Leere Stühle eines Klassenraums
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Demokratiebildung in der Schule: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

23.11.2023 | Soziale Arbeit | Nachrichten

Politische Bildung sollte schon bei jungen Menschen ansetzen – Schule ist einer der wenigen Orte der diese in großer Zahl erreicht. Doch wie viel Platz lässt der deutsche Schulalltag für Demokratiebildung – angesichts von Herausforderungen wie Lehrkräftemangel, Inklusion oder Integration?

Eine bundesweit erstarkende AfD, die Aiwanger-Affäre in Bayern, gescheiterte Umsturzpläne der Reichsbürgerbewegung: Die Liste der jüngsten antidemokratischen Entwicklungen und Vorfälle in der Bundesrepublik ist lang – und lässt auch Schulen nicht außen vor. Im Frühjahr wurden beispielsweise rechtsextreme Fälle an einer Grund- und Oberschule in Brandenburg bekannt. Zwei Lehrkräfte berichteten in einem Brandbrief von demokratiefeindlichen Parolen und der Verbreitung rechtsextremer Symbole und Musik durch Schülerinnen und Schüler. Beide geben an, tagtäglich mit der Vermittlung demokratischer Grundwerte beschäftigt zu sein, haben aber letztlich ihre Versetzung beantragt.

„Demokratiebildung ist besonders aufgrund der vielfältigen Gefahren, die aktuell auf die Demokratie einwirken, noch stärker auf die bildungspolitische Agenda gerückt“, sagt Daniel Maus, Lehrbeauftragter am Forschungs- und Nachwuchskolleg der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, im Interview mit bildungsklickTV. Ihren Wert hat auch die Kultusministerkonferenz der Länder erfasst und in der Empfehlung „Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule“ verankert. Dort heißt es: „Die gelebte Demokratie muss ein grundlegendes Qualitätsmerkmal unserer Schulen sein.“

Ein steiniger Pfad: von der Theorie in die Praxis

Wie und in welchem Maß Demokratieverständnis vermittelt wird, unterscheidet sich in Bildungseinrichtungen mitunter stark, Expert:innen sind sich aber einig: Insbesondere die politische Bildung an Schulen muss einen höheren Stellenwert bekommen. Dabei geht es sowohl um den Unterricht und das Fach Politik, als auch um die Strukturen an Schulen.

Ein Best Practice-Beispiel ist die Schiller-Schule in Bochum. Für sein umfassendes Demokratiekonzept wurde das Gymnasium mehrfach ausgezeichnet, etwa 2019 mit dem Deutschen Schulpreis. Hier gibt es einen monatlichen Klassenrat: Anliegen, die dort besprochen werden und die ganze Schule betreffen, werden per Antrag an das Schülerparlament gestellt und einmal im Quartal diskutiert. Mehrheitlich verabschiedete Anträge werden dann der Schulleitung und der Schulkonferenz zur Umsetzung vorgelegt. Neben diesen demokratischen Grundstrukturen gibt es zusätzlich Aktionen wie Umfragen, Wahlsimulationen oder Podiumsdiskussionen mit Politikvertretern vor verschiedenen Wahlen. In puncto Lehrplan können Schülerinnen und Schüler über Medienauswahl, Lern- und Präsentationsmethoden oder die eigene Schwerpunktsetzung mitentscheiden.

Doch die Schiller-Schule ist nicht die Regel. Demokratie werde an vielen Schulen nicht gelebt, bilanziert Karim Fereidooni im didacta-Bildungspodcast. Letztlich sei es die Lehrkraft vorne am Pult, die über alles entscheide, so der Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum. Das Ergebnis: „In einer eher undemokratischen Institution sollen die Schüler:innen demokratische Spielregeln lernen“.

Demokratiebildung als Feigenblatt?

