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Horst Helle mit seinen 3 Töchtern

China-Tagebuch Teil 7 - Erlebnisse als Gastprofessor am Sanya College auf der Insel Hainan

Prof. Dr. Horst Helle

13.12.2010 | Soziale Arbeit | Schwerpunkte Kommentare (1)

Mittlerweile befindet sich der Soziologe Prof. Dr. Horst Helle seit über 14 Wochen in China. Er berichtet an dieser Stelle exklusiv für Sozial.de von seinen Erfahrungen in der Lehre, aber auch aus seinem Alltag.

Hintergrund

Der Soziologe Horst Jürgen Helle wurde von der Stiftungsinitive Johann Gottfried Herder im Deutschen Akademischen Austauschdienst aus dem Ruhestand zurückgeholt und als Gastprofessor an das südlichste Kollege der Volksrepublik China nach Sanya auf der Insel Hainan vermittelt. Er ist seit 2002 mit einer Deutschen chinesischer Abstammung verheiratet, so dass er immer einer Übersetzerin bei sich hat. Helle und seine Frau Lilly haben drei Töchter: Lisa (7), Rita (5) und Emmy (2).

Woche 13: Sonntag, 14. November – Samstag, 29. November

Sonntag, 14. November 2010 Eine weitere sonntägliche Konsumententour soll Lilly und mich in die Innenstadt führen. Weil wir uns das studentische Gedränge im Bus ersparen wollen, beschließen wir eine Taxe zu nehmen, doch auch Taxen sind gerade rar. Als endlich eine eintrifft, ist ein junges Paar schneller, aber nur um den Bruchteil einer Sekunde vor Lilly. Es kommt zu Verhandlungen: Zuerst redet Lilly mit dem Pärchen, um deren Zustimmung dazu einzuholen, dass wir die Taxe gemeinsam nutzen. Das braucht wenig Zeit. Dann will ich gerade mit dem Einsteigen auf dem Beifahrersitz beginnen, als ich einsehen muss, dass sich nun eine zweite Verhandlungsrunde anschließt. Partei sind diesmal die Taxifahrerin – ausnahmsweise nicht ein Mann am Steuer – und die beiden Fahrgastpaare. Die Chauffeuse verlangt einen Zuschlag, will also nicht einfach den auf dem Taxameter zu erwartenden Fahrpreis, sondern einen frei ausgehandelten Betrag, der unter dem liegt, was jedes Paar zahlen würde, falls es ein Taxi für sich allein hätte, aber eben über dem, was die Frau am Steuer normalerweise nur kassieren könnte. Das ist ein chinesischer Vorgang, dem ich nicht nur aus sprachlichen Gründen kaum folgen kann, doch es kommt zu einer Einigung, mit der alle zufrieden sind, und dann fahren wir los. Wir essen wieder bei der China-Version von McDonald und haben Spass daran, wie sich der ins Chinesische übersetzte „Sprit of MacDonald“ bildlich darstellt. Montag, 15. November 2010 Die Vorlesung für die 140 am Montag um 8 Uhr ist und bleibt ein Problem. Nicht nur wegen der menschenverachtenden Uhrzeit nach dem Wochenende, sondern auch wegen des gigantischen Kompetenzunterschieds im Umgang mit dem Englischen in der Studentenschaft. Es bildet sich immer mehr eine Zweiklassengesellschaft der Hörer heraus: Diejenigen, die etwas können und noch mehr lernen wollen sitzen vorn in den ersten Reihen, und hinten drängen sich diejenigen, die die 90 Minuten nutzen wollen, um zu plaudern oder andere wichtige Dinge zu erledigen, die mit Soziologie nichts zu tun haben. Einige von den Hinterbänklern schlafen auch echt ein und sind dann geschockt und genervt, wenn ich mit dem Handmikrophon im Hörsaal herumspaziere und unerwartet an ihrer Seite auftauche. Dienstag, 16. November 2010 Am späten Vormittag in dem Kurs Economic Sociology bespreche ich das lange Zitat von Benjamin Franklin, das Max Weber in seine Protestantische Ethik einbaut. Weber betont, das im Binnenbereich des rational kapitalistischen Orientierungssystems