den Kapitalismus zu dem Monster werden ließen. Als Optimist setzt er darauf, dass die Nachteile sich mittlerweile so deutlich zeigen und den Menschen bewusst werden, dass sich alternative Formen und Experimente entwickeln, in denen eine überzeugende „ökonomische Alphabetisierung“ stattfindet, die die Kraft und Macht verleiht, den Kapitalismus in einem revolutionären Prozess zu überwinden [11].

Wir haben es weit gebracht mit der Ungleichheit

Die Brechtsche Formel – „Ich bin arm, weil du reich bist!" – wird in der politischen Auseinandersetzung allzu leicht als eine allzu vereinfachende Denkweise und unrealistische Einschätzung der gesellschaftlichen Wirklichkeiten diffamiert. Die Vorstellung, dass alle Menschen gleich sein könnten, klingt für die einen als Märchen und für andere als Illusion. Der an der Technischen Universität in Braunschweig lehrende Philosoph und politische Denker Bernhard Taureck wendet sich gegen die Praxis, Gleichheit zu sagen und Ungleichheit zu tun. Der Volkssouverän, wie er in den Verfassungen und Gesetzen von Ländern, die sich als frei, gleich und demokratisch verstehen, sei in der Wirklichkeit der neoliberalen, kapitalistischen Verfasstheit ein Popanz. Seine Reflexionen über die Zusammenhänge von Freiheit, Gleichheit, ihre vermeintliche Parallelität und gleichzeitige Unvereinbarkeit, beginnt der Autor mit der Suche danach, was gesellschaftliche Gleichheit allgemein bedeutet und wozu sie gebraucht wird. Haben wir gleiche Vorstellungen von der Gleichheit, und wie haben sich die ungleichen Ansichten und Praktiken darüber entwickelt? Wie sich die Wirklichkeiten in den Gleichheits-, Freiheits- und Gerechtigkeitsdebatten lokal und global darstellen, darauf findet Taureck Antworten bei den historischen und aktuellen Metaphern und ihren Wirklichkeitsbezügen. Es sind zwei Analysen, die er dabei identifiziert: „Die eine ist die absichtliche Täuschung des Staatsvolkes. Die andere ist die einer aufgeklärten Entwicklung“. Es gelte, eine nicht relativierbare  Menschenwürdegarantie durchzusetzen, den ausnahmslosen Ausschluss von Eigentum und Macht als Rechtsgrund zu garantieren, internationale Regeln für Devisengeschäfte zu schaffen und dies auch global durchzusetzen und zu kontrollieren [12].

Postwachstum?

Der Wissenschaftsautor Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, spricht von der „Versklavung des ökonomischen Denkens und Handelns“ angesichts des unkritischen Umgangs mit dem ökonomischen Wachstumsgedanken, der sich lokal und global als alternativlos zum kapitalistischen und neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem darstellt. In zahlreichen real existierenden Entwicklungen zeigt er die Auswirkungen des ungebremsten und überwuchernden Wachstumsdenkens auf, wie sie sich im Versagen der Ökosysteme, Klimawandel, Wassermangel, Umweltkatastrophen und den zahlreichen weiteren Menschheitskrisen ,  Klimawandel darstellen. In den Analysen wird deutlich, dass der notwendige Perspektivenwechsel hin zu ökonomischen und ökologischen Veränderungsprozessen möglich ist und das an die Wand gemalte Bild von den Gefahren des Endes des Wachstums kein Menetekel darstellt, sondern eine zukunftsorientierte Vision von einem nachhaltigen „Wirtschaftssystem des langfristigen Gleichgewichts“ zeigt [13].

