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Das Ganze muss zusammen kommen

Dr. Jos Schnurer

24.04.2013

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Der Mensch denkt – und Gott lenkt? In diesem Sprichwort drückt sich das Dilemma aus, das wir in unserem alltäglichen, anstrengenden, tiefschürfenden wie oberflächlichen Denken erahnen: Es ist die Fähigkeit des Denkens, das den Menschen über alle anderen Lebewesen stellt, weil er Verstand hat und (scheinbar) den Willen besitzt, ein gutes Leben zu führen – und zwar nicht nur als Individuum und zum Eigennutz, sondern als vernunftbegabtes, auf Gemeinschaft mit den Mitmenschen und seiner Mitwelt angewiesenes Lebewesen; und gleichzeitig das Problem, dass Denken immer auch Einflüssen unterliegt. Die Vordenker, die sich in unserem historischen, kulturellen, sozialen Dasein bemerkbar machen, bilden gewissermaßen das Gerüst unseres Denkens und lassen Selbstverständlichkeiten, Dogmen, Weltanschauungen, Selbst- und Weltbilder entstehen, in denen wir uns wohl oder auch unwohl fühlen. Die Forderung, selbst zu denken und nicht denken zu lassen [1], basiert ja auf der aristotelischen Auffassung des noêsis noêseôs [2], dass es nämlich des Vor- und Nachdenkens über das Denken  bedarf; weil zum einen Denken stets durch das gedachte Objekt bestimmt wird und dadurch Objekt des Denkens ist, zum anderen hängt die Qualität des Denkens davon ab, was gedacht wird. Descartes und seine Adepten schließen Empfindungen, Fühlen und Wollen in das Denken ein; Kant sieht in der sinnlichen, vernunftbestimmten Anschauung die Grundlage des Denkens; Heidegger verbindet das Denken mit Metaphysik; und in der Neurophilosophie werden die Erkenntnis- und Kombinationsfähigkeit des Menschen hirnphysiologisch gedeutet. Die Frage „Was tun wir, wenn wir denken?“ beschäftigt die Menschheit philosophisch und alltäglich seit Jahrtausenden. Es ist so selbstverständlich „wie Gehen und Reden, Kauen und Appetithaben“ [3], und so komplex, kompliziert und stellt sich als kontrovers dar, wenn über das Denken nachgedacht wird. Sprichwörter und Aphorismen zeigen auf, wie der Diskurs über das Denken verläuft. „Denken heißt Überschreiten“, so formuliert es Ernst Bloch im „Prinzip Hoffnung“; René Descartes sieht im „Denken, also bin ich“ die existentielle und anthropologische Grundposition menschlichen Seins; Hermann Hesse bringt mit der Aussage „Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert“ zusammen, was zueinander gehört; Bettina von Arnim formuliert ihre Lebensweisheit „Selbstdenken ist der höchste Muth. [...] Wer wagt selbst zu denken, der wird auch selbst handlen [4]“; der Skeptiker Ludwig Feuerbach stellt fest: „Das Dogma ist nicht anderes als ein ausdrückliches Verbot, zu denken“, und mit Sarkasmus stellt Johann Gottfried Seume fest: „Ein Glück für die Despoten, dass die eine Hälfte der Menschen nicht denkt und die andere nicht fühlt“. Denken lernen heißt also die Herausforderung, wie sie sich zu allen Zeiten und immer wieder stellt, anzunehmen und sich durch Denken auf die schwierige Suche nach der Wahrheit zu machen. Da ist zum einen die anthropische, vom Menschen als dem Gottähnlichen ausgehende, aristotelische Sichtweise zu diskutieren, denn:: „Zu sagen ..., das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr“ [5], und zum