Über diese Problematik hat der Bildungsforscher Klaus Zierer jüngst ein Buch geschrieben, gemeinsam mit dem Philosophen Julian Nida-Rümelin. Es heißt: „Demokratie in die Köpfe. Warum sich unsere Zukunft in den Schulen entscheidet“. In der Forschung gebe es eigentlich eine Vielzahl von Ansätzen, von denen man wisse, dass sie für die Vermittlung demokratischer Werte funktionieren, erklärte Zierer im Juli gegenüber dem WDR. „Leider müssen wir feststellen, dass in der Schulwirklichkeit häufig Demokratiebildung wie so ein Feigenblatt wirkt. Jeder sagt: Das ist wichtig. Aber letztendlich passiert nichts Systematisches.“

Als beispielhaft für Demokratiebildung nennt er vieles was die Schiller-Schule bereits eingeführt hat: ob Schülerparlamente, Klassenräte oder Projektunterricht, Epochenunterricht sowie Dilemmadiskussion. Doch im SWR-Interview stellt er einen Aspekt ganz besonders heraus: die Lehrpläne. „Die sind zum Teil veraltet, die gehören reformiert. Ich spreche gerne von einer Entrümpelung und einer Neugewichtung und ich glaube das sind wichtige Elemente um schnellstmöglich hier im Bildungssystem eine Veränderung herbeiführen zu können.“

Tatsächlich kommt eine Demokratiestudie der Hertie Stiftung zu einem ähnlichen Ergebnis. Eine Analyse der Lehrpläne in den einzelnen Bundesländern zeigt: Für komplexe Themenfelder im Kontext demokratischer Bildung steht eher wenig Zeit zur Verfügung. Politikunterricht werde zudem in unterschiedlichem Umfang angeboten. Am stärksten sei er an Gymnasien vertreten, am schwächsten an Berufs- und Berufsfachschulen. Nicht zuletzt hat auch die Corona-Pandemie die Demokratieförderung an Schulen verlangsamt, weil sich demokratisch gewählte schulische Gremien nicht treffen konnten und ihre Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt waren. Eine Befragung von Schulleitungen im Rahmen der Demokratiestudie legt zudem „die Vermutung nahe, dass es mehr Raum für die Schulleitungen gäbe, sich der Demokratiebildung zu widmen, wenn die Rahmenbedingungen in den anderen Bereichen, die aktuell als vorrangig wahrgenommen werden (Personalausstattung, Digitale Infrastruktur und Ausstattung, Schulbau), bereits vorhanden wären“.

Priorität Demokratiebildung!?

Die Aufgabe der Lehrkräfte ist dabei durchaus umfassend: Kinder und Jugendliche hätten teilweise gravierende Wissenslücken bei Themen wie dem Holocaust, betont Cahit Başar, Oberstudienrat am Kölner Georg-Büchner-Gymnasium, gegenüber BildungsklickTV. „Obwohl wir das tatsächlich immer wieder aufarbeiten, […] kämpfen wir hier nicht nur einerseits mit Wissenslücken und mit historischem Desinteresse, sondern auch mit Fake News.“ Unterstützung bietet Lehrkräften beispielsweise die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Auf deren Website finden sich unter anderem multimediale Beiträge über Bildung und Demokratie und frei verfügbare Materialien zum Lehren und Lernen. So werden beispielsweise begleitende Materialien für den Einsatz des „Wahl-O-Mats“ im Unterricht bereitgestellt. Mit einem downloadbaren Workshop-Konzept lernen Schülerinnen und Schüler in einfacher Sprache verschiedene Möglichkeiten kennen, wie sie im Alltag und bei politischen Themen bis hin zu Wahlen mitbestimmen können. Die App „HanisauLand“ wiederum soll Kindern zwischen 8 und 14 Jahren vermitteln, wie ein demokratisches Zusammenleben trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe aussehen kann. Spielerisch verpackt ist das Ganze in eine Comic-Welt mit Hasen, Nilpferden und Schweinen.

Allerdings: Obwohl im Koalitionsvertrag steht „Politische Bildung und Demokratieförderung sind mehr gefordert denn je, […]“, plant Bundesfinanzminister
Christian Lindner, die Mittel der bpb zu kürzen. CDU-Politiker Norbert Röttgen schrieb dazu auf „X“, ehemals Twitter, der Schritt käme zur „völligen Unzeit“.  

Vom 20. bis 24. Februar 2024 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. Diesmal findet die didacta unter dem Leitthema „Bildung mit Zukunft – Jetzt gestalten!“ statt.


Quelle: Pressemitteilung der didacta vom 16.11.2023