„Die bloße Gegenüberstellung von Markt und Staat als alternativen Steuerungsmechanismus von Wirtschaft und Gesellschaft ist irreführend“

Das über viele Jahrzehnte hin mit Bedacht und Chuzpe geschriebene und immer wieder (nach-)erzählte Märchen von der Besthaftigkeit und Unkritisierbarkeit des kapitalistischen und neoliberalen Marktgeschehens zeigt Lücken und Leerstellen, zumindest im objektiven und seriösen wissenschaftlichen Diskurs. Diese werden immer deutlicher und überzeugender von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den unterschiedlichen Fachbereichen und interdisziplinär verdeutlicht und mit Alternativen zur gängigen Marktwirtschaft und Gesellschaftspolitik versehen. Dabei kann es nicht um nicht weniger, sondern um mehr Demokratie und Freiheit gehen. Einer, der dies seit Jahrzehnten immer betont, ist der 1934 geborene Politikwissenschaftler und Wirtschaftskriminologe Hans See. Er legt den Finger in die Wunden, die sich im Kapitalismus zeigen [14]. Als Gründer der Aufklärungsorganisation Business Crime Control (BCC) setzt er sich für eine echte Demokratisierung in der Gesellschaft und in der Wirtschaft ein. Zu seinem 75. Geburtstag haben die Frankfurter Soziologen und Politikwissenschaftler Reiner Diederich und Gerhard Löhlein den Sammelband „Entfesselte Wirtschaft – Gefesselte Demokratie“ herausgegeben. Als Grundthese, die in sämtlichen Beiträgen der insgesamt 21 Autorinnen und Autoren zum Ausdruck kommt, lässt sich formulieren: Die neoliberalen Ideologien in Ökonomie, Politik und Gesellschaft haben nicht nur die aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrisen verursacht, sondern führen auch zu einer generellen Krise des demokratischen Systems und sind entscheidend dafür verantwortlich, „dass die bestehenden ökonomischen und politischen Verhältnisse als Ursache von Krise und sozialer Ungerechtigkeit gesehen werden“. So lassen sich die Analysen auch als eine Bestandsaufnahme der real existierenden, individuellen und gesellschaftlichen, lokalen und globalen Wirklichkeiten lesen, die verändert werden müssen, damit ein gerechtes, friedliches, gutes und gelingendes Leben für alle Menschen auf der Erde möglich wird [15]. „Geld ist nicht wichtig, wenn man genug davon hat!“ Diese kapitalistische Frage hat es in sich und verrät, wes Geistes Kind kapitalistisches und neoliberales Denken und Handeln ist. Wir haben es weit gebracht mit unserer Gier nach materiellen Gütern; diese zwiespältige und interpretationsfähige Aussage beinhaltet Triumph und Drama zugleich. Das Leitbild des Homo oeconomicus, dass der Markt gewissermaßen urwüchsig und naturgegeben gerechten Handel regelt, ist längst durch die dramatische Entwicklung der globalisierten Finanzwirtschaft widerlegt worden. Der politische Philosoph von der US-amerikanischen Harvard-Universität, Michael J. Sandel, warnt davor, dass sich unsere (Eine?) Welt von einer Marktwirtschaft in eine Marktgesellschaft entwickelt, in der die Logik des Kaufens und Verkaufens nicht mehr nur für materielle Güter gilt, sondern sich auch zunehmend auf Lebensgrundlagen überträgt, die nicht „markt“fähig sind und sein dürfen. Wenn Marktgelüste und –geschehen das moralische Denken und Handeln der Menschen bestimmt, braucht sich der Mensch nicht zu wundern, wenn er „zu Markte getragen wird“, und schließlich zum Markt wird..Unausweichlich landen wir dabei bei der Frage, ob man für Geld alles kaufen könne – und bei der ein-(zwei-) deutigen Ahnung, dass es wohl Sachen und Ereignisse geben könnte, die für Geld (allein) nicht zu haben sind. Dass die Antworten dabei durchaus kontrovers diskutiert und gehandhabt werden, zeigt auf, wie Markt und Moral zusammen hängen, und dass dabei Imponderabilien ins Spiel kommen, die den (moralischen und tatsächlichen) Wert einer gekauften Sache, die eigentlich nicht käuflich ist, mindern; etwa ein Freundschaftsbeweis, ein persönliches Geschenk, ein Doktortitel, eine Ehrung, eine Blutspende, ein Liebesakt, usw. Auch wenn sich Ökonomen heftig darum bemühen, jeder menschlichen Tätigkeit einen Marktmechanismus zuzusprechen, müssen wir uns klar machen, dass Haltungen und Einstellungen, wie etwa Altruismus, Liebe, Großmut, Solidarität und Gemeinsinn nicht wie Handelsgüter angesehen werden können, „die verbraucht werden, wenn man sie nutzt“ [16].