anderen das mundane, diesseitsorientierte Weltbild einzubeziehen; was bedeutet, sich bewusst zu machen, Geist hat sich evolutionär entwickelt kann nicht als das Alleinstellungsmerkmal des Humanum angesehen werden. Dieser revolutionäre Perspektivenwechsel im philosophischen Denken hat Konsequenzen – etwa die, dass es zu hinterfragen gilt, ob es wirklich stimmt, dass menschliches Denken und Tun auf „einer grundsätzlichen Andersheit der menschlichen Seinsweise gegenüber allem Weltlichen“ beruht, Menschen also alles nur nach menschlichem Maß erfahren, erkennen und bestimmen können. Bei der Kritik am „anthropischen Denken“ sind wir darauf angewiesen, die menschliche Existenz im Diesseits einzumessen und zu begreifen: „Wir sind von dieser Welt“, und: Der Mensch „ist grundlegend nicht ein weltfremdes, sondern ein welthaftes Wesen“ [6]. Wer mit sich und der Welt nicht zufrieden ist, muss philosophieren; wer mit ihr im Einen ist, erst recht. Wir sind bei der Frage angelangt, wie es gelingen kann, zum richtigen Denken zu kommen und den Unterschied zwischen nach denken und Nachdenken zu erkennen [7]. Mit dem Imperativ  „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst“ , verweist der österreichisch-US-amerikanische Physiker und Philosoph Heinz von Foerster (1911 – 2002) auf ein fundamentales Prinzip kybernetischen Denkens: Zirkularität und nicht Gleichklang oder gar konformes, auferlegtes Denken [8], und die Frage, wie Wirklichkeit im menschlichen Denken und Handeln entsteht und wirkt, als gedachte, gewünschte, manipulierte, scheinbare und tatsächliche Realität, ist eine philosophische und existentielle [9]. Dabei gibt es einen Merkpunkt, der gewissermaßen als Anker des (angeblich) Wirklichen dienen kann: Es sind die Veränderungsprozesse, die (menschliches) Leben bestimmen [10]. Denken, Wahrheitssuche und sich der Humanität bewusst zu werden – das ist  eine Form des risikoreichen Lebens, wie dies in der Kulturzeitschrift MERKUR, Heft 9/10/2011, zum Ausdruck kommt [11]. Der französische Philosoph und bekennender Atheist Edgar Morin greift in diesen kontroversen Diskurs ein, indem er für ein komplexes Denken plädiert, das auf den Prinzipien des Dialogischen, des Organisatorischen und des Hologrammatischen beruht. Komplexes Denken ist „keineswegs ein Denken, das Gewissheit durch Ungewissheit ( ) , Trennung durch Untrennbarkeit und Logik durch alle spezifischen Ausnahmen (ersetzt)“; vielmehr bestehe es aus einem fortwährenden Hin und Her zwischen Gewissheit und Ungewissheit, zwischen dem Elementaren und dem Globalen, zwischen dem Trennbaren und Untrennbaren: „Es verbindet das Konkrete der Teile mit der Gesamtheit“ [12]. Diese Formen des ganzheitlichen Denkens hat in den westlichen, wie in den östlichen Philosophien ihren Ursprung; etwa wenn der griechische Philosoph Heraklit (535 – 480 v. Chr.) erkennt: „Annäherung und Unterschied, Übereinstimmung und Uneinigkeit; aus allem wird Eins und aus Einem alles“; oder wenn in der ältesten überlieferten chinesischen Spruchsammlung „I Ging / Yì Jīng“ (12. / 11. Jh. v. Chr.) Gegensätze als einzige Realität und fundamentale Dualität dargestellt werden, die sich im späteren philosophischen Denken als Yin und Yang  ausdrücken: „Yang ist das Prinzip, das den Dingen ihren Anfang gibt, während Yin das ist, welches sie vollendet“ [13].