nichts enthalten ist, das man religiös nennen könnte, dass jedoch dann gleichsam als Überraschung die Generalformulierung nachgeschoben wird, man täte das alles, weil Gott es so von einem erwartet. Ich trage vor, mit diesem Trick könne man die unterschiedlichsten Vorgehensweisen rechtfertigen. Ein Gast, der noch nie da war, und vielleicht mal nachschauen wollte, was wir in dem Kurs so machen, bleibt am Ende gedankenvoll sitzen, so als müsse er noch mal in Ruhe darüber nachdenken. Ich frage ihn, ob er auch hier unterrichte, doch er winkt ab, will wohl keinen Dialog, also gehe ich. Am Nachmittag in der Zwei-Klassen-Vorlesung der 140 behandele ich Shibutani und zeige ein nettes Farbfoto von ihm über den Power-Point-Beamer. Hier taucht nun zum ersten Mal ein asiatisches Gesicht als wichtiger Soziologe auf, und die Erinnerung an den Angriff auf Pearl Harbor und die anschließende unfassbare Menschenrechtsverletzung der Amerikaner gegenüber japanisch aussehenden Mitbürgern, deren Opfer auch Shibutani wurde, erregt bei den Studenten ein überdurchschnittliches Niveau der Aufmerksamkeit. Mittwoch, 17. November 2010 In das Simmel-Seminar am Abend kommt nicht nur Lucy wieder als Übersetzerin, sondern sie bringt auch ihren Chef, Dr. Wang, mit. Er ist Philosoph und Buddhist und ist fasziniert davon, dass Simmel den Buddhismus nicht für eine Religion hält. Ich weiß, dass Wang ein Parteimann ist. In anderem Zusammenhang hörte ich in einer Aussprache in Xiamen, wie Wert darauf gelegt wurde, dass der Konfuzianismus keine Religion sei. Vielleicht gibt es einen Trend, nach dem die alten Orientierungen Chinas gut geheißen werden, unter der Voraussetzung, dass sich dabei nicht um Religionen handelt? Religionen sind dann nur dass, was die Juden, Christen und Muslime glauben. Donnerstag, 18. November 2010 Ab 15 Uhr tagt wieder die English Corner, zu der ich von dem Ex-Japankritiker entführt worden war. Jeremy, Monty, Frau Dr. Tang, viele alte Bekannt sind dort fröhlich versammelt, und – vor allem – man spricht dort Englisch. Ich lerne dort eine junge Englischlehrerin kennen, die sich – weil es eben Westlern immer schwer fällt, sich chinesische Namen zu merken – Daisy nennt (analog zu Lucy, die ja auch nicht wirklich so heißt). Da kommt ganz schüchtern die Sängerin herein, die ja bekanntlich kein English kann, und will sich nur nach der Lage eines Büros erkundigen. Es folgt ein kurzer netter Dialog zwischen ihr und Daisy, dem ich nicht folgen kann, weil er auf Chinesisch geführt wird, doch an dessen Ende muss ich dann eingestehen, dass ich nicht Klavier geübt habe. Freitag, 19. November 2010 Heute beginnt an diesem College eine internationale Tagung der Alexander-von-Humboldt Stiftung. Mehrere deutsche Wissenschaftler und eine große Zahl von Chinesen, die an verschiedenen Hochschulen diese Riesenlandes arbeiten, versammeln sich hier, um ihre Forschungsergebnisse zum Thema Migration und Globalisierung auszutauschen. Mir kommt ganz überraschend eine Vermittlerrolle zu, weil ich die deutschen Kollegen als jemand, der hier länger arbeitet, wie ein Einheimischer willkommen heißen und ein wenig herumführen kann. Samstag, 20. November 2010 Die Tagung geht weiter und füllt heute den ganzen Tag aus. Im Laufe der Debatten über Wanderungsbewegungen und Kulturwandel kommt dann ganz offiziell der Vorfall zur Sprache, von dem wir gerüchteweise schon gehört hatten: Eingeborene dieser Insel haben eine Gruppen von Studenten überfallen und ausgeraubt. Manchmal sind also Gerüchte ganz zuverlässig.