Soziales Denken und Handeln fördert den sozialen Wandel

Soziale Gerechtigkeit ist nur in einer demokratischen Gesellschaft möglich. Die Ideal- und Wunschvorstellung vom homo sociologicus freilich fällt weder vom Himmel, noch wird sie den Menschen in die Gene gelegt; es bedarf des aktiven, individuellen und professionellen Wirkens. Die International Federation of Social Workers (IFSW) der Wissenschafts- und Berufsverband der Sozialarbeiter definiert die Aufgabenbereiche der Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen als Innovieren, Interventionieren, Begleiten und Helfen beim individuellen und Zusammenleben der Menschen in der jeweiligen Gesellschaft wie in globalen Zusammenhängen.  Soziale Arbeit beruht auf den gesellschaftlichen, kulturellen, religiösen und ideologischen  Grundlagen und Werten und agiert und reagiert auf diese. Bei der Frage, welche Menschen- und Gesellschaftsbilder dieser Arbeit zugrunde gelegt werden, zeigt sich die überraschende Erkenntnis, dass im wissenschaftlichen und beruflichen Diskurs der Sozialarbeit die Herausforderungen zur Lebensweltorientierung und –bewältigung in Theorie und Praxis unterschiedlich bestimmt und gewertet werden. Diese „kontextabhängige Praxis“ bedarf also einer genaueren Betrachtung. Der Sozialwissenschaftler Bernd Dollinger vom Department Erziehungswissenschaft und Psychologie der Universität Siegen, der Erziehungs- und Politikwissenschaftler vom Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik der Universität Duisburg/Essen, Fabian Kessl, der wissenschaftliche Mitarbeiter Sascha Neumann von der Universität Luxemburg und der Sozialwissenschaftler Philipp Sandermann von der Universität Trier setzen sich mit diesen Fragen auseinander und legen als Sammelbuch eine interdisziplinäre Bestandsaufnahme einer kritischen Sozialen Arbeit vor. [17].

Der Verwertungsprozess des Werts

In der  Marxschen Ökonomie- und Gesellschaftskritik wird darauf hingewiesen, dass „der Verwertungsprozess des Werts ( ) einen Typus von anonymer Herrschaft hervor(bringt), deren Kennzeichen nicht in der Unterordnung des Willens einer Person unter den einer anderen besteht“, sondern  dass der Kapitalismus als Gesellschaftsformation „eine Unterordnung der Willen und Zwecke aller Akteure unter den Akkumulationsimperativ …, der ‚Produktion um der Produktion willen‘ bedinge“. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Carl von Ossietzky-Universität in Oldenburg, Ingo Elbe, der Mentor für Praktische Philosophie an der FernUniversität in Hagen, Sven Ellmers und das Vorstandsmitglied des Instituts für Sozialtheorie e.V. an der Universität Bochum, Jan Eufinger, greifen diesen Gedanken der anonymen, gesellschaftlichen und ökonomischen, lokalen und globalen Herrschaft auf und stellen in einem Sammelband kritische, interdisziplinäre Stimmen vor. Über „anonyme Herrschaft“ als realexistierende Machtform nachzudenken ist nicht nur deshalb notwendig, weil sich „die Herrschaftsorganisation des modernen Kapitalismus ( ) grundlegend von allen vorherigen Gesellschaftsformationen (unterscheidet)“, sondern sich auch „als sachliche Verhältnisse der Personen oder gesellschaftliche(n) Verhältnisse der Sachen“ darstellen. Es sind die differenzierten Zugangsweisen und Diskussionsformen, die danach fragen, ob es alternative Systeme zu den scheinbar eindeutigen Machtsystemen im neoliberalen, kapitalistischen System gibt, und die fündig werden im kritischen neomarxistischen Denken [18]