Vertrauen ist eine notwendige, aber gleichzeitig schwierige Vorleistung

Es bleibt die Frage, wie sich humanes Denken und Handeln einstellen kann in der sich immer interdependenter, entgrenzender und scheinbar auch sozial ungerechter entwickelnden (Einen?) Welt? „Wenn Gespräche, Situationen und Verhaltensweisen aus dem Ruder zu laufen drohen, wenn Konflikte Kommunikationen erschweren oder gar unmöglich machen? „Vertrauen haben“, als ethische und moralische Charaktereigenschaft hat deshalb im philosophischen, gesellschaftlichen und individuell-alltäglichen Denken und Handeln einen hohen Stellenwert. Der Mensch, so eine biologische Interpretation, entwickelt von sich aus ein Grundvertrauen, insbesondere wenn es um Beziehungen zu anderen Menschen, um Kontakte und Kommunikation geht. Damit Vertrauen aber mehr sein kann als die Abwesenheit von Misstrauen, bedarf es eines Sozialverhaltens, das auf den Grundlagen des Logos wie des Pathos (Aristoteles) beruht. Niklas Luhmann etwa geht davon aus, dass Vertrauen ein elementarer Tatbestand des sozialen Lebens ist. In Sprichwörtern wird die Bedeutsamkeit, Vertrauen zu entwickeln, in vielfältigen Ausdrücken deutlich: „Vertrauen ist das Gefühl, einem Menschen sogar dann glauben zu können, wenn man weiß, dass man an seiner Stelle lügen würde" (Henry Louis Mencken), "Vertrauen ist Mut, und Treue ist Kraft" (Marie von Ebner-Eschenbach), bis hin zur einschränkenden Habacht: "Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser", das sogar gesellschaftliche und politische Denk- und Handlungssysteme revolutioniert hat. Bereits damit wird deutlich, dass Vertrauen nicht nur des eigenen Willens und der Fähigkeit bedarf, human zu leben, sondern vor allem auch bedingt ist durch die Bereitschaft des Gegenübers, Vertrauen entgegen zu nehmen und zu geben. Demnach ist die Frage danach, was Vertrauen ist und sich auswirkt, nicht einfach damit zu beantworten, dass Vertrauensfähigkeit eine „weiche“ Einstellung und Verhaltensweise ist; vielmehr, das zeigen die vielfältigen Formen und Erfahrungen des Alltagslebens, dass Vertrauen und Vertrauensverlust eng zusammenhängen mit den gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen, wie mit den Werten, Normen, kulturellen und interkulturellen Identitäten des menschlichen Daseins [14]. Hier setzt die Vertrauensforschung an [15]. In den Sozialwissenschaften, insbesondere der Psychologie, Philosophie, Soziologie, Anthropologie und Politikwissenschaft, werden jeweils spezifische Betrachtungsweisen zur Einstellungs- und Verhaltensform des Vertrauens benutzt, um das Phänomen verstehen zu können, das weder in die Gene gelegt ist, noch Bestandteil der biologischen und intellektuellen Ausstattung des Menschen ist, sondern erworben und erlebt werden muss. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, sondern es ist notwendig, einen lokalen und globalen Perspektivenwechsel vorzunehmen, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 eindrucksvoll formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung, umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ [16]. Autor
Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Fussnoten

[1] Karl Heinz Bohrer: Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken. Hanser Verlag, München 2011, 221 S., in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245.

[2] M. Bordt, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 374ff

[3] Carl Friedrich Graumann, Hrsg., Denken, Köln 1969, S. 16

[4] Herward Sieberg, Elisabeth von Heyking. Ein romanhaftes Leben, Olms Verlag, Hildesheim 2012,  628 S., in: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245

[5] A. F. Koch, alêtheia / Wahrheit, in: Ofried Höffe, a.a.o., S. 25

[6] Wolfgang Welsch, Homo mundanus. Jenseits der anthropischen Denkform der Moderne. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2012, 1004 S., socialnet Rezensionen

[7] Herbert Schnädelbach, Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann, 2012, socialnet Rezensionen

[8] Heinz von Foerster / Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, Carl-Auer-Systeme Verlag, neunte Auflage 2011, 167 S., socialnet Rezensionen

[9] Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, socialnet Rezensionen

[10] Daniel N. Stern / Nadia Bruschweiler-Stern / Karlen Lyons-Ruth u.a.: Veränderungsprozesse, Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt/M., 2012, 277 S., socialnet Rezensionen

[11] Peter Brüger / Jörg Lau, Hrsg.,  Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, 2011, socialnet Rezensionen

[12] Edgar Morin, Introduction à la pensé complexe, Paris 1990; Edgar Morin, Denken in neuen Dimensionen, in: UNESCO-Kurier 2/1996, S. 9-13

[13] Yi-zhuang Chen, Von östlicher und von westlicher Abstammung; in: UNESCO-Kurier, a.a.o., S. 14 - 18

[14] Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, 2011, socialnet Rezensionen

[15] Markus Weingardt, Hrsg., Vertrauen in der Krise. Zugänge verschiedener Wissenschaften,  Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2011, 275 S., socialnet Rezensionen

[16] Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt. Bericht der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (Kurzfassung), 2. erweit. Auflage, Bonn 1997, S. 18

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