Woche 14: Sonntag, 21. November – Samstag, 29. November

Sonntag, 21. November 2010 Letzter Tag der internationalen Tagung, Am Vormittag finden Gruppenveranstaltungen statt, und danach werden die Gäste verabschiedet. Die drei Tage muss man als sehr erfolgreiche Public Relations Maßnahme zu  Gunsten des Ansehens von Deutschland in China werten. Montag, 22. November 2010 In dem „Arts Building“, in dem die Plenarveranstaltungen der internationalen Tagung am vergangenen Wochenende stattfanden, wird eine Ausstellung von beachtlichen Architekturleistungen aus der ganzen Welt - mit einem Schwerpunt auf China – gezeigt. Mir fallen Architekturbüros aus Frankreich auf, die große Projekte in China ausgeführt haben. Abends gehen Lilly und ich zu zweit ins Café Waiting, um mal in Ruhe über manches zu reden und (besonders was mich betrifft) Freude an der Klaviermusik von Chopin zu haben, die immer sofort erklingt, wenn ich das Café betrete. Dienstag, 23. November 2010 Am Nachmittag beende ich in der Einführung den Abschnitt über Shibutani und beginne mit Goffman. Ich versuche die offenkundigen Parallelen zwischen Simmel und Goffman zu zeigen, habe aber Zweifel, ob mir das gelingt. Abends kommen die beiden Damen Dr. Tang und Daisy Zhang zu einem kurzen Besuch in unsere Wohnung. Mittwoch, 24. November 2010 Der „Winter“ zeigt sich auf dieser Tropeninsel darin, dass es nun angenehm wird, im Freien ein Hemd mit langen Ärmeln zu tragen. Doch im Sonnenschein der Mittagszeit, muss man die dann aufkrempeln, weil es eben doch wieder zu heiß wird. Jeremy gibt mir ein Manuskript, an dem er zur Zeit arbeitet. Obschon ich betone, dass von schöngeistiger Literatur nichts verstehen und mich wohl kaum als Literaturkritiker eigne, meint er, ich solle das mal lesen und ihm dann meine Eindrücke mitteilen. Donnerstag, 25. November 2010 Der Soziologe Meng, der an der Peking University über Jürgen Habermas promovieren möchte, bittet mich, den Entwurf seiner Dissertation zu lesen. Wir verabreden per e-mail, dass er versuchen wird, einen Peking-Besuch für mich zu arrangieren, damit wir dann über seine Doktorarbeit reden können. Ich lese das Manuskript von Jeremy zu Ende. Um 15 Uhr findet wieder das wöchentliche English Corner Treffen statt mit Dr. Tang, Monty, Jeremy und Daisy. Anschließend gehen Daisy und ich ins Café Waiting zusammen Freitag, 26. November 2010 Die Verwaltungs-Chefin der Abteilung für Social Development übergibt Lilly Tonbandaufnahmen von den Verhandlungen in den Diskussionsgruppen der internationalen Tagung vom 19. Bis 21. November, weil einige in deutscher Sprache vorgetragene Beiträge von niemandem verstanden werden können. Wir arbeiten zusammen daran und erstellen eine Zusammenfassung auf Chinesisch. Samstag, 27. November 2010 In einer e-mail an Armin Nassehi, München, erkundige ich mich für Meng, Peking, nach dem Gesundheitszustand von Habermas und danach, ob eine Chance besteht, einen Kontakt herzustellen. Im Verlauf der sich daraus ergebenden Korrespondenz zwischen Nassehi, Meng und mir stellt sich heraus, dass Habermas völlig einsatzfähig ist und einen Besuch in China plant. Die Englischlektorin Sylvia Zhang, die ich durch die Vermittlung von Lucy kennengelernt habe, lädt mich ein, am Sonntag mit ihr eine christliche Hauskirche zu gehen und dort am Gottesdienst teilzunehmen. Wir verabreden das für morgen früh, den 1. Advent. Bei dieser Gelegenheit fragt sie, ob ich auch Christ sei. Ich erwähne meine Katholische Konfession, da meint Sylvia, ob jemand Katholik oder Christ sei, mache wohl keinen großen Unterschied. Ich gebe mir Mühe, zu erklären, das Katholiken auch Christen sind. Dann erinner sie sich: Ach ja, das sind diejenigen, die soviel Böses getan haben. Ich frage wieso denn: Ja, die wollen doch die Welt beherrschen. Nun bin ich gespannt auf die Christen, denen ich morgen begegnen werde.

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Kommentare (1)

  • Lukas Rosslinger:
    13.08.2018 um 13:29 Uhr

    Guten Tag, Horst!

    Ich bin durchaus erfreut, die Geschichten aus Ihrem täglichen Leben miterleben zu dürfen. Ich hoffe, mehr von Ihren interessanten Erlebnissen hören zu dürfen.

    LG, Lukas

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