Wider die strukturierte Verantwortungslosigkeit

Ursachen und Wirkungen der aktuellen, lokalen und globalen Wirtschafts- und Finanzkrisen werden, je nach ökonomischem, politischem, professionellem und existentiellem Stand(ort)punkt, unterschiedlich thematisiert. Die Einschätzungen, Analysen reichen dabei von Kassandrarufen bis zur Verabreichung von Beruhigungspillen. Immer geht es dabei um die Frage, ob das kapitalistische und neoliberale (Ideologie- und) Wirtschaftssystem imstande ist, die Krisen zu überwinden, oder ob es eines grundlegenden (und revolutionären) Perspektivenwechsels bedarf. Es sind Wirtschafts-, Sozial-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaftler, Psychologen und Philosophen, die dem verantwortungslosen Treiben auf den Finanzmärkten nicht länger tatenlos zuschauen wollen, sondern nach Theorien suchen, Analysen formulieren und über eine (humane) „Weiterentwicklung der empirisch-theoretischen Forschung finanzmarktlicher Phänomene und Institutionen“ nachdenken. An der Universität Mainz wurde 2009 das DFG-Forschungsprojekt „Ökonomisches Rechnen. Die Erzeugung kalkulativer Wirklichkeiten in der Finanzwirtschaft“ eingerichtet. Der Leiter des Mainzer Forschungsprojektes, der Soziologe Herbert Kalthoff und der Sozialwissenschaftler Uwe Vormbusch legen die interdisziplinären Ergebnisse vor. Sie zeigen auf, dass es Alternativen zum vorherrschenden, kapitalistisch fixierten Wirtschaftssystem gibt [19].

Leben ist eines der schwierigsten!

Weil beim Leben immer auch das Risiko mitspielt! Oder ist Leben eines der natürlichsten Dinge der Welt? Mit solchen Fragen scheinen wir Menschen uns immer wieder schwer zu tun! Denn einerseits bringen alltäglich zum Bewusstsein, dass Ungewissheiten, Unsicherheiten und Krisen unser Leben beeinflussen, stören und bestimmen – so dass die Weltrisikogesellschaft eine globale Verantwortungsethik, eine transnationale Gemeinsamkeitsethik, eine globale Gewaltenteilung und Zusammenarbeit erforderlich machen; andererseits, weil Risiko überall ist und jeweils unterschiedlich wahr genommen und erlebt wird. Beim Versuch, Risiken zu erkennen, einschätzen und mit ihnen umgehen zu lernen, bietet sich dabei zum einen die wissenschaftliche Analyse an, mit der etwas festgestellt und bewertet wird, um die Diagnose in einem Gutachten, einem Regelwerk, einem Gesetz oder einer Handlungsanweisung umzusetzen; oder (und) das Wagnis einzugehen, sich bei einem gemeinsamen Entdeckungsprozess und Dialog auf die Suche nach der individuell und gesellschaftlich passenden und adäquaten Risikokompetenz zu begeben. Der Psychologe, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Gerd Gigerenzer, macht sich auf den Weg, anhand von einleuchtenden, eher alltäglich erscheinenden Beispielen und Erfahrungen aufzuzeigen, dass     jeder den Umgang mit Risiko und Ungewissheit lernen kann (weil er in verständlicher Sprache deutlich und Mut macht, sich des eigenen Verstandes zu bedienen),     Experten(meinungen) eher ein Teil des Problems als die Lösung sind (weil er verständlich macht, dass die Fähigkeit, Risiken zu verstehen, meist nicht mit Expertisen zu vermitteln ist),     weniger mehr ist (weil er zu erklären vermag, dass Problemlösungen nur selten komplex und allumfassend möglich sind). Das Buch von Gerd Gigerenzer ist kein Lehrbuch, auch keine theoretische Grundlegung zum „Risiko Mensch und Welt“; es ist eine kurzweilige, sprachlich und inhaltlich verständliche Auseinandersetzung über ein vielfach vernachlässigtes und im gesellschaftlichen Diskurs verdrängtes oder allzu oft un-bedenklich benutztes Thema, bei dem nicht selten der Verstand zu kurz kommt [20].

Kommt „Schulden“ von Schuld?

