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Der Rassismus der Rassentrennung

Dr. Jos Schnurer

14.05.2012

Gedanken anlässlich des 100. Geburtstages des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC)

„Abgrenzung und Aufrechterhaltung der Identität, die Überzeugung ‚auserwählt‘ zu sein, haben im Rahmen der Apartheid auch eine theologische Begründung. Aus dem alten Testament leitet die burische Nationalkirche (NGK) ein bis heute wirksames ‚Sendungsbewusstsein‘ zahlreicher Südafrikaner ab, christliche Werte und Kultur im Südlichen Afrika zu erhalten und zu verbreiten“. „Weil Afrika das Beispiel für menschliche Verzweiflung war, wird Afrika sicher als ein Ort für menschliche Hoffnung auferstehen“

(Präsident Thabo Mbeki, 27. 4. 2004) [i]
Die Apartheid-Politik (in Südafrika) ist vorbei. Die politischen (und religiösen) Irrungen, wie sie sich über Jahrzehnte hin in den rassistischen und kolonialen Entwicklungen in Afrika und anderswo als eurozentrierte Höherwertigkeitsvorstellungen dargestellt und viel Unheil und Unrecht in die Welt gebracht haben, sind freilich nicht überwunden. Weißseinsvorstellungen [ii] beherrschen weiterhin die politischen und ökonomischen, globalisierten Diskurse [iii]. Die Anstrengungen und Bemühungen zur Durchsetzung der Menschenrechte, wie sie von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 mit der Deklaration der allgemeingültigen und nicht relativierbaren Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Menschheit aufgegeben und von der UNESCO am 28. November 1978 mit der „Erklärung über Rasse und Rassenvorurteile“ mit dem Grundsatz postuliert wurden – „Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würde und Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit“ – verweisen darauf, dass „eine der schwerwiegendsten Verletzungen dieses Grundsatzes ( ) die Apartheid (ist), die wie der Völkermord ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist und Weltfrieden und internationale Sicherheit in bedenklicher Weise stört“ (Art. 4, Abs. 1) [iv]. Wenn Mangosuthu G. Buthelezi, der Präsident der südafrikanischen Inkatha Freedom Party (Inkatha), einer Bewegung, die insbesondere in Kwa Zulu und der National Province dafür eintritt, dass Schwarze und Weiße in Südafrika friedlich zusammen leben können und gemeinsam einen multikulturellen Staat aufbauen können [v], sich für gewaltlosen Widerstand gegen rassistische, neokoloniale und neoliberale Strukturen einsetzt, verweist er auch auf die verschiedenen Richtungen der Freiheitsbewegungen im südlichen Afrika. Der African National Congress (ANC), der vor 100 Jahren gegründet wurde und heute mit Namen wie Nelson Mandela, Walter Sisulu (1912 – 2003), Jacob Zuma und anderen verbunden ist, gehörte zu den führenden Zusammenschlüssen beim Kampf gegen die Apartheid und für die Unabhängigkeit ihres Landes. Die internationale Unterstützung zur Bekämpfung und Abschaffung der Rassentrennungsideologie in Südafrika und Namibia hat im Laufe der Jahrzehnte zu vielfältigen Formen der Solidarisierung geführt. An das 100. Gründungsjahr des ANC erinnert auch die Friedrich-Ebert-Stiftung. Mit Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Filmvorführungen und Arbeitstagungen organisieren die FES und das August-Bebel-Institut (ABI) vom 16. Mai bis 22. Juni 2012 in Berlin eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Solidaritäten über Grenzen“. Dabei sollen sowohl das Verhältnis und die Zusammenarbeit der deutschen Sozialdemokratie mit dem ANC und dem Congress of South African Trade Unions (COSATU), den Gewerkschaften, dargestellt, als auch die Geschichte der Anti-Apartheidsolidarität in den beiden deutschen Staaten dokumentiert werden. Um historische und aktuelle Rassismen, Höherwertigkeitsvorstellungen, Fundamentalismen, Fremdenfeindlichkeit und Ethnizismen verstehen und ihnen damit mit humanen und demokratischen Mitteln begegnen zu können, bedarf es nicht zuletzt des Blicks in die Geschichte, auch die der Apartheid. Das Projekt „Solidarität über Grenzen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung und des August-Bebel-Instituts tragen dazu bei. Autor
Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Fussnoten

[i] Mofele Tsele, Demokratie und Erinnerung, in: Südafrika. Der lange Weg zum Regenbogen, Länderheft 60, Weltmission heute, EMW, Hamburg 2005, S. 10

[ii] Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt (Hrsg.), Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Unrast-Verlag, Münster 2005, 550 S.

[iii] Tomás Sedlácek, Die Ökonomie von Gut und Böse, Hanser Verlag, München 2012, 448 S.

[iv] vgl. auch: Basil Davidson, Geschichte und Folgen der Apartheid, in: UNESCO-Kurier 11/1983, S. 15ff

[v] Mangosuthu G. Buthelezi, Südafrika. Meine Vision, Herford 1990, 207 S.

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