Die Frage ist nur, wer schuld hat an der Schuldenfalle, die sich im „Raubtierkapitalismus“ gewissermaßen zum scheinbar notwendigen, ökonomischen Treibriemen entwickelt hat, sich im „Gespenst des Kapitals“ [21] ausdrückt und zur globalen Vertrauenskrise im individuellen und gesellschaftlichen, lokalen und globalen Dasein der Menschen geworden ist [22]. Die zunehmenden, drängenden Fragen nach Alternativen zum herrschenden, ökonomischen und politischen System eines „Immer-Mehr“ und eines gesteigerten Konsumismus nimmt der US-amerikanische Anthropologe und bekennende Anarchist David Graeber zum Anlass, sich mit Schuldenentstehen, Schuldenmachen und die weltweite Schuldenwirtschaft auseinander zu setzen. Er diskutiert die historische Entwicklung von den Anfängen der menschlichen Geschichte bis hin zu den aktuellen Krisenherden in der Welt. Er stellt fest, dass zu allen Zeiten des gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Daseins der Menschen Veränderungen in Krisenzeiten entstanden sind. Und er erwartet. dass auch in den aktuellen ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen- und Schuldensituationen, die die Menschheit bedrohen, sich revolutionäre Bewegungen, wie etwa Occupy und andere Initiativen bilden. Die anfängliche, „logische“ und selbstverständlich anmutende Aussage: „Schulden muss man doch zurückzahlen!“, gerät, angesichts der historischen und anthropologischen Reflexion über Sachwerte, Schulden und Schuld, zu einer Entdeckung: Schulden „sind nichts weiter als die Perversion eines Versprechens, das von der Mathematik und der Gewalt verfälscht wurde“. Sie beruht auf dem menschenrechtlichen Bewusstsein, dass „niemand ( ) das Recht (hat), uns zu sagen, was wir wirklich schulden. Niemand hat das Recht, uns zu sagen, was wir wirklich wert sind“ [23].

Haben oder Sein

Die Auseinandersetzungen darüber, welche Bedürfnisse der Mensch hat, und in welcher Weise er danach strebt (und giert), sie auch zu erreichen, ziehen sich durch die Menschheitsgeschichte, seit Menschen in der Lage sind, human und moralisch zu denken. Es sind moralphilosophische, psychologische und anthropologische Diskurse, die Seinsmodus und Habenmentalität (Erich Fromm) differenzieren. Der Sprachwissenschaftler Harald Weinrich hält den Menschen einen Spiegel vor und fragt, wie sie es denn mit dem Haben halten. In dieser erzählerischen Bestandsaufnahme über den philosophischen und alltäglichen Begriff und die Habhaftigkeit des Habens kommen Denk- und Verhaltensweisen zu Tage, die an ein Deja-vu erinnern, dem Leser dabei in Stolperfallen und Fallstricken tappen und nach der Kunst des Habens und Nicht-Habens Ausschau halten lassen. Da drängen sich zwangsläufig die zunehmenden existentiellen Fragen auf wie: „Brauchen wir alles, was uns angeboten wird?“ und „Soll der Mensch alles haben und machen dürfen, was er zu besitzen und zu können glaubt?“ [24].

Die Erzählungen über gutes, nachhaltiges Konsumverhalten

Beim Bewusstsein der Menschen, dass man ist, was man isst, anzieht, kauft und benutzt, tut sich eine Lücke auf. Die Herkunft, Machart und Produktion eines „billigen“ Produkts, ob als Lebensmittel oder als sonstiges Konsumgut, wird beim Kauf selten hinterfragt. In Umfragen kommt zutage, dass rund 90 Prozent der deutschen Konsumenten vom Händler ein ökologisch und sozial unbedenkliches Produkt angeboten bekommen möchten. Der Spruch „billig ist geil“ verdeutlicht allerdings, dass im Konsumverhalten Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen. Gelänge es aber, „billig“ in „preiswert“ umzuwandeln und die „Jagd nach dem Schnäppchen“ als Ausnahme- und nicht als Allgemeinzustand zu charakterisieren, kämen wir dem humanen Grundsatz – „Leben und leben lassen“ – ein gutes Stück näher. Das Öko-Siegel „Fair trade“ hat mittlerweile eine stärkere Aufmerksamkeit im Handel und bei der Kundschaft gewonnen; doch zufrieden können damit weder Du noch Ich sein. Die Suche nach den fairnessbewussten, ökosozial und gerechtigkeitsorientierten Verbrauchern muss also weiter gehen, durch Information und Aufklärung und dem Aha-Erlebnis, „dass es oft gar nicht so schwer ist, mit dem Einkaufskorb zum Weltpolitiker zu werden“, wie dies das Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, im Vorwort zu einem bemerkenswerten Ratgeber für faires Einkaufen ausdrückt. Die Politologin und Journalistin Martina Hahn und der Dipl.-Volkswirt und Journalist Frank Herrmann legen ein Handbuch vor, das eingereiht werden kann in die vielfältigen, mit obigen Literatur- und Rezensionshinweisen nur angerissenen Thematik, die die Menschheit heute und morgen in immer stärkerem Maße herausfordert. Es ist die Ausschau nach einer humaneren, gerechteren, nachhaltigeren und faireren Einen Welt, und der Zugriff nach fair produzieren und fair gehandelten Konsumgütern, die ein gutes Gefühl beim Käufer erzeugen und ein Bewusstsein bringen können, dass „Mehr wird, wenn wir teilen“, wie dies die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften 2009 formuliert [25]. Das Autorenteam greift dabei nicht nur die gängigen Aspekte zur Lebens- und Luxusmittelversorgung auf, sondern wagt sich auch auf das bisher weitgehend unbeachtetes und ungenutztes Feld der „Geldanlagen“. Angesichts der Finanzkrisen und der spekulativen Praktiken auf den Finanzmärkten der Welt, von den scheinbar seriösen Sparkassen um die Ecke bis zu den Shareholders ist eine kritische Auseinandersetzung dringend notwendig: „Wissen Sie eigentlich, was Ihr Geld gerade macht? Kauft es Streumunition aus Deutschland, spekuliert es mit Weizen aus den USA oder holzt es in Costa Rica Regenwald für eine Ananasplantage ab?“ [26].

Selbstachtung ist die Kunst des aufrechten Gangs

Mit dieser Aufforderung soll zum Schluss der Annotation auf eine wichtige Eigenschaft hingewiesen werden, ohne die eine Auseinandersetzung über Gleichheit und Gerechtigkeit im alltäglichen und gesellschaftlichen Leben keine Chance hat: Selbstwert und Selbstachtung auf der Grundlage der allen Menschen auf der Erde innewohnenden und nicht relativierbaren Menschenwürde, wie sie in der von den Vereinten Nationen proklamierten „Globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 zum Ausdruck kommt. Der Philosoph und Ethiker Franz Josef Wetz, geht mit seinem Buch „Rebellion der Selbstachtung“ [27] die Thematik praktisch-pädagogisch und didaktisch an. In einer Zeitanalyse nimmt er sich vier aktuelle Krisensituationen als „Leiden der Gegenwart“ vor: Den islamistischen Terror, die globalen Aufstände gegen Entmündigung und Staatswillkür, den überreizten und ausgreifenden Individualismus in den westlichen Kulturen, und die Gleichgewichtsstörungen im Work-Life-Balance. Das Bild vom aufrechten Gang ist ein gutes und passendes Zeichen für die Bedeutung, die Selbstachtung im individuellen und kollektiven Leben der Menschen hat. In der aristotelischen Lehre wird dem anthrôpos, dem Menschen, wegen seiner aufrechten Körperhaltung eine Mittelstellung zwischen Gott und Tier zugewiesen, weil er kraft seiner Vernunft in der Lage ist, wissenschaftliche Erkenntnisse zu entwickeln, die Fähigkeit zur Bildung von Allgemeinurteilen besitzt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermag, ein sittliches, auf die Zukunft gerichtetes Verhalten leben kann und in Gemeinschaft mit anderen Menschen existiert [28]. Autor
Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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[1] „Wer unten ist, bleibt unten“, Interview im Wirtschaftsteil der Wochenzeitung DIE ZEIT, Nr. 13 vom 17. 3. 2306, S. 28

[2] Marcel Fratzscher, Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird, Hanser-Verlag, Berlin 2016, 264 S.

[3] Peter Jüngst, „Raubtierkapitalismus“ ? Globalisierung, psychosoziale Destabilisierung und territoriale Konflikte, 2004, zur Rezension; siehe auch: David Graeber, Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System, 2012, zur Rezension

[4] Jos Schnurer, Ist Geld die Quelle allen Übels – oder hat Geld immer recht?, 22.11.2013, zur Materialie

[5] Sebastian Dullien / Hansjörg Herr / Christian Kellermann, Der gute Kapitalismus. ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste, 2009, zur Rezension

[6] vgl. dazu auch: Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, zur Rezension

[7] Andrea Günter, Die Kultur des Ökonomischen. Gerechtigkeit und Geschlechterverhältnisse und das Primat der Politik, 2013, zur Rezension; siehe auch: Sandra Richter, Mensch und Markt. Warum wir den Wettbewerb fürchten und ihn trotzdem brauchen, 2012, zur Rezension

[8] Norbert Blüm, Ehrliche Arbeit. Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier, 2011, zur Rezension; sowie: Andrea Komlosy, Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive. 13. bis 21. Jahrhundert, 2014, zur Rezension

[9] Meinhard Miegel, Exit. Wohlstand ohne Wachstum, 2010, zur Rezension

[10] Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2., erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 18

[11] Elmar Altvater, Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, 2005, zur Rezension

[12] Bernhard H. F. Taureck, Gleichheit für Fortgeschrittene. Jenseits von "Gier" und "Neid", 2010, zur Rezension, sowie: Rolf-Dieter Hepp, Hrsg., Prekarisierung und Flexibilisierung = Precarity and flexibilisation, 2012, zur Rezension

[13] Reiner Klingholz, Sklaven des Wachstums - die Geschichte einer Befreiung, 2014, zur Rezension

[14] Hans See, Wirtschaft zwischen Demokratie und Verbrechen. Grundzüge einer Kritik der kriminellen Ökonomie, 2014, zur Rezension

[15] Reiner Diederich / Gerhard Löhlein, Hrsg., Entfesselte Wirtschaft - gefesselte Demokratie. Nomen, 2009, zur Rezension

[16] Michael J. Sandel, Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, 2012, zur Rezension

[17] Bernd Dollinger / Fabian Kessl / Sascha Neumann / Philipp Sandermann, Hrsg., Gesellschaftsbilder sozialer Arbeit. Eine Bestandsaufnahme, 2012, zur Rezension; sowie: Ronald Lutz / Corinna Frey, Hrsg., Poverty and poverty reduction. Strategies in a global and regional context, 2011, zur Rezension

[18] Ingo Elbe / Sven Ellmers / Jan Eufinger, Hrsg., Anonyme Herrschaft. Zur Struktur moderner Machtverhältnisse, 2012, zur Rezension

[19] Herbert Kalthoff / Uwe Vormbusch, Hrsg., Soziologie der Finanzmärkte, 2012, zur Rezension

[20] Gerd Gigerenzer, Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft, 2013, zur Rezension

[21] Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, 2010, zur Rezension; sowie: Saral Sarkar, Hrsg., Die Krisen des Kapitalismus. Eine andere Studie der politischen Ökonomie, 2010, zur Rezension

[22] Tilmann Moser, Geld, Gier & Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird, 2012, zur Rezension

[23] David Graeber, Schulden. Die ersten 5000 Jahre, 2012, zur Rezension; siehe auch: „Wo Reiche wohnen und Arme vertrieben werden“: John Lanchester, Kapital. Roman, 2012, zur Rezension; sowie: Peter Mörtenböck / Helge Mooshammer, Occupy. Räume des Protests, 2012, zur Rezension

[24] Harald Weinrich, Über das Haben. 33 Ansichten, 2012, zur Rezension

[25] Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, München 2011, zur Rezension

[26] Martina Hahn / Frank Herrmann, Fair einkaufen - aber wie? Der Ratgeber für fairen Handel, für Mode, Geld, Reisen und Genuss., 2009, zur Rezension; siehe auch: Annika Hampel, Fair Cooperation. Partnerschaftliche Zusammenarbeit in der Auswärtigen Kulturpolitik, 2015, zur Rezension

[27] Franz Josef Wetz, Rebellion der Selbstachtung. Gegen Demütigung, 2014, zur Rezension

[28] Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 47ff

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Buchcover

Klaus-Peter Hufer: Argumentations­training gegen Stammtischparolen. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2016. 10. Auflage. 117 Seiten. ISBN 978-3-87920-054